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Ratgeberforum "Wohnen, Betreuung und Pflege"

Bild: Ratgeberforum "Wohnen, Betreuung und Pflege" Unter welchen Voraussetzungen können Demenzkranke in den eigenen vier Wänden leben? Wann ist ein Pflegeheim, eine Demenz-WG oder betreutes Wohnen angesagt? Zwei Experten auf diesem Gebiet moderieren das Internetforum "Wohnen, Betreuung und Pflege". Martin Hamborg engagiert sich seit 1998 im Vorstand der Deutschen Expertengruppe Dementenbetreuung und kennt sich mit Pflegeheimen und Einrichtungen des Betreuten Wohnens aus. Klaus-W. Pawletko, Geschäftsführer des Vereins "Freunde alter Menschen", ist auf Demenz-Wohngemeinschaften und die ambulante Versorgung Betroffener spezialisiert.

Autor Nu is es soweit
02.09.2019 | 10:42
martinhamborg

Hallo Andydreas, auch von meiner Seite noch einige Gedanken:
Ein Doppelzimmer kann tatsächlich sehr positiv sein. Es wird eher wahrgenommen wie ein Krankenhausbett und nicht wie ein neues Zuhause. Oft habe ich schon echte Freundschaften aus dem Doppelzimmer miterlebt. Üblich ist auch, dass das nächste freie Einzelzimmer dann zur Verfügung steht. Wenn Sie die Dame im Doppelzimmer vorher kennenlernen, können Sie auch abschätzen ob es passt.
Wegen der Medikamente können Sie vielleicht in dem Forum Diagnose und Therapie nachfragen. Psychopharmaka sind kein Zauberwerk und können mit gut kalkulierbaren Nebenwirkungen für eine echte Entspannung führen. Je besser Sie sich informieren, um so eher fühlen sich Ärzte vielleicht nicht bedrängt.

Grundsätzlich schadet es wenig, wenn Sie offen nachfragen, wenn Sie denken, dass Sie "nerven" könnten. Sie haben ein wichtiges und berechtigtes Anliegen, aber anderen fällt es bei Ihrer Nachfrage vielleicht leichter zu sagen, wenn es zu viel wird. Ich jedenfalls bin gespannt wie es weitergeht und so wie ich unsere Dialoge und Zahl der Lerser*innen verstehe, bin ich da nicht allein! Viel Erfolg weiterhin Ihr Martin Hamborg

02.09.2019 | 11:38
Andydreas

Hallo Leidensgenossen und Betreuer,
ja ich bin auch gespannt. Heute warte ich genau 4 Wochen, aber noch gint es kein Zimmer . Ich würde inzwischen wohl auch über ein vorläufiges Doppelzimmer nachdenken. Es wird immer schwieriger. Wenn man sich erst mal entschlossen hat soll es auch losgehen. Meine Kontaktperson in der Einrichtung hat diese Woche noch Urlaub, kommt aber nächste Woche wieder, Dann hoffe ich auf Fortschritte. Ich habe ja bereits vor einiger Zeit bei ihr vorgefühlt, indem ich von einer Senioreneinrichtung sprach und versucht habe sie darauf vorzubereiten. Es gibt sogar kurze Momente, in denen ich eine gewisse Akteptanz spüre. Ich habe auch schon einen Koffer beiseite gestellt, den ich heimlich packen will. Kostet gerade enorm viel Kraft und Geduld und da steht man vor einem riesigen Berg, aber das wird schon irgendwie klappen. Vielen Dank an alle.

02.09.2019 | 15:02
Grunella

Ich kann ja mal erzählen, wie es bei uns war, meine Mutter hatte auch eine starke Hinlauftendenz. Nach 3 Jahren in der Wohnung und Herumlaviererei (ich wohnte 300 km von ihr entfernt) mit einem Besuchsdienst und ewigem Theater mit Nachbarn etc hatte ich ein schönes Einzelzimmer für meine Mutter in einer Einrichtung bei mir in der Nähe gefunden. Dort ist sie, obwohl sie es sehr schön fand (ihr Zimmer war ein Traum), gleich am ersten Tag vrschwunden. Und das ging anderthalb Jahre so. Morgens abgehauen, nachmittags oder abends von der Polizei zurückgebracht. Machen konnte man da nix, weil sie sich ja nicht selber gefährdete. Ich hatte das Aufenthaltsbestimmungsrecht, konnte sie also auch ohne ihre Zustimmung in das Heim bringen, allerdings war sie ohnehin nicht mehr orientiert, sie hat ja ihre Wohnung von 25 Jahren auch nicht mehr erkannt. Sie hatte aber ein Phantasiebild im Kopf, wo sie denn leben würde und dahin wollte sie: eine Postbankfiliale. Nach anderthalb Jahren Stress und "Oh Gott, das Telefon klingelt, was ist jetzt schon wieder" hat die Polizei sie auf den Bahngleisen aufgegriffen. Und dann hat das Betreuungsgericht erlaubt, sie in eine geschlossene Einrichtung zu bringen. Ich habe lange gebraucht, einen Platz zu bekommen und bin mit meinem Einzelzimmerwunsch auch von ein paar Wartelisten geflogen. Am Ende musste ich sie in ein Doppelzimmer geben, was mit der ersten Mitbewohnerin schwierig war, mit der zweiten lustigerweise plötzlich gesellig wurde. Ich habe mich sehr damit gequält, meine Mutter in dieser Einrichtung einzusperren, aber es gab eine Alternative. Jetzt ist sie 1,5 Jahre dort und ich muss sagen, es geht ihr erheblich besser als vorher. Sie kriegt ein Beruhigungsmittel, wodurch sie nicht mehr so wahnsinnig gehetzt wirkt, aber dennnoch mobil und ansprechbar bleibt. SIe ist viel gepflegter als vorher und scheint sich da ganz gut zu fühlen. Mit einem Einverständnis habe ich nicht lange gerungen. Sie ist ohnehin nicht orientiert und kann sich alles grad mal 30 Sekunden merken. Vorbereiten ging eh nicht. Ich weiss, dass das alles sehr beängstigend ist, und ich kann mich noch gut an mein Entsetzen erinnern, als gefühlt nix funktionierte. Aber am Ende fügt es sich doch alles und man ist nie der Erste in dieser Situation, anderen ist das auch schon passiert und man konnte es regeln. Ich wünsche viel Glück und auch weniger Zweifel.

02.09.2019 | 17:37
Andydreas

Hallo Grunella,
ja, klingt meinem Fall sehr ähnlich. Man hat mir in der Einrichtung erklärt, dass dort ein Weglaufen schwierig sei, da einig Bewohner mit einem Chip ausgestattet sind und den Fahrstuhl nicht betätigen können. Eigentlich hoffe ich aber, dass die neue Umgebung und die Mitbewohner und Pfleger Ablenkung bringen, denn die derzeitige Situation ist wohl auch der Langweile geschuldet, die meine Mutter empfindet. Ich gehe davon aus, dass da zu Beginn tausend Entscheidungenzu treffen und Dingen zu regeln sein werden, aber irgendwann kann ich dann auch mein Leben wieder neu ordnen. Wenn bloß endlich ein Zimmer frei werde. Eine echte Geduldsprobe für mich. Sie mag kaum noch aufstehen und liegt viel im Bett. Das soll endlich losgehen.

Danke

03.09.2019 | 08:18
Jutta60

Hallo Andydreas,
bei meiner Mutter war das mit der Ablenkung so. Sie hatte immer Leute um sich und fühlte sich wie in einem Kurhotel. Vor allem, dass sie Essen auswählen durfte und man es ihr servierte, hat sie gefreut. Sie war aber auch immer sehr gesellig gewesen und hatte viele Freunde und fand leicht Kontakt. Als sie ins Heim einzog, hat sie ihre Defizite auch schon nicht mehr wahrgenommen, die sie vorher gehindert hatten, noch auf andere zuzugehen.
Ich drücke Ihnen ganz fest die Daumen, dass Ihre Mutter bald einen Platz bekommt. Liebe Grüße!

