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Ratgeberforum "Kommunikation und Konflikte"

Bild: Ratgeberforum "Kommunikation und Konflikte" Im Laufe einer Demenz ändern sich Kommunikationsfähigkeit und Verhaltensweisen. Das ist für alle Beteiligten oft belastend. Der Wegweiser Demenz hat zwei Experten auf diesem Gebiet als Moderatoren für das Internetforum gewonnen: Jochen Gust hat als Altenpfleger Menschen mit Demenz betreut. Heute schult er unter anderem Klinikpersonal im Umgang mit Demenzkranken, berät Angehörige und schreibt Bücher. Dr. Svenja Sachweh bietet Kommunikationstrainings für Pflegepersonen an und ist Autorin diverser Lehr- und Ratgeberbücher zur Verständigung mit Demenzkranken.

Autor Traurigkeit oder Depression?
11.09.2019 | 10:44
FridaB

Hallo!
Ich habe vor ein paar Tagen das erste mal in diesem Forum geschrieben und berichtet, dass meine Mama eine starke motorische Unruhe mit stereotypen Handlungen (stundenlanges polieren ihrer Fingernägel beispielweise) entwickelt hat. Nun kommt noch dazu, dass sie in den letzten Tagen ständig traurig ist, sie sitzt einfach nur da und weint. Wenn ich sie frage, warum sie weint, sagt sie nur "na weil ich doch immer, na darum, weil ich muss das doch immer machen, ich kann nicht mehr..." und solche zusammenhanglose Dinge und starrt dabei traurig vor sich hin. Ich nehme sie dann immer in den Arm und tröste sie, sag ihr auch sie solle ruhig auch mal weinen wenn sie traurig ist, aber jetzt bin ich ja da und wir haben uns und wir halten alle zusammen und kümmern uns umeinander. Dann bekomme ich sie ganz gut getröstet. Allerdings kann das mein Vater, der ja die meiste Zeit mit ihr alleine ist, nicht in dem Maß leisten, was ja verständlich ist. Er ist 86 und ich bin dankbar, dass er die Betreuung und Pflege überhaupt noch so gut schafft.
Meine Frage: Ist das jetzt eine neue Phase der Erkrankung oder kann dahinter auch eine Art Depression stecken? Meine Mama war auch schon vor ihrer Erkrankung gern mal weinerlich. Nun ist es natürlich um einiges schwieriger, sie aus dieser Situation herauszuholen, da man nicht auf einen konkreten Anlass ihrer Traurigkeit reagieren kann.
Hat jemand Tipps für mich?

11.09.2019 | 11:15
jochengust

Hallo FridaB,

<< Ist das jetzt eine neue Phase der Erkrankung oder kann dahinter auch eine Art Depression stecken?>>

je nach Untersuchung geht man davon aus, dass etwa die Hälfte aller von einer Demenz betroffenen Personen auch unter einer Depression leiden. Das wird aus der Ferne aus einem Forum heraus jedoch nicht zu beurteilen sein, sondern es ist ratsam den behandelnden Arzt zu informieren wenn der Zustand anhaltend ist. Wenn Sie nicht auf den Grund des Weinens kommen können aufgrund der Einschränkungen, bleibt häufig neben dem Versuch des tröstens nur der Versuch, abzulenken und den Fokus auf etwas anderes zu lenken.
Auch hier im Wegweiser finden Sie Informationen zum Thema Demenz und Depression: https://www.wegweiser-demenz.de/informationen/informationen-fuer-fachkraefte/krankenhaus/erkennen-und-umgang-mit-problemen/demenz-und-depression.html

Es grüßt Sie

Jochen Gust

11.09.2019 | 11:15
svenjasachweh

Hallo FridaB,
ja, es ist gut möglich, dass Ihre Mutter wegen der vielen schwer zu verkraftenden Veränderungen auch depressiv ist! In ihren lichteren Momenten wird sie ein Bewusstsein dafür haben, was mit ihr passiert, und das geht ihr sicher wie jedem anderen Menschen an die Substanz. Sehr vielen Betroffenen geht es so, und leider werden nicht alle daraufhin untersucht, bzw. bei einer entsprechenden Diagnose mit Antidepressiva behandelt. Zwar ist eine antidepressive Medikation meines Wissens nicht in jedem Fall angezeigt - einen Fachmann (Neurologen) draufschauen zu lassen wäre trotzdem anzuraten; und wenn es auch nur den Effekt hat, dass Sie ein gutes Gewissen haben können, alles versucht zu haben, um die Lebensqualität Ihrer Mutter zu verbessern.
Ihren Schilderungen nach schaffen Sie es ja, Ihre Mutter in solchen Phasen gut abzuholen und zu trösten. Ich denke, es ist wichtig für sie, dass Sie da sind, die Traurigkeit, das Leid mit ihr für eine Weile aushalten - nicht, dass Sie eine Lösung herbeizaubern können. Genau so, wie man ein Baby durch Nähe, Streicheln, Wiegen tröstet, bei dem man auch selten genau weiß, warum es weint.
Ablenkung kann im Übrigen auch bei großer Traurigkeit mal helfen - mag Ihre Mutter kleine Kinder? Dann machen Sie doch einen Spaziergang zu einem Spielplatz. Liebt sie Tiere? Dann gibt es vielleicht einen Ort, wo sie welche beobachten kann. Ist sie früher in ihrer Mutterrolle aufgegangen, und war sie eine viel gefragte Ratgeberin und Trösterin in Sachen Erziehung oder Partnerschaft (oder Gartenarbeit oder Kochen oder...) für Sie? Dann fällt Ihnen vielleicht ein, nach was Sie Ihre Mutter versuchsweise mal fragen könnten, um Ihnen (!) zu helfen. Manchmal funktioniert es, wenn wir die Erkrankten in ihren alten Rollen, in ihrer Erwachsenen-Identität ansprechen und abholen.

Ich drücke Ihnen die Daumen!
S. Sachweh

11.09.2019 | 11:41
FridaB

Ganz herzlichen Dank für die schnellen Antworten. Ich fühle mich bekräftigt, dass ich nicht das Falsche tue. Mir zerbricht es am meisten das Herz, wenn ich sie leiden sehe und ich das Gefühl habe, ihr nicht helfen zu können. Wir hatten Phasen vor ihrer medikamentösen Einstellung, wo sie stundenlang geschrien und geweint hat, weil wir ihr nicht gesagt hätten, dass ihre Mama gestorben wäre und sie deshalb nicht zur Beerdigung konnte. Natürlich alles Quatsch, aber diese Trauer hat sie ja in dem Moment trotzdem gespürt, für sie war es real.



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