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Ratgeberforum "Wohnen, Betreuung und Pflege"

Bild: Ratgeberforum "Wohnen, Betreuung und Pflege" Unter welchen Voraussetzungen können Demenzkranke in den eigenen vier Wänden leben? Wann ist ein Pflegeheim, eine Demenz-WG oder betreutes Wohnen angesagt? Zwei Experten auf diesem Gebiet moderieren das Internetforum "Wohnen, Betreuung und Pflege". Martin Hamborg engagiert sich seit 1998 im Vorstand der Deutschen Expertengruppe Dementenbetreuung und kennt sich mit Pflegeheimen und Einrichtungen des Betreuten Wohnens aus. Klaus-W. Pawletko, Geschäftsführer des Vereins "Freunde alter Menschen", ist auf Demenz-Wohngemeinschaften und die ambulante Versorgung Betroffener spezialisiert.

Autor Chaotische Wohnung - was tun?
10.09.2019 | 12:25
Yvonne73

Hallo Ihr Lieben,
ich suche dringend Hilfe. Unsere Mutter (80) lebt alleine in Ihrer Wohnung und lehnt strikt jede Hilfe ab. Ihren Haushalt kann sie eigentlich nicht mehr alleine führen. Sie leidet unter Antriebslosigkeit und Depressionen. Laut Neurologin sieht man im MRT wohl auch, dass der Gehirnabbauprozess begonnen hat und es Durchblutungsstörungen (mit vorübergehender Amnesie) gegeben hat. Allerdings wohl nicht akut. Die Tests wegen Demenz waren allesamt unauffällig.

Für mich und meine Schwester ist nun die Frage, wie wir am besten unterstützen können. Die Wohnung ist vermüllt, unsere Mutter kann sich von nichts trennen (auch vom Müll nicht...). In allen Zimmern, sowie Keller und Garage stapelt sich Unnützes. Gefühlt liegen 50 Jahre an Erinnerungen auf ihr drauf... Das Chaos ist für sie nicht mehr zu bewältigen. Auch Körperpflege und Waschen werden zunehmend schwieriger. Wie sie mit Essen, Trinken, Tabletteneinnahme umgeht, können wir nur vermuten... Ihrem Umfeld (z.B. Nachbarn oder auch uns) gegenüber wird sie immer zankhafter und richtiggehend wüst.

Seit dem Tod ihres Lebensgefährten vor 2 Jahren, den sie zuvor über ein Jahr gepflegt hatte, und darauffolgenden Erbstreitigkeiten (bei denen sie leer ausging...), geht es steil mit ihr bergab.

Wenn wir versuchen, aufzuräumen bzw. zu helfen, ist das wie ein Tropfen auf den heißen Stein und stößt auf Ablehnung. Mir gegenüber ist sie noch offener, da unser Verhältnis schon immer besser war, gegenüber meiner Schwester macht sie völlig zu. Was natürlich für mich eine große Belastung ist...

Meine Mutter leidet sehr darunter und schämt sich für ihren Zustand, den Zustand ihrer Wohnung und dass sie es nicht mehr alleine schafft. Deshalb ist für sie auch die Horrorvorstellung, dass jemand zu ihr nach Hause kommt. Obwohl sie früher ein gastfreundlicher und kommunikativer Typ war.

Jetzt sitzt sie nur noch vor dem Fernseher und nimmt nicht mehr am tatsächlichen Leben teil.

Unser nächster Schritt muss vermutlich sein, dass wir eine Pflegeeinstufung beantragen werden und Hilfe für sie organisieren.

Wo sich meine Schwester und ich allerdings uneinig sind, ist die weitere Vorgehensweise. Aus ihrer Sicht müssten wir unsere Mutter einfach in eine völlig neue Umgebung bringen, raus aus ihrer alten Wohnung, damit sie einen Neuanfang starten kann. Kopfmäßig sicher nachvollziehbar und aus unserer Sicht vielleicht richtig, aber wie geht es unserer Mutter damit?

