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Ratgeberforum "Wohnen, Betreuung und Pflege"

Bild: Ratgeberforum "Wohnen, Betreuung und Pflege" Unter welchen Voraussetzungen können Demenzkranke in den eigenen vier Wänden leben? Wann ist ein Pflegeheim, eine Demenz-WG oder betreutes Wohnen angesagt? Zwei Experten auf diesem Gebiet moderieren das Internetforum "Wohnen, Betreuung und Pflege". Martin Hamborg engagiert sich seit 1998 im Vorstand der Deutschen Expertengruppe Dementenbetreuung und kennt sich mit Pflegeheimen und Einrichtungen des Betreuten Wohnens aus. Klaus-W. Pawletko, Geschäftsführer des Vereins "Freunde alter Menschen", ist auf Demenz-Wohngemeinschaften und die ambulante Versorgung Betroffener spezialisiert.

Autor Pflege wird abgelehnt
11.09.2019 | 10:52
Igelchen

Mein Schwiegervater (89) lebte 11 Jahre lang in einer kleinen Wohnung (betreutes Wohnen). Dort bestand er anfangs darauf, dass er den kompletten Haushalt selbst führen könne. Lediglich das 14tägige Reinigen der Wohnung durch eine Reinigungskraft ließ er zu (Böden und Bad). Er kochte sich sein Mittagessen, kaufte ein und war auch ein recht geselliger Mensch, der mit seinen Nachbarn im Haus gut auskam.
Wir trafen uns regelmäßig, ca. einmal die Woche anfangs, dann kamen immer wieder Ausreden, dass er keine Zeit habe, er sei anderweitig verabredet...es gab für uns keinen Anlasse, das anzuzweifeln, da er ja auch laut Aussage des Pflegedienstes, der dort täglich einmal bei jedem Bewohner nach dem Rechten sieht, auch wirklich ziemlich viele Kontakte hatte.
Vor ca. 6 Jahren veränderte sich das allmählich. Teilweise bekamen wir ihn wochenlang gar nicht mehr zu Gesicht, allenfalls kurze Telefonate wurden noch geführt (von uns aus, er selbst hat NIE irgendwo angerufen).
Seine Schwestern, die weiter weg wohnten, bekamen ihn nicht mal mehr ans Telefon. Falls doch, war er immer sehr kurz angebunden und die Telefonate wurden seinerseits nach maximal 2 Minuten abgebrochen.
Wir haben immer mal wieder gefragt, ob denn alles in Ordnung sei, ihm irgendwas fehle - die einzige Antwort, die wir bekamen: "Mir fehlt nichts."
Vor ca. 5 Jahren hatte er dann bei einem Treffen auffällig dicke Füße , seinen linken Arm kann er seitdem nicht mehr richtig bewegen und auch sonst war er sehr wackelig auf den Beinen. Die Kleidung war ab diesem Zeitpunkt öfter schmutzig, er wirkte insgesamt ungepflegter. Aber auch da weigerte er sich rundheraus, einen Arzt aufzusuchen, oder irgendwelche Hilfe (Waschen, Einkaufen, etc.) in Anspruck zu nehmen.
Vor 4 Jahren etwa haben wir, da uns das alles wirklich sehr komisch vorkam, bei seinem Hausarzt nachgefragt, der ihn vor Jahren noch wegen Arthrose behandelte und wo er auch immer hinmusste, um seine Medikamente zu bekommen. Dieser durfte uns natürlich nicht wirklich Auskünfte geben, was er aber sagen konnte: Mein Schwiegervater war seit 2008 (!) nicht mehr bei ihm gewesen und er habe ihn aus der Kartei rausgenommen, da er dachte, er sei verstorben oder weggezogen.
Das war natürlich ein Schock, damit konfrontiert, sagte mein Schwiegervater aber, er müsse nicht zum Arzt, es ginge ihm gut. Nur das Knie täte manchmal weh und der Rücken auch, aber sonst...
Der Kontakt bröckelte immer mehr, er kam nicht zu Geburtstagsessen (keine Lust, vergessen, hab was anderes zu tun) der Kinder, war maximal alle 6 Wochen noch zu einem kurzen Treffen zu überreden.
2017 informierte uns die Pflegedienstleitung, dass er offenbar schon öfter erwischt wurde, wie er in den Hausflur oder den Aufzug urinierte, auch Wohnungstüren der Mitbewohner seien schon nass gewesen. Darauf von meinem Mann angesprochen, wies er die Vorwürfe scharf zurück. Seine Wohnung und auch seine Kleidung wiesen allerdings schon damals Uringeruch auf.
Nachdem uns die Pflegedienstleistung erklärte, dass es auch das Recht auf Verwahrlosung gäbe, resignierten wir erst, haben dann aber zugestimmt, einen Pflegegrad zu beantragen. Zu diesem Zeitpunkt gab es aber weder Vorsorgevollmacht noch Patientenverfügung, so dass der MDK weder meinen Mann noch den Pflegedienst über die Begutachtung informierte. Der Pflegegrad wurde dann auch abgelehnt, da Schwiegervater den Gutachter schon an der Wohnungstür abwies - er wisse nicht, wer den Antrag gestellt habe (dabei hatte am Vortag der Antragstellung noch ein Gespräch mit ihm stattgefunden).
Wir waren mit den Nerven mittlerweile auch am Ende und resignierten ein Stück weit, bis wir Anfang diesen Jahres nochmal einen Versuch wagten. Nach eingehenden Gesprächen mit meinem Schwiegervater und der Pflegedienstleitung, der Pflegeberatungsstelle, etc., hat mein Mann schweren Herzens die gesetzliche Betreuung für seinen Vater angeregt und auch übertragen bekommen.
Der Einrichtungsträger machte Druck, dass er aus seiner Wohnung ausziehen müsste, da es auch für die Nachbarn nicht mehr zumutbar sei und sie schon über eine Kündigung nachdenken müssten (!).
Er ist dann beim gleichen Träger (es musste ja schnell gehen) in eine Demenz-Wohngemeinschaft zum 01.08. eingezogen. In der alten Wohnung haben wir alle Möbel entsorgen müssen, fast die komplette Kleidung musste weg (Geruchsbelastung, Flecken, Schimmel, kaputt,...). Wir haben 4 Tage lang tatsächlich die Wohnung (42 qm) geschrubbt, und dennoch war die Geruchsbelastung so enorm. Das war wirklich ganz schlimm für uns und hat uns bis an unsere Grenzen gebracht.
Im Zuge dieser Aktion ist dann auch das ganze Ausmaß der Harn- und Stuhlinkontinenz herausgekommen. Ich mag gar nicht weiter vertiefen, aber ich hatte es mir nicht vorstellen können - bis ich es gesehen habe.

