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Ratgeberforum "Wohnen, Betreuung und Pflege"

Bild: Ratgeberforum "Wohnen, Betreuung und Pflege" Unter welchen Voraussetzungen können Demenzkranke in den eigenen vier Wänden leben? Wann ist ein Pflegeheim, eine Demenz-WG oder betreutes Wohnen angesagt? Zwei Experten auf diesem Gebiet moderieren das Internetforum "Wohnen, Betreuung und Pflege". Martin Hamborg engagiert sich seit 1998 im Vorstand der Deutschen Expertengruppe Dementenbetreuung und kennt sich mit Pflegeheimen und Einrichtungen des Betreuten Wohnens aus. Klaus-W. Pawletko, Geschäftsführer des Vereins "Freunde alter Menschen", ist auf Demenz-Wohngemeinschaften und die ambulante Versorgung Betroffener spezialisiert.

Autor Kosten Pflegeheim - große Unterschiede
27.01.2020 | 16:31
Tabaluga

Hallo liebes Forum,
ich hatte bereits im letzten Jahr schon einmal hier geschrieben. Meine Mutter hat Pflegegrad 5 und ist mittlerweile im Pflegeheim. Meine Geschwister waren nicht damit einverstanden: zu teuer - Pflege zu schlecht - osteuropäische Pflegekraft wäre doch billiger und genau so gut ... .Sie hatten sich aber an der Pflege nicht beteiligt (1 ausnahme), da sie der Meinung waren, dass dies als Hauserbe meine alleinige Pflicht ist.
Wir konnten aber, nach fast 15 Jahren, diese Pflege nicht mehr Zuhause leisten und auch eine externe Pflegerin wäre sicherlich alleine überfordert.
Ich hatte für meine Mutter einen Platz im nächstliegenden Pflegeheim gesucht. Dort war sie die Jahre davor auch in Kurzzeitpflege. Da es an meinem Arbeitsplatz ist, kann ich sie mehrmals in der Woche dort besuchen. Dort ist sie nun schon seit 3 Jahren.
Nun bemängeln meine Geschwister die Kosten fürs Pflegeheim.
Im letzten Jahr hat das Pflegeheim seinen Kosten um 400 € erhöht. Die Mehrkosten schlagen sich voll im Eigenanteil meiner Mutter nieder. da sich die Pflegekasse nicht an der Erhöhung beteilig. Sie bezahlt weiterhin die 2005.-€.
Dadurch reichen ihre Ersparnisse nur noch halb so lange wie ursprünglich geplant.

Nun wollen meine Geschwister, dass ich für meine Mutter einen preiswerteren Pflegeheimplatz suche. Ich möchte das eigentlich nicht, da das Pflegeheim, dann sehr viel weiter weg ist und ich sie dann höchstens noch einmal pro Woche oder auch nur alle zwei Wochen besuchen könnte.
Sie argumentieren, ich wäre als Vertreter meiner Mutter auch in der Pflicht sorgsam mit ihrem Ersparten umzugehen. Ich höre natürlich den Unterton heraus: damit nach ihrem Ableben auch noch etwas vom Erbe vorhanden ist.

Wenn ich im AOK Pflegenavigator nach Pflegeheimen im Umkreis von 50km suche, so bekomme ich eine Spanne des Eigenanteiles für Bewohner mit Pflegestufe 5 (Demenz), von knapp 1000 € … 3500 €. Dabei schneiden die „günstigen“ Häuser in der Bewertung (Transparenzbericht) nicht schlechter ab als die teuren. Weis jemand, woran das liegt?

viele Grüße aus dem Schwarzwald


28.01.2020 | 01:47
Hühnchen

Liebe Tabaluga,
erst einmal Respekt für Ihre Leistung. Was es heißt, 15 Jahre lang jemanden zu pflegen, kann nur wirklich jemand nachvollziehen, der sich dieser Aufgabe mal selbst gestellt hat. Leider ist es in vielen Familien so, dass man sich auch noch zu der ganzen Arbeit, zu den Sorgen und den schlaflosen Nächten mit den Vorwürfen der Geschwister auseinander setzen muss. Wenn es ums Eingemachte geht, reden plötzlich alle mit. Und die, die es immer besser wissen und denen man nichts recht machen kann, sind immer die, die selbst nie was gemacht haben. In mir kommt da innerliche eine Wut hoch, weil ich mit meiner Familie auch in dieser Situation war. Nur damit „was vom Erbe“ überbleibt, sollte alles auf ein Minimum reduziert werden. Ging z.B. ein Haushaltsgerät kaputt, lohnte sich die Neuanschaffung nicht mehr. Die ganzen Auseinandersetzungen haben letztendlich mehr Kraft gekostet, wie die Pflege selbst.

Die Frage bzgl. der unterschiedlich hohen Heimkosten habe ich vorige Woche noch von einer Bekannten erklärt bekommen, die als Heimleiterin tätig ist. Ich hoffe, ich kann es richtig wiedergeben… Die Pflegekasse kommt nicht für den Eigenanteil der Pflege, die Kosten fürs Essen und Unterbringung, die Kosten für die Investitionen im Haus und die Kosten für Zusatzleistungen auf. Der Eigenanteil für Pflege errechnet sich aus den Kosten des jeweiligen Pflegeheims für den Pflegeaufwand aller im Pflegeheim untergebrachten Personen mit Pflegegrad II-V, abzüglich der dafür erhaltenen Zahlungen von der Pflegekasse. Die Differenz wird pro Kopf auf die Pflegepersonen verteilt. Wenn in einem Heim viele Pflegepersonen mit Pflegegrad V untergebracht sind, ist der Kopfanteil höher, da die Pflegekasse für die Pflegegrade II-V den gleichen Pflegesatz zahlt, der Pflegeaufwand vom Heim aber bei Pflegegrad V höher ist als bei II. Ebenso unterschiedlich hoch sind die Kosten für Essen und Unterbringung. Je höherwertig ausgestattet, desto höher die Kosten (deshalb werden die Kosten auch Hotelkosten genannt). Abhängig von Lage, Größe, Alter und Ausstattung des Heims ergeben sich auch unterschiedliche hohe Kosten für z.B. Gebäudemiete, Finanzierungskosten, Instandhaltungs- und Modernisierungskosten, die als Investitionskosten auf die Bewohner umgelegt werden. Die Höhe der Zuzahlung hat also nicht unbedingt etwas mit gut oder schlecht zu tun.

Zu den Vorwürfen Ihrer Geschwister: Es gibt mit Sicherheit immer irgendwo einen günstigeren Heimplatz. Aber auch da können sich die Zuzahlungen im nächsten Jahr ändern. Und so überlaufen wie die Pflegeheime sind, sollten Ihre Geschwister froh sein, dass Ihre Mutter gut untergebracht ist. Das ist heut zu Tage ja leider nicht immer der Fall. Orientieren Sie sich daran, was sich Ihre Mutter wünscht bzw. gewünscht hat und was Ihrer Mutter gut tut. Wenn sie in dem Heim zufrieden ist und dort gut versorgt wird, dann wechseln Sie um Himmels Willen nicht, nur weil sich der Rest der „Familie“ ums Erbe Sorge macht. Sie nutzen das Geld ja nicht für sich, sondern für Ihre Mutter. Ihr gegenüber sind Sie verpflichtet und nicht Ihