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Ratgeberforum "Wohnen, Betreuung und Pflege"

Bild: Ratgeberforum "Wohnen, Betreuung und Pflege" Unter welchen Voraussetzungen können Demenzkranke in den eigenen vier Wänden leben? Wann ist ein Pflegeheim, eine Demenz-WG oder betreutes Wohnen angesagt? Zwei Experten auf diesem Gebiet moderieren das Internetforum "Wohnen, Betreuung und Pflege". Martin Hamborg engagiert sich seit 1998 im Vorstand der Deutschen Expertengruppe Dementenbetreuung und kennt sich mit Pflegeheimen und Einrichtungen des Betreuten Wohnens aus. Klaus-W. Pawletko, Geschäftsführer des Vereins "Freunde alter Menschen", ist auf Demenz-Wohngemeinschaften und die ambulante Versorgung Betroffener spezialisiert.

Autor Wie Betreuung aus der Ferne organisieren?
01.07.2019 | 05:48
Bartleby

Meine Mutter ist 75 und hat offensichtlich Demenz. Sie kann auch nur sehr schlecht laufen und ihre Kondition bzw Körperkraft ist extrem niedrig.

Sie ist oft sehr verwirrt, manchmal vergisst sie Sachen, die sie vor ein paar Minuten getan hat. Sie kann sich kaum was merken.

Sie wohnt alleine und fährt immer noch Einkaufen etc. Sie ist meist einsam. Ich wohne in Australien, meine Schwester wohnt in Schweden.

Meine Schwester ist nicht bereit, zu helfen.

Ich war jetzt mal drei Wochen bei meiner Mutter zu Besuch, mit dem Ziel, langfristig Hilfe und Betreuung zu organisieren. Dabei geholfen haben mir ihre Freundinnen im Dorf und ihre Mieterin. Alle verstehen was los ist und waren sehr hilfsbereit.

Also dachte ich, wir können das vielleicht gemeinsam stemmen. Ich hatte eine Beratung mit einem Sozialarbeiter der Stadt organisiert, gemeinsam bin ich mit meiner Mutter zum Arzt gegangen. Ich habe die tausende von Briefen und Unterlagen, die wild in ihrer Wohnung herumliegen in stundenlanger Arbeit sortiert, um zu verstehen, was überhaupt los ist. Meine Mutter versteht den Sinn ihrer Post glaub ich schon lange nicht mehr. Sie ist auch nicht motiviert, mich zu fragen oder sich um irgendetwas zu kümmern.

Der Arzt hat ihr drei Überweisungen gegeben. Eine für Gastro, weil meine Mutter fast jeden Tag gekotzt hat. Eine für ihre Hand, die sie kaum noch ballen kann und eine für den Neurologen. Die Freundinnen haben sich bereit erklärt, sie zum Arzt zu begleiten.

Also hab ich mir gedacht, naja, bis Weihnachten kommt sie wohl noch zurecht, dann komme ich wieder und eventuell organisiere ich dann erstmal ambulante Pflege damit sie solange es eben geht zu Hause wohnen kann. Bis dahin bezahlt meine Mutter eine der Frauen im Dorf, damit die bei ihr putzt und Wäsche wäscht. Sauberkeit und Hygiene sind auch so ein Problem.

Als ich dann weg war und der erste Arztbesuch anstand, hat sie sich aber geweigert, zu gehen. Mir wurde auch schnell klar, dass meine Mutter mir nichts erzählt, und mir keine Informationen weitergibt, so dass ich auch wenig tun kann. Das Gleiche macht sie mit ihren Freundinnen, so dass es auch nicht so viel hilft, dort anzurufen. Also es hilft weniger, als ich mir erhofft habe.

Jetzt bin ich zu der ernüchternden Erkenntnis gekommen, dass ich gar nichts tun kann, wenn meine Mutter sich verweigert. Ich könnte vielleicht amublante Pflege organisieren, aber meine Mutter würde die Pfleger nicht ins Haus lassen. Wenn ich ein Heim organisieren würde, weiss ich gar nicht, wie ich meine Mutter da rein kriegen soll.

Hier im Forum steht öfters, dass Gerichte oder Krankenhäuser entscheiden, dass Menschen im Heim leben müssen. Wie geht das vor sich? Wie kriegen diese Instanzen überhaupt mit, dass eine Person nicht mehr alleine leben kann?

Die Polizei hat manchmal Kontakt zu meiner Mutter weil sie Unfälle baut oder ihr Geld verliert. Sie musste letztes Jahr auch eine Farhrprüfung machen, die sie dummerweise sogar bestanden hat. Ich denk, wenn sie endlich ihren Führerschein abgeben müsste, würde sie gezwungen sein, ambulante Hilfe zu akzeptieren.