Ich persönlich finde es nicht gut, sie aus ihrer Wohnung, in der sie seit über 50 Jahren lebt, herauszureißen. Und vor allem gegen ihren Willen über sie zu verfügen, ist für mich schwer vorstellbar. Sie ist ja nicht völlig geistig unfähig, sondern eher mit der Situation überfordert. Ich bin dafür, behutsamer mit ihr umzugehen.

Aber ich sehe den Weg einfach nicht.

Ich glaube, selbst wenn wir die Wohnung jetzt entmüllen würden, würde es innerhalb einiger Wochen wieder ähnlich aussehen, weil das Grundproblem nicht gelöst ist...

Wie kann die Hilfe am sinnvollsten aussehen? Jemandem zu helfen, der es eigentlich nicht will und aus seiner Sicht auch nicht braucht, geht irgendwie nicht.

Ich wünsche ihr so sehr, dass sie wieder mehr Lebensqualität und Freude haben kann. Doch ich bin echt hilflos und überfordert, wie der beste Weg für unsere Mutter aussehen kann und freue mich über alle Hinweise und Tipps. Von außen sieht man immer besser.

DANKE!

10.09.2019 | 13:08
klauspawletko

Hallo Yvonne 73,
das von Ihnen beschriebene "Messie-Syndrom" kann verschiedenste Ursachen haben. Bei der Lebensgeschichte der Mutter ist wohl eher eine Depression zu vermuten, die ursächlich für die Antriebslosigkeit ist. Hier wäre in jedem Fall die Konsultation eines Neurologen/Psychiaters angebracht, denn auf (Alters)Depressionen kann man medikamentös positiv einwirken.

Eine neue Umgebung scheint mir durchaus eine Überlegung wert zu sein, zumal dann, wenn die jetzige Wohnung mit so viel z.T. negativen Erinnerungen besetzt ist. Das ginge allerdings nur mit dem Einverständnis der Mutter.
Eine Beantragung von unterstützenden Leistungen (wenn schon kein Pflegegrad, so doch zumindest Leistungen nach § 45 (niedrigschwellige Hilfen, Haushaltshilfen) kann zumindest nicht schaden.
Parralel können Sie auch eine Beratung bei einem Pflegestützpunkt in Anspruch nehmen. ie Mitarbeiter dort sind mit ähnlichen Situationen sicher vertraut.
Alles Gute dabei wünscht Ihnen

Klaus-W. Pawletko

06.10.2019 | 13:13
Teuteburger

Hallo Yvonne,

ich schließe mich meinen beiden Vorrednern an, möchte aber noch etwas von meinen Erfahrungen beisteuern.

Wenn etwas aus dem Ruder läuft und man mit guten Hilfsversuchen gegen Wände läuft, dann kann es hilfreich sein, eine Seniorenberaterin einzuladen. Bei uns in der Stadt gibt es einen entsprechenden Service. Das hat mir damals gut geholfen, um irgendeinen Anpack zu bekommen. Die Seniorenberaterin kam in die Wohnung meiner Schwiegermutter und sie hat sich die ganze Zeit nur mit ihr unterhalten. Ab und zu habe ich auch etwas gesagt, aber es ging halt um meine Schwiegermutter.
Danach hat die Seniorenberaterin mir erste Tipps und Hilfestellungen gegeben und ich habe erstmals etwas besser handeln können als vorher. Sehr viel weiter, hat mir auch die Beratung in einem Demenzzentrum geholfen. Ich wäre sonst, ehrlich gesagt, verzweifelt. Ich bin auch heute noch öfters verzweifelt, weil die seelische Belastung und Hilfeverweigerung leider nicht verschwinden. Man kann nur den Umgang damit in sich selbst verbessern. Das braucht aber Zeit.

Ich habe bei meiner Schwiegermutter angefangen zu putzen, während sie nicht anwesend gewesen ist. Anfangs hat jeder von uns so getan, als wäre das nicht der Fall, bis sie mich dann sozusagen erwischt hat. Und dann habe ich ihr liebevoll gesagt, dass das keine Mühe kostet, sie ja eine sehr ordentliche Person ist usw. Wenn Sie eine Schwester haben, dann könnte einer mit der Mama etwas unternehmen und der andere macht in der Zeit sauber und das dann regelmäßig. So handhabe ich das auch heute noch. Es ist immer eine zweite Person da, bei uns vom Seniorendienst und ich putze. Unterhaltung lässt meine Schwiegermutter von anderen zu, aber keine Putzleistung ect. Sie macht ja keinen Dreck usw.

