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Ratgeberforum "Kommunikation und Konflikte"

Bild: Ratgeberforum "Kommunikation und Konflikte" Im Laufe einer Demenz ändern sich Kommunikationsfähigkeit und Verhaltensweisen. Das ist für alle Beteiligten oft belastend. Der Wegweiser Demenz hat zwei Experten auf diesem Gebiet als Moderatoren für das Internetforum gewonnen: Jochen Gust hat als Altenpfleger Menschen mit Demenz betreut. Heute schult er unter anderem Klinikpersonal im Umgang mit Demenzkranken, berät Angehörige und schreibt Bücher. Dr. Svenja Sachweh bietet Kommunikationstrainings für Pflegepersonen an und ist Autorin diverser Lehr- und Ratgeberbücher zur Verständigung mit Demenzkranken.

Autor Auto und Antrag auf häusliche Pflege
23.10.2019 | 08:29
Deira

Hallo,

ich bin neu hier und möchte alle herzlich grüßen.

Mein Vater (77) verweigert Arztbesuche, Medikamente und auch jede sonstige angebotene Unterstützung. Er lebt alleine in einem großen Haus mit einem großen Grundstück. Seine Freundin kommt einmal die Woche, bringt Essen für eine Woche, kauft mit ihm ein (damit er auch seinen Kasten Bier wöchentlich hat, wenn er sonst schon fast nichts isst). Der Umgang mit ihm ist sehr schwierig, aber small talk gelingt ihm bestens, so dass außer der Familie niemand die Situation erkennen kann oder will, nicht mal der Neurologe, bei dem er war. Schon seit 2 Jahren sind wir der Meinung, dass er nicht mehr alleine leben kann, aber wir finden keine Unterstützung/Hilfe.
Ich selber bin schon seit Jahren aus gesundheitlichen Gründen pensioniert, mein Mann und ich wohnen nebenan und ich kann einfach nicht mehr. Ich unterstütze meinen Vater seit vor 12 Jahren meine Mutter gestorben ist, in den letzten 5 Jahren wurde das immer schwieriger, mittlerweile will er „mit uns nichts mehr zu tun haben“. Wenn ich ihn frage, ob er was braucht ist immer „alles bestens“. Als es Ende Feb. 2019 eine Stunde vor einem Besuch bei einem Neurologen zu einem großen Streit kam, weil er sich verweigerte mitzugehen, habe ich meine tgl. Besuche zum Medikamente geben eingestellt, denn auch da gab es immer Streitereien.
Dennoch wohnen wir nebenan und es ist mir einfach nicht egal, wenn ich sehe, dass er nichts mehr macht und auch nichts mehr einordnen kann.

Ich hab nun aus Verzweiflung letzte Woche einen Antrag auf Feststellung eines Pflegegrades gestellt. Und gestern bekam er die Eingangsbestätigung zugeschickt, obwohl ich eine Generalvollmacht mit vorgelegt hatte. Normal macht er seine Post nicht mal auf und sie wird wochenlang von links nach rechts sortiert, weil er nicht weiß, was er damit machen soll, bis ich sie dann doch immer wieder mal an mich nehme (schon immer mach ich alles schriftliche und das finanzielle).
Meine Frage ist nun: was soll ich ihm gegenüber sagen, wenn er das Schreiben wieder anspricht. Soll ich sagen, dass ich diesen Antrag gestellt habe? Soll ich darauf drängen, dass ich bei dem Termin mit dem MDK dabei bin (ich habe eine Anlage über die auftretenden Probleme beigelegt - wenn aber niemand dabei ist, werden wir nie erfahren, wie das Gespräch abgelaufen ist)?

