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Ratgeberforum "Wohnen, Betreuung und Pflege"

Bild: Ratgeberforum "Wohnen, Betreuung und Pflege" Unter welchen Voraussetzungen können Demenzkranke in den eigenen vier Wänden leben? Wann ist ein Pflegeheim, eine Demenz-WG oder betreutes Wohnen angesagt? Zwei Experten auf diesem Gebiet moderieren das Internetforum "Wohnen, Betreuung und Pflege". Martin Hamborg engagiert sich seit 1998 im Vorstand der Deutschen Expertengruppe Dementenbetreuung und kennt sich mit Pflegeheimen und Einrichtungen des Betreuten Wohnens aus. Klaus-W. Pawletko, Geschäftsführer des Vereins "Freunde alter Menschen", ist auf Demenz-Wohngemeinschaften und die ambulante Versorgung Betroffener spezialisiert.

Autor Wie Neuroleptika absetzen - Demenz vermeiden
25.01.2020 | 11:37
River

Guten Tag,

meine Fragen betreffen zwei Bereiche, den medizinischen und welche rechtlichen Schritte sind möglich:

Anfang Mai 2019 zog meine Mutter in ein Pflegeheim (78 J., Schlaganfall vor 25 J., Anämie, Depression (beginnende Demenz laut Pflegeheim), Inkontinenz, Darmträgheit, Fettleber. Medikation: Bisoprolol (Blutdruck), Atarax (Juckreiz, auch angstlösend), Movicol. Im Krankenhaus (Jan. ´19) erhielt sie nach Delir „Melperon“). Ich habe die Vollmacht für alle Bereiche.

Sie konnte beim Einzug ins Heim noch am Stock bzw. Rollator gehen. Zwei Monate später saß sie nur noch im Rollstuhl und wurde immer wieder lange Zeit auf der Toilette gelassen, so dass dies m. M. n. im November eine heftige Blasenentzündung begünstigte. Zwei Ärzte (Hausarzt ging in Urlaub, dann der Urologe) verschrieben ihr vier verschiedene Antibiotika. Auf zwei Antibiotika reagierte sie allergisch. Schon als die Blasenentzündung abklang klagte sie über heftige Schmerzen und versteifte, als man sie aufrichten wollte. Wegen der Darmträgheit hatte sie ohnehin häufig Schmerzen. Nach eigener Recherche fand ich heraus, dass zumindest das letzte Antibiotikum „Nitrofurantonin“ zu Nervenschädigungen und Brustkorbschmerz führen kann. Zu diesem erhöhten „Arbeitsaufwand“ für die Pfleger verstärkte sich ihre seit einem Sturz im Juli (eine Rippe gebrochen) vorhandene Angst, dass sie beim „zügigen“ Umsetzen vom Bett in den Rollstuhl fallen gelassen wird. Man hätte mehr keine Zeit beim Aufrichten und für den Abbau der Antibiotika lassen sollen.

Stattdessen wurde ein Gerontopsychiater hinzugezogen, der, wie man mir mitteilte, „nur mal übergucken“ sollte. Ich ging vage davon aus, dass man mich über das Ergebnis informieren würde, wie ich es zuvor grundsätzlich schon gefordert hatte. Bei einem anschließenden Telefonat mit der Wohnbereichsleitung erfuhr ich, dass sie (seit Mitte Dezember) „Haloperidol“ bekommt. Anschließend setzte ich mich mit dem Gerontopsychiater in Verbindung, der zunächst 3 Tropfen verschrieben hatte. Weitere Informationen erhielt ich nicht. Ich ging von 3 Tropfen tgl. aus, es stellte sich aber heraus, dass sie 2 x 3 Tropfen bekommt (die Gabe hätte sich ja auch noch öfter verteilen können: 3 x 3). Später erfuhr ich von dem Gerontopsychiater, dass Halop. auch eine Demenz begünstigen kann. Dieser Meinung ist man im Heim ohnehin. Da ich sie kenne und weiß, dass sie auf mich anders, offener reagiert, beruht m. M. n. ihr Verhalten in der schweren Depression. Schon vor Jahren brauchte sie lange, um sich mit weitreichenden Themen (Patientenverfügung) vertraut zu machen. Sie braucht ihre Zeit, versteht es dann aber.

