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Ratgeberforum "Wohnen, Betreuung und Pflege"

Bild: Ratgeberforum "Wohnen, Betreuung und Pflege" Unter welchen Voraussetzungen können Demenzkranke in den eigenen vier Wänden leben? Wann ist ein Pflegeheim, eine Demenz-WG oder betreutes Wohnen angesagt? Zwei Experten auf diesem Gebiet moderieren das Internetforum "Wohnen, Betreuung und Pflege". Martin Hamborg engagiert sich seit 1998 im Vorstand der Deutschen Expertengruppe Dementenbetreuung und kennt sich mit Pflegeheimen und Einrichtungen des Betreuten Wohnens aus. Klaus-W. Pawletko, Geschäftsführer des Vereins "Freunde alter Menschen", ist auf Demenz-Wohngemeinschaften und die ambulante Versorgung Betroffener spezialisiert.

Autor Hausarzt
15.01.2020 | 07:09
Andydreas

Ich muss noch mal nachfragen.
Ich betreue meine inzwischen schon stark demente Mutter seit einigen Jahren.
Sie hat auch weiterhin den starken Drang "nach Hause" zu gehen um ihre Oma und Mutter zu besuchen, bzw. zu unterstützen.
Jetzt lassen die Kräfte nach und die Fluchtversuche werden so langsam weniger. Mein Problem ist, dass es immer schwieriger wird ihr zu vermitteln, dass sie essen und vor allem trinken muss. Das hat am vergangenen Wochenende zu einem Zusammenbruch und Notarzteinsatz geführt. Im Krankenhaus wurde dann ein akutes Nierenversagen diagnostiziert. Sie bekam eine Infusion und ein flüssiges Medikament verabreicht. Eigentlich wollte sie die junge Ärtzin stationär aufnehmen, aber meine Mutter hat sich mit allen Kräften dagegen gewehrt. Sie musste dann eine Erklärung unterschreiben und ich bekam einen Bericht für ihren Hausarzt.
Dort bat ich um einen Hausbesuch und ärztlichen Rat. Die Antwort des Arztes "Was soll das bringen".
Er schrieb mir Tropfen auf, die meine Mutter beruhigen soll. Der Hausarzt erklärte außerdem, dass er mit einer Amtsrichterin gesprochen habe und dass man da nichts machen könne, da meine Mutter ja alles ablehnen würde.
Hinsichtlich des Nierenversagens erklärte er mir, dass das in absehbarer Zeit zum Tode führen würde, wenn es mir nicht gelingen würde, dass meine Mutter mehr trinkt.
Ich finde die Vorgehensweise befremdlich und fühle mich mal wieder im Stich gelassen.
Hat jemanden ähnliche Erfahrungen gemacht und ev. einen Rat für mich ?

15.01.2020 | 07:56
Jutta60

Hallo Andydreas,
haben Sie denn jetzt einen neuen Hausarzt oder ist das immer noch der bisherige Arzt, der Sie ja schon mehrere Male im Stich gelassen hat?
Bei meiner Mutter war das phasenweise auch so, dass sie alles abgelehnt hat und die alten Menschen dehydrieren dann ja ganz schnell. Dadurch verstärkt sich dann die Verwirrtheit noch mehr, ein Teufelskreis. Können Sie denn herausfinden, warum Ihre Mutter nichts mehr essen und trinken mag? Hat sie Probleme wie Zahnschmerzen oder eine schlecht sitzende Zahnprothese? Mit der Zahnhygiene wird es ja leider auch immer schwerer mit fortschreitender Demenz. Oder will sie einfach nicht mehr. Meine Mutter hat das mal geäußert, dass sie einfach nicht mehr leben will mit dieser Krankheit. Das war, als ihr das noch ab und zu bewusst wurde. Also im Stil von "ich will sterben und das ist das Mittel, das ich noch habe". Mit fortschreitender Demenz vergaß sie aber diese Absicht und aß/trank dann wieder normal, bis es eben durch die zunehmenden Schluckstörungen nicht mehr ging. Am liebsten in Gesellschaft.
Irgendwie ist das ja ihr freier Wille, so zu handeln. Aber ich weiß, dass es für Sie als Sohn entsetzlich schwer ist, da zuzusehen und kaum etwas tun zu können. Ich kann nicht sagen, wie ich mich verhalten hätte. Bei meiner Mutter schritt die Demenz so schnell voran, dass die Phase rasch vorbeiging. Alles Gute für Sie und für Ihre Mutter, vielleicht kommen noch ein paar Vorschläge. Bleiben Sie stark auch in diesem Jahr!

15.01.2020 | 10:20
Andydreas

Hallo Jutta,
schön wieder von Ihnen zu hören.
Nein, es ist der neue Arzt. Wurde mir zwar empfohlen. ist wohl auch überfordert. Merkwürdig finde ich, dass er bei den bisherigen Besuchen nicht einmal den Blutdruck gemessen hat. Außerdem hängen in der Praxis mehrere Hinweise, dass auf ein Händeschütteln bitte verzichtet werden soll. Ein Arzt, der seine Patienten nicht berühren will finde ich befremdlich. Aber nochmal suche ich nicht neu.
Die Zahnprotese ist wohl in Ordnung. Ob sie nicht mehr leben mag kann ich nicht sagen, da sie darüber kein Wort verliert, aber die Kommuniktion zwischen uns nimmt ohnehin ständig ab, da sie Phasen hat, in dennen sie keinen klaren Satz mehr hinbekommt. Bei ihr ist nach wie vor die totale Ablehnung der Hilfe Dritter vorhanden.
Nachdem mein Arzt die Verantwortung nun nicht übernehmen kann bin ich wohl gefragt. Entweder entmündigen, einen fremden Betreuer einsetzen lassen und in einer geschlossenen Einrichtung wegsperren oder bis zum Ende gemeinsam durchstehe. Letzteres werde ich versuchen.Zum Glück spielt mein Arbeitgeber mit, so dass ich notfalls bis Ende September freigestellt sein kann. Ich fürchte bis dahin hat sich die Sache erledigt.
Kein gutes Gefühl.

15.01.2020 | 10:46
martinhamborg

Hallo Andydreas, wie Jutta60 schon geschrieben hat, ist viel Geduld und Fingerspritzengefühl notwendig. Mal wird es gelingen, dass Ihre Mutter isst und trinkt mal nicht. Aus meiner Erfahrung ist das Wichtigste, dass Sie keinen Druck aufbauen, sondern einfach nur anbieten, zuprosten oder eine Atmosphäre schaffen, in der sie es annimmt. Vielleicht suchen Sie mal im Block meinen Artikel "Kein Zwang, keine Tricks ..."
Der Arzt kann da nicht zaubern, denn Ihre Mutter zeigt einen sehr starken Willen.
Diesen Aspekt möchte ich noch vertiefen: Manchmal gibt es kleine Wunder, wie in meinem Beispiel. Aber das Ablehnen von Essen und Trinken ist - in allen Kulturen dieser Welt - die einzige legitime Form den Sterbeprozess zu erleichtern. Oftmals mache ich die Erfahrung, dass Menschen mit Demenz dieses tiefe Wissen in sich haben und so ihren Beitrag für einen würdigen Abschied leisten wollen. Erleben Sie die Ablehnung Ihrer Mutter als Zeichen des Lebenswillens und des Lebenskampfes oder als eins der (eingeschränkten spontanen) Selbstbestimmung, allein den letzten Weg zu gehen?
Sehen Sie Hinweise, dass Ihre Mutter Sie darum bittet, gehen und loslassen zu dürfen?
Wenn Sie diesen Gedanken weiterdenken können, dann hilft Ihnen vielleicht der Arzt dabei, nach palliativen Möglichkeiten zu suchen. Es gibt mit den sog. SAPV-Teams eine wirklich gute Unterstützung - und wie mein Beispiel im Blog zeigt: Der Mensch mit Demenz zeigt uns immer wieder neu, ob er bleiben oder gehen will.
Ihnen viel Kraft auf Ihrem gemeinsamen Weg, Ihr Martin Hamborg

16.01.2020 | 06:30
Andydreas

Hallo Herr Hamborg,
nein, es gibt aus meiner Sicht keine Anzeichen für eine Lebensmüdigkeit. Sie merkt zwar, dass ihre Kräfte nachlassen, da sie auch immer öfter über Schmerzen in den Beinen und Rücken verspürt. Aber sie glaubt mir nicht, dass das auch mit ihrem Ess- und Trinkverhalten zu tun hat.
Ich versuche seit einigen Tagen ihr einen Rollator schmackhaft zu machen, damit sie sich bei ihren Ausflügen mal hinsetzen kann, aber sie lehnt ja immer noch alles ab. Ich betreue sie schon so lange und muss doch noch soviel lernen.Aber da gebe ich nicht auf.
Durch das Verhalten meines Hausarztes habe ich ja nun die Sicherheit, dass ich mich bei der Pflege meiner Mutter strafbar machen kann, denn sonst hätte er ja wohl handeln müssen.
Vielen Dank Ihnen und Jutta für die Tipps.

16.01.2020 | 12:06
Andydreas

Hallo Sonnenblümchen,
ich kann das Kompliment nur zurückgeben. Ich denke, dass alle Forumsmitglieder durch das Miterleben der Demenz einen neuen Blick auf das Leben und sterben bekommen.
Ich habe gerade heute eine Reportage gesehen, in der die Frage behandelt wurde, ob es die Demenz als Krankheit überhaupt gibt und es sich nicht eigentlich nur um ganz normale Alterserscheinungen handelt, die jeder früher oder später bekommen wird. Nicht ganz von der Hand zu weisen. Es wurde ein französischer Arzt interviewt, der diese Ansicht vehement vertrat. Es wurde auch gesagt, dass in Frankreich keine Demenzmedikamente mehr verschrieben werden dürfen. Fand ich interessant.
Hinsichtlich meiner Mutter mache ich mir pausenlos meine Gedanken. Ich muss immer wieder feststellen, dass man kaum etwas vorausplanen, sondern nur auf auftretende Probleme reagieren kann.
Von meinem Hausarzt kann ich keine Unterstützung erwarten. Bisher gibt es immer Tage, an denen sie überhaupt nicht oder erst am späten Nachmittag aufsteht. Aber sie ist immer noch in der Lage die Wohnung zu verlassen um nach ihren verstorbenen Verwandten zu suchen. Ich muss sie inzwischen eigentlich immer begleiten. So habe ich an einigen Tagen 5 und mehr Spaziergänge. Da ihre Kräfte doch so langsam schwinden und die Schmerzen immer mehr werden habe ich an einen guten Rollator gedacht, damit sie sich jederzeit hinsetzen kann. Lehnt sie aber ab, so wie alles was ich vorschlage.
An wen kann ich mich eigentlich wenden, wenn ich die Wohnung mit dem besagten Pflegebett ausstatten will ?

16.01.2020 | 12:42
Teuteburger

Hallo Andydreas,

da Sie schon einige gute Antworten erhalten haben, für den weiteren Verlauf mit ihrer Mutter, möchte ich Ihnen in Sachen Rollator etwas weiterhelfen.

Meiner Schwiegermutter lehnt auch alles erst einmal ab, immer und grundsätzlich. So ist auch sie schon gestürzt und sie kam ins Krankenhaus und in Kurzzeitpflege immer mit dern Tendenz sofort nach Hause zu wollen. In der Zeit hat sie mich massiv mit Vorwürfen Tag für Tag belastet und alle die sie besuchen kamen auch. Sie ist nur geblieben, weil wir ihr versprochen haben, sie an einem bestimmten Tag nach Hause zu holen., was sie dann auch auf eigene Verantwortung getan hat.
Es stand massiv auf der Kippe, ob sie bis dahin wieder laufen kann. Es ging dann einigermaßen, aber nur mit Rollator. Diesen hat mein Mann ihr einfach gekauft als sie in der Kurzzeitpflege war und hingestellt. Die Krankengymnastin hat diesen hoch gelobt und meine Schwiegermutter hat ihn akzeptiert, nachdem sie gesehen und gemerkt hat, dass er ihr das Gehen erleichtert und sie sich auch mal hinsetzen kann.

Das gleiche haben wir mit dem Toilettensitz und dem Pflegebett durch. Alles ist abgelehnt worden und auch als das Pflegebett da war, nur Geschimpfe, aber sie schläft jeden Abend darinnen, weil es viel bequemer ist.

Deshalb rate ich Ihnen einfach dazu, den Rollator zu kaufen, sich aber vorher genau einzulesen, über die Breite der Räder und die Fallsicherheit beim Gehen.

Liebe Grüße an Sie



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