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Ratgeberforum "Wohnen, Betreuung und Pflege"

Bild: Ratgeberforum "Wohnen, Betreuung und Pflege" Unter welchen Voraussetzungen können Demenzkranke in den eigenen vier Wänden leben? Wann ist ein Pflegeheim, eine Demenz-WG oder betreutes Wohnen angesagt? Zwei Experten auf diesem Gebiet moderieren das Internetforum "Wohnen, Betreuung und Pflege". Martin Hamborg engagiert sich seit 1998 im Vorstand der Deutschen Expertengruppe Dementenbetreuung und kennt sich mit Pflegeheimen und Einrichtungen des Betreuten Wohnens aus. Klaus-W. Pawletko, Geschäftsführer des Vereins "Freunde alter Menschen", ist auf Demenz-Wohngemeinschaften und die ambulante Versorgung Betroffener spezialisiert.

Autor Unbedingt wieder nachhause...
18.05.2020 | 16:02
Rose60

Hallo zusammen,
ich möchte gerne mein Thema vom Januar nochmals aufnehmen, da mir der Austausch und das Lesen hier im Forum gut getan hatten.
Ab Februar hatte ich mit meiner Mutter bei meinen Besuchen im Heim eine leichtere Zeit, vermutlich weil ein vom Neurologen verordnetes minimales Antidepr. sich positiv auswirkte. Sie sagte öfter vorsichtig "aber irgendwann will ich wieder nachhause" und ich antwortete dann immer "ich weiß, Mama", dann Themenwechsel bei guter Stimmung.

Meine Mutter hatte dann einzelne gute Kontakte im Heim und schien sich wohler zu fühlen. Meiner Schwester hat sie es allerdings deutlich schwerer gemacht, sie aus der Verantwortung zu entlassen, doch das ist deren Thema.

Nun ist es aktuell wieder ein größeres Thema, vermutlich durch die Corona-Einschränkungen, die Bewohner dürfen ja nicht mehr aus dem Haus, also keine Cafe-Besuche mit mir oder Besuche bei mir zuhause, keine Gottesdienste im Haus, Friseur etc.
Und vllt kommen so wieder die gefühlt schöneren Erinnerungen an "zuhause".
Gestern sagte meine Mutter, sie merke doch selbst, dass sie vergesslicher wird, das sei durch das Einerlei im Heim - sie mag aber weder am Singen noch an Spielen teilnehmen, einzige Aktion ist mit anderen reden und im Zimmer vor sich hin dösen. Das Gedächtnis ist nun regelmäßig deutlich schlechter, die Pfleger sagen, ohne Aktivierung und Vorgaben hätte meine Mutter keinerlei Tagesstruktur.
Nun konnte ich in einem etwas längeren, aber sehr ruhigen und sachlichen Gespräch gestern mit ihr erklären, dass man nun durch Corona noch schlechter ausländ.Pflegekräfte für zuhause bekomme und meine Schwester wird keine Betreuung wieder aufnehmen wie zuvor lange Jahre. Im Heim hier hat sie täglich mehrere Gesprächspartner, sie ist sehr gesellig, kann aber die Konsequenzen überhaupt nicht mehr übersehen.

Trotzdem fällt es mir auch nun wieder schwer, mich über ihren Wunsch hinwegzusetzen, heute geht es mir schlecht damit. Andererseits bin ich mir nun noch sicherer, dass die Art der Betreuung aus meinen Augen die richtige ist. Schade ist, dass ihre Freundin sie aufgrund der Entfernung hier nicht besucht.
Ich gehe regelmäßig 1mal/Wo. hin, konnte auch die letzten Wochen zum Glück über den Gartenzaun mit ihr sprechen und Kontakt halten.
Was ist das bloß, dass mein Gewissen so zermürbt??
Auf den ersten Blick wirkt meine Mutter (fast 90J.) weiterhin orientiert auf andere, hat aber nun nahezu keinerlei Antrieb mehr, würde zuhause, wie schon zuvor, absolut nichts mehr machen - nur eben in ihren Gedanken... Da macht sie noch ganz viel und fühlt sich ungerecht behandelt.

Ich wäre dankbar, wenn mir jemand etwas dazu sagen könnte.
Lieben Gruß
Rose

18.05.2020 | 21:03
Teuteburger

Hallo Rose,

ich kann Ihr schlechtes Gewissen gut nachempfinden.
Gerade was die Bedürfnisse eines älteren Menschen oder die eines Kindes angeht, man fühlt, als nahe stehender Verwandter, mit, weil diese hier auf Hilfe angewiesen sind. Und gerne sieht man die Bedürfnisse seiner Liebsten erfüllt.

Es freut mich zu lesen, dass sich ihre Mutter im Heim doch recht gut eingelebt hat. Die Corona-Sache erschwert natürlich alles wieder.
Es ist jetzt nicht mehr optimal, sondern langweiliger für Ihre Mutter. Aber Zuhause wäre es noch langweiliger. Leider trifft es auch die älteren Personen, dass sie Einschränkungen erleben. Ich erlebe das auch in meinem Umfeld, dass dies einigen schwerer fällt als anderen. Je nachdem, wie man das Leben vorher gelebt hat, fallen bei dem einen, die Einschränkungen kaum auf und andere wiederum, leiden stärker darunter.

Auch das Gespräch, welches Sie mit Ihrer Mutter geführt haben, hat schon geholfen, damit mehr Verständnis da ist. Trotzdem erlebt sie jeden Tag ihre Einschränkungen. Ich würde sie vertrösten, dass es auch bald zu mehr Lockerungen kommen wird. Auch meine Schwiegermutter weiß, dass sie wegen Corona, nicht mehr schwimmen gehen kann. Sie kann das schon seit zwei Jahren nicht mehr, aber sie glaubt, dass sie erst jetzt nicht mehr kann, weil die Hallenbäder zu sind. Und das versteht sie durchaus. Deshalb auch ihr Rückenweh.

Vielleicht helfen Vertröstungen. Es gibt Heime, in denen es zwar keine Gruppenstunden mehr gibt, dafür aber eine individuelle Betreuung. Macht Ihre Mutter irgendetwas gerne, wie Musik hören, Handarbeit, Landschaftbilder schauen? Kann man hier etwas machen?

Leider kann ich nicht mehr dazu beitragen, aber ich würde das schlechte Gewissen etwas eindämmen, denn die äußeren Umstände entscheiden viel mit, ob Bedürfnisse erfüllt werden können oder ob man erst einmal Vertröstungen und einen Ersatz für eine gewisse Zeit hernehmen muss. Und das kann man nicht so einfach verändern. Und das schlechte Gewissen hilft dann auch nicht weiter, denn jedes Bedürfnis braucht eine reale Ressourcenquelle. Das gibt es im Moment nicht in ausreichendem Maße und früher hat es das für Ihre Mutter auch nicht mehr gegeben in Ihrer Wohnung.

Sind ehrenamtliche oder bezahlte Seniorenhelferinnen im Heim auch nicht gestattet? Kann Ihre Mutter noch gut telefonieren? Würde ein tägliches Telefongespräch ihr vielleicht helfen? Bei manchen älteren Menschen hilft das oftmals noch. Die Freundin kann ja auch anrufen.

Liebe Grüße an Sie und an alle, die hier mitlesen







[Dieser Beitrag wurde 1mal bearbeitet, zuletzt am 18.05.2020 um 21:08.]

21.05.2020 | 13:13
Rose60

Hallo Teuteburger,
herzlichen Dank für Ihre lieben Worte und ihr Verständnis.
Mir ging es ein paar Tage recht schlecht mit meiner deutlichen Ansage, dass es nun noch bestimmt 1 weiteres Jahr mit den Corona-Einschränkungen auf und ab gehen kann und wir keine ausl.Pflegekraft und damit keine Rückkehr für meine Mutter erwirken können. Nun scheint es eher so zu sein, dass ihr dies sogar gut getan hat. Vllt muss sie jetzt nicht dauernd überlegen, ob sie es zuhause noch schafft, wann es nachhause geht etc.
Als ich sie heute anrief, war sie auffallend gut gelaunt und sagte, ihr gehe es im Heim ja wirklich gut, das könne sie nicht anders sagen - puh, da war ich nun sehr froh.
Dann war sie in einem anderen Zusammenhang erstaunt, dass "die Krankheit" immer noch nicht weg ist - mir wird in den letzten Wochen der geistige Rückgang immer deutlicher. Auch fragte sie mich, wie so oft in den letzten Monaten, wie alt ich nun eigentlich sei. Also im direkten Gespräch noch sehr präsent und deutlich jünger aussehend, daher konnte sie auch Pfleger lange etwas blenden.
Doch damit ist unsere Entscheidung unnachgiebig zu bleiben, doch bestätigt. Ich finde es für mich selbst oft schwierig, den gleichen Menschen vor mir zu haben und dann oft so verändertes Verhalten etc.

Bzgl. Ihrer Anregungen zu Beschäftigung muss ich sagen, dass meine Mutter bestenfalls zu hausinternen Konzerten geht(findet ja momentan kaum statt) und gerne redet, über ihr Leben, ihre Familie etc. Kein Musikhören mehr, kaum mal in einer Zeitschrift blättern, abends ein bisschen fernsehen, döst aber viel auf dem Stuhl ein und viel Bedarf nach Ruhe. Die ehrenamtl. Besucher dürfen noch nicht wieder ins Haus.
Ich habe ihr ein Fotoalbum von mir als Kind und Jugendl. übergeben, das hat sie gefreut. Ich denke, in dieser Richtung werde ich weitermachen.

Telefonieren kann sie grundsätzlich, doch keine längeren Gespräche mehr aufrechterhalten, keine Themen mehr.
Jedenfalls sieht meine Mutter nun auch entspannter und gesünder aus also noch in der Zeit zuhause.
Ich hoffe nun sehr, dass die Zufriedenheit weiterhin überwiegt.

Sie haben schon recht, dass man es mittlerweile mit kindl. Verhalten vergleichen kann. Das fällt mir teilweise noch schwer anzuerkennen, ein Lernprozess irgendwie.

Ich grüße Sie herzlich, wie auch andere Leser!
Rose

[Dieser Beitrag wurde 1mal bearbeitet, zuletzt am 21.05.2020 um 13:15.]

22.05.2020 | 12:13
Teuteburger

Hallo Rose,

danke Ihnen für die Rückmeldung. Dann geht es Ihrer Mutter doch recht gut im Heim und sie kommt trotz Corona auf ihre Art und Weise zurecht.
Das entlastet Sie ein bisschen und das macht es leichter. Ich hoffe auch, dass es bei uns auch einmal so sein wird.

Sie haben Recht, es ist nicht leicht die Veränderungen in einem Menschen wahrzunehmen. Ich tue mich da auch schwer.
Auf der anderen Seite frage ich mich zusätzlich, was hat derjenige, der dement wird, vorher für Lebensinteressen gehabt und wie ist er tatsächlich mit Konflikten umgegangen und wie hat er sich selbst darinnen erlebt. Und ich frage mich, wie sehr hat derjenige seine eigenen Bedürfnisse gekannt und sie gelebt. Und was bleibt davon übrig, wenn alles äußere sich verändert und weg fällt. Und wie würde es einem dann selbst gehen. Woran hält man fest, was würde man am liebsten loswerden. Es besteht hier noch viel Forschungsbedarf.

Liebe Grüße an Sie und ich wünsche Ihnen, dass es weiterhin so positiv bleibt



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