Vermutlich beide Aspekte, der Schmerz und die Angst, waren nun wohl Argumente des Heimes für ein Neuroleptika. Sie hatte nie Wahnvorstellungen, Aggressionen oder war besonders auffällig, sondern eher äußerlich ruhig und in sich gekehrt, so wie ich sie seit Jahren kenne. Seit letzter Woche hat sie nun Pflegegrad III, was m. A. n. vom Heim schon lange angestrebt wurde, aber Anfang November scheiterte.

Durch Zufall, der Gerontopsychiater hatte einen Notfall und eine Kollegin die Vertretung, konnte ich zunächst erreichen, dass sie auf 2 x 2 Tropfen runter kam. Da sie keine Schmerzen mehr hat und die Ängste sich eher in Befürchtungen abgeschwächt haben, sie stattdessen im Rollstuhl nach links kippt („das macht der Körper von selbst“), sie plötzlich tlw. nicht mal mehr das Jahr erinnert, sie sich benommen und ständig erschöpft fühlt (Herzmuskel?), meine ich, dass ein so hartes Medikament langfristig eher großen Schaden als noch irgendeinen Nutzen bringt. Somit die erste Frage: Ab welchem Zeitraum ist mit einem langfristigen Schaden zu rechnen?

Selbst wenn sie eine beginnende Demenz hat, halte ich dieses Medikament für unverhältnismäßig und unnötig bis gefährlich. Zumal es erst recht eine Demenz begünstigt bzw. verstärkt - nach Aussage des Gerontopsychiaters.

Ein Einschreiben an die PDL, mit von ihr unterschriebenem Wunsch nach Reduzierung, zeigt keine Wirkung, schon gar nicht Gespräche mit den Pflegekräften. Den Gerontopsychiater habe ich im Zuge dessen abgesagt und möchte keine weitere Behandlung. Der Hausarzt hat es übernommen. Nun geht es aber auch hier trotz Zusage des Hausarztes vor drei Tagen, weiter zu Reduzieren, nicht voran (Telefonate mit dem Heim: weiterhin 2 x 2 Tropfen).

Frage 2: Welche Schritte kann ich dennoch unternehmen. Die gesetzlichen Bestimmungen (§ 630, § 1901 (4), 1901a (1), 1901 b) müssten dem Heim doch eigentlich klar sein. Wer oder was kann helfen: Anwalt, Heimaufsicht… Untervollmacht an ein Betreuungsverein? Es geht mir nicht um eine rechtl. Beratung sondern darum, wer in kürzester Zeit was erreichen kann, denn ihre Lebenszeit wird durch das Medikament ja offenbar verkürzt.

Da ich 200 KM entfernt wohne (bin normalerweise 1x mtl. bei ihr, im Dez. und diesen Monat 3 x), befürchte ich eher Nachteile bzgl. der Betreuung wenn ich mich an das Amtsgericht wende.

Herzlichen Dank weiterführende Informationen und Antworten
River

26.01.2020 | 11:06
martinhamborg

Hallo River, es ist wirklich schlimm, was Ihre Mutter durchmachen musste, zum Glück konnten Sie ihr bestehen.

Die medizischen Fragen stellen Sie bitte im Forum Prävention, Diagnose und Therapie - trotzdem nur kurz mein erster Eindruck: In dieser niedrigen Dosierung wurde früher häufig ein Delir behandelt, dass bei den Infektionen und den anderen Faktoren sehr leicht entstehen kann. Bei Ihrer Mutter möglicherweise als "hypoaktives Delir", dass nur schwer von einer Depression abzugrenzen ist. Auf jeden Fall muss das Haloperidol langsam ausgeschlichen werden, vielleicht nehmen Sie doch noch mal Kontakt zu dem Gerontopsychiater auf, damit auch die Schiefstellung fachlich im Blick bleibt.

Auf der anderen Seite würde ich Ihrer Mutter einen oder eine Unterstützerin vor Ort wünschen: Ich weiß, wie sehr manche Menschen sich in Alzheimer Gesellschaften, in Seniorenbeiräten oder anderen Ehrenamtsinitiativen engagieren. Manchmal motiviert der Austausch und die Anerkennung der entfernt lebenden Angehörigen auch mehr zu tun, als üblich...
Häufig nehmen auch die Pflegefachkräfte in den Heimaufsichten ihren Beratungsauftrag ernst und können weitere Ideen beisteuern - und im Zweifelsfall haben sich auch ordnungsrechtliche Möglichkeiten.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen und Ihrer Mutter einen oder eine solche "Kümmererin", es sind oft Menschen, die früher selbst Hilfe als pflegende Angehörige erfahren haben und sich nun hilfreich einsetzen!
Ihr Martin Hamborg

26.01.2020 | 12:25
River

Lieber Herr Hamborg,

danke, für Ihre zügige und freundliche Rückmeldung, und das am Wochenende.

