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Ratgeberforum "Prävention, Diagnose und Therapie"

Bild: Ratgeberforum "Prävention, Diagnose und Therapie" Die Diagnose Demenz wirft viele Fragen auf. Hätte die Erkrankung verhindert werden können? Ist sie therapierbar? Und worauf sollte man bei der Behandlung achten? Im Ratgeberforum „Prävention, Diagnose und Therapie“ geben zwei Experten Antworten: Dr. Marc Lässer, Neuropsychologe und assoziierter wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Sektion Gerontopsychiatrie der psychiatrischen Universitätsklinik Heidelberg, moderiert das Forum zusammen mit Dr. Elmar Kaiser. Als Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie leitete er bis Anfang 2012 die Gedächtnisambulanz der Psychiatrischen Universitätsklinik Heidelberg.

Autor Ist Haloperidol wirklich nötig? Abwägung Schaden/Nutzen
26.01.2020 | 13:12
River

Hallo,
einen ersten Beitrag habe ich im Bereich "Wohnen, Betreuung und Pflege" gestellt. Herr Homburg verwies mich nun mit meiner medizinischen Frage in diesen Bereich.

Anfang Mai 2019 zog meine Mutter in ein Pflegeheim (78 J., Schlaganfall vor 25 J., Anämie, Depression (beginnende Demenz laut Pflegeheim), Inkontinenz, Darmträgheit, Fettleber. Medikation: Bisoprolol (Blutdruck), Atarax (Juckreiz, auch angstlösend), Movicol. Im Krankenhaus (Jan. ´19) erhielt sie nach Delir „Melperon“.

Seit dem 17.12.19 bekommt meine Mutter Haloperidol. Meine Fragen dazu: Ab welchem Zeitraum ist mit einem langfristigen Schaden zu rechnen, welche Folgen sind durch dieses Medikament, evtl. auch durch mögliche Wechselwirkungen, zu erwarten und wie wird es ausgeschlichen?

Vorgeschichte: Sie hatte ca. Mitte November eine Blasenentzündung bei der sie vier verschiedene Antibiotika erhielt (zuletzt Nitrofurantonin, dass wohl u.a. zu Nervenschädigungen und Brustkorbschmerz führen kann). Auf zwei Antibiotika reagierte sie vor Nitrofurantonin allergisch. Als die Entzündung abklang, klagte sie über heftige Schmerzen und versteifte, als man sie aufrichten wollte. Wegen dauernder Darmträgheit hatte sie ohnehin häufig Schmerzen. Weiterhin entwickelte sich (sicher begünstigt nach einem Sturz und da sie nach langem Liegen selbst keine Kraft mehr hatte) große Angst, fallen gelassen zu werden, als die Pfleger sie vom Bett in den Rollstuhl setzen wollten.

Ein Gerontopsychiater verschrieb ihr daraufhin Mitte Dezember 2 x 3 Tropfen Haloperidol. Ende Dezember konnte ich eine Reduzierung auf 2 x 2 Tropfen erreichen. Ein Hersteller verwies im Netz auf reduzierter Gabe von max. ca. 4 Tropfen bei einer Fettleber!

Da sie nun keine Schmerzen mehr hat und die Ängste sich eher in Befürchtungen abgeschwächt haben, sie stattdessen im Rollstuhl nach links kippt („das macht der Körper von selbst“), sie plötzlich tlw. nicht mal mehr das Jahr erinnert, sie sich benommen und ständig erschöpft fühlt (Herzmuskel?), meine ich, dass ein so hartes Medikament langfristig eher großen Schaden als noch irgendeinen Nutzen bringt. Wegen der nun einsetzenden Sprachstörung war von Seiten der Pfleger ein Logopäde angedacht.

Wäre in solchen Situationen nicht ein milderes Mittel für sie günstiger gewesen, z. B. das Melperon, das sie für ein paar Tage im Krankenhaus bekam. Wie sieht es langfristig mit pflanzlichen Mitteln aus, z. B. Passionsblume um ihre Depression oder Ängste zu mildern?

Ihre Persönlichkeit hat sich ja nun seit Jahrzehnten auf die innere Lage eingerichtet, warum sollte sie nun noch weiter vom Leben und der Wahrnehmung durch Sedierung abgehalten werden.

Insgesamt halte ich dieses Medikament für unverhältnismäßig und unnötig bis gefährlich, und würde es gerne ausschleichen lassen: Meine Idee: nach 7 Tagen um je 2 Tropfen tgl. reduzieren. Liege ich damit im Rahmen?

Vielen Dank
River

29.01.2020 | 14:10
elmarkaiser

Sehr geehrte Fragenstellerin, sehr geehrter Fragensteller,

grundsätzlich sollte der Einsatz von Haloperidol immer einer strengen Nutzen / Risikoabwägung unterzogen werden. Zwar sind die von Ihnen berichteten Dosierungen als vergleichsweise niedrig einzuschätzen, aber dennoch gibt es mögliche Nebenwirkungen, die auch dosisunabhängig auftreten können. Dazu gehört bei Haloperidol, einem klassischen Antipsychotikum, in erster Linie das Auftreten von EPS (Extrapyramidalsyndrom). Das sind motorische Störungen aufgrund des Ansprechens dopaminerger Rezeptoren, die für Bewegungsabläufe mitverantwortlich sind. Dies zeigt sich nach sehr unterschiedlich langer - aber manchmal eben auch kurzer Zeit ("Frühdyskinesien") - bei den Patienten, meist in Form von unwillkürlichen Bewegungen der Gesichtsmuskulatur oder sehr verschiedenartigen Störungen der Körpermotorik. Weiterhin können unter Haloperidol auch Veränderungen der Erregungsleitung des Herzens beobachtet werden, so z.B. eine Veränderung / Verlängerung der sogenannten QTc-Zeit, was zu Herzrhythmusstörungen beitragen kann. Wechselwirkungen sind daher vor allem mit anderen Medikamenten möglich, die ihrerseits zu einer Verlängerung der QTc-Zeit beitragen. Dies ist auch in Kombination mit Beta-Blockern ( Bisoprolol) denkbar.

Heutzutage existieren bereits verbesserte Antipsychotika, die im Gegensatz zu Haloperidol gerade in Bezug auf die o.g. EPS deutlich weniger häufige Nebenwirkungen zeigen. Man spricht von Antipsychotika der 2. oder 3. Generation.

Eine Umstellung der noch bestehenden Medikation von Haloperidol auf ein anderes Präparat wäre - je nach Einschätzung des behandelnden Arztes - in jedem Fall zu erwägen. Bitte haben Sie dafür Verständnis, wenn ich in diesem Rahmen darüber hinaus keine konkretere Empfehlung geben kann.

Ich wünschen Ihrer Mutter und auch Ihnen alles Gute!

Mit freundlichen Grüßen,

Dr. E. Kaiser



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