Navigation und Service

Direkt zu:

Hauptmenü

Ratgeberforum "Kommunikation und Konflikte"

Bild: Ratgeberforum "Kommunikation und Konflikte" Im Laufe einer Demenz ändern sich Kommunikationsfähigkeit und Verhaltensweisen. Das ist für alle Beteiligten oft belastend. Der Wegweiser Demenz hat zwei Experten auf diesem Gebiet als Moderatoren für das Internetforum gewonnen: Jochen Gust hat als Altenpfleger Menschen mit Demenz betreut. Heute schult er unter anderem Klinikpersonal im Umgang mit Demenzkranken, berät Angehörige und schreibt Bücher. Dr. Svenja Sachweh bietet Kommunikationstrainings für Pflegepersonen an und ist Autorin diverser Lehr- und Ratgeberbücher zur Verständigung mit Demenzkranken.

Autor Seelenfrieden (finden)
14.10.2019 | 01:33
Angehöriger

Hallo in die Runde,

nach dem, was ich hier lese, haben viele dieselben Probleme wie ich und deshalb will ich kurz schildern, wie ich für mich zumindest einigermaßen meinen Seelenfrieden gefunden habe in einer ganz und gar nicht glücklich machenden Situation. Vielleicht hilft das ja der oder dem einen oder anderen, an ihrer bzw. seiner eigenen Einstellung zu arbeiten und dadurch besser mit der eigenen Situation zurecht zu kommen.

Meine Mutter ist zunehmend dement und sowohl jetzt wie auch schon früher leider überhaupt nicht erreichbar für eine vernünftige Vorbereitung/Planung ihrer letzten Lebensjahre bzw. ihres letzten Jahrzehnts.

Insofern habe ich nun als einziger Angehöriger die unerfreuliche Pflicht, eine Lösung finden zu müssen, obwohl sie sich gegen quasi alles sperrt und nach wie vor alleine in ihrem Haus mit Garten leben will, was sie im Grunde schon jetzt nicht mehr schafft, geschweige denn in den nächsten Jahren.

Das einzige, was ich bisher etablieren konnte, war, daß der Pflegedienst (inzwischen fünf mal pro Woche) für hauswirtschaftliche und Gesellschaft leistende Tätigkeiten bei ihr vorbeischaut. Ansonsten bin aber immer ich in der Verantwortung, und das heißt natürlich z. B. auch für die Instandhaltungen und Mängelbeseitigungen am Haus, für die sie z. T. selber verantwortlich ist (verstopfter Küchenabfluß; selber ausgeschaltete Heizung, nachdem ich erst zwei Tage vorher da war um sie in Betrieb zu nehmen usw.).

Wie viele hier wissen, treibt einen das Gesamtpaket, was ein dementer Mensch einem aufbürdet, schnell in den Wahnsinn. Daher habe ich für mich entschieden, den Verstand einzuschalten und ganz rational vorzugehen.

Das heißt im Klartext, da meine Mutter noch nie Einfluß von außen zugelassen hat (und somit nahezu alles, was ich seit Jahren versucht habe zu ihrer Unterstützung, ablehnt), muß sie nun auch selber die Konsequenzen ihrer bisherigen Lebensentscheidungen tragen. Mir ist klar, daß sie schon lange nicht mehr deren Tragweite begreift, aber das läßt sich nun mal nicht ändern.

Als erstes habe ich dafür gesorgt, daß sie mich nicht mehr anrufen kann, denn das nahm überhand und kam auch zu den ungewolltesten Uhrzeiten vor. (Eigenartigerweise hat sie mir das noch nie zum Vorwurf gemacht, sondern freut sich sehr, wenn ich zu Besuch zu ihr komme. Sie hat es noch nicht einmal thematisiert!)

Zweitens sehe ich die Sache so, wie ich es z. B. über Co-Alkoholiker gelesen habe: man kann für niemand anderen das "Saufen" aufgeben (auch nicht das Rauchen, Drogen Konsumieren usw.); also: solange die betroffene Person nicht selber bereit ist, Änderungen vorzunehmen, läßt sich nichts machen. Ich bin nicht verantwortlich für die Unzulänglichkeiten und Fehler meiner Mitmenschen; auch nicht, wenn es meine engsten Angehörigen sind. Und da fast alle meine Bemühungen im Sande verlaufen sind, ist meine Schuldigkeit getan und der zunehmend traurige Zustand meiner Mutter nicht mein Problem.

