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Ratgeberforum "Wohnen, Betreuung und Pflege"

Bild: Ratgeberforum "Wohnen, Betreuung und Pflege" Unter welchen Voraussetzungen können Demenzkranke in den eigenen vier Wänden leben? Wann ist ein Pflegeheim, eine Demenz-WG oder betreutes Wohnen angesagt? Zwei Experten auf diesem Gebiet moderieren das Internetforum "Wohnen, Betreuung und Pflege". Martin Hamborg engagiert sich seit 1998 im Vorstand der Deutschen Expertengruppe Dementenbetreuung und kennt sich mit Pflegeheimen und Einrichtungen des Betreuten Wohnens aus. Klaus-W. Pawletko, Geschäftsführer des Vereins "Freunde alter Menschen", ist auf Demenz-Wohngemeinschaften und die ambulante Versorgung Betroffener spezialisiert.

Autor Kurzzeitpflege und "nach Hause wollen"
14.12.2019 | 15:49
Sonni

Hallo zusammen,

ich bin neu hier und brauche Rat. Mein 83jähriger Vater hat eine Alzheimer-Mischform und hat bisher bei seiner 81jährigen Lebenspartnerin gelebt. Er hat zusätzlich eine Spinalkanalstenose sowie kaputte Bandscheiben, die ihm immer mal wieder Probleme machen. Bisher hatte er es recht gut mit Schmerzmitteln nach Bedarf unter Kontrolle.

Vor 2 Wochen, nachdem ich von einer längeren Geschäftsreise zurückgekommen bin, habe ich ihn notfallmässig in ein Krankenhaus einliefern lassen, da er massive Rückenbeschwerden hatte und nicht mehr laufen konnte. Der Hausarzt hatte starke Opiatpflaster gegen die Schmerzen verschrieben, die starke Nebenwirkungen hatten (Verwirrung, etc). Im Krankenhaus wurde er die erste Woche mit Spritzen in den Rücken und weitere Opiaten behandelt (Oxycodon). In den ersten Tagen ging es ihm wesentlich besser, dann setzten starke Halluzinationen, Nesteln, etc ein. Auf mein Drängen wurde ein Schmerztherapeut hinzugezogen, der das Oxycodon abgesetzt hat und eine Mischung aus diversen anderen Schmerzmitteln verordnete. Endlich haben wir damit seine Schmerzen unter Kontrolle bekommen.

Da das Haus seiner Lebensgefährtin nicht sehr altengerecht ist (viele Treppen, nur Badewanne) und mein Vater durch das Krankenhaus sowohl körperlich als auch geistig schwer angeschlagen ist, habe ich beschlossen ihn vorerst in Kurzzeitpflege zu geben. Ein Grund ist, dass wir das Badezimmer umbauen wollen, damit er ohne Probleme duschen kann und das Schlafzimmer in das Erdgeschoss legen wollen, so dass alles auf einer Ebene ist. So weit, so gut.

Was mir Sorgen bereitet: Schon im Krankenhaus konnte mein Vater sich nicht an seine Lebensgefährtin erinnern, obwohl ich Bilder von ihr hingestellt hatte und sie auch täglich mehrmals telefoniert haben. Er war völlig verblüfft, dass sie seit 15 Jahren zusammen sind. Seit er in Kurzzeitpflege ist, hat er sie noch kein einziges Mal angerufen. Weiterhin versucht er alles, um aus der Pflege herauszukommen, gerne mit emotionaler Erpressung wie "Ich bringe mich um", etc. Seine Demenz hat stark zugenommen, laut Pflegepersonal ist sein Tag/Nachtrhytmus völlig aus dem Lot, das hatte ich auch schon im Krankenhaus gemerkt. Er kann nicht mehr sagen, wo "zu Hause" ist, auch hier hatte ich im Krankenhaus festgestellt, dass er von seinem Elternhaus spricht. Im Moment halte ich mich auf Anraten des Pflegepersonals mit Anrufen oder Besuchen zurück, um ihm die Eingewöhnung zu erleichtern.

Zum einen habe ich ein schlechtes Gewissen, dass ich ihn im Stich lasse. Mir war immer klar, dass ich ihn nicht pflegen werde, aber alles tun möchte, um es ihm so gut gehen so lassen wie möglich. Zum anderen stelle ich mir die Frage, wie es weitergeht. Ich sehe nicht, dass er zu seiner Partnerin zurückkehrt, selbst mit Badumbau nicht. Sie ist jetzt schon völlig überfordert mit der Situation.

Hat jemand ähnliche Erfahrungen mit diesen Konstellation? Was würdet ihr raten? Wie verhält man sich, wenn ein Elternteil es so sehr hasst in der Pflege zu sein? Das Heim ist wirklich nett, wir haben Glück gehabt - ist also nicht so, dass es an den äusseren Umständen liegt. Ich habe übrigens Betreuungsvollmacht mit Bestimmung des Aufenthaltes.

Vielen Dank für eure Antworten!

Sonja

14.12.2019 | 18:31
hanne63

Hallo Sonni,
gegen den erklärten Willen des Demenzerkrankten kann er nur mit richterlicher Genehmigung (vom Betreuungsgericht) im Heim behalten werden, auch dann, wenn Sie die Betreuungsvollmacht haben.....oder man nimmt in Kauf, dass er halt immer wieder aus dem Heim wegläuft...

Für meine Mutter benötigte z.B. der rechtliche Berufsbetreuer eine gesonderte richterliche Genehmigung zur Heimunterbringung in einem sog. geschützten Bereich (weil sie immer weggelaufen ist).

15.12.2019 | 12:03
Sonni

Hallo Hanne63,

vielen Dank, ja - ich will und werde ihn nicht gegen seinen Willen dort festhalten. Allerdings habe ich beschlossen, dass er ein paar Wochen durchhalten muss, bis ich seinen Alltag organisiert habe. Und ich hoffe, ihm ist bewusst, dass er wahrscheinlich auch mit Tagespflege oft alleine ist... Aber wie andere schon hier im Forum berichteten, anscheinend muss man das als Angehöriger aushalten.

Viele Grüße
Sonni

16.12.2019 | 08:05
martinhamborg

Hallo Sonni, Ihr Vater hat in der letzten Zeit sehr viel durchgemacht. Vielleicht ist er schon in der Klinik infolge der Medikation, der Schmerzen oder aus anderen Gründen an einem Delir erkrankt. Auf den Informationsseiten hier in diesem Wegweiser finden Sie dazu Informationen. Eine "plötzliche Demenz" oder eine "Demenzschub" sind meist ein Delir, dass sich gut behandeln lässt. Früher wurde es als "Durchgangssyndrom" bezeichnet. Sprechen Sie bitte seinen Arzt darauf hin an.
Bei den Besuchen sollten Sie möglichst nicht diskutieren, Sie können über sichere und geborgenheitsstiftende Themen sprechen, Fotos ansehen, seine mögliche Unzufriedenheit auf der Gefühlsebene ansprechen und trösten.
Es kann sein, dass alles nach einer Zeit wie ein böser Traum vorbei ist und Ihr Vater sagt, "ich war da ja völlig durcheinander..."
Alles Gute, Ihr Martin Hamborg

16.12.2019 | 18:15
Sonni

Hallo Herr Hamborg,

vielen Dank für den Hinweis. Ich besuche ihn morgen in dem Pflegeheim und morgen wird auch ein Arzt da sein, um ihn sich anzuschauen, da er immer noch so wahnsinnig unruhig ist und nicht schläft und sich nur in seiner "Schleife" befindet. Ich werde ihn auf jeden Fall darauf ansprechen. Zum Glück habe ich heute schon Fortschritte gemacht, was eine Betreuung nach der Kurzzeitpflege angeht - evtl. habe ich einen Platz in der Tagespflege und sogar eine examinierte Altenpflegerin, die selbstständig arbeitet und von daher mehr Zeit für Betreuung aufbringen kann als ein Pflegedienst. Ich bin also zur Zeit positiv gestimmt, dass er dort auch rechtzeitig rauskommt. Ich hoffe nur, dass seine Lebensgefährtin sich bewusst ist, was es heisst, im Moment ist meine grosse Befürchtung, dass sie es nur ein paar Wochen durchhält und das ganze von Vorne losgeht. Was fürchterlich wäre.

Viele Grüsse
Sonni

18.12.2019 | 11:13
martinhamborg

Hallo Sonni, das hört sich gut an!
Vielleicht hilft es, wenn der Arzt eine klare Ansage auch in Richtung der Lebensgefährtin machen kann und seine ärztliche Autorität ein gutes Argument in ihren Gesprächen wird?
Alles Gute, Ihr Martin Hamborg

19.12.2019 | 15:32
Sonni

Am 2. Januar, also 3 Wochen eher als geplant, werde ich meinen Vater nun aus der Kurzzeitpflege nehmen. Er gewöhnt sich einfach nicht ein, ist kreuzunglücklich. Aber über Weihnachten / Neujahr kann ich seine Medikamentenversorgung nicht mehr professionell sicherstellen (er ist auch Schmerzpatient), deswegen erst 2. Januar, da muss er nun wirklich durch.
Weiterhin besuchen wir ihn jetzt jeden Tag, er fragt immer schon, wann wir kommen. Es war schrecklich für ihn, dass keiner kam, da wir uns auf Anraten des Heimes mit Besuchen zurückhalten sollten, bis er sich eingewöhnt, in seinem Fall kontraproduktiv. Als ich ihn Dienstag das erste Mal besucht habe, war er in Tränen aufgelöst, weil er sich so verlassen fühlte. Fazit: Man muss sich Schritt für Schritt vortasten und neu organisieren und vielleicht einfach mal auf sein Gefühl hören.

03.01.2020 | 11:46
martinhamborg

Hallo Sonni, weil Sie heute Ihren Vater wieder aus der Kurzzeitpflege abholen, möchte ich mich kurz melden und Ihnen alles Gute und einen neuen Start wünschen.

Die Empfehlung des Heimes, in der ersten Zeit den Kontakt zu meiden, ist manchmal berechtigt und wichtig. Dies bestrifft besonders folgende Konstellationen:

Ist der Mensch mit Demenz in der Lage, neue Kontakte einzugehen, gibt es viele Angebote und interessante Begegnungen und besteht eine hohe situative Kompetenz und Neugierde, kann die Konfrontation mit dem alten Bezugsrahmen irritieren und verunsichern. All diese Aspekte sollten aber in einem individuellen Eingewöhnngskonzept beplant und ausgewertet werden - dies ist eine hohe fachliche Leistung, die selbst in guten Einrichtungen von entsprechend guten Pflege- und Betreuungskräften abhängt.

Ein echtes Problem ist, wenn Angehörige - häufig aus schlechtem Gewissen - den Menschen mit Demenz in den Besuchen überfordern und sich diese versteckten Botschaften mit einem grundsätzlichen Misstrauen der Einrichtung gegenüber mischen. Überforderung und unklare Botschaften können den Menschen mit Demenz so sehr verunsichern, dass er oder sie Stunden und Tage brauchen kann, bis sich wieder alles selbst reguliert. Mit Ihrem Satz, es sei vom "Gefühl abhängig", haben Sie dies auf den Punkt gebracht. Vorraussetzung ist natürlich, dass dieses Gefühl nicht vom eigenen Schuldgefühlen beeinflusst ist!

Für die Eingewöhnung empfehle ich deshalb immer, bei den Besuchen gemeinsam Kontakt mit passenden Mitbewohnern zu fördern und die Angehörigen nicht aus dem neuen Lebenskontext zu reißen.

Ihnen und allen Leserinnen und Lesern ein gutes, gelassenes und wunderbares neues Jahr in dem Sie neben oder in den großen Herausforderungen auch das ein oder andere kleine Wunder erleben können.
Ihr Martin Hamborg



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