Ich wünsche Ihnen, dass sie eine gute Lösung für alle Beteiligten finden.



07.10.2019 | 09:05
martinhamborg

Hallo Yvonne73, zu den vielen Gedanken und Erfahrungen möchte ich noch einen Aspekt beifügen: Je stärker die Vergesslichkeit oder die Ausfälle werden und je weiter die Trauerarbeit in die Depression verrückt, desto wichtiger ist die gemeinsame Strategie mit Ihrer Schwester. Dabei können die unterschiedlichen Haltungen zu dem Problem sogar hilfreich sein, denn auch in Ihrer Mutter "streiten" sich vermutlich unterschiedliche Anteile. Wenn Sie sich im Ziel mit Ihrer Schwester einigen, können Sie die unterschiedlichen Rollen im Sinne einer "good/bad cop Taktik" anwenden.
Wenn sich Ihre Schwester bei Ihrer Mutter unbeliebt machen kann und provoziert, können Sie die andere Rolle übernehmen und empathisch in Richtung Trost und Einsicht handeln.
Ziel ist die freie Entscheidung Ihrer Mutter Hilfe anzunehmen oder sich für ein neues unbelastetes Zuhause zu entscheiden.
Zwei Dinge sollten Sie berücksichtigen: Um einen ausreichenden Pflegegrad zu bekommen, müssen Sie sich gut vorbereiten. Begutachtende haben manachmal eine andere Vorstellung der bestehenden Selbständigkeit unter dem Aspekt des "Rechtes auf Verwahrlosung". Auch für die meisten Betreuungsrichter und sozialpsychiatrischen Dienste steht das Selbstbestimmungsrecht an allererster Stelle. Ein Abschieben in ein Heim ist gegen den Willen fast nicht möglich und so wie Sie schreiben hat Ihre Mutter einen starken Willen, so stark, dass sie sich selbst im Wege steht...
Schreiben Sie uns wie es weiter geht, Ihr Martin Hamborg

07.10.2019 | 10:25
Yvonne73

Ganz herzlichen Dank für all die hilfreichen Tipps und Gedanken!!

Tatsächlich habe ich mich mit meiner Schwester einigen können, so dass wir an einem Strang ziehen. Wir haben ein langes intensives Gespräch mit unserer Mutter geführt, in dem sie sich am Ende einverstanden erklärt hat, dass wir verschiedene Schritte gemeinsam gehen.

Einige Teilerfolge haben wir erzielen können - der Pflegedienst kommt 2x täglich tur Tablettengabe, Arztbesuche, Generalvollmacht beim Notar, Entmüllen der Garage (hier gab es schon Ärger mit dem Vermieter...).

Alles hat mich extrem viel Energie gekostet vor allem auch emotional anspruchsvoll. Unsere Mutter ist derzeit nur bockig, böse und haut auf alle Menschen um sich herum nur drauf... und derzeit ist sie auch nicht bereit, irgendwie weiter zu machen....ich habe echt viel Verständnis, doch im Moment ist das Maß voll. Es gab zu viele mehr als verletzende Szenen. Ich kann und will mich so nicht von ihr behandeln lassen, und muss wirklich nach mir schauen. so dass derzeit völliger Stillstand herrscht.

Aber vielleicht braucht es auch das mal...

Auf jeden Fall bin ich sehr dankbar, mich in diesem Forum aufgehoben und verstanden zu fühlen. Danke

13.10.2019 | 10:53
martinhamborg

Hallo Yvonne73, es freut mich sehr, dass Sie so weit gekommen sind, wenn sich Ihre Mutter jetzt nicht besonders erwachsen verhält, ist es m.E. nicht besonders besorgniserregend oder?
Ihr Martin Hamborg



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