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Ratgeberforum "Kommunikation und Konflikte"

Bild: Ratgeberforum "Kommunikation und Konflikte" Im Laufe einer Demenz ändern sich Kommunikationsfähigkeit und Verhaltensweisen. Das ist für alle Beteiligten oft belastend. Der Wegweiser Demenz hat zwei Experten auf diesem Gebiet als Moderatoren für das Internetforum gewonnen: Jochen Gust hat als Altenpfleger Menschen mit Demenz betreut. Heute schult er unter anderem Klinikpersonal im Umgang mit Demenzkranken, berät Angehörige und schreibt Bücher. Dr. Svenja Sachweh bietet Kommunikationstrainings für Pflegepersonen an und ist Autorin diverser Lehr- und Ratgeberbücher zur Verständigung mit Demenzkranken.

Autor "Egoistisch", sagt die Nachbarin
08.10.2019 | 10:18
sarahf

Liebe Betroffene,

Wie geht Ihr mit Nachbarn und Freunden um? Wie an anderer Stelle schon beschrieben wohne ich im Ausland. Gerade bin ich wieder fuer ein paar Wochen bei meiner Mutter. Das Heim sagt, dass sie guten Mutes sind, dass meine Mutter bald einziehen kann. Mir graut es ja davor, was auf mich zukommt, emotional und so weiter. Und ich arbeite mich langsam in die Materie vor.

Was mich besonders geschockt hat, war das Verhalten von einigen Bekannten aus dem Ort. Soeben klingelte es, ich laufe runter zur Haustuer, mache die Tuer auf, und eine Bekannte aus dem Ort steht vor mir. Sie schaut mich an als waere ich der leibhaftige Teufel, und laeuft weg ohne ein Wort zu sagen. Ich frage meine Mutter (ihr geht es heute gut) was denn los sei? Und sie sagt: Frau M meint ich sei egoistisch, nicht nett, und solle hier herkommen und meine Mutter pflegen statt sie in ein Heim abzuschieben. Ich bin wirklich sprachlos. Zumal man sich ja denken koennte, dass die Situation fuer mich/uns auch nicht leicht ist. Wie geht Ihr damit um?

So etwas macht mich einfach nur sprachlos und wuetend. Sie kann ja gerne herkommen und sich mit meiner Mutter ueber die angeblichen Blutlachen im Haus unterhalten und mit ihr versuchen spazieren zu gehen (ein fast unmoegliches Unterfangen).

08.10.2019 | 11:46
Hühnchen

Liebe sarahf,
letzte Konsequenz aus eigener Erfahrung: Ignorieren!
Gerade die ältere Generation geht davon aus, dass sich Kinder insb. die Töchter um die Eltern zu kümmern haben, weil es früher halt so üblich war, dass alle unter einem Dach gewohnt haben. Sicher wäre das heute auch noch wünschenswert und in vielen Fällen eine win-win-Situation, aber die Zeiten haben sich geändert. Das heißt aber ja nicht, dass man sich nicht kümmert oder sich Gedanken um den Angehörigen macht, vielleicht noch mehr, als wenn man zusammen unter einem Dach leben würde.
Nicht betroffene Außenstehende können das nicht nachvollziehen. Im nahen Umfeld würde ich noch das Gespräch suchen. Wenn das nichts bringt, bleibt nur ignorieren. Es kostet zu viel Energie, sich auch noch mit solchen Leuten bzw. solchen Kommentaren auseinander zu setzen. Energie die man für andere Sachen braucht, es wird im Laufe der Zeit ja leider nicht einfacher. Und es wird auch leider immer Leute geben, die kein Verständnis haben oder was zu meckern finden. Man kann es nicht jedem Recht machen. Lassen Sie also solche Vorwürfe erst gar nicht an sich heran.
Wünsche Ihnen und Ihrer Mutter für die Zukunft alles Gute, ein dickes Fell und starke Nerven
Liebe Grüße von Hühnchen

08.10.2019 | 22:57
Barbara66

Hallo sarahf,
Wir beide haben uns auch schon mal ausgetauscht.
Unfassbar,was sich manche Menschen herausnehmen.
Was ist dieses Schreckgespenst "DEMENZ" für eine enorme Belastung für die Angehörigen.
Was müssen wir Angehörigen alles aushalten.
Zuzusehen, wie der geliebte Mensch immer mehr ein anderer wird - verwirrt,hilflos,auch aggressiv.
Hier stößt man ganz schnell an seine Grenzen.
Was sitze ich oft hier und heule und weiß oft nicht mehr weiter.
Ich finde es absolut in Ordnung,wenn jemand sich für diesen Schritt,den Demenzkranken in ein Heim zu geben,entscheidet.
Alles Gute für Dich
Barbara
Noch was zum Nachdenken für kopflose Nachbarn!:
WENN DU VOR MIR STEHST UND MICH ANSIEHST, WAS WEISST DU VON DEN SCHMERZEN, DIE IN MIR SIND UND WAS WEISS ICH VON DEINEN.
UND WENN ICH MICH VOR DIR NIEDERWERFEN WUERDE,UND WEINEN UND ERZÄHLEN, WAS WUESSTEST DU VON MIR MEHR ALS VON DER HÖLLE, WENN DIR JEMAND ERZÄHLT, SIE IST HEISS UND FUERCHTERLICH.
Schon darum sollten wir Menschen voreinander so ehrfürchtig, so nachdenklich (....)stehen,wie vor dem Eingang zur Hölle.

