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Ratgeberforum "Wohnen, Betreuung und Pflege"

Bild: Ratgeberforum "Wohnen, Betreuung und Pflege" Unter welchen Voraussetzungen können Demenzkranke in den eigenen vier Wänden leben? Wann ist ein Pflegeheim, eine Demenz-WG oder betreutes Wohnen angesagt? Zwei Experten auf diesem Gebiet moderieren das Internetforum "Wohnen, Betreuung und Pflege". Martin Hamborg engagiert sich seit 1998 im Vorstand der Deutschen Expertengruppe Dementenbetreuung und kennt sich mit Pflegeheimen und Einrichtungen des Betreuten Wohnens aus. Klaus-W. Pawletko, Geschäftsführer des Vereins "Freunde alter Menschen", ist auf Demenz-Wohngemeinschaften und die ambulante Versorgung Betroffener spezialisiert.

Autor Mutter ist aggressiv
02.09.2019 | 14:22
Peter68

Meine Mutter (70J) leidet seit mehreren Jahren unter Demenz (Zumindest vermute ich das).
Am Anfang wiederholte sie nur mehrfach Dinge, dann vergaß sie einiges und stellt die Lautstärke des Fernsehers auf eine unerträgliche Stufe.
Irgendwann begann sie meinen Vater zu attakieren - zog z.B. an seinen Haaren.
Nach Aussagen einer besorgten Nachbarin (ich wohne leider weit entfernt) geht sie mittlerweile mit Gegenständen auf ihn los...
Mein Vater (75 und Herzkrank) erzählt das meiner Frau und mir immer erst Tage später und denkt bereits an Selbstmord, da er mit der Situation völlig überfordert ist.
Eine Zwangseinweisung meiner Mutter lehnt er aber ab.
Ich habe versucht mit dem Hausarzt meiner Eltern zu sprechen, warte aber immer noch auf seinen Rückruf.
Ich habe Angst, dass meine Mutter meinen Vater schwere Verletzungen beibringt und dann keine Hilfe holt.
Was kann/muß ich als Sohn tun???

02.09.2019 | 15:38
klauspawletko

Hallo Peter68,
als erstes müssen Sie versuchen, eine seriöse Diagnose des Zustands Ihrer Mutter zu bekommen.
Das machen Sie am besten bei einem Neurologen oder - noch besser - bei einer sog. Gedächtnis-Sprechstunde. Das sind spezialisierte Abteilungen von Krankenhäusern, die es hoffentlich auch bei Ihnen in der Nähe gibt. Auskunft darüber erhalten Sie entweder beim Alzheimer-Telefon oder bei einem Pflegestützpunkt. Den würde ich auch als nächstes ansteuern, denn Sie brauchen ja auch einen Überblick über Leitungen der Pflegekasse, eventuelle Unterstützungsmöglichkeiten und Angebote in Ihrer Nähe.
Haben Sie denn eine Vorsorge-Vollmacht für Ihre Mutter oder ein vergleichbares Dokument?
Wenn nicht, wird es wahrscheinlich schwierig, jetzt noch eines zu erstellen. Dann bliebe Ihnen nur die Beantragung einer rechtlichen Betreuung beim zuständigen Amtsgericht ("Vormundschaftsgericht"). Wenn Sie so weit entfernt wohnen, kann es auch sinnvoll sein, wenn Sie einen rechtlichen Betreuer für Ihre Mutter einsetzen, der sich vor Ort um viele Dinge kümmern kann. Welche genau, das können Sie mit ihm oder ihr absprechen. Ich würde Ihnen raten, nach einem sog. Betreuungsverein zu suchen, weil die dort tätigen rechtlichen Betreuer eine höhere Gewähr für Qualität bieten als viele Berufsbetreuer.
Für all dies brauchen Sie Zeit, denn das muss alles am Wohnort Ihrer Eltern geschehen. Wenn Sie berufstätig sind, sollten Sie sich ein paar Tage Urlaub dafür nehmen.
Sie können Termine auch von zu Hause arrangieren; das meiste wird sich aber ohne Ihre perönliche Anwesenheit nicht regeln lassen.
Nochmal zusammen gefasst:
1. Besuch bei einem Pflegestützpunkt zur ausführlichen Beratung
2. Diagnostik für Ihre Mutter (Neurologe oder Gedächtnis-Sprechstunde)
3. rechtliche Betreuung/Vollmacht klären
4. Pflegegrad beantragen (bei der Pflegekasse der Mutter)
5. Klärung der Situation zu Hause (Wie lange hält der Vater die Situation noch aus - und unter welchen Umständen)
6. Entlastung für den Vater organisieren (Tagespflege oder Kurzzeitpflege für die Mutter)

