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Ratgeberforum "Wohnen, Betreuung und Pflege"

Bild: Ratgeberforum "Wohnen, Betreuung und Pflege" Unter welchen Voraussetzungen können Demenzkranke in den eigenen vier Wänden leben? Wann ist ein Pflegeheim, eine Demenz-WG oder betreutes Wohnen angesagt? Zwei Experten auf diesem Gebiet moderieren das Internetforum "Wohnen, Betreuung und Pflege". Martin Hamborg engagiert sich seit 1998 im Vorstand der Deutschen Expertengruppe Dementenbetreuung und kennt sich mit Pflegeheimen und Einrichtungen des Betreuten Wohnens aus. Klaus-W. Pawletko, Geschäftsführer des Vereins "Freunde alter Menschen", ist auf Demenz-Wohngemeinschaften und die ambulante Versorgung Betroffener spezialisiert.

Autor Kommunikation im Altenheim
11.10.2019 | 22:57
Sabine57

Heute habe ich seit langem wieder einmal das Gefühl, dass mich die Situation kleinkriegt. Meine Mutter wurde gerade 93 und ist schon seit 6 Jahren in Heim-Pflege, einmal habe ich das Heim wechseln müssen, da ich dort wegen Abrechnung, Vorgehen gegen meine Mutter (Pflege will ich das nicht nennen) und Nachstellungen einzelner Pflegerinnen meines Lebens nicht mehr froh wurde. In dem neuen Heim wurde meine Mutter gut betreut, bis sie im März wegen ihrer Demenz von anderen Heimbewohnern regelrecht von ihrem Sitzplatz beim Essen vertrieben wurde und gegen mich eine regelrechte Treibjagd inszeniert wurde, die auch die Heimleitung nur schwer und erst jetzt (nach Wechsel der Heimleitung) in den Griff zu bekommen scheint. Von einzelnen Ausbrüchen einiger Aushilfs-Pflegekräfte über den Sommer hinweg ganz zu schweigen... Jetzt hat meine Mutter so eklatant abgenommen, dass wir bald nichts mehr tun können, sie wiegt nur noch 44 kg und hat kaum noch Verlangen nach Essen und Trinken. Diese Situation ist an sich schon schwer zu verkraften (ich bin selbst alleinlebend und kümmere mich sehr um meine Mutter). Was mich nervt, ist die Art und Weise wie mit der wohl finalen Verschlechterung ihres Zustands mir gegenüber umgegangen wird. Eine Pflegerin gibt mir den Tipp, das Essen sollte auf Vollkost umgestellt werden, die Pflegeleitung will, dass sich der Hausarzt zu einer Sonde äußert und der Hausarzt verschreibt Astronautenkost, die schon vorher abgesetzt wurde, weil es ihr nicht schmeckt. Es gibt jetzt Ärger um einen Rollstuhl, der mit hochschwenkbaren Fußstützen sein sollte, damit meine Mutter nicht buchstäblich den ganzen Tag auf den Knochen sitzen muss, sondern die Sitzposition verändert werden kann. Gibts aber nicht, stattdessen haben wir -- auch auf Anfrage bei Krankenkasse, Arzt und Sanitätshaus -- wieder nur einen Klepper hingestellt bekommen, der meine Mutter spätestens nach dem Mittagessen wieder ins Bett zwingt.
Vielleicht erscheint das gegenüber den anderen Problemen hier im Forum als Lappalie, aber ich hatte heute sowas von genug, dass ich nicht nur die zunehmende Verwirrung meiner Mutter nicht mehr durch liebevolle Zuwendung irgendwie auffangen kann -- sie hatte heute keinen einzigen lichten Moment, der mich sonst immer noch gestützt hat -- sondern dass wir auch zunehmend immer mehr ausgeschlossen sind. Zuletzt bin ich mit meiner Mutter regelmäßig für Eis und Kaffee im hauseigenen Restaurant gewesen, was sie selbst jetzt noch anspricht und wo sie ohne weiteres Zögern Nahrung aufnimmt. Das wurde aber dadurch erschwert, dass eine unfähige Bedienung eingestellt wurde, die das Altenheim für ein normales Café hält und Bewohner des Heims, die mit Rollstuhl kommen, geringschätzig behandelt. Also habe ich selbst Kaffee, Eis und Kuchen angeschleppt und wir haben auf dem Zimmer gegessen, was natürlich nicht dasselbe ist. Auch wenn sich jetzt auf den letzten Metern die Situation auf immer kleinere Kreise verengt, muss es denn so sein, dass wir uns immer mehr zurückdrängen lassen müssen? Dieser Zwei-Fronten-Krieg -- die zunehmende Einschränkung meiner Mutter und die an uns herangetragenen zusätzlichen Belastungen in Form ständiger Auseinandersetzungen -- machen mich langsam mürbe, zumal ich auch niemanden zum Reden habe... Soll ich jetzt einfach aufgeben, weil meine Mutter den Winter wohl nicht schafft und es allen lieber ist, wenn wir irgendwo in einer Ecke verschwinden? Und wo nehme ich die Kraft her, für meine Mutter da zu sein und mich dabei ständig gegen die Gleichgültigkeit von außen zumindest abzuschirmen?

[Dieser Beitrag wurde 1mal bearbeitet, zuletzt am 11.10.2019 um 23:01.]

12.10.2019 | 08:14
hanne63

Guten Morgen Sabine57,
ich kann mich gut in Sie hineindenken, weil ich teilweise ähnliches erlebe (Mutter im Heim, Vater noch zu Hause), auch wenn ich eine eher distanzierte Beziehung zu den Eltern habe.
Es tut einfach weh, zu sehen, wie manchmal gedankenlos mit Pflegebedürftigen und/oder Angehörigen umgegangen wird, auch wenn mir der Pflegenotstand bekannt ist und meist alles damit erklärt wird.

Ich habe auch leider die Erfahrung machen müssen, dass meine Bemühungen um Verbesserung die Situation noch verschlechtert haben und/oder man versuchte mich zu demütigen, damit ich Ruhe gebe.

Ich habe inzwischen das Kämpfen aufgegeben, damit ich mich auf die Eltern konzentrieren kann und mich nicht "unnötig" verstricke und selbst aufreibe.

Ich bin ebenfalls alleinstehend und muß alles mit mir selbst ausmachen. Da treffen einen solche Auseinandersetzungen mit Heimen etc. doppelt und dreifach...das kenne ich gut...evtl wird das sogar von den anderen ausgenutzt...ich halte inzwischen alles für möglich.

Falls ihre Mutter eine Patientenverfügung hat, sollten sie unbedingt auf die Einhaltung der Verfügung achten....damit helfen Sie Ihrer Mutter schon sehr sehr viel....

Viel Kraft und viele Grüße



[Dieser Beitrag wurde 1mal bearbeitet, zuletzt am 12.10.2019 um 08:17.]

12.10.2019 | 10:11
Sabine57

Liebe Hanne63,

vielen Dank für den Trost. Gestern war wirklich das Maß aller Dinge erreicht... ich will noch nicht aufgeben, aber ich muss mir offenbar meine Kraft für die wirklich harten Fälle aufheben und sonst einteilen.
Beide Eltern allein zu versorgen stelle ich mir unglaublich schwer vor, wenn Sie eine distanzierte Beziehung zu ihnen haben, ist es vielleicht noch schwerer. Ich habe meinen Vater früh verloren und meine Mutter und ich waren immer Team, nicht immer, aber in harten Zeiten haben wir zusammengehalten. Jetzt stehe ich eben alleine im Ring und stecke ein und teile aus.
Ich werde an Sie denken und schicke Ihnen meine besten Wünsche.

13.10.2019 | 12:05
martinhamborg

Hallo Sabine57, das was Sie gerade erleben und durchstehen ist ganz sicher keine "Lappalie"! Oft erlebe ich, dass in der letzten Phase der Demenz das Essen abgelehnt wird. Manchmal steht dahinter der mutmaßliche Wille das Leben würdig zu verkürzen, indem der Mensch auf Essen und Trinken verzichtet. Aber viel häufiger ist es das falsche Essen. Was hält Sie und die Einrichtung davon ab, auf eine ausgewogene Ernährung zu verzichten und in den nächsten Monaten das zu geben, was ihr schmeckt? Es gibt Menschen, die schon Jahre nur mit den Kalorien einer Sahnetorte leben. Aber manchmal hilft es schon, wenn der Druck weg ist und sich der Mensch mit Demenz ganz allein für ein (vielleicht gesüßtes) Fleischgericht entscheiden kann.

Wenn Sie sich jetzt mit Ihrer Mutter immer mehr zurückziehen ist dies zum Einen die Folge, dass nach den vielen Vorkommnissen die "Chemie" zu den Mitbewohnern einfach nicht mehr stimmt. Das ist so wie im richtigen Leben. Wir machen aber häufig die Erfahrung, dass in der letzten Phase auch mehr innerer Rückzug nötig ist und einige Menschen mit Demenz aggressiv werden, weil es alles drumherum zu viel ist. Dabei werden die wertvollsten Beziehungen zu den Kindern und einigen Bezugspersonen immer wichtiger und eine Reizüberforderung gilt es möglichst zu vermeiden. Kann das auch bei Ihrer Mutter zutreffen?

Richtig schlimm ist das was Sie über den Rollstuhl schreiben. Es ist leider kein Einzelfall, wenn die Pflegekassen sehr sehr lange mit der Genehmigung und Lieferung von notwendigen Hilfsmitteln warten und damit stillschweigend die Entstehung von Druckgeschwüren in Kauf nehmen. Je mehr es in Richtung der palliativen Versorgung geht, in der es nicht mehr um die Mobilisierung sondern um eine möglichst schmerz- und belastungsfreie Pflege geht, - um so mehr wird dies eigentlich zu einem Skandal, der in der Öffentlichkeit keine Beachtung findet.
Vielleicht können Sie dies auch mit der Heimleitung besprechen und (mit einer Rechtschutzversicherung oder) über den Träger mit rechtlichen Mitteln vorgehen: Einspruch, die Einschaltung der Pflegeombudsstelle, der Heimaufsicht und wenn notwendig, auch eine einstweilige Verfügung oder Klage. Viele Menschen scheuen sich davor, weil die Situation sowieso schon absolut belastend ist. Das kann ich gut verstehen. Aber es gibt auch außerhalb der Pflege schwarze Schafe, für die es keine jährlichen Überprüfungen und öffentlichen Zensuren gibt.
Auf jeden Fall wünsche ich Ihrer Mutter alles Gute und Ihnen ganz viel Kraft, Ihr Martin Hamborg



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