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Ratgeberforum "Kommunikation und Konflikte"

Bild: Ratgeberforum "Kommunikation und Konflikte" Im Laufe einer Demenz ändern sich Kommunikationsfähigkeit und Verhaltensweisen. Das ist für alle Beteiligten oft belastend. Der Wegweiser Demenz hat zwei Experten auf diesem Gebiet als Moderatoren für das Internetforum gewonnen: Jochen Gust hat als Altenpfleger Menschen mit Demenz betreut. Heute schult er unter anderem Klinikpersonal im Umgang mit Demenzkranken, berät Angehörige und schreibt Bücher. Dr. Svenja Sachweh bietet Kommunikationstrainings für Pflegepersonen an und ist Autorin diverser Lehr- und Ratgeberbücher zur Verständigung mit Demenzkranken.

Autor Aggressives, lautes Verhalten
04.11.2019 | 12:02
FridaB

Hallo in die Runde,
ich habe schon viel über aggressives Verhalten Dementer gelesen und immer wieder liest man den Rat, man solle das Verhalten ignorieren und nicht persönlich nehmen. In vielen Fällen funktioniert das auch, beispielsweise lässt mein Vater meiner dementen Mutter inzwischen ihren Willen, wenn sie nach dem Spaziergang ihre Winterjacke und Winterstiefel anlassen will und versucht sie nicht mehr zu überreden, die Sachen auszuziehen, da sie sich dann gegängelt fühlt. Sie könne ihre Entscheidungen selbst treffen sagt sie dann und man müsse ihr nicht sagen was sie tun soll. Das Problem löst sich dann meist von selbst, wenn sie nach zwei Stunden unheimlich schwitzt und mein Vater ihr dann sagt, es liegt an ihrer Jacke und ihren Stiefeln. Dann zieht sie es dann doch freiwillig aus (noch).
Nun gibt es aber momentan eine Situation, die doch nicht so einfach zu ignorieren ist. Wenn mein Vater mit meiner Mutter beispielweise eine Nachrichtensendung im Fernsehen schaut, beginnt sie lauthals zu schimpfen "Die sind doch alle blöde! So ein Mist was die erzählen! Die verkaufen uns doch für dumm!" usw.usf. Dies macht sie so laut, dass mein Vater befürchtet, die Nachbarn könnten sich irgendwann gestört fühlen (sie wohnen in einer Mietwohnung). Ich habe mir vorgenommen, heute bei den Nachbarn zu klingeln und das Problem zu erklären, nur was mache ich, wenn sie kein Verständnis haben (die darüber wohnenden haben ein kleines Kind). Wie kann man die Situation einfangen, kann man etwas gegen solche Verhaltensweisen tun?
Danke schon im Voraus für hilfreiche Tipps!

04.11.2019 | 13:22
jochengust

Hallo FridaB,

zunächst einmal bleibt ja die Reaktion der Nachbarn abzuwarten. Vielleicht sind sie ja auch sehr verständnisvoll - oder haben sich ihren Teil in der Vergangenheit dazu schon gedacht.

Zum Thema TV finden Sie hier einige Informationen:
https://www.wegweiser-demenz.de/weblog-und-forum/rat-im-internetforum.html?tx_mmforum_pi1%5Baction%5D=list_post&tx_mmforum_pi1%5Btid%5D=399&tx_mmforum_pi1%5Bfid%5D=3

und

https://www.wegweiser-demenz.de/weblog-und-forum/rat-im-internetforum.html?tx_mmforum_pi1%5Baction%5D=list_post&tx_mmforum_pi1%5Btid%5D=206&tx_mmforum_pi1%5Bfid%5D=3

Es grüßt Sie

Jochen Gust

05.11.2019 | 09:23
Jutta60

Hallo Frida,
dass Sie sich bei den Nachbarn melden ist sehr gut. Ich habe gerade bei den Leuten, wo ich es nicht gedacht habe, sehr viel Verständnis und Unterstützung bekommen.
Bei meiner Mutter war fernsehen mit zunehmender Demenz sehr schwierig. Ich habe es dann ganz eingestellt. Bei Ihnen wäre das aber eine starke Einschränkung für Ihren Vater, der ja am Leben noch teilnehmen will. Meine Mutter hat auch sehr oft über alle möglichen Dinge geschimpft, obwohl sie sonst sehr verträglich und liebevoll war. Den Kranken geht halt jede Selbstkontrolle verloren. Die Gefühle brechen ganz unmittelbar durch, nichts wird mehr vom Verstand reguliert. Sie können auch mal "Validierung" googeln im Zusammenhang mit "Demenz". Da gibt es auch gute Ratschläge. Ich wünsche Ihnen starke Nerven und alles Gute!