Drittens mache ich mir klar, daß meine Mutter für den Rest ihrer Existenz von meiner Fürsorge abhängig ist und das heißt, daß ich noch wenigstens ein Jahrzehnt durchhalten muß. Das packe ich aber nicht, wenn ich mich emotional von ihr kaputtmachen lasse (siehe hierzu viele Beiträge von andydreas). Stattdessen achte ich auf meine seelischen Belange und lasse so wenig wie möglich Negatives an mich heran.

Erst seitdem ich mir diese Einstellung (die sich für manche sicherlich kaltherzig und egoistisch liest) angeeignet habe, geht es mir besser und ich komme mit der Situation einigermaßen zurecht. Ungefähr so, wie ein Arzt, der dem Patienten eine tödliche Erkrankung mitteilt, ohne dabei aber selber vor Mitleid und Tragik in Tränen und Verzweiflung auszubrechen und dadurch handlungsunfähig zu werden.

Viel Erfolg auf den eigenen Baustellen!

14.10.2019 | 06:34
Andydreas

Hallo Angehöriger,
da ich ja namentlich erwähnt werde ein paar Anmerkungen. Ich kann mir beim besten Willwn nicht vorstellen, dass unsere Mütter in irgend einer Weise die Folgen der Tragweise ihrer Verweigerung noch irgendwie erkennen können. Ich konnte bisher noch nicht einmal einen Pflegedienst o.ä. installieren. Nach meinen bisherigen Erfahrungen mit der Pflegeeinrichtung bin ich mir zur Zeit auch nicht mehr sicher, ob das das richtige für sie ist und denke über Alternativen nach, die ich aber wohl kaum finden werde. Geht es ihnen auch so, dass sie von jeder Seite die gleichen gutgemeinten Ratschläge bekommen. Bei mir ist das vor allem "Denk auch an Dich", "Halte durch" und "Du tust das richtige, wenn Du sie ins Heim steckts"?
Ihre Mutter hat wenigstens ein zu Hause. Meine Mutter ist in ihremLeben mehr als 20 mal umgezogen und sucht jetzt immer ihr Elternhaus und versucht täglich dahinzulaufen.
Aber der Hauptpunkt, den Sie ansprechen ist das schlechte Gewissen. Das wird ihnen bleiben. Ich empfehle Ihnen üüber eine osteuropäische Ganztagsbetreuung nachzudenken, wenn es für Sie finanziell möglich ist. Man hört viel Gutes darüber. Ich befürchte jedoch, dass Ihre Mutter Ablehnung signalisieren wird. Aber da sie ja einen Pflegedienst haben könnte Sie ja vielleicht auch das hinkriegen. Ich wüsche Ihnen ein glückliches Händchen. Alle Fälle sind verschieden und doch auch wieder gleich.
Alles Gute

14.10.2019 | 09:23
Angehöriger

Hallo Andydreas,

alles Gute wünsche ich Ihnen auch!

Wie ich schon geschrieben habe, gehe ich nicht davon aus, daß unsere Mütter in irgend einer Weise die Folgen der Tragweise ihrer Verweigerung noch erkennen können. Aber es gab ja auch eine Zeit davor und meine Mutter hat sogar ihre eigene demente Mutter bis zu deren Tod bei sich gehabt, wußte also, was auf sie zukam. Trotzdem hat sie es unterlassen, die Weichen für sich selber zu stellen und zwingt mich nun in eine Rolle, die ich nie annehmen wollte.

Die von Ihnen erwähnten "gutgemeinten Ratschläge" habe ich mal bekommen, als ich noch im Bemühen war, eine Änderung für meine Mutter zu bewirken. Das habe ich aber längst aufgegeben, weil eben nichts fruchtet.

Daß mir das schlechte Gewissen bleiben wird, ist mir klar. Aber ich komme damit inzwischen sehr gut zurecht, weil ich nach eigenem Ermessen alles Menschenmögliche für meine Mutter versucht habe außer meine Selbstaufgabe.

Die von Ihnen empfohlene "osteuropäische Ganztagsbetreuung"
ist schon nach der zweiten Nacht im Haus meiner Mutter geflüchtet und die zweite Dame wurde von meiner Mutter erst gar nicht ins Haus gelassen. Essen auf Rädern hat sie auch nur zwei Tage zugelassen und davon fast nichts angerührt; "igitt", "widerlich", "kann man nicht essen". Mit zahlreichen anderen Betreuungs- oder Beschäftigungspersonen ist auch nichts entstanden.

Finanziell könnte ich meiner Mutter einiges bieten dank üppiger staatlicher Versorgung (Witwenrente, Pflegegeld) sowie eigener finanzieller Vorsorge, aber wenn alles abgelehnt wird .....