09.10.2019 | 08:10
Jutta60

Hallo Sarah,
Barbara und Hühnchen haben es ja schon ausführlich geschrieben: auf fremde Meinungen nichts geben und sich nicht beirren lassen. Viele Menschen sagen solche Dinge, weil sie selbst Angst haben. Sie spiegeln Ihnen ihre eigenen Befürchtungen für ihr Alter. Verurteilen darf Sie niemand, beurteilen nur jemand, der einmal in Ihren Schuhen gegangen ist. Die meisten Menschen wissen nicht, was Demenz bedeutet.
Ich habe das auch so erlebt, aber auch Verständnis und echte Hilfe. Spannend wurde die Sache aber dann, als meine Mutter (Lewy-Körper-Demenz) plötzlich auf der Seite dieser Leute stand. Wir hatten in gesunden Zeiten ausgemacht, dass ich sie nicht selbst pflegen werde (weil weit weg, Arbeit usw.). Plötzlich bekam ich Vorwürfe zu hören von meiner Mutter, Worte wie "abschieben", "nicht kümmern" usw.. Das tat sehr weh. Zusätzlich fragte sie auch nicht mehr mich um Rat, Hilfe, whatever wie immer sonst, sondern die Nachbarn. Die dann natürlich bestärkt in der Meinung waren, dass ich eine ganz schlechte Tochter bin, die nicht mal eine Glühbirne wechselt und ihre Mutter im Stich lässt. Das war eine schlimme Zeit. Ich wünsche Ihnen sehr, dass Ihre Mutter den erhofften Platz in einem guten Pflegeheim bekommt. Sie machen das richtig! Alles Gute für Sie und für Ihre Mutter

09.10.2019 | 13:48
sarahf

Liebe Alle

Vielen Dank fuer Eure Nachrichten! Es ist so gut nicht allein dazustehen. Ihr habt ja Recht. Ignorieren. Wer es nicht kennt, wird es nicht verstehen. Ich habe mich wieder beruhigt und freue mich an der netten Ergotherapeutin und den lieben Pflegerinnen, und an dem Nachbar der Waldpilze vorbei bringt und uns alles Gute wuenscht, und an den Freunden, die anrufen und mir zuhoeren und mir gute Buchtipps geben.

Die Nachbarin spricht natuerlich das an, was ich habe: ein schlechtes Gewissen. Wie schon in einem anderen Austausch beschrieben: das eigene Leben aufgeben geht ja auch nicht. Und nur Menschen, die es selbst erlebt haben, wissen, wie man da an seine Grenzen stoesst. Die naechtliche Angst, die Verzweiflung, Wahnvorstellungen, feststellen, dass selbst der Lieblingsspaziergang Angst einjagen kann, die Hoffnung, das es nochmal besser wird, die Arztbesuche, die Verwirrung ob der Medikamente ...

Meine Mutter schreibt fleissig ihre Packliste und ich sag ihr sie soll daran denken, wie es war als ich zum Studium ging. Was sie mir alles mitgegeben hat. So macht sie es auch: die Lieblingsdecke, die schoene Pflanze, die Teekanne, der Schrank ihrer Mutter, der Blumen- und Tierfuehrer, die Fotoalben, das Hochzeitsbild, ihre Kinderbilder.

So murkeln wir uns weiter durch die Tage.

Vielen Dank nochmals fuer den Beistand!!

09.10.2019 | 21:15
hanne63

Guten Abend an alle,
auch ich erlebe solche Nachbarn. Meine Eltern haben sich sogar mit einem Nachbarn gegen mich verbündet, mit dem sie zuvor Jahrzehnte zerstritten waren....alles, damit sie nicht so schnell in ein Heim kommen...und obendrein versucht der Nachbar mir ein schlechtes Gewissen zu machen...
Ich wohne ca 100 km entfernt....
Inzwischen versuche ich jedenfalls in Bezug auf mich selbst, die / den Nachbarn auf Abstand zu halten und ihnen Grenzen zu setzen...ich habe auch schon gesagt, dass sie sich einfach raushalten sollen....nutzt allerdings wenig....wenn die Eltern die Nachbarn wieder einschalten etc.....
Diese Nachbarn sind zumindest in einem Fall ebenfalls schon weit über 80 und vermutlich spielt auch da Demenz eine Rolle und die Angst vor der eigenen Zukunft.
Ich versuche nichts mehr an mich ran zu lassen.......

14.10.2019 | 09:03
Angehöriger

Hallo sarahf,

wenn Sie es mit Ignorieren hinbekommen und keine härteren Geschütze auffahren müssen, haben Sie es schon gut angetroffen.

Ich halte Juttas Erklärungsansatz für sehr plausibel, jedenfalls habe ich für mich dieselben Begründungen gefunden.

Das für mich Schlimmste daran war nicht die Dummheit bzw. Ignoranz der Nachbarschaft (denn dagegen hilft Aufklärung), sondern daß diese ganz gezielt jegliches aufklärende Gespräch mit mir und somit auch jede Informationsaufnahme ihrerseits verweigert hat, die zu einer objektiven Beurteilung der Gesamtsituation notwendig ist. Hinzu kam ein Intrigieren hinter meinem Rücken mit sehr negativen Konequenzen für uns.

Das heißt, das Verhalten der Nachbarschaft ist in unserem Falle rein emotional begründet und läßt alles Rationale vermissen. Extrem gefährlich!

Wenn Sie also "nur" über das Geschwätz hinweghören müssen, sind Sie schon gut dran.



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