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Ratgeberforum "Wohnen, Betreuung und Pflege"

Bild: Ratgeberforum "Wohnen, Betreuung und Pflege" Unter welchen Voraussetzungen können Demenzkranke in den eigenen vier Wänden leben? Wann ist ein Pflegeheim, eine Demenz-WG oder betreutes Wohnen angesagt? Zwei Experten auf diesem Gebiet moderieren das Internetforum "Wohnen, Betreuung und Pflege". Martin Hamborg engagiert sich seit 1998 im Vorstand der Deutschen Expertengruppe Dementenbetreuung und kennt sich mit Pflegeheimen und Einrichtungen des Betreuten Wohnens aus. Klaus-W. Pawletko, Geschäftsführer des Vereins "Freunde alter Menschen", ist auf Demenz-Wohngemeinschaften und die ambulante Versorgung Betroffener spezialisiert.

Autor Aussicht auf einen Rest Lebensqualität?
22.01.2020 | 16:59
Andydreas

Hallo Sonnenblümchen,
sie sprechen da einen sehr wichtigen Punkt an.
Auch ich bin davon überzeugt, dass wir heute die Nachwirkungen der Nazizeit bei unseren Angehörigen aufarbeiten müssen.
Meine Mutter musste während der gesamten Kriegszeit auf ihren geliebteb Vater verzichten. Meine Grossmutter war mit der Situation 3 Kinder alleine erziehen zu müssen total überfordert und hat schwere Fehler begangen, die bis heute bei meiner Mutter tief verwurzelt sind. Meine Mutter hat zu meinem Glück aus den Fehlern ihrer Mutter gelernt und meinen leider vor über 30 Jahren verstorbenen Bruder und mich zu einem vernünftigen Menschen erzogen. Ich hatte entgegen anderer Forumsmitglieder immer ein sehr gutes Verhältnis zu meiner Mutter, wodurch es mir leichter fällt mich um sie zu kümmern, obwohl sie sich durch die Krankheit total verändert hat. Ich kann sehr gut verstehen, dass es jedem schwer fallen muss sich um die Angehörigen zu kümmern, wenn das Verhätnis vorher schwierig war.
Nichtsdestotrotz glaube ich aber auch, dass sich meine Trauer im Falle des Ablebens meiner Mutter einigermaßen in Grenzen halten wird, da ich glaube, dass es eine Erlösung für sie sein wird. Ich teile die Befürchtung, dass man nach dem Tod des Angehörigen in ein tiefes Loch fallen werde nur bedingt, da ich davon ausgehe, dass die eigentliche Trauerarbeit schon längst begonnen hat. Wir, die wir unsere Angehörigen zu Hause pflegen haben nunmehr die Gelegenheit jetzt schon Abschied zu nehmen und für sie da zu sein, auch wenn sie unsere Hilfe eigentlich garnicht annehmen wollen.
Ich wünsche allen eine glückliche Hand, wenn es einmal dazu kommt die richtige Entscheidung zu treffen.
Danke fürs Lesen.