Es erwartet Sie leider ein umfangreiches Programm, dass angesichts der von Ihnen geschilderten Situation wohl keinen Aufschub duldet. Ich wünsche Ihnen dafür viel Kraft und gutes Gelingen.
Viele Grüße von
Klaus-W. Pawletko

02.09.2019 | 15:53
Peter68

Hallo Herr Pawletko
Nach Angaben meines Vaters haben Untersuchungen ergeben, dass das Gehirn meiner Mutter oder ein Teil davon "schrumpft".
Sie hat bereits Medikamente verschrieben bekommen, die zunächst eine Verringerung der Agressivität zur Folge hatten. Leider ist diese aber jetzt geradezu explodiert...
Da mein Vater eigentlich in ein Krankenhaus müsste, hat er bereits eine Pflegestufe für meine Mutter beantragt und sie wurde in die Stufe 2 einkategorisiert.
Mein Vater will seine Frau nicht in ein Heim "abschieben", da sie ja schon 50 Jahre verheiratet sind.
Außerdem ist seine Sparsamkeit mittlerweile in Geiz übergegangen und er hat wohl Angst, dass sein Vermögen und das selbstgenutzte Haus für ein Heim draufgehen würde.

Ich werde erstmal mit dem Pflegestützpunkt des Kreises telefonieren und einen Termin vereinbaren - hoffentlich bringt es was...

10.09.2019 | 09:53
martinhamborg

Hallo Peter68, die "Schrumpfung" des Gehirns ist natürlich keine so klare Diagnose, vielleicht hat der Arzt von einer "frontotemporalen Demenz" gesprochen, bei der vordere und seitliche Bereich betroffen ist.

Neben den wichtigen Schritten für eine Betreuung, wäre das Gespräch mit Ihrem Vater von besonderer Bedeutung.
Häufig lässt es sich ganz gut aufarbeiten, wie die Konflikte eskalieren, oft geht es
um das Rechthaben, Diskutieren oder eine unangemessen erlebte Begrenzung, bei der dann die Eigensteuerung Ihrer Mutter krankheitsbedingt versagt. Jetzt mit dem Wissen über die Demenz ist es vielleicht Ihrem Vater möglich, dass er ablenkt, den Ärger seiner Frau anspricht und alles tut, um eine Eskalation zu vermeiden. Da braucht Ihr Vater sicher ganz viel Unterstützung und telefonischen Zuspruch von Ihnen. Die Medikamente helfen leider nicht gegen (alte) Konfliktmuster sondern sollen den inneren Druck etwas regulieren. Soweit einige Gedanken, Ihr Martin Hamborg

10.09.2019 | 13:39
Peter68

Leider werden meine Bemühungen sabotiert.
Der Hausarzt meiner Eltern rief mich nicht zurück - stattdessen rief er meine Eltern an und kündigte einen Hausbesuch an.
Bei diesem Besuch erzählte er meinem Vater von meinem Anruf und erzählte, dass er das "Schlimmste" befürchtet hätte. Aber es sei ja alles in Ordnung.

Mein Vater rief mich später an und machte mir Vorwürfe, dass ich meine Mutter unbedingt ins Heim abschieben wolle - eine Entscheidung die nur er treffen könnte.
Natürlich kam auch wieder der Hinweis, dass ich für die Heimunterbringung mitzahlen müsste.

Er hat die Situation verharmlost und seine Suizidabsicht als nicht so ernst gemeint abgetan.

Derzeit kann ich wohl nur abwarten, bis die Sache eskaliert und hoffen, dass es jemand mitbekommt und einen Notarzt anfordert.

18.09.2019 | 07:27
martinhamborg

Hallo Peter68, der eine Weg ist tatsächlich abwarten und hoffen & vorplanen, dass im richtigen Moment die richtige Hilfe kommen kann.
Aber Ihr "Fehler" ist vielleicht eine Möglichkeit, den Zugang zu Ihrem Vater und seiner Not zu finden. Eine Entschuldigung ist manchmal ein Türöffner für eine gemeinsame Sorgehaltung. Manchmal hilft auch die (echte) Bewunderung: "Ich hätte nie gedacht wie stark Du in dieser Situation bist, wie schaffst Du das?"
Schreiben Sie uns bitte, wie es sich entwickelt, Ihr Martin Hamborg



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