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Ratgeberforum "Kommunikation und Konflikte"

Bild: Ratgeberforum "Kommunikation und Konflikte" Im Laufe einer Demenz ändern sich Kommunikationsfähigkeit und Verhaltensweisen. Das ist für alle Beteiligten oft belastend. Der Wegweiser Demenz hat zwei Experten auf diesem Gebiet als Moderatoren für das Internetforum gewonnen: Jochen Gust hat als Altenpfleger Menschen mit Demenz betreut. Heute schult er unter anderem Klinikpersonal im Umgang mit Demenzkranken, berät Angehörige und schreibt Bücher. Dr. Svenja Sachweh bietet Kommunikationstrainings für Pflegepersonen an und ist Autorin diverser Lehr- und Ratgeberbücher zur Verständigung mit Demenzkranken.

Autor Seelenfrieden (finden)
16.10.2019 | 08:25
Zimt

Hallo Andydreas,
wie ich meine Mutter überzeugt habe? Meine Mutter hat es zeitlebens nicht gelernt, eigenständige Entscheidungen zu treffen. Sie wirkte zwar immer sehr „tough“, aber eigentlich hat sie sich bei Entscheidungen immer hinter anderen (in erster Linie mein Vater) versteckt. Als mein Vater verstarb, hatte sie drei Möglichkeiten: sie bleibt in ihrer Heimatstadt in der alten Wohnung, zieht dort in eine Seniorenwohnung oder in meine Nähe, ebenfalls in eine Seniorenwohnung. Ich habe ihr alle Möglichkeiten völlig neutral präsentiert. Die Seniorenwohnung in ihrer Heimatstadt hat sie sich von einer Bekannten ausreden lassen. Die Entscheidung, in meine Nähe zu ziehen, hat sie zwar eigenständig gefällt, aber m.E. eher willenlos. Als Argument dafür hat sie eigentlich nur meinen Vater angeführt, daß er das so gewollt habe. Das führte dazu, daß sie von Anfang an damit gehadert und im Grunde immer mich als Schuldige dafür gesehen hat, daß sie ihre Heimat verlassen hat. Ich habe ihr von Anfang an Brücken gebaut, sogar angeboten, als schon alle Verträge unterzeichnet waren, diese rückgängig zu machen. Auch nach dem Umzug hat es wiederholt Auseinandersetzungen gegeben, daß ich schon so weit war, sie wieder zurückziehen zu lassen. Das wäre aber immer illusorisch gewesen, weil es dort niemanden gibt, der sich um sie kümmern könnte.
Von Überzeugung konnte also nie die Rede sein. Mit dem zweiten Umzug war es genauso. Da sie sich immer über die Seniorenwohnung beklagte, kam ich auf die Idee, sie in das Seniorenhaus, das nur 5 Minuten von mir entfernt ziehen zu lassen, zumal es dort auch mehr Betreuung gibt. Ich habe ihr das vorgeschlagen, und sie war auch offen, sich dort etwas anzusehen. Wir hatten danach 1,5 Wochen Zeit, uns dafür oder dagegen zu entscheiden. Als sie fragte, was denn passiert, wenn sie nicht unterschreibt, habe ich nur gesagt, daß dann alles so bleibt, wie es ist. Da ihre Demenz mittlerweile weiter fortgeschritten ist, hat sie aber sofort wieder vergessen, wie alles abgelaufen ist, und mir vorgeworfen, ich hätte sie hinter die Fichte geführt. Allmählich verblassen aber die Erinnerungen, und sie wirft ihre ehemaligen Wohnsitze in einen Topf.
Wie ich es ihr, sollte es eines Tages so weit sein, erklären könnte, daß sie in stationäre Pflege muß – ich weiß es nicht. Mit Einsicht rechne ich bei ihr nicht unbedingt. Wenn die Umstände so sind, daß sie diese Entscheidung in keiner Weise mehr eigenständig fällen kann, muß ich die Vorsorgevollmacht ziehen. Aber im Grunde kann ich das nur auf mich zukommen lassen.
Ich drücke Ihnen die Daumen, daß sie etwas Adäquates für Ihre Mutter finden. Ich würde mir immer wünschen, daß es noch eine neutrale Person gäbe, die der Betroffenen die Lage erklären würde, weil sonst unsereiner immer der böse Bube ist. Alles Gute!

16.10.2019 | 16:21
Angehöriger

Danke für die vielen Beiträge! Es ist vieles dabei, was ich auch so sehe und empfinde, deshalb spare ich mir die eigenen Worte dazu.

Um noch mal auf die Überschrift zurückzukommen: seinen "Seelenfrieden" zu finden ist das, worum es mit geht und was meiner Meinung nach auch all denjenigen gut täte, die sich hier beteiligt haben. Da Sie alle nämlich stärker emotional in Ihre jeweiligen Situationen involviert zu sein scheinen als ich es mir für meine Situation wünsche.

Deshalb habe ich meine Grenzen auch klar gesteckt und bin jeden Tag auf's Neue froh darum, weil ich sonst verrückt würde. Meine Eltern haben mich schon Zeit meines Erwachsenenlebens genervt und waren schwierig im Umgang; dann brauche ich mir die Steigerung des ganzen durch eine Demenz nicht auch noch anzutun. Ich habe ja beispielsweise bei meiner Großmutter gesehen, daß dement sein auch mit Friedfertigkeit und Unkompliziertheit einhergehen kann. Das ganze Theater, was ich mit meiner Mutter habe, hatte sie mit ihrer Mutter (meiner Erinnerung nach) nicht im geringsten. Und wenn jemand umgänglich ist und es einem nicht permanent schwer bis unmöglich macht, kümmert man sich doch auch viel leichter und lieber um diese Person.

Mich hat der heutige Termin bei meiner Mutter wieder einmal darin bestärkt, so weiter zu machen wie ich das in jüngster Zeit tue und mich nicht mehr von ihr an den Rand eines Nervenzusammenbruchs treiben zu lassen.

Ihre Ärztin hat mir schon vor langer Zeit gesagt, ich solle das entspannter sehen. Wir seien hier in Deutschland und da würde Mutter "nicht verlorengehen", schließe gäbe es Krankenhäuser etc., wo man sich um Akutfälle kümmert, falls ich mal nicht ad hoc einspringen kann (z. B. weil ich verreist bin).

(Vor zwei Tagen hat mir auch mein Zahnarzt gesagt, etwas weniger Streß täte mir (oder meinen Zähnen) besser. )

Seit ich das so handhabe, geht es mir deutlich besser und das wollte ich mal all denjenigen als Anregung mitgeben, die sich restlos verwursten (lassen?).


[Dieser Beitrag wurde 1mal bearbeitet, zuletzt am 16.10.2019 um 16:24.]

18.10.2019 | 11:33
Gobis

Hallo Angehöriger
und alle Mitleser,
das was Sie geschrieben haben spricht mir aus der tiefsten Seele. Nicht wir sind die Verantwortlichen für die Situation, und doch stellen wir uns der Verantwortung. Was wir Alles tun, weiß hier jeder. Um nicht daran kaputt zu gehen, ist es wirklich das Beste rational eine Linie zu ziehen. Nur teile ich die Hoffnung, dass man den Dementen zur Einsicht bringen wird, dass es ab Punkt X nicht mehr so weiter gehen kann, nicht. Aber aus dem Erlebten mit meiner Mutter. Solange sie auf der Couch sitzen kann und den Fernseher anschaltet, ist ihre Welt in Ordnung. Diskussionen über den Verfall von Haus und Garten kommen nicht an oder werden mit dem Satz, ich bin ja schließlich nicht entmündigt, abgetan. Also warten wir ab, was leichter klingt als es ist.
Grüße aus Leipzig

21.11.2019 | 21:15
Angehöriger

Für diejenigen, die tatsächlich eine Verbesserung ihrer eigenen Situation erreichen wollen, gibt's hier ein paar eigene (neue) Erfahrungen:

Da ich meine Mutter mittlerweile durch fünf Damen unterstützt weiß und sie auf diese Weise bis auf weiteres ihrem Wunsch entsprechend in ihrem eigenen Haus wohnen bleiben kann, mache ich für mich genau das, was ich anderen auch empfehle, die sich aufreiben und selbst zerstören: ich halte Abstand, und zwar räumlich wie auch seelisch.

Letztes Jahr habe ich angefangen, öfters mal "auf Tour zu gehen" (konkret: zu fahren) und mich dabei in die südlichen europäischen Regionen aufzumachen. So bekomme ich andere Eindrücke und gewinne Abstand von allem Belastenden zu Hause.
Und ich breche mit alten Gewohnheiten, die ich meinen Eltern zuliebe über Jahrzehnte beibehalten habe, z. B. mit "Weihnachten zu Hause". Mein Vater ist tot, meine Mutter weiß gar nicht mehr, welcher Tag ist und was wann ansteht, also muß ich auch an Weihnachten nicht mehr zu ihnen.

Deshalb sind wir letztes Jahr im Dezember nach Südspanien, Gibraltar und an die Algarve nach Portugal gefahren. Während daheim der alljährliche Weihnachtskonsumwahnsinn bei Schmuddelwetter und Tieftemperaturen tobte, waren wir bei angenehmen Temperaturen im Sonnenschein am und im Meer und haben die Zeit sehr genossen. Die Spanier gingen am Heiligabend mit rot-weißer Zipfelmütze bei strahlendem Sonnenschein ins Meer zum Schwimmen. So mag ich Weihnachten!

Außerdem bin ich seit letztem Jahr schon zwei mal über den Balkan bis Griechenland runtergefahren und habe mich dort ein wenig umgesehen. Reizt mich sehr für demnächst, um wieder dem deutschen Winter zu entfliehen.

Und ich war in Kroatien, Montenegro, Mazedonien, Albanien, Serbien, Ungarn, ....

Derzeit erkundige ich Italien, bin jetzt "unter dem Stiefel an der Sohle", stehe direkt in herrlicher Ruhe (außer der deutlich wahrnehmbaren Brandung, aber Naturgeräusche finde ich meistens angenehm) am Strand und war eben noch im Wasser.

Richtung Süden bin ich durch das Schnee- und Regenchaos der Alpen an der italienischen Westküste entlang gefahren (Pisa, Rom, Neapel usw.), aber die ertrinkt gerade auch im Regen. Deshalb bin heute einfach mal quer durch's Landesinnere in Richtung der anderen Seite (ostwärts) gefahren und habe jetzt herrlichstes regenfreies Spätsommerwetter. Gerade diese heutige Aktion will ich all denjenigen nahelegen, die mit sich und ihrem Schicksal hadern: oftmals bringt schon ein kleiner (Ein- oder Auf-) Stellungswechsel ungeahnte positive Veränderungen.
Ich werde morgen früh wieder am Strand spazieren und schwimmen gehen - was machen Sie??

23.11.2019 | 22:25
hanne63

Guten Abend Angehöriger,
das liest sich ja wunderbar und ich beneide Sie derzeit.
Weil: Meer ist für mich ein Allheilmittel..und ich wußte nicht, das jetzt Mitte November ich in Süditalien noch einen Spätsommer mit Bademöglichkeit im Meer erleben könnte...deshalb werde ich das nächstes Jahre ganz fest einplanen und dafür ein großes DANKE !!

Ich übe mich derzeit ebenfalls in räumlichem und seelischem Abstand..auch wenn es mir manchmal schwerfällt oder schlechtes Gewissen macht..(in einem anderen Forum gibt es für schlechte Gewissen einen sogenannten "Schlechte Gewissen Ersäufnispool"...incl. Steine zum Beschwerden der Biester.... ;-)

Ich habe bei meinen beiden Eltern für alles gesorgt...rechtlicher Betreuer, Pflegedienst, Nachbar, Heimunterbringung Mutter...alles Profis....wenn die es nicht besser können als ich??? (Beschwerden meinerseits wegen Mängeln führten zum Desaster...und demütigten mich nur)----

Also lasse ich den Dingen seinen Lauf...und versuche mich selbst wieder zu finden...das ist enorm wichtig..auch um später wieder handeln zu können....

liebe Grüße an alle und an Sie

25.11.2019 | 20:54
Angehöriger

Guten Abend Hanne,

ja, nach allem, was Sie durchgemacht und auf die Beine gestellt haben, sollten Sie jetzt definitiv auch etwas Gutes für sich unternehmen!

Bei meiner Spät"sommer"beschreibung bezieht sich die Temperatur aber eher auf den Gegensatz zum aktuellen Wetter in Deutschland/Österreich/der Schweiz. Ich schätze mal, daß es grob um fünfzehn Grad Celsius herum ist, vormittags in der Sonne wurde es aber tatsächlich so warm, daß ich am Strand gar keine Kleidung brauchte.
Allerdings war ich auch im T-Shirt mit kurzer Hose einkaufen, während alle Ortsansässigen langhosig bekleidet und mit (Winter-)Jacken unterwegs waren. Aber die sind ja auch Sommertemperaturen um 40 Grad Clesius gewöhnt; ich eher deutsches Wetter.

Und das Meerwasser ist zwar nicht warm, aber auch nicht kalt, sondern kühl. Ich kann problemlos da rein, andere bevorzugen eher den Warmebadetag im Schwimmbad. Also Vorsicht, wenn Sie meinem Beispiel folgen wollen :-).

Entscheidend ist, daß Sie sich selbst ganz bewußt belohnen für das Überstandene und sich ebenfalls ganz bewußt zurückziehen und "Wellness" machen - ob nun zu Hause auf der Couch bei einem guten Buch oder einem interessanten Film oder in der Sauna beim Aufguß oder bei einer (fern-)Reise ist doch egal. Hauptsache es paßt zu Ihnen, Ihrer verfügbaren Freitzeit und zu Ihrem Budget.

Mit Urlaub, wie die meisten glauben, haben meine Touren nicht so viel gemeinsam: ich habe heute mindestens wieder ein bis zwei Dutzend Telefonate über mehrere Stunden mit der Heimat geführt, damit dort alles läuft und funktioniert. Abschalten ist also relativ (da habe ich noch starken Verbesserungsbedarf), aber wenigstens mit räumlicher Distanz und besserem Wetter als daheim.



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