Leider gab es bei jedem Gespräch mit dem Gerontopsychiater kommunikative Schwierigkeiten und ich sehe da kein Übereinkommen. Z. B. fragte ich, wie sich das Mittel mit Atarax verträgt. Er wusste nicht mal, dass sie das bekommt oder hat sich mit dem Hausarzt besprochen, und antwortet, dass er sich nicht in die Verordnung anderer Ärzte einmische. Das war nicht Sinn meiner Frage.

Welch Schaden kann der Patient nehmen, wenn jeder Arzt sein eigenes Ding macht, und natürlich auch nicht engmaschig überwacht. Da wird die Medikation schnell zum Giftcocktail.

Mit mehr Informationen und Kommunikation würde evtl. auch mein Verständnis für alle Beteiligten größer sein. Solche Situationen und Widerstände erschweren die Aufgabe aus der Vollmacht ungemein und stellen zugleich die gesetzlichen Orientierungen in Frage. Wenn das die Runde macht, werden Angehörige oder Freunde zukünftig von der Betreueraufgabe wohl eher zurück schrecken.

Den medizinischen Aspekt werde ich in den anderen Forenbereich stellen und werde dem möglicherweise hypoaktiven Delir mal nachgehen Die Heimaufsicht wäre zu überlegen, da ich nicht sicher bin, ob man mich auch zunächst nur berät oder sich gleich einbringt. Ich möchte im Sinne meiner Mutter natürlich nichts provozieren.

Freundliche Grüße und einen schönen Sonntag
River

26.01.2020 | 12:37
hanne63

Hallo River,
Sie sind schon vorsichtig und gehen bedachtsam vor....ich möchte aus eigenem Erleben auch weiterhin dazu raten.....

Ursprünglich hatte ich selbst alle Vollmachten von meinen Eltern und wohne ca 100 km entfernt...kam allerdings bei Ärzten und Behörden überhaupt nicht weiter und wurde abgeblockt.....
Jetzt bei dem rechtlichen Berufsbetreuer, der natürlich sein Netzwerk vor Ort hat, "flutscht" alles nur so......das könnte ein Angehöriger, auch wenn der vor Ort wohnen würde überhaupt nicht hinkriegen...außer er hätte ebenfalls nützlich Kontakte ohne Ende.....ich selbst hätte niemals in absehbarer Zeit einen Heimplatz bekommen.....

Von "Beschwerden".....rate ich eher ab....das ergab bei mir ziemlich krasse Rückschüsse....selbst vorsichtiges Vorabnachfragen...wird gleich weitergetragen.......deshalb rate ich, alles was man selbst tut genau abzuwägen.....

Ich fragte mich auch selbst oft, warum so wenig im Vorfeld mit mir als Tochter kommuniziert oder erklärt wurde...das hätte viele Nachfragen meinerseits überflüssig gemacht...

Meine Erklärung: Kommunikation ist ein Zeitfaktor und die Beteiligten wollen/können sie nicht aufbringen....und außerdem wollen sie sich nicht mit kritischen (=schwierigen) Angehörigen auseinandersetzen.....

Viele Grüße

26.01.2020 | 13:20
River

Hallo Hanne,

ja, dass sehe ich auch so und halte mich schon zurück - danke für die unterstützende Rückmeldung.

Ich versuche mich anderweitig zu Informieren und mich voranzutasten. Immer eingedenk der Tatsache, dass meine Mutter nun noch mehr leidet und ihre Lebenszeit in meinen Augen unnötig verkürzt wird.

Wie ich schon angemerkt hatte, befürchte ich, dass sich der Staat später händeringend nach (bezahlbaren) Betreuern wird umsehen müssen.

Liebe Grüße
River

31.01.2020 | 21:16
martinhamborg

Hallo River, einen weiteren Unterstützer würde ich gern noch einbringen: In Heimen ist es mittlerweile Pflicht, dass die kooperierenden Apotheker die Wechselwirkungen der Medikamente prüfen und melden. Ich gehe davon aus, dass die Beratungspflicht auch Ihnen gegenüber besteht. Viel Erfolg, Ihr Martin Hamborg



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