Mehr als Pflegedienst hat bisher nicht geklappt. Gestern ist mir noch die Idee gekommen, eine Person für sie zu engagieren, die für sie kocht, da die eigene Essensversorgung fast nicht mehr funktioniert. Aber auch da bleibt abzuwarten, wie sie darauf reagiert.

14.10.2019 | 09:26
hanne63

Guten Morgen,
bevor meine Mutter in einem Heim untergebracht wurde, wollte sie auch ständig "nach Hause" und lief weg......sie wohnte fast 50 Jahre lang zusammen mit Vater in einem eigenen kleinen Haus. Das erkannte sie aber nicht mehr als ihr Zuhause...sie wollte in ihr Elternhaus......oder jedenfalls dahin, wo sie sich sicherfühlt.....es ist also wohl gar nicht entscheidend, wenn jemand vorher viele Male umgezogen ist.....

ansonsten...ja...es ist schwierig den eigenen Seelenfrieden zu finden......weil ich als Angehörige für eine hilflose Person, ja letztlich doch immer verantwortlich bin......

14.10.2019 | 12:58
Jutta60

Hallo Sonnenblümchen,
wir dürfen uns etwas wünschen, denn ich hatte exakt den gleichen Gedanken ...
Liebe Grüße Jutta

14.10.2019 | 15:23
Angehöriger

An Sonnenblümchen: nein, das kann nicht sein, denn dessen Kommentare waren so aufwieglerisch, daß er in diesem Forum gesperrt werden mußte.

An Jutta: was wünschen Sie sich denn (von wem) und weswegen?

14.10.2019 | 16:29
Andydreas

Ich glaube nicht, dass irgend jemand aus der Generation, die heute betroffen ist abschätzen konnte was auf sie zukommt und daher auch keine Vorkehrungen treffen konnte. Das ist ja unser Vorteil. Ich hoffe, dass ich weiss was ich zu tun habe, wenn es bei mir mal soweit ist. Ich werde mir auf jeden Fall helfen lassen und hoffentlich rechtzeitig vorsorgen. Ich glaube auch nicht, dass meine Mutter tatsächlich wissentlich angenommen hat, dass sich ihre Familie schon um sie kümmern werde. Sie trifft an alledem die geringste Schuld. Aber wer als die Familie sollte denn im Krankheitsfall da sein ?
Das ist wohl auch Schicksal, aber da muss man das Beste draus machen. Es ist ja deutlich zu erkennen, dass zur Zeit eine regelgerechte Pflegeindustrie entsteht. Solange jedoch privatrechtliche Unternehmen Gewinnmöglichkeiten wittern und sich die Rosinen rauspicken, indem sie hauptsächlich "gesunde" Senioren aufnehmen und schwer Demente Menschen eher als Randerscheinung betrachten, obwohl hier der eigentliche Pflege- oder Betreuungsbedarf besteht wird es immer schwieriger. Ich denke hier ist die Politik gefordert. Es kann doch nicht angehen, dass die wirklich kranken Menschen im Regen sthen gelassen werden. Wozu gibt es denn die Pflegegrade. Meines Erachtens müssten Menschen mit den Pflegegraden 4 oder 5 Vorrang geniessen. Vielleicht würde ja eine Quotenregelung weiterhelfen. Jede Einrichtung müsste einen bestimmten Prozentsatz an dementen Menschen mit einem hohenPflegegrad aufnehmen. In der zuletzt von mir angesehenen Einrichtung gibt es ca, 170 Zimmer, aber nur eine Wohngruppe für 11 Demente Menschen. Ich kann natürlich auch falsch liegen die Demenz ist garnicht so weit verbreitet, aber das glaube ich nicht.
So, jetzt habe ich mich mal ausgekotzt, aber das musste mal raus.
Mich würde schon interessieren wie die anderen Betroffenen die Lage sehen,
Danke

15.10.2019 | 08:35
Zimt

Ich finde mich in dem Post von „Angehöriger“ sehr gut wieder und kann das alles so unterschreiben. Meine Mutter ist in ihrer Demenz beratungsresistent, renitent und beleidigend. Sie lehnt alles Gute, was man ihr angedeihen lassen will, ab, um sich im Gegenzug darüber zu beklagen, daß keiner für sie da ist. Ja, manchmal kommt es mir sogar so vor, als würde sie manche Dinge sabotieren, um etwas zu haben, worüber sie meckern kann. Wenn sie z.B. unbequemes Schuhwerk trägt und ich sie darauf hinweise, behauptet sie, die Schuhe seien wunderbar; sind wir dann nur ein paar Minuten unterwegs, jammert sie, daß die Schuhe unbequem seien. Ich könnte Seiten damit füllen.