Außerdem haben wir Mitte August sein Auto stillgelegt, so dass es nicht mehr ansprang. Das hat er in all den Wochen nur 2mal erwähnt, aber es eilt ja nicht.
Einmal ist er sogar 5 km zum Friseur mit dem Fahrrad gefahren, er käme ja nie auf die Idee, zu mir zu kommen, dass ich ihn fahren soll.
Nun haben wir letzte Woche das Auto weggebracht, als er außer Haus war, da es einen Interessenten gab und es wurde gestern verkauft. Das fehlende Auto in der Garage hat nun bereits 2mal angesprochen. Gestern hat er mich gefragt, ob mein Mann es mitgenommen hat, das hab ich bestätigt, denn das ist wahr. Und ich hab dann gefragt, ob er das Auto denn braucht. Nein, „hier am Ort kann er ja alles ... trempelnde Bewegung mit den Händen (soll das Wort Fahrrad ersetzen)“
Seine Freundin meint nun, ich muss ihm sagen, dass sein Auto verkauft wurde.
Auch hier meine Frage: Wie soll ich ihm das am besten beibringen?
Ich muss sagen, dass ich mich sehr schwer tue, ihn anzuschwindeln - ich kann das grds. nicht, mir merkt man es immer gleich an.

Sorry, lang geworden, danke fürs Lesen!

[Dieser Beitrag wurde 4mal bearbeitet, zuletzt am 23.10.2019 um 08:35.]

24.10.2019 | 12:35
svenjasachweh

Hallo Deira,
ich denke, sonnenblümchen hat absolut Recht: Bemühen Sie sich, bei der Begutachtung mit dabei zu sein. Und schenken Sie ihm reinen Wein ein, wenn es um das Auto geht. Vielleicht können Sie außer den drohenden Gefahren zusätzlich damit argumentieren, wie viel Geld er so sparen kann? Oder dass er froh sein kann, den Wagen jetzt noch zu einem so guten Preis loszuwerden (z.B. vonwegen Wertverlust von Diesel-Fahrzeugen etc.). Nichts davon wäre gelogen!
Grundsätzlich ist es für die Beziehung zum Erkrankten immer besser, wenn man die Verantwortung für Entscheidungen auf andere, sprich "höhere Stellen" wie Ämter, Behörden und Ärzte schieben kann - vor allem, wenn man sich selber in die "Buhmann-Ecke" geschoben sieht, wie das leider so gut wie allen Angehörigen passiert, die versuchen, sich um einen Menschen mit beginnender Demenz (ohne Krankheitseinsicht!) zu kümmern. Daher ist es leider sehr ungünstig, wenn selbst der Neurologe Ihren Vater für kognitiv gesund hält, Sie diesen Experten also nicht vorschieben können.

Zudem: Ein MDK-Gutachter klärt ja nur, ob Ihr Vater in finanzieller Hinsicht anspruchsberechtigt ist: Meines Wissens ist es nicht sein Job, irgendeine Form der häuslichen Versorgung sicherzustellen.
An Ihrer Stelle würde ich mich deshalb schon jetzt z.B. beim sozialpsychiatrischen Dienst Ihrer Stadt erkundigen, welche Hilfe-Angebote für Menschen bestehen, die wie Ihr Vater scheinbar jede Unterstützung ablehnen, und ob es einen örtlichen Pflegedienst gibt, der für solche Fälle besonders geeignet ist.
Ich drücke Ihnen die Daumen!

S. Sachweh

24.10.2019 | 20:49
Angehöriger

Guten Abend Deira,

entspannen Sie sich :-) !

So wenig wie Sie die Welt umgekrempelt bekommen, schaffen Sie es, eine optimale Situation zu schaffen. Das ist der Tenor aus allen Beiträgen, die es hier zu lesen gibt (und aus meiner bisherigen Erfahrung). Entscheidend ist, daß Sie sich mit dem Machbaren zufrieden geben und nicht das Unmögliche anstreben.

Zum Thema Auto und auch zum Thema des Umgangs mit Demenzerkrankten finden Sie hier vieles zum Nachlesen; stöbern Sie einfach ein wenig herum.

