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Ratgeberforum "Kommunikation und Konflikte"

Bild: Ratgeberforum "Kommunikation und Konflikte" Im Laufe einer Demenz ändern sich Kommunikationsfähigkeit und Verhaltensweisen. Das ist für alle Beteiligten oft belastend. Der Wegweiser Demenz hat zwei Experten auf diesem Gebiet als Moderatoren für das Internetforum gewonnen: Jochen Gust hat als Altenpfleger Menschen mit Demenz betreut. Heute schult er unter anderem Klinikpersonal im Umgang mit Demenzkranken, berät Angehörige und schreibt Bücher. Dr. Svenja Sachweh bietet Kommunikationstrainings für Pflegepersonen an und ist Autorin diverser Lehr- und Ratgeberbücher zur Verständigung mit Demenzkranken.

Autor Führerschein....erst muß etwas passieren....
09.07.2019 | 08:17
hanne63

Hallo zusammen,
hat jemand noch eine Idee?
Mein Vater, 86, schwer dement und außerdem sehr schwerhörig, fährt immer noch Auto. Sowohl der rechtl. Betreuer als auch ich als Tochter waren bisher machtlos...
Alle von uns informierten und um Hilfe gebetenen Stellen (Führerscheinstelle, Hausarzt, sozialpsychiatrischer Dienst, Polizei, und und und) sagten immer wieder, man könne nichts machen, solange nichts passiert ist.
Gut. Gestern ist nun mein Vater bei Rot über die Ampel gefahren und hat einen Unfall verursacht. Zum Glück nur Blechschaden und keine Verletzten.....allerdings: das reicht immer noch nicht aus für die Behörden...es muß erst noch etwas Schlimmeres passieren....

Sowohl der Betreuer, als auch ich, schreiben schon Aktennotizen über unsere Bemühungen, damit wir später nicht in Haftung genommen werden....dann wenn dann (endlich?? ) was Schlimmeres passiert.

Können wir noch etwas unternehmen?? Der Vater würde vermutlich auch ohne Führerschein weiter Auto fahren und einen Autoschlüssel hat er sich bereits schon einmal nachmachen lassen.......

Da mein Vater auch in kein Heim möchte.....höre ich auch da immer wieder: es muß erst etwas passieren...bevor eingegriffen werden kann......

Ich kann es einfach nicht mehr hören....und ich lese hier...dass das vielen Angehörigen so geht......

ja es stellt sich auch mir die Frage: wem ist mit diesem "Abwartenmüssen auf den Katastrophenfall" eigentlich gedient? Andereseits wären ja gar nicht so viele zusätzliche Heimplätze vorhanden......

Es stellt sich also schon auch eine politische Frage....aber das hilft uns allen hier auch nicht weiter.

Ich wäre dankbar, wenn mir jemand noch einen Tipp geben könnte, bzgl. Autofahren verhindern.....an den ich oder mein Betreuer noch nicht gedacht haben...wegnehmen können wir dem Vater das Auto nicht derzeit.

Allen weiterhin viel Kraft......

09.07.2019 | 08:49
Sohn

Guten Morgen hanne63,

Sie stecken in einem Dilemma wie vermutlich viele andere auch: Sie wollen, daß sich etwas ändert, aber bloß nicht selber der- oder diejenige sein, die dies Änderung herbeiführt/durchsetzt ("wegnehmen können wir dem Vater das Auto nicht derzeit").
Warum können Sie es ihm denn derzeit nicht wegnehmen? Sie benennen keinen Grund dafür und es ist auch so nicht nachvollziehbar, weswegen das jetzt nicht möglich sein soll.

Als mein Schwiegervater vor vielen Jahren mit einem an der Front eingedrückten Auto heimkam und nicht schildern konnte, was tatsächlcih passiert war, haben wir das Auto verschwinden lassen. Zunächst mit der Argumentation, es müsse repariert werden, und irgendwann hat er dann nicht mehr nachgefragt. Natürlich war die Zwischenzeit für uns und ihn unerfreulich, aber da muß man eben durch.

Mein eigener Vater ist trotz diverser Vorwarnungen (mehrere Kollisionen) auch so lange gefahren, bis das Auto nach einem Unfall nicht mehr fahrbereit war und abgeschleppt werden mußte. Ich habe ihm kein Nachfolgefahrzeug mehr besorgt, damit war das Thema erledigt.

Und meine Mutter ist so lange gefahren, bis sie aufgrund ihrer zunehmenden Orientierungslosigkeit ihrZiel nicht mehr fand und unverrichteter Dinge wieder heimkam. Dann habe ich das Auto verkauft und Schluß war mit Autofahren.

Sie sehen, Möglichkeiten gibt es, aber wahrscheinlich kaum DIE bequeme Möglichkeit, wo man ohne Konflikte mit der dementen Person eine Lösung findet.

09.07.2019 | 08:56
hanne63

Hallo Sohn,
ich selbst darf nicht mehr handeln, da ich wohl weislich alle Vollmachten abgegeben habe.
Zuständig ist jetzt ein rechtlicher Betreuer.
Dieser darf aufgrund des herrschenden Rechtes, das Auto meinem Vater nicht einfach wegnehmen....
...so ist leider die Rechtslage......
und der Betreuer möchte verständlicherweise nicht gegen geltendes Recht verstoßen.
Erst wenn der Vater nach Führerscheinentzug (und der muß ja erst einmal überhaupt erfolgen!) tatsächlich weiter Autofahren sollte und dann etwas passiert...dann wäre die Wegnahme des Autos möglich....so ist es leider.....



[Dieser Beitrag wurde 1mal bearbeitet, zuletzt am 09.07.2019 um 09:11.]

09.07.2019 | 09:25
jochengust

Hallo Hanne63,

bei einer fortgeschrittenen Demenz besteht keine Fahreignung mehr. Das ist in der Fahrerlaubnisverordnung auch geregelt. Von daher muss bei entsprechenden Hinweisen die Fahrerlaubnisbehörde von sich aus ("von Amts wegen") tätig werden und kann eine Überprüfung der Fahrtauglichkeit veranlassen.
Da ich relativ häufig mit der Problematik befasst bin, erstaunt mich Ihre Schilderung.

Da sich der Unfall erst gestern ereignet hat die Frage: in wie weit hat die Fahrerlaubnisbehörde schon jetzt davon Kenntnis und konnte Ihnen bereits mitteilen, dass aufgrund der Informationen dennoch die Fahreignung nicht überprüft wird?
Sie schrieben ja, dass Ihr Vater auch Verursacher des Unfalls ist - hat die Polizei den Unfall aufgenommen? Haben Sie ein Aktenzeichen / Bearbeitungsnummer? g

Da der Hausarzt involviert ist, wie Sie schreiben: hat dieser entsprechend offiziell eine Mitteilung an die Fahrerlaubnisbehörde gemacht, dass er Ihren Vater nicht mehr für geeignet hält, ein Fahrzeug zu führen?
Welche Schritte hat der rechtliche Betreuer bisher konkret(!) unternommen die zu nichts geführt haben?

Möchten Sie mitteilen, in welchem Landkreis sich dies abspielt?
Ggfs. wäre hier eine Beschwerde angebracht und denkbar.

Hat die KFZ-Versicherung eigentlich Kenntnis vom Zustand Ihres Vaters?

https://www.wegweiser-demenz.de/informationen/rechte-und-pflichten/autofahren-und-demenz-aus-nicht-nur-versicherungsrechtlicher-sicht.html

https://www.deutsche-alzheimer.de/fileadmin/alz/pdf/factsheets/Infoblatt19_Autofahren_und_Demenz.pdf

Da ganz aktuell ein Unfall geschehen ist, besteht derzeit vielleicht Reparaturbedarf? Könnten Sie darüber etwas Zeit gewinnen und ggfs. mit der Werkstatt vereinbaren, sich Zeit zu lassen um etwas Luft zu gewinnen?

Es grüßt Sie

Jochen Gust




09.07.2019 | 11:45
hanne63

Hallo Herr Gust,
danke für Ihre Antwort.
Es handelt sich um den Landkreis Rhön-Grabfeld.
Der Unfall wurde von der Polizei aufgenommen und mir telefonisch als Angehöriger (Wochenende!) mitgeteilt. Die Polizei wird die Sache an die Fahrerlaubnisstelle melden, worauf ich selbst auch gedrungen habe.
Auch der Betreuer, den ich sofort informierte, setzt sich heute noch einmal mit der Polizei in Verbindung damit diese Meldung auch tatsächlich erfolgt. Aktenzeichen etc. wurden mir nicht gegeben, da ich nicht die rechtl. Betreuerin bin. Eine akutelle Auskunft der Führerscheinstelle jetzt nach dem Unfall liegt noch nicht vor.

Der Hausarzt wurde vom Betreuer schon vor Monaten aufgefordert, zuletzt sogar schriftlich, Stellung zur Fahreignung meines Vaters zu nehmen. Der Arzt hat bis heute nicht reagiert und auch keine Meldung seinerseits gemacht. Dieser Arzt hat schon früher mir gegenüber, alles beschönigt und mich nicht ernstgenommen etc.

Der Rechtl. Betreuer hat konkret die Fahrerlaubnisstelle und die Polizei bereits vor Monaten informiert....es wurde ihm mitgeteilt, dass mein Vater bisher nicht auffällig gworden ist und von daher kein Handlungsbedarf bestünde und nichts unternommen wird.
Ich selbst habe höchstpersönlich den sozialpsychiatrischen Dienst vor Monaten und auch das Betreuungsgericht bei Antragsstellung vor 1 Jahr informiert!!Auch in Gesprächen mit der Polizei anläßlich von Polizeieinsätzen wegen Weglaufens meiner ebenfalls dementen Mutter habe ich höchstpersönlich die Beamten auf die Problem mit Autofahren Vater angesprochen. Ich erhielt jeweils die Antwort....dass vermutlich nicht einmal ein einzelner Blechschaden ausreicht...das kann ja jedem mal passieren.......damals hatte das Auto schon mehrere Dellen, was die Beamten auch selbst gesehen hatten.....das zu dem....

Das Fahrzeug ist jetzt fahrbereit, muß allerdings wohl repariert werden.
Ich bzw der Betreuer werden versuchen, mit der Werkstatt eine Absprache zu treffen (was schwierig ist, da die bisher immer zu meinem Vater gehalten hat; siehe Nachmachenlassen von Autoschlüssel...er ist dort seit Ewigkeiten Kunde etc...).

Die Frage mit der KfZ-Versicherung ist heikel......und eine Grauzone.....ich nehme an, dass sie nicht informiert ist. Ich möchte jetzt auch nicht noch mehr finanziellen Schaden für unsere Familie verursachen......es sind schon andere Dinge genug passiert im Haushalt, die ersetzt werden mußten infolge sinnfreier Repartur- und sonstiger Maßnahmen meines Vaters.....
Ziel ist jetzt für mich, dass Vater seinen Führerschein evtl freiwillig abgibt und das Auto in Reparaturwerkstatt kommt (und dort lange bleibt!!!). Unabhängig davon natürlich die Führerscheinstelle.....ich bin in Absprache mit dem rechtlichen Betreuer.

Beschwerdemöglichkeit gut und schön...ich höre hier im Angehörigen-Kreis (anderer Landkreis in Oberfranken)...dass es überall so ähnlich zugeht...jedenfalls auf dem flachen Land....

09.07.2019 | 11:54
jochengust

Hallo Hanne63,

<<Die Polizei wird die Sache an die Fahrerlaubnisstelle melden, worauf ich selbst auch gedrungen habe.
Auch der Betreuer, den ich sofort informierte, setzt sich heute noch einmal mit der Polizei in Verbindung damit diese Meldung auch tatsächlich erfolgt. >>
Was den "Behördenweg" angeht, kann man dann im Augenblick wohl nicht mehr machen bzw. muss abwarten, was das bringt. Klar ist allerdings, dass dies wiederum i.d.R. einige Zeit in Anspruch nehmen wird.
Daher
<<Das Fahrzeug ist jetzt fahrbereit, muß allerdings wohl repariert werden.
Ich bzw der Betreuer werden versuchen, mit der Werkstatt eine Absprache zu treffen (was schwierig ist, da die bisher immer zu meinem Vater gehalten hat; siehe Nachmachenlassen von Autoschlüssel...er ist dort seit Ewigkeiten Kunde etc...).>>
hoffe ich sehr, dass man über diesen Winkelzug Ihnen und allen Sorgenden etwas Zeit verschafft.

Sollte die Fahrerlaubnisbehörde sich überhaupt nicht bewegen, bitte ich Sie nochmals um Nachricht.
Ich hoffe, die Dinge regeln sich nun schnell und ohne, dass (nochmals) jemand in Gefahr gerät.

Es grüßt Sie

Jochen Gust




09.07.2019 | 23:56
Teuteburger

Es ist hier alles Wichtige gesagt worden. Ich bin aber ehrlich gesagt erstaunt, dass hier erst etwas Schlimmeres passieren muss, bis der Fahrerlaubnis entzogen wird. Wenn eine Demenz klar feststeht, dann ist das einfach nur fahrlässig.

Mich interessiert auch, wie man sich in dem Fall entscheiden wird.

11.07.2019 | 19:22
hanne63

Hallo zusammen,
ich möchten einen kurzen Zwischenbericht geben: Das Auto meines Vaters befindet sich seit heute in der Werkstatt....und die haben mir versprochen...dass es da erst einmal bleibt....
Aber all das zu bewerkstelligen war eine Art Husaren-Kunststück....und ich werde dazu auch nicht näheres sagen.

Jetzt hoffe ich wirklich, dass die Führerscheinbehörde und alle anderen Beteiligten schnell in die Pötte kommen sozusagen........

Der Unfall mit Sachschachen stand jetzt auch in der örtlichen Tagespresse und ist Tagesgespräch im Ort...der Nachbar erfuhr davon beim Frisör......etc.....und hat dann gleich mal geklingelt!!!....(offenbar hatte die Werkstatt auch bereits Kenntnis davon und war deshalb mir gegenüber bereitwilliger...)

Mein Vater hat den Unfall bereits vergessen und teilte mir etwas später mit, es sei alles bestens geregelt.

Letztlich dürfen die Angehörigen die ganze K.... ausbaden....so oder so.......und die Kastanien aus dem Feuer holen...so genau kam ich mir heute vor. Mein Vater ist zudem sehr aggressiv, wenn etwas nicht nach seinem Kopf geht...also es war eine Gratwanderung.

aber jetzt ist ja erst mal Zeit gewonnen und ich hoffe alles regelt sich dann.

Am liebsten möchte ich mir heute einen Tapferkeits- und Mutigkeitsorden verleihen....und andererseits hatte ich dauernd ein schlechtes Gewissen meinem Vater gegenüber, der übrigens in der Werkstatt mit dabei war (zum Glück ist er schwerhörig)....weil ich ihn ja "ausgetrickst" und angeschwindelt habe......

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[Dieser Beitrag wurde 2mal bearbeitet, zuletzt am 11.07.2019 um 19:28.]

11.07.2019 | 21:10
Elisabetha

Hallo Hanne63,

ja, einen Tapferkeits- und Mutigkeitsorden haben Sie in der Tat verdient. Wenn ich Sie ermuntere, Ihr schlechtes Gewissen nicht die Oberhand gewinnen zu lassen, wäre es für Sie zwar eine schöne Vorstellung. Dennoch ist dieses Gefühl einfach zu übermächtig, weil es so unendlich schwer ist, zu akzeptieren, dass sich die Position unseres Vater/unserer Mutter innerhalb der Familie nun verändert haben.

Sie haben Ihren Vater nicht "ausgetrickst", Sie haben ihn und andere vor Schaden oder sogar großem Unheil bewahrt. Es muss Sie eine unglaubliche Überwindung gekostet haben, so zu handeln. Abgesehen von dem seelischen Kraftakt, der mit einer bleiernen Müdigkeit und abgrundtiefen Erschöpfung einhergeht.

Ich freue mich aufrichtig für Sie, dass Sie in diesem Forum so tatkräftige Unterstützung erfahren und wünsche Ihnen von Herzen weiterhin viel Kraft.

P.S. Meine frühere Therapeutin hätte an dieser Stelle gesagt: "Alles richtig gemacht!"

Elisabetha

11.07.2019 | 21:36
hanne63

Hallo Elisabetha und alle anderen,

danke für Ihren Zuspruch Elisabetha,

Es ist wirklich ein Kraftakt gewesen und ich bin sehr erschöpft...
Das Forum hat mir sehr geholfen bisher und ich bin dankbar dafür...
allerdings wurde ich gerade erstmals "ermahnt" mich an die Forumsregeln zu halten und mein Beitrag wurde zensiert....
das ist auch anderen Forumsmitgliedern schon geschehen.
Ich kann es akzeptieren für mich...aber es zeigt mir auch deutlich...
wie Angehörige..und eben auch ich selbst eben einfach mal fertig mit der Welt sind...und man sich dann noch ganz genau überlegen muß, was man sagen darf...ok. Ich nehme es zur Kenntnis ;-) ich werde mich künftig selbst zensieren :-)



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