05.11.2019 | 10:05
FridaB

Ich war gestern bei den Nachbarn (dazu sei gesagt, dass diese vor einem knappen Jahr die Polizei in der Nacht gerufen hatten, weil meine Mutter damals noch nicht medikamentös eingestellt war und ein enorm aggressives Verhalten an den Tag gelegt hatte und auf meinen Vater los ging, das hatten sie gehört und sich natürlich Sorgen gemacht).
Ich habe ihnen die neuerliche Situation erklärt und sie haben glücklicherweise verständnisvoll reagiert.
Mein Vater war mir sehr dankbar, er hätte sich das Gespräch nicht getraut (alte Erziehung, "was sollen die Nachbarn sagen?").

Die verlinkten Beiträge zum Thema Fernsehen im Allgemeinen habe ich mir durchgelesen. Es ist nicht so, dass meine Mutter den ganzen Tag vor dem Fernseher sitzt. Wie Jutta schon schreibt, mein Vater hat ja auch noch ein Anrecht auf etwas normales Leben und möchte natürlich Nachrichten schauen und abends auch mal eine Musiksendung. Insofern ist es eine Fortführung des normalen Alltages vor der Demenzerkrankung und keine Notlösung, um meine Mutter "ruhig" zu stellen. Sie geht dreimal die Woche in eine Tagespflege und dort wird viel gemalt. Das macht sie gerne. Also haben wir ihr jetzt ein Kinderausmalbuch gekauft und damit kann man sie auch gut über eine lange Zeit beschäftigen, das bereitet ihr Freude. Aber so ein Tag ist natürlich lang und sich immer nur zu bemühen, sie zu beschäftigen damit sie nicht frustriert ist, ist anstrengend und mühsam, mein Vater ist 86! Insofern gibt ihm das Fernsehen auch mal eine Verschnaufpause, was nun zunehmend leider eben zu diesem Verhalten führt.
Gestern haben wir gemeinsam eine Tiersendung über einen Hundetrainer geschaut, sie kommunizierte ununterbrochen mit dem Trainer, als ob sie sich ganz genau mit dem Thema auskennt und alles ganz genauso machen würde (dabei hat sie nie einen Hund besessen).
In Zeiten, wo meine Mutter mal nicht beschäftigt ist/wird, poliert sie inzwischen mit Spucke und Hand stundenlang den Wohnzimmertisch. Das macht meinen Vater bei aller Geduld und allem Verständnis inzwischen wahnsinnig. Sie ist davon nicht abzubringen, ich habe ihr kürzlich gesagt, das was sie versucht wegzuwischen ist eine Maserung im Holz, das geht nicht wegzuwischen. Keine Chance, sie denkt das muss weg und wischt munter weiter.
Es ist eben für uns alle eine riesen Herausforderung, mein Vater macht das alles so toll, ich bewundere ihn und ich unterstütze ihn wo ich nur kann. Aber als er mir gestern sagte, er müsse sich jeden Morgen "neu aufstellen" um den Tag zu meistern und geduldig mit ihr zu sein, das ging mir schon sehr nahe.

05.11.2019 | 12:05
Teuteburger

Ich verstehe Sie gut, Frida. Wenn Ihre Mutter nur dreimal die Woche in einer Tagespflege ist, dann bleibt dazwischen noch viel Zeit übrig. Was hat sie denn für eine Pflegestufe?
Wäre vielleicht auch eine Seniorenbetreuerin für zu Hause möglich?
Ich bin weiterhin für Demenzdörfer und das in jeder Stadt mehrfach, anstelle von Altenheimen. Die wenigsten Menschen können dauerhaft mit einem Demenzkranken zusammenleben, ohne selbst massiv an Substanz zu verlieren.
Auch ihr Vater sollte gut auf sich hören und seine Ressourcen überdenken und gegebenenfalls, sich zusätzliche Hilfe nehmen, wenn die finanziellen Mittel das erlauben.