Ich habe darüber nachgedacht und bin zu dem Schluß gekommen, dass ich nicht Willens bin, mich so weit zu opfern, wieder in meine Heimatstadt zu ziehen und bei meiner Mutter zu wohnen. Ich denke, das wäre wohl das einzige was hilft. Der Sozialarbeiter hat zwar gesagt, dass ich auch aus der Ferne etwas bewegen kann, aber ich weiss nicht wie. Ich will ihm jetzt noch mal eine E mail schreiben, aber ich weiss nicht mit welcher konkreten Bitte. Meine Mutter kann einfach die Kooperation verweigern, dann kann eigentlich niemand was machen.

Was kann ich nur machen?

01.07.2019 | 07:58
martinhamborg

Hallo Bartleby, Sie haben alles so gut organisiert! Leider zu spät, da die Mischung aus der Demenz und dem Autonomiebestreben stärker sind.
Formal gilt das, was Sie schon oft in diesem Forum gelesen haben: Der freie Wille und die Selbstbestimmung sind ein sehr hohes Gut, nur wenn die Selbst- oder Fremdgefährdung extrem stark werden, können Zwangsmaßnahmen getroffen werden. Der Weg läuft über den sozialpsychiatrischen Dienst, Sozialarbeiter und ein/e Psychiater*in begutachten die Situation und die psychische Beeinträchtigung. Ein/e Richter*in verschafft sich ein eigenes Bild und entscheidet über die Bereiche, die durch einen oder eine Betreuer*in entschieden werden. Für Ihre Mutter muss vermutlich alles geregelt werden, auch die Aufenthaltsbestimmung und die Gesundheitssorge.

Vielleicht haben Sie schon weitreichende Vollmachten, aber Zwangsmaßnahmen können auch Angehörige aus guten Gründen nicht einfach entscheiden. Die Sozialarbeiterin wird Ihnen bestimmt sagen können, wie es vor Ort geregelt ist und wer ansprechbar ist.
Aber so wie Sie es schreiben, besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass Ihre Mutter bei Psychiater*innen und Richter*innen genauso überzeugend ist, wie in der Fahrprüfung.

Es ist ein langwieriges Verfahren, aber Sie können vieles auch per Telefon und Internet steuern, Sie haben ja die Kontakte vor Ort.

Viel einfacher ist es, wenn sich Ihre Mutter freiwillig entscheidet, in eine Klinik zu gehen. Dazu einige Gedanken:

Können Sie Ihre Mutter - trotz der Zeitverschiebung telefonisch zeitweise begleiten? Hört Ihre Mutter dann auf Sie? In diesem Fall könnte das Modell mit den Freundinnen vielleicht doch noch aufgehen. Können Sie mit Skype oder anderen Medien arbeiten?

Haben Sie den Kontakt zur Polizei? Die Bereitschaft Hilfe anzunehmen und in eine Klinik zu gehen ist manchmal größer, wenn sich krisenhafte Überforderung und Autorität begegnen. Wenn die Polizei weiß, dass eine Klinikeinweisung richtig ist, wird sie eher diesbezüglich handeln und ggf. von sich aus den sozialpsychiatrischen Dienst einschalten.

Je mehr Sie über Zwangsmaßnahmen nachdenken (müssen) um so wichtiger ist es, dass Sie weiterhin Vertrauen aufbauen und Kontakt halten. Auch wenn die Freundinnen ihren Auftrag nicht erfüllen können, Besuche ohne Diskussionen wären vielleicht noch möglich und in diesem Zusammenhang könnte auch ein Telefonat oder eine Information über Unterlagen usw. per Handybild erfolgen.
Sie wären besser informiert und können ggf. gezielter eingreifen.
Bestimmt gibt es noch viele weitere Ideen und Erfahrungen in diesem Forum, Ihr Martin Hamborg

08.07.2019 | 14:10
klauspawletko

Hallo Bartleby,
wichtig in Ihrem Falle ist, dass Sie - für den Fall der Einrichtung einer Betreuung - selbst Einfluss auf den oder die Betreuerin nehmen können. Eine vertrauensvolle Kommunikation und Kooperation ist essentiell für das Wohlbefinden Ihrer Mutter. Zu bevorzugen sind nach meiner Erfahrung Betreuer aus sog. Betreuungsvereinen . Es gibt aber durchaus auch engagierte Berufsbetreuer. Verweigern sollten Sie allerdings die Übernahme der Betreuung durch einen Anwalt. Die regeln nach meiner Erfahrung meist nur die finanziellen Angelegenheiten und pflegen häufig keinen persönlichen Kontakt zum Betreuten.
Wie Herr Hamborg schon sagte, ist der erste Ansprechpartner der sozialpsychiatrische Dienst am Wohnort der Mutter.
Viel Erfolg wünscht Ihnen

Klaus-W. Pawletko

10.07.2019 | 05:41
Bartleby

Vielen Dank für diese Antworten.

Ich werde mich wohl noch einmal mit diesem Sozialarbeiter in Verbindung setzen, allein um ihm die Veränderung der Situation mitzuteilen. Oder vielmehr die Veränderung meiner Einschätzung der Situation.

Als der Besuch des Sozialarbeiters kam, war ich noch in den ersten Tagen von den drei Wochen mit meiner Mutter. Mir ist dann noch mehr aufgefallen. Was mir allerdings erst nach Abflug klar wurde, ist, dass meine Mutter nicht kooperieren wird.
Vielleicht ist das so, weil ich mich einfach nicht von dem Gedanken lösen konnte, dass meine Mutter mich liebt und respektiert und deswegen meine gut gemeinten Ratschläge befolgen wird. Sehr naiv, ich weiß.

21.07.2019 | 20:22
AlteTochter

Lieber Bartleby,

im Grunde haben Sie ein tolles Netzwerk und von den Forumsbetreuern auch schon sehr gute Tipps erhalten.

Ich war in einer ähnlichen Situation, wenngleich ich "nur" in Schottland, und nicht gleich auf der anderen Seite der Welt lebte. Aber bei meiner Mutter war es ganz genau das gleiche Bild. Sie lebte zudem mit ihrer Gehbehinderung, diversen anderen Krankheiten und einer zunehmenden Demenz in einem Reihenhaus mit Treppen, Hang zum Messietum und diversen anderen Problemen. Da sie es sich mit allen Nachbarn vergrault hatte und keine Freundschaften oder Kontakte außerhalb der Familie gepflegt hatte und keine Hilfe von außen akzeptieren wollte, und mein Bruder, (der nur 3 km entfernt lebt!) einfach nicht wahrhaben wollte, dass sie nicht mehr alleine zurecht kommt, bin ich dann doch nach Deutschland zurück gezogen und habe mich um die Organisation gekümmert, das Haus entmüllt, teilsanieren lassen und wieder Regelmäßigkeit und eine vernünftige Versorgung sicher gestellt. Natürlich hat das meine eigenen Beziehungen und berufliche Laufban völlig zum Erliegen gebracht und finanziell und nervlich einiges gekostet...Ich habe mich zu diesem Schritt entschlossen, weil ich noch eine Schwester mit Down-Syndrom habe, für die ich rechtliche Betreuerin bin. Für beide aus der Ferne zu sorgen, wäre unmöglich gewesen. Wie sich herausstellte, war die Rückkehr richtig, denn meine Schwester entwickelte plötzlich auch eine schnell foranschreitende Alzheimerdemenz und braucht sehr viel betreuerische Unterstützung (sie lebt in einer Einrichtung, aber dort hat man mit Demenz und Altenpflege kaum Erfahrung und hadert noch mit dem Verfall). Ich muss ständig eingreifen. Jetzt ,nach drei Jahren, ist meine Mutter in ein mit viel Bedacht ausgesuchtes Heim gezogen und fühlt sich dort wohl. Und ich habe ab August wieder einen Vollzeitjob (in einer anderen Stadt mit Option auf Homeoffice) und kehre in eine Art Normalität zurück. Ob ich nach Schottland zurückziehe, ist noch offen und hängt auch ein wenig von der politischen Entwicklung in UK ab (Stichwort Brexit). Es gab in mir immer mal Widerstände und Verzweiflung, aber das geht wohl jedem so, der sich um Angehörige kümmert, und letztlich ging es Schritt für Schritt voran. Das Leben stellt einen vor diese Herausforderungen, und man lernt sie anzunehmen und zu vertrauen. Ich musste schmunzeln, als ich von der bestandenen Führerscheinprüfung Ihrer Mutter las. Ich hatte für meine Mutter nämlich ein paar Fahrstunden organisiert, eigentlich mit dem Ziel, dass der Fahrlehrer sie überzeugt, dass sie nicht mehr fahren sollte. Aber er meinte nur, sie soll sich (mit 83 Jahren!) ein Automatikauto zulegen, dann wäre sie vom Schalten weniger abgelenkt. Das war natürlich Blödsinn...

Nach diesem Exkurs wieder zu Ihrer Situation: Vielleicht müssen Sie nicht gleich mehrere Jahre opfern wie ich, aber es wäre bestimmt hilfreich, wenn Sie einige Monate in Deutschland bleiben könnten, um alles zu regeln.

Auf jeden Fall brauchen Sie einen Betreuer, mit dem Sie einen guten Draht aufbauen können, wenn Sie die rechtliche Betreuung nicht allein selbst ausüben können.
Vielleicht können Sie oder Ihre Schwester (immerhin in Europa) sich aber vom Amtsgericht als "weiterer Betreuer" in allen Angelegenheiten eintragen lassen - so habe ich es gemacht, als ich ins Ausland zog. Vieles, was ein Berufsbetreuer macht, kann man ja per Telefon und Email (online banking, online Steuererklärung etc.) von überaus in der Welt regeln, wobei allenfalls bei Ihnen die Zeitverschiebung ein Hindernis sein könnte. Man braucht aber unbedingt jemanden, der sich vor Ort kümmert und alles überwacht und ggf. einschreitet. Als gleichwertiger Co-Betreuer hätten Sie aber ein Mitgestaltungs- und Mitbestimmungsrecht (allerdings auch Pflichten).

Viel Erfolg und Kreativität beim Finden des richtigen Wegs. Humor hilft über viele Momente hinweg.

Es grüßt Sie
Sanja



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