11.09.2019 | 20:51
Andydreas

Nachdem ich mal wieder einen sehr schwierigen Abend mit meiner Mutter verbringen durfte sind bei mir doch ein paar Fragen aufgetaucht. Ich warte ja nun etwas über 6 Wochen auf ein Zimmer. Da tut sich nix. Kann es sein, dass eine Einrichtung meine Mutter absichtlich hinhalten will, damit ich in der Zwischenzeit auf die Idee komme was anderes zu suchen ? Ich hatte dort angedeutet, dass sie aus meiner Sicht kein leichter Fall sei, da ich mit offenen Karten spielen wollte.
Heute war sie wieder zeitweise sehr aggressiv mir gegenüber. Lag aber auch ein Stück weit an mir, da es mir nicht immer gelang die Ruh zu wahren. Plötzlich war aber auch wieder Einigkeit und ich konnte sie überreden zu Bett zu gehen. Meine Fragen dazu: Was passiert eigentlich, wenn die Aggression zunimmt und das Heim sie nicht mehr behalten will. Übergebe ich die Verantwortung an das Heim, wenn sie dort angenommen wird. Oder kurz gefragt:Können die sie einfach rausschmeissen, wenn sie nicht klar kommen ?
Es wird insbesondere im hygienischen Bereich große Probleme geben. Sie hat ja die Körperhygiene seit geraumer Zeit komplett eingestellt. Ich kann nur hoffen,dass die dort Wege finden, das zu ändern. Mir ist eigentlich klar, dass da Medikamente eine Rolle spielen müssen. Ich werde ja auch einen neuen Hausarzt für sie finden müssen. Gbit es denn Mittel, die in diesen Fällen schnell wirken ? Ihr und mein bisheriger Hausarzt hat ihr ein Antidepressivu aufgeschrieben, dass nach Mitteilung einer Leidgenossin erst nach Wochen Wirkung zeigen soll. Habe ich ihr noch nicht gegeben, da es so ja keinen Sinn macht. Ich bin leider etwas verunsichert und werde auch langsam genervt. Danke für Mitleiden.

12.09.2019 | 08:57
Jutta60

Hallo Andydreas,
lassen Sie mal den Mut nicht sinken. Meine Mutter hat von fremden Menschen in einer neuen Umgebung viele Dinge besser akzeptiert als zu der Zeit, in der sie sich noch in ihrer Wohnung befunden hat. Irgendwie hatte das für sie den Charakter einer Hilfestellung, die außerhalb ihrer direkten Einflußsphäre stand. Sie konnte da tatsächlich loslassen. Vielleicht lässt sich Ihre Mutter von einer Frau eher helfen als von Ihnen als Sohn. Da würde ich erstmal drauf hoffen.
Bei den Ärzten weiß ich nicht so richtig. Eigentlich wäre ein Neurologe doch notwendig, wenn Ihre Mutter Medikamente wie Antidrepressiva oder so braucht. Auch bei einem (neuen) Hausarzt müssen Sie darauf achten, dass der ohne Murren zu Hausbesuchen bereit ist. Das ist nicht mehr selbstverständlich. Vielleicht fragen Sie im Heim mal nach, wenn Ihre Mutter umgezogen ist. Die wissen ja, welche Ärzte ins Haus kommen. Neurologen sind leider sehr schwer zu bekommen, aber auch da müsste das Heim Adressen kennen, an die Sie sich wenden können. Ob ich den Mut gehabt hätte, meiner Mutter eigenverantwortlich Medikamente zu geben, weiß ich nicht. Sie wurde in einer psychiatrischen Klinik eingestellt.
Das Heim müsste mit Aggressionen umgehen können, das ist bei dementen Menschen ja nicht ungewöhnlich.
Sie machen sich über viele Dinge Sorgen, die gar nicht eintreten müssen. Ich weiß, wie das ist, wenn man eine lange Zeit der Pflege hinter sich hat. Man verliert so sehr das Vertrauen, noch an eine gute Zukunft zu glauben. Das wird dann später auch lange brauchen, bis Sie sich wieder etwas gefangen haben. Bei mir war es jedenfalls so. Aber Sie werden das schaffen, liebe Grüße!