Lange Geschichte vorab, aber nun lebt er seit 6 Wochen in der WG und seit letzter Woche hat er auch den Pflegegrad 3 zugesprochen bekommen. Der Pflegedienst muss täglich das Bett beziehen, da er sich immer noch schlichtweg weigert, Inkontinenzprodukte zu verwenden. Hilfe bei der Körperpflege lehnt er weiterhin freundlich lächelnd ab, die Kleidung gibt er nicht in den Wäschekorb, so dass diese auch nicht gewaschen wird. Der Pflegedienst teilte uns auf Nachfrage mit, dass man das alles nicht übers Knie brechen dürfe, sie könnten ihm nur die Körperpflege und den Wäschedienst anbieten, er müsse es aber von sich aus wollen. Auf gar keinen Fall sollen wir auf ihn einwirken und ihn zu irgendwas zwingen, das würde nur das Vertrauensverhältnis schädigen.

Wir sind mit unserem Latein am Ende. Wenn das so weitergeht, laufen wir sehenden Auges in die gleiche Situation wie vorher. Heute früh wollte ich ihn kurz besuchen, er saß noch beim Frühstück und ich bin einfach in sein Zimmer gegangen, um nach dem Rechten zu sehen. Dort sah ich ein noch nicht gemachtes Bett mit einer Vorlage drin, die dringend gewechselt werden müsste. Das Zimmer stank nach Urin, über seinem Sessel hing eine Jogginghose, die offensichtlich nass war, denn darunter befanden sich Flecken auf dem Laminatboden.

Schockiert über diese Eindrücke habe ich die Einrichtung sofort verlassen.

Was sollen wir tun? Wir sind mit den Kräften langsam wirklich am Ende, kommen nicht weiter. Die Situation ist wirklich sehr belastend für uns.

Nachtrag: Die Pflegedienstleitung hat von sich aus im Frühjahr einen Psychiater eingeschaltet, welcher eine Demenz diagnostizierte. Völlig unabhängig davon, dass wir natürlich froh sind, mal eine fachkompetente Diagnose zu haben - darf der Pflegedienst das?

[Dieser Beitrag wurde 1mal bearbeitet, zuletzt am 11.09.2019 um 11:59.]