Seit Jahren fechte ich einen ständigen Kampf mit ihr aus, der mich immer wieder an meine Grenzen treibt. Natürlich weiß ich, daß sie krank ist, aber das gibt ihr in meinen Augen trotzdem nicht die Narrenfreiheit, meinen Mann und mich zu verletzen.

Seit ein paar Monaten lebt sie nach einer Seniorenanlage nun einem etwas mehr betreuten Wohnen ganz in meiner Nähe. Ich habe mich geärgert, daß sie alle Angebote dort ablehnt, einschl. des Mittagsessens, zu dem sie jeden Tag abgeholt wird. Aber Verhaltensweisen gegenüber, die sich stets wiederholen, stellt sich unweigerlich früher oder später eine Gewöhnung ein, man „stumpft“ quasi ab. Wenn sie also nicht essen will, so what, dann ist es ihre Entscheidung und sie muß dann auch eventuelle Konsequenzen tragen.

Ich ziehe die Fäden im Hintergrund (vieles bemerkt sie gar nicht), damit die Dinge laufen, ich übernehme Verantwortung, und das wird immer so bleiben. Da sie früher oder später stationäre Pflege brauchen wird, habe ich sie prophylaktisch in mehreren Seniorenheimen angemeldet. Es ist überhaupt nicht egoistisch und hartherzig, wenn man versucht, eine sozusagen „professionelle“ Distanz zu entwickeln. Das ist auch mein Modus operandi, an dem ich hart arbeite. Alles andere würde mich auffressen. Meine Maxime ist, daß ich mich morgens im Spiegel anschauen kann, egal, was sie alles gegen mich abschießt. Sie ist versorgt und gut untergebracht.

15.10.2019 | 08:52
Andydreas

Hallo Zimt,
auch ich stimme im Grunde Ihren Gedanken zu mit dem Unterschied, dass ich mir gut vorstellen kann, dass das Verhalten unserer Mütter selbstbestimmt ist, sondern durch die Krankheit geprägt wird und sie die Konsequenzen nicht sehen können.
Was mich jedoch interessieren würde. Wie haben Sie es geschafft Ihre Mutter zu einem Umzug in das betreute Wohnen zu überzeugen ? Und wie würde wohl die Reaktion auf den nächsten Schritt = Aufnahme in einem Pflegeheim funktionieren.
Ich habe heute und morgen Besichtigungstermine in Pflegeheimen mit Demenzabteilungen. Da wird bestimmt erst mal eine Wartezeit entstehen, aber dann muss ich sie ja dort unterbringen. Da meine Mutter sehr ähnliche Verhaltensweisen wie die Ihrer Mutter an den Tag legt habe ich leider immer noch keine Ahnung wie ich das hinkriegen soll und vor allem was passieren würde, wenn sie eine Totalverweigerung an den Tag legen sollte. Aber ich bin hier inzwischen bekannt dafür, dass ich mir zu viele Gedanken mache, daher kann es natürlich auch sein, dass das alles ganz einfach von statten geht.

Danke

15.10.2019 | 08:54
Jutta60

Hallo Angehöriger,
kennen Sie den Aberglauben nicht, dass man sich etwas wünschen darf, wenn zwei Personen spontan das Gleiche sagen? Man darf den Wunsch aber nicht laut aussprechen, sonst geht der Wunsch nicht in Erfüllung.
Was wünscht man sich wohl, wenn man in einem solchen Forum schreibt? Suchen Sie sich etwas aus: mehr Geld für die Forschung, dass endlich ein Heilmittel gegen Demenz-Erkrankungen gefunden wird, mehr Rückhalt in der Gesellschaft für Kranke und pflegende Angehörige, Verständnis von den Kollegen und Arbeitgebern, wenn man mal wieder an etwas anderes denken muss, dass der Tag bitte 48 h hat, weil so viel zu tun ist oder etwas von dem, was Andydreas geschrieben hat, die Liste kann endlos sein.
Es gab Zeiten, da war mein einziger Wunsch, dass ich eine halbe Stunde ganz langsam durch einen Baumarkt laufen konnte, ohne dass meine demente Mutter wieder einen Krisenfall ausgelöst hat, der zu sofortiger Intervention zwang.
Alles Gute in die Runde!



Grafik FacebookGrafik TwitterRSS-Feed:Grafik RSS-SymbolAbonnieren: Grafik Facebook Grafik Twitter Grafik YoutubeDrucken:Grafik Drucker