26.09.2019 | 17:31
Andydreas

Hallo Freunde,
es sieht so aus, dass es demnächst mit der Aufnahme meiner Mutter in die von mir ausgesuchte Einrichtung klappen könnte.
Leider weiß ich immer noch nicht wie ich es ihr beibringen so. Meine bisherigen(sinnlosen) Versuche vorab auszutesten wie die Veränderung aufgenommen werden könnte war zwiespältig. Einerseits weiß sie wohl, dass es so nicht weitergehen kann, aber es gibt verständlicherweise auch sehr viel Ablehnung und Angst. Ich befürchte eine Eskalation, wenn es denn soweit ist. Ich habe schon einen Koffer beiseite gestellt, den ich langsam füllen will. Gibt es ev, hilfreiche Tipps ?
Ich dachte an die Ankündigung eines Urlaubs in einem Kurhotel oder ähnlich.
Ich habe versucht zu vermitteln, dass es auch die Möglichkeit gibt, dass es ein zurück gibt, wenn es nicht klappen sollte.
Ich habe auch schon einen neuen Hausarzt für sie gefunden, mit dem die Einrichtung zusammen arbeitet und der auch dort Hausbesuche macht. Ich gehe davon aus, dass bei der starken Demenz meiner Mutter Medikamente nötig sein werden. Wie gesagt, am meisten beschäftigt mich zur Zeit jedoch der Einstieg.
Vielen Dank.

27.09.2019 | 07:30
Jutta60

Hallo Andydreas,
das klingt gut, ich freue mich sehr für Sie und Ihre Mutter (auch sie das vielleicht nicht als Glück sehen wird). Ich weiß nicht, ob man einen Dementen so vorbereiten kann, wie es bei einem gesunden Menschen geht. Mit Argumenten, Rat, Hilfsangebot, Versprechungen. Meine Mutter hat alles schnell wieder vergessen und wir haben die endlosen Diskussionen immer wieder von Vorne starten müssen, eigentlich sinnlos und zermürbend. Ich habe meine Mutter einfach überrumpelt. Der Koffer stand schon lange gepackt da, sie musste ja auch immer wieder ins Krankenhaus gebarcht werden. Da war keine weitere Erklärung notwendig. Nach einer schrecklichen Nacht, als wir völlig erledigt nebeneinader saßen, habe ich ihr gesagt, dass wir Hilfe brauchen und es so nicht weitergeht. Und kurze Zeit später fuhren wir los. Meine Mutter hat sich nicht gewehrt, in dem Moment hat sie mir vertraut. Natürlich war ich die ganze Zeit bei ihr. Und habe ihr das auch immer wieder gesagt, dass ich sie nicht allein lassen werde. Für mich war es schlimmer, denke ich, weil ich die Zukunft realisiert habe. Sie würde nie mehr in ihr Haus zurückkommen und in der Fremde sterben. Meine Mutter lebte im Augenblick, sie konnte das nicht erkennen, also war es für sie nicht schwer. Glaube ich jedenfalls. Ich habe an diese Fahrt lange gedacht, wie ich aus dem Rückfenster schaute und das Haus immer kleiner wurde, wir wir schließlich ihr Dorf, ihre Stadt verliesen, um später nochmal 300 km weit weg zu fahren. Manchmal sehe ich es noch in meinen Träumen. Als sie gestorben war, habe ich den Bestatter angehalten, nicht direkt zum Friedhof zu fahren, sondern den Umweg zu ihrem Haus zu nehmen.
Sie werden Ihre Mutter wahrscheinlich auch nur sehr bedingt auf das Kommende vorbereiten können. Aber ich wünsche Ihnen sehr, dass es auch so gut klappt wie bei mir. Meine Mutter dachte, sie wäre im Urlaub. Leider schritt die Demenz dann so schnell voran, dass sie es nicht lange genießen konnte, mal nichts tun zu müssen. Alles Gute weiterhin und liebe Grüße!

27.09.2019 | 10:23
martinhamborg

Hallo Andydreas, den vielen wertvollen Gedanken möchte ich nur hinzufügen: Ihre Mutter darf traurig sein, sie darf sich über den neuen Lebensabschnitt ärgern, vielleicht weil sie Angst davor hat. Sie können mit gutem Gewissen trösten und die Emotionen aushalten. Die Botschaft ist: "Du hast es mir versprochen, Du schaffst das, ich weiß Du bist stark und ich bin an Deiner Seite."
Ist es möglich, Ihre Traurigkeit zu zeigen, wenn Ihre Mutter ablehnend ist? Üblicherweise bleibt die Empathiefähigkeit bei einer Demenz noch lange erhalten.
Natürlich gibt es auch den Weg der Notlüge, wie "wir brauchen jetzt beide Urlaub, ich habe für Dich einen schönen Ort ausgesucht, bitte enttäusche mich nicht".
Ich wünsche Ihnen ein gutes Gelingen, Ihr Martin Hamborg



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