11.09.2019 | 14:56
klauspawletko

Hallo Igelchen,
um einmal hinten anzufangen: Der Pflegedienst muss Sie natürlich informieren, wenn er Ihren Schwiegervater bei einem Psychiater vorführt. Ich nehme doch an, dass Ihr Mann auch die Gesundheitsfürsorge im Rahmen der rechtlichen Betreuung übertragen bekommen hat.
Was das Verhalten des Pflegedienstes hinsichtlich der Inkontinenz anbelangt, so bin ich irritiert, dass ihm außer "laisser-faire" nichts anderes einfällt. Ausser Toilettentraining - wofür es wahrscheinlich schon zu spät ist - kommen zumindest intelligente Inkontinenzprodukte in Frage, die man ausprobieren könnte (Windelhosen, Netzhosen mit Einlagen etc.).
Was auch immer der Pflegedienst plant: Er muss den rechtlichen Betreuer (also Ihren Mann) mit einbeziehen und die Maßnahmen mit ihm absprechen.
Ebenso könnte man versuchen, eine Begründung für die Inkontinenzmittel anzuführen, die nicht diskriminierend auf Ihren Schwiegervater wirkt. Zum Beispiel eine (vorübergehende) Krankheit, die es notwendig macht und Ihrem Schwiegervater ermöglicht, die Inkontinenz nicht als - peinliches - Versagen zu begreifen.
Auch die zuständige Krankenkasse des Schwiegervaters kann ein Ansprechpartner sein, wenn es um die Bewältigung des Problems geht.
In jedem Fall sollten Sie darauf bestehen, dass der Pflegedienst eine - wie auch immer geartete - Strategie mit Ihnen abspricht.
Viel Erfolg dabei wünscht Ihnen

Klaus-W. Pawletko

11.09.2019 | 15:24
Igelchen

Vielen Dank für Ihre schnelle Antwort. Ja, mein Mann hat natürlich auch die Gesundheitsfürsorge übertragen bekommen. Der Pflegedienst zieht sich immer auf die Position zurück, dass sie meinen Schwiegervater nicht zwingen können, derlei Produkte zu verwenden. Das sei sein persönlicher Intimbereich und da dürfe man ihn nicht zwingen.
Vom Grundsatz her natürlich ein guter Vorsatz und natürlich soll niemand gezwungen werden, allerdings kommen sie ja so auch nicht weiter.

Er ist auch meinem Mann gegenüber nicht zugänglich für dieses Thema und besteht darauf, dass er nicht inkontinent ist. Und so lange er das frei und mit Nachdruck weiterhin äußert, kann man laut Aussage des Pflegedienstes nichts machen. Auch der gesetzliche Betreuer könne da nichts machen, da ja keine Gefahr für ihn oder andere bestünde. Und ja "laissez-faire" scheint ihr Ansatz zu sein. Auf Rückfragen, wie das weiterginge, wenn er sich über Monate und Jahre verweigere, sagte man uns, dass das dann eben so sei.

Ist das wirklich so? Wir überlegen, die Heimaufsicht zu informieren, aber wenn der Pflegedienst tatsächlich nach geltendem Recht handelt, bringt das ja auch nichts außer böses Blut.

Freundliche Grüße

18.09.2019 | 07:19
martinhamborg

Hallo Igelchen, das was Sie gerade durchmachen, ist kaum zu ertragen. Ihr Schwiegervater hat sich in eine absolut unwürdige Situation verrannt. Zwar hilft ihm die Demenz, die Tragweite zu vergessen, aber wir erleben häufiger, dass eigentlich im Inneren Scham die treibende Kraft ist. In dieser Phase hilft oft nur konsequente Schadensbegrenzung, Vertrauensaufbau um den Zugang zu ihm zu halten und Kontinenztraining, dh. Erinnerung an die Toilettengänge und Begleitung.
Eine Zwangsbehandlung ist auch rein praktisch unmöglich. Er würde vermutlich seine Vorlagen schnell wieder entfernen oder einen Katheter ziehen, wenn all dies gegen seinen Willen und möglicherweise mit Streit, Aggressionen oder Resignation durchgeführt werden würde. Die Folge wäre, dass jedes Vertrauen zerstört wird und eine menschenunwürdige Situation durch eine andere ersetzt wird. Ein großes Dilemma für alle Beteiligten.

Es ist für alle schwierig auszuhalten und diese gemeinsame Erkenntnis führt vielleicht zu einem gemeinsamen geduldigen Weg. Deshalb führt die Frage "Darf der Pflegedienst das?" nur in sofern weiter, dass mit einem Fehler in ausweglosen und verzweifelten Situationen eine gemeinsame Haltung mit unterschiedlichen Rollen vereinbart werden kann.

Manchmal gibt es den richtigen Moment für den Zugang. Die Formulierungen "Darf ich Dir etwas sehr unangenehmes sagen... oder es ist gut wenn man Freunde hat, die sich trauen, einem auch etwas Schwieriges zu sagen" ... helfen manchmal, die Türen zu öffnen.
Eine Alternative ist eine zeitweise völlig andere Umgebung in der konsequent ein anderes Verhalten selbstverständlich ist. Das kann eine psychiatrischen Klinik mit klaren Strukturen sein. Ob ein Medikament wie z.B. Risperidon, ein Neuroleptika, den inneren Druck Ihres Schwiegervaters nimmt, ist schwer zu sagen. Seine Rolle in dieser Umgebung ist ja schon fest eingespielt, sodass es vermutlich nicht ausreicht, Hilfe anzunehmen.

Hoffentlich behalten Sie (alle) den langen Atem, was angesichts der Situation kaum auszuhalten ist...
Viel Kraft Ihr Martin Hamborg



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