05.11.2019 | 15:07
FridaB

Meine Mutter hat Pflegegrad 4 und ist inzwischen im letzten Stadium der Demenzerkrankung. Ohne ständige 24h-Betreuung würde sie verhungern und verdursten. Sie verliert inzwischen die einfachsten Fähigkeiten, kürzlich ist sie 84 geworden, beim gemeinsam essen habe ich erstmals bemerkt, dass sie nicht mehr richtig mit Messer und Gabel umgehen kann. Ich erkläre mir ihre neuerlichen Aggressionen mit dem zunehmenden Verlust der Fähigkeiten, sie ist sicher frustriert darüber. Sie schimpft auch häufig vor sich hin "Lasst mich doch alle in Ruhe!" "Was wollt ihr denn eigentlich von mir?", "Ich habe doch gar nichts getan!"...
Wir leben auf dem Land, dass sie nur dreimal die Woche in die Tagespflege geht, hängt mit Kapazitätsgründen zusammen, es ist schlichtweg an den anderen Tagen kein Platz dort. Überhaupt eine Tagespflegeeinrichtung zu finden, war schon eine Herausforderung. Es müsste in der Richtung noch viel, viel mehr passieren. Demenzdörfer wären wahrscheinlich wirklich ein guter Lösungsansatz.
Ob es bei uns so etwas wie eine Seniorenbetreuerin gibt, weiß ich gar nicht, wie findet man das denn heraus?

05.11.2019 | 15:54
Andydreas

Hallo FrideB,
Seniorenbegleiter findet man u.a. bei der Deutschen Alzheimergesellschaft. Die Finanzierung übernimmt meines Wissens zumindet zum Teil die Pflegekasse. Ich sitze im selben Boot und habe ähnliche Verhaltensweisen bei meiner Mutter entdeckt. Sie hat zusätzlich noch eine Hinlauftendenz, die gerade eskaliert. Sie hält es inzwischen keine 10 Minuten in unserer Wohnung mehr aus. Auch sie isst nur noch mit der Gabel und sie erkennt mich nicht mehr.Ich habe morgen einen Termin bei meinem Hausarzt und wir müssen eine Lösung finden. Sehr schmerzlich .
Viel Kraft.

05.11.2019 | 18:31
FridaB

Ist eine Hinlauftendenz etwas anderes als eine Weglauftendenz? Die war bei meiner Mutter auch extrem, seit sie Risperidon bekommt, hat sich das stark verbessert, die innerliche Unruhe hat sich gelegt. Trotzdem hat sie inzwischen wieder einen enormen Bewegungsdrang entwickelt, man sieht sich eben ständig neuen Herausforderungen gegenüber. Drei Wochen lang will sie gar nicht raus, dann wieder andauernd.

05.11.2019 | 18:46
Barbara66

Hallo FridaB,
Hinlauf-und Weglauftendenz sind das gleiche!
LG
Barbara

05.11.2019 | 19:14
Barbara66

Hallo Andydreas,
Wir haben uns ja auch schon öfter ausgetauscht.
Nicht mehr erkannt werden von der eigenen Mutter - das ist wohl das Schlimmste,was passieren kann.
Was für eine schreckliche Krankheit! !!!
So weit ist es bei uns noch nicht,dafür habe ich viele andere Probleme mit meiner Mutter.
Seit 30.10.gibt der Pflegedienst jetzt die Medikamente.
Sie hat durch Ihren Vergiftungswahn selbständig verschiedene Tabletten aus meinen vorsortierten Dosett s herausgenommen.
Konnte so nicht mehr weitergehen.
Dann fragt sie mich,ob sie irgendwas verbrochen hätte, weil ich die Medizin nicht mehr für sie mache.
Sie versteht es nicht mehr.
Jetzt ist sie abhängig von Ihren Schlaftabletten, die ich Ihr noch vertrauensvoll selbst überlassen habe.
Die schluckt sie aber jetzt auch am Tag??!!!!
Das War heute ein Akt,ihr die Tabletten abzunehmen.
Ich konnte das nicht mehr verantworten! !
Versteht sie auch nicht - jetzt bin ich die böse, böse Tochter und sie versteht gar nichts.
Ich fühle mich auch total ausgelaugt und kraftlos.
Jeden Tag irgendwas anderes Unerfreuliches -
Wolltest Du Deine Mutter nicht in ein Heim geben oder hast Du Dich doch dagegen entschieden?
Ganz viel Kraft wünscht Dir
Barbara



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