22.01.2020 | 17:05
Rose60

Hallo zusammen,
ich bin sehr beeindruckt über dieses Forum mit dem offenen Austausch. Ich gehöre auch zu den Betroffenen, die leider KEINE gute Kindheit hatten, hatte aber lange das Gefühl mich ständig kümmern zu müssen - "Du sollst Vater und Mutter ehren"... Mein Eindruck ist, dass dabei durch diese Negativ-Bindung die Abgrenzung zu den Anforderungen der alten und pflegebedürftigen Eltern noch schwerer fällt. Ich musste erst durch prof.Begleitung lernen, dass ich auch ein Anrecht auf eigene Zufriedenheit und Berücksichtigung meiner Bedürfnisse habe, bin lange ständig über meine (gesundheitl.) Grenzen gegangen.
Bei meinem dementen Vater habe ich schon rechtl. Betreuung nach einem Polizeieinsatz durchbekommen, wodurch sich vieles entspannte, nun ist bei meiner Mutter Demenz im Gange, wie in einem anderen Thread beschrieben. Wieder mit vielen Gewissensbissen leider...
Ich habe Verantwortung übernommen und sie zum Schutz meiner zuvor betreuenden und dann sehr angeschlagenen Schwester in Kurzzeitpflege in meiner Nähe unterbringen können. Nun ging es in Daueraufenthalt mit monatl. möglicher Kündigung über. Meine Mutter kann sich unsere Gespräche und Erklärungen dazu nicht mehr merken und erzählt nun Unwahrheiten über mich, sehr überzeugend, will unbedingt nachhause. Theoretisch könnte sie ihre Sachen packen und sich vom Taxi bringen lassen, das macht sie bislang zum Glück aber nicht.
Für mich und besonders meine Schwester, die nun mehr als 10 Jahre total viel Aufregung mit unseren Eltern vor Ort hatte, ist es schwer auszuhalten.
Da fragen wir uns auch oft, wieviel man aushalten muss und kann nach vielen frühen Gewalterlebnissen u.a. nun diese belastende Phase.
Unser Vater verstarb vor 2 J. und wir hätten unserer Mutter sehr eine schöne Zeit ohne ihn gewünscht, nun verliert sie ebenfalls den Verstand, ist oft erschreckend aggressiv und hat totale Angst zu sterben, vllt ihren Mann im Jenseits wiederzutreffen?
Es tut weh und ehrlich gesagt freue ich mich auf die Zeit, wenn auch dieses Kapitel beendet wird... Hoffe das klingt nicht verwerflich.
Ich wünsche allen Lesern den Mut zu ihren Grenzen und Bedürfnissen zu stehen und die Zuversicht, dass manche Dinge auch durch Delegieren an Fachkräfte leichter werden können.
Herzliche Grüße
Rose

25.01.2020 | 11:53
martinhamborg

Hallo in die Runde, ich möchte den Aspekt der Pflege bei einer schweren Kindheit aufgreifen. Diese schlimmen Erfahrungen sind eine lebenslange Bürde und dann kommen noch weitere Verletzungen hinzu und alte Wunden können wieder aufbrechen. Da ist Trost, Unterstützung und Begleitung auf ganz vielen Ebenen wichtig und ich freue mich, wenn wir alle hier im Forum einen kleinen Beitrag dazu leisten. Aber ich möchte ganz deutlich sagen: es sind 1000 gute Gründe, auch eine Psychotherapie zu beantragen um alles zu ordnen und gute Rituale für das Loslassen und den Neuanfang zu finden.
Die größte Schwierigkeit ist das Verzeihen und Vater und Mutter zu ehren, auch wenn sie große Schuld auf sich geladen haben. Für unsere Psyche ist dieser schwerste Weg sehr wertvoll und deshalb haben sich kraftvolle Rituale wie das Familienstellen bewährt, auch wenn einige Kollegen vielleicht über das Ziel hinausschießen.

Aber jemandem die Ehre geben, heißt nicht, alles ungeschehen oder alles verdrängen zu müssen! Manchmal ist der Aspekt den wir wirklich ehren können nur ganz klein, vielleicht (nur?) weil sie uns dieses Leben geschenkt haben, an dem wir viel mehr als andere wachsen konnten... Aber Fehler bleiben Fehler und wir waren immer das Kind und die Eltern waren immer die Erwachsenen und tragen die Verantwortung, auch wenn Sie uns diese Antwort verweigern.
Ich kenne viele Menschen, die radikal mit ihren Eltern gebrochen haben und nicht die große Stärke haben, für die Eltern in der Demenz da zu sein und vielleicht noch versöhnende Erfahrungen zu machen. Drei Dinge können dabei helfen:
- Durch die Demenz lernen wir die Eltern nocheinmal neu kennen und verstehen,
- wir können ganz wertvolle Erfahrungen machen und nachholen
- und wir haben die Chance in einer ganz anderen erwachsenen Rolle auf böse Dinge zu reagieren. Wir sind nicht mehr hilflos oder können zumindest immer wieder neu üben, stark und erwachsen zu bleiben!
Ich habe lange überlegt, ob ich diese Zeilen schreibe, denn die Gedanken kommen so groß daher und können für den einen richtig und den anderen falsch sein. Ihr Martin Hamborg

25.01.2020 | 13:45
hanne63

Hallo Herr Hamborg,
danke, dass Sie diese Zeilen jetzt geschrieben haben, ich habe direkt schon darauf gewartet.

