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Ratgeberforum "Prävention, Diagnose und Therapie"

Bild: Ratgeberforum "Prävention, Diagnose und Therapie" Die Diagnose Demenz wirft viele Fragen auf. Hätte die Erkrankung verhindert werden können? Ist sie therapierbar? Und worauf sollte man bei der Behandlung achten? Im Ratgeberforum „Prävention, Diagnose und Therapie“ geben zwei Experten Antworten: Dr. Marc Lässer, Neuropsychologe und assoziierter wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Sektion Gerontopsychiatrie der psychiatrischen Universitätsklinik Heidelberg, moderiert das Forum zusammen mit Dr. Elmar Kaiser. Als Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie leitete er bis Anfang 2012 die Gedächtnisambulanz der Psychiatrischen Universitätsklinik Heidelberg.

Autor Fröhlichkeit durch Demenz
08.06.2019 | 23:15
Sebastian.gnz

Bei meiner Mutter wurde vor etwas 3 Jahre im Alter von 59 Alzheimer diagnostiziert. Es hat alles damit angefangen, dass sie immer mehr Gedächtnis Problem bekam vor allem was das kurzzeitig Gedächtnis angeht und sie hatte auch Orientierungsstörungen. Allerdings ich mir ausgefallen das meine Mutter vor der Diagnose immer Fröhlicher wurde sie war vorher sehr streng und ist schnell wütend geworden allerdings wurde sie mit der Zeit immer netter und hat auch oft gelacht manchmal wurde sie dann auch plötzlich emotional und hat Wutanfälle und emotionale ausbrauchte gehabt. Einmal ist sie von zuhause weggelaufen als wir sie wiederholten hat sie angefangen zu schreien und zu weinen und hat sich an den Haaren gezogen. Sind diese Stimmungsschwankungen normal? Ich habe eigentlich gedacht das man bei einer Demenz zunehmend aggressiver wird.

09.06.2019 | 10:29
Wissenssucherin

Hallo Sebastian,

deine Geschichte zeigt große Parallelen zu unserer. Auch bei meiner Schwiegermutter wurde mit 60 die Diagnose Alzheimer gestellt, auch bei ihr ging es mit "Kleinigkeiten" wie Orientierungs- und Erinnerungshoppalas los. Und ja, bis zu einem gewissen Grad erkenne ich auch das Thema "Fröhlichkeit" im weiteren Sinne wieder.

Wann genau sich das Alzheimer tatsächlich eingeschlichen hat, wissen wir nicht, viele Sachen bestanden schon Jahre vorher und wurden einfach als Teil ihrer Persönlichkeit gedeutet - aber meine Schwiegermutter lachte auch immer Fragen oder Unangenehmes quasi "weg".
Fragte man sie, wie lange ihr Mann tot sei, lachte sie. Erklärte vielleicht, das wisse sie nicht mehr, wenn überhaupt. Aber sie lachte, war fröhlich und lenkte irgendwie damit ab. Fragte man sie, wieviele Enkelkinder sie hat, lachte sie, pfuh, da müsse sie nachdenken. Und damit war abgelenkt. Fragte man sie, was es zum Mittagessen gegeben hatte, lachte sie. Und so nach dem Muster ging es dauernd. Schon Jahre, bevor die Diagnose gestellt wurde.

Im Umkreis wurde das nicht gedeutet, das wäre "halt sie", wurde immer gesagt. Aber mir fiel auf, dass sie dadurch von allem, über das sie nicht reden wollte oder konnte, bzw. mit deutlicher hervortretender Krankheit kognitiv nicht mehr in der Lage dazu war, ablenkte. Denn auch wenn der Fragende in der Runde bei Tisch eigentlich keine Antwort auf seine Frage bekam, sie saß da, lachte, strahlte auf eine eigene Art und Weise "Fröhlichkeit" aus - und die gute Laune wollte irgendwie niemand durch Nachbohren, weil sie ja eigentlich keine brauchbare Antwort gegeben hatte, zerstören. Und so wurde das Lachen zu ihrer Copingstrategie Nummer 1, je weiter die Krankheit fortschritt. Was auch immer es früher war, ob es das Alzheimer war oder tatsächlich ihre Persönlichkeit, jetzt ist es definitv ein allgegenwärtiges Ablenkmanöver. Alle Unsicherheiten durch Lachen und Lächeln übertünchen - eine vermeintlich "gute Laune" vortäuschen, die keiner durch lästiges Nachfragen zerstören wollte.

Das mit dem "An den Haaren ziehen" kenne ich zwar nicht - aber es stellte sich bei einer Magenspiegelung aufgrund einer Gastritis heraus, dass sie einige riesige Bezoare hat - sie dürfte sich wohl in der Nacht die Haare abkauen. Und in den ersten Jahren ihrer Krankheit hatte sie auch diverse emotionale Ausbrüche, massive Stimmungsschwankungen. Die sind mittlerweile aber so gut wie verschwunden. Ich denke, dass das am Fortschreiten ihrer Demenz liegt und sie sich ihrer Krankheit absolut nicht bewusst ist. Ich habe diese Ausbrüche damals immer als Verzweiflung gedeutet, weil sie doch Momente der Krankheitseinsicht hatte, das Gefühl, dass etwas nicht stimmt, Angst - total verständlich, denke ich. Mittlerweile lebt sie in ihrer eigenen kleinen Welt, ist fröhich und zufrieden - weil sie gar nicht mehr bemerkt, dass etwas nicht stimmt. Meistens zumindest. Ich bin kein Arzt, denke aber, sie ist kognitiv nicht mehr in der Lage im gleichen Maße, wie noch vor ein paar Jahren, über ihre Krankheit und über sich selbst zu reflektieren.

Auch was die vermeintliche Aggressivität von Demenzerkrankten angeht, kann ich berichten, dass ich diese auch jetzt, 4 Jahre nach der Diagnose, Gott sei Dank nicht erlebe. Die stärksten Trigger meiner Schwiegermutter sind zwar Emotionen, besonders Dinge, über die sie sich (warum auch immer) ärgert und ihr Unmut äußert sich auch - aber eben in ihrer Laune, in ihren Selbstgesprächen, in der Art wie sie sich "beschäftigt"; sie ist nicht aggressiv gegen mich und meine Familie, weder verbal noch körperlich. Ich bin sehr dankbar dafür und hoffe, dass es so bleibt. Und ich wünsche dir, dass deine Mutter vielleicht auch so ein Fall ist, der euch das erspart. :)

Viel Kraft wünsch ich euch!

[Dieser Beitrag wurde 4mal bearbeitet, zuletzt am 09.06.2019 um 10:42.]

10.06.2019 | 11:38
marclaesser

Sehr geehrter Sebastian,

Wissenssucherin hat es eigentlich sehr gut beschrieben. Dass Patienten mit einer Demenz im Verlauf immer aggressiver werden, stimmt so nicht. Zufriedenheit und Unzufriedenheit sind bei dementen Patienten grundsätzlich von denselben Faktoren abhängig wie bei uns Gesunden. Durch jedoch krankheitsbedingt zunehmend abnehmende Verhaltenskompetenzen und auch konkreten Veränderungen in der Emotionsregulation wird die Wirksamkeit dieser Faktoren jedoch immer flüchtiger und die emotionalen Reaktionen werde gerade in herausfordernden Situationen häufig auch unvorhersehbarer. Dadurch entstehen die von Ihnen beschriebenen Stimmungsschwankungen und können/müssen bei Hinweis auf eine individuelle Variabilität als "typisch" angesehen werden.

Vorerst alles Gute, für Folgefragen stehen wir gerne zur Verfügung,

Marc M. Lässer





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