Falls Sie Kinder großgezogen haben sollten, wird Ihnen das helfen. Verhalten Sie sich wie einem (Klein-)Kind gegenüber: seien Sie freundlich und verständnisvoll und trotzdem konsequent in der Sache. Ein (Klein-)Kind begreift vieles noch nicht und muß deswegen auch nicht alles erklärt und gerechtfertigt bekommen; eine demenzkranke Person versteht all das nicht mehr; also selbe Vorgehensweise von Ihnen.

Achten Sie unbedingt darauf, auf der GEFÜHLSeben immer bei der erkrankten Person zu sein und argumentativ niemals mit dem Verstand oder Sachargumenten vorzugehen, denn das überfordert die Person. Immer lieb und freundlich und nicht mehr zumuten, als die Person geistig noch verarbeitet bekommt. SIE müssen sich umstellen, und zwar gewaltig, dann klappt das auch.

Für die Post stellen Sie einen Nachsendeantrag an sich selber, damit enfallen zukünftige Postprobleme.

[Dieser Beitrag wurde 1mal bearbeitet, zuletzt am 24.10.2019 um 20:56.]

24.10.2019 | 22:58
hanne63

Guten Abend Deira,
das Autofahren war auch bei meinem Vater ein großes Problem...ein Unfall, Gott sei Dank nur mit Sachschaden half mir dann schließlich weiter...das Auto wurde in die Werkstatt gebracht..und ich habe mit der Werkstatt vereinbaren können, dass das Auto erst einmal dort bleibt und Ersatzteile bestellt werden müssen..und das dauern kann...
Und das entsprach ja schließlich auch der Wahrheit...
Also ich achte immer darauf...dass es halbwegs der Wahrheit entspricht...weil meine Eltern alles andere schnell als Lüge bemerken würden....und auch ich selbst fühle mich besser, wenn ich zu wenigstens zu 90% die Wahrheit sagen kann...

vielleicht hilft Ihnen das weiter ?

25.10.2019 | 06:59
Deira

Herzlichen Dank an alle für die Antworten! Ja, wir müssen noch viel lernen ...

Das mit dem Auto hat mein Mann (er ist bei einer Autowerkstatt) erst mal mit „kaputt, reparieren lohnt sich nicht mehr, Diesel, ...“ erklärt und mein Vater hat es überraschenderweise ganz gut aufgenommen. Mal schaun, es wird ihn sicher noch öfters beschäftigen, sein Hauptproblem ist wohl, wenn er sieht, dass es nicht mehr in der Garage steht, dass er es irgendwo vergessen hat (das ist nämlich schon vorgekommen).

Und wegen dem MDK: erst mal hab ich die Eingangsbestätigung an mich genommen und warte ab, was als nächstes kommt. Und ich scheu mich deswegen, ihm zu sagen, dass ich das beantragt habe, denn ich befüchte, wenn nichts dabei rauskommt, dann macht es den Umgang noch schwieriger, wenn ich wieder die Böse bin.
Sollte sich ein Pflegegrad ergeben, möchte ich nochmal mit dem Hausarzt sprechen, um auf eine Verordnung zur Medikamentengabe durch die Diakonie zu drängen. Und außerdem die Diakonie beauftragen, anfangs - das haben wir schon besprochen - mit einmal wöchentlich duschen und umziehen. Klappt das haben wir ja schon was erreicht und können das hoffentlich weiter ausbauen Und wenn er sich aber auch hier verweigert, dann kann ich auf deren Erfahrungen mit ihm zurückgreifen, so stell ich mir das jedenfalls vor.
Ich war dabei, mein Vater konnte selbst mit mehreren Hilfestellungen des Neurologen u. a. keine Antwort auf die Frage nach der Jahreszeit geben und im Befund heißt es „allseits orientiert“!

[Dieser Beitrag wurde 3mal bearbeitet, zuletzt am 25.10.2019 um 07:05.]



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