Es ist bei mir tatsächlich so, dass ich meine Eltern jetzt noch einmal neu kennen- und verstehen lerne, gerade auch wenn ich sehe wie sehr sie ihren Haushalt schon vorab ausgeräumt haben, um mir die Arbeit einfacher zu machen und auch, wenn ich sehe, dass sie ganz enorm wichtige Dinge dann doch dagelassen haben, trotz aller Verwirrung. Das deute ich in gewisser Hinsicht tatsächlich als Fürsorge für mich und bin dafür inzwischen dankbar.
Auch andere Dinge lerne ich an Ihnen neu kennen und verstehe die Vergangenheit so etwas besser.

und letztlich helfen mir meine ganzen Erfahrungen, auch die schlimmen, heutzutage meistens erwachsen und besonnen zu reagieren; manchmal muß ich auch noch üben, das stimmt.

Das Verzeihen können, halte ich für mich selbst sehr wichtig, dass ich das für meine eigene Psyche benötige...und obwohl ich es nicht für möglich gehalten habe.....fängt es gerade an, zu wachsen.....

Viele Grüße
hanne63

26.01.2020 | 14:21
Elisabetha

Sehr geehrter Herr Hamborg,

seit Jahren suche ich nach einem Weg, mit dem Mann meiner Mutter noch zu dessen Lebzeiten, Frieden zu schließen. Das oft in dieser Situation benutzte Wort „Vergebung“ war mir immer zu gewaltig und allumfassend, und für mich nicht umsetzbar. Diverse Literatur, endlose Gespräche mit der Telefonseelsorge brachten mir nicht den erhofften auslösendem Moment – bis ich Ihren Beitrag las.

Nun darf ich Sie zitieren:

„Aber jemandem die Ehre geben, heißt nicht, alles ungeschehen oder alles verdrängen zu müssen! Manchmal ist der Aspekt den wir wirklich ehren können nur ganz klein, vielleicht (nur?) weil sie uns dieses Leben geschenkt haben, an dem wir viel mehr als andere wachsen konnten...“

Genau das ist es! Ja, es gibt sehr wohl „einen“ Aspekt, den ich an ihm ehren kann, und dieser ist sehr entscheidend für mein Leben. Nun sehe ich mich nicht gezwungen, den ganzen Menschen mit allem Drum und Dran im Rahmen einer Vergebung anzunehmen. Es genügt, aus voller Überzeugung diesen besonderen Anteil zu ehren. Punkt!

Sie ahnen nicht, wie befreiend Ihre Zeilen für mich sind. Exakter hätten Sie nicht ins Schwarze treffen können. Über weitere Anregungen und/oder evtl. Literaturvorschläge etc. würde ich mich aufrichtig freuen.

P. S. Seit meiner Anregung einer gesetzlichen Betreuung für ihn, scheint mein ganzes Lebensgefüge in Bewegung zu geraten. Es ist kaum in Worte zu fassen, eine längste überfällige Entwicklung bricht sich Bahn.

Es dankt Ihnen sehr herzlich


Elisabetha

26.01.2020 | 15:27
hanne63

Hallo Elisabetha,
dank Ihrer Zeilen sehe ich nun auch noch klarer...danke....
auch für mich war der Beitrag oben von Herrn Hamborg sehr bewegend und hat mich weiter auf den richtigen Weg gebracht....
und für mich ist es das: es reicht ein (!!) Punkt oder auch mehrere Punkte aus, die man ehren kann.....es muß nicht die ganze Person sein...genau das ist es....

ich frage mich bloß wieso mir das in den früheren Psychotherapien nicht einfach auch so klar und einfach gesagt wurde.....da war immer von kompletter vollumfänglicher Vergebung die Rede...so ein hochbezahlter Unsinn ;-).....

Wie ich sehe, entwickeln wir alle uns hier weiter und das tut gut.

Liebe Grüße
Hanne



[Dieser Beitrag wurde 1mal bearbeitet, zuletzt am 26.01.2020 um 15:28.]

27.01.2020 | 20:11
Elisabetha

Guten Abend Hanne63, guten Abend Sonnenblümchen,

die gesetzliche Betreuung anzuregen war ein seelischer Kraftakt für mich.

Die Antwort von Herrn Hamborg, wie auch Ihre zeigen unvermindert ihre Wirkung und hallen in mir nach. Momentan sehne ich mich nur nach Stille, um die vielen Eindrücke und Berichte verarbeiten zu können. Trotz innerer Befreiung verspüre ich eine bleierne körperliche Schwere. Mein System steht Kopf und muss sich wohl erst langsam wieder einfinden.

Hanne63, dass der Begriff "jemandem die Ehre zu geben" ebenso hilfreich war wie für mich, freut mich aufrichtig. Das nennt man wohl eine Punktlandung.

Sonnenblümchen, Ihre Art sich in Metaphern auszudrücken gefällt mir sehr, ich gehöre zu den visuellen Typen und sehe bei Ihren Schilderungen sofort "Bilder laufen".

Ich fühle mich wie in einem Zwischenleben, zurück kann und will ich nicht und angekommen bin ich auch noch nicht. Diesem Zustand bin ich bereits einige Male in meinem Leben begegnet, doch je älter ich werde, um so bewusster nehme ich ihn wahr und versuche nicht, die Entwicklung mit geschäftiger Hektik zu beschleunigen. Schauen wir mal ...

Alles Liebe für Sie

Elisabetha












28.01.2020 | 06:54
sonnenblümchen

@ Herrn Hamborg: ...ich habe mit dem ,,Ehren", vielleicht auch nur mit dem Wort so meine Probleme.
Muss ich einen Part an meinen Eltern finden,den ich ehren kann? Nein,....aber ich kann evtl ! Bei in der Vergangenheit gewalttätigen Eltern kommt mir die Suche nach Ehre deplaziert vor.

@ Elisabetha: ..bin gedanklich bei Dir !

28.01.2020 | 07:55
hanne63

Guten Morgen Elisabetha,
das ging mir ähnlich und geht mir jetzt akutuell wieder so.
Bei allen Etappen: Beantragen rechtliche Betreuung, Heimunterbringung jeweils, Haushaltsauflösung etc.....

nach jeder dieser Entscheidungen fühlte ich mich einerseits erleichtert, andererseits belastet mit dem Gedanken, ob es wirklich richtig war....ein zurück wollte ich nicht, aber bis ich jeweils die neue Situation voll anerkennen konnte, das dauerte....

und es ist vor allem ein enormer psychischer Kraftakt, der viel Zeit braucht...was wiederum Außenstehende nicht nachvollziehen können....

Ich drücke Ihnen ebenfalls die Daumen.

Liebe Grüße

29.01.2020 | 18:00
Rose60

@Herrn Hamborg:
Danke für Ihre bedenkswerte Stellungsnahme! Das ist sicher von Fall zu Fall anders handhabbar, auch je nach Vorerfahrung.
Ich stimme da "Sonnenblümchen" zu, dass es nach Gewalttätigkeiten besonders schwer ist mit der Vergebung. Mir ist es in vielen Jahren Psychotherapie versch.Form bei einem Elternteil nicht wirklich von Herzen gelungen. Nach dessen Tod kam über Monate nochmals vieles hoch und wollte betrachtet werden, obwohl ich nach dem Antrag auf rechtl. Betreuung den Kontakt abgebrochen hatte, allerdings von seiner Seite auch "verstoßen" wurde. Es kann schon schreckliche Auswüchse in einer Familie geben, die über jegliche Kraft hinausgehen.. Ich möchte mich auch nicht rechtfertigen, schreibe dies jedoch auch, weil vllt andere Leser sich angesprochen fühlen könnten, für die es auch besonders schlimme Zeiten gab, die dann im Alter der Eltern/des Elternteils nochmal sehr hochkommen können.
ca. 1 Jahr nach dem Tod meines Vaters habe ich erst weitgehend damit meinen inneren Frieden gefunden, ich denke auch, weil ich nun keine Angst mehr vor ihm haben muss...
Somit finde ich einfach nichts "ehrenhaftes".
Und nun habe ich mir mit der Verbringung und Versorgung meiner Mutter in einem Pflegeheim deren Ärger zugezogen, auch hier ein großes Übungsfeld, mich erwachsen zu zeigen im direkten Kontakt. Emotional reagiere ich wieder oft wie ein Kind. Nunja, ich versuche zu lernen...

Ich bin dankbar über die untersch. Erfahrungen und Ideen an dieser Stelle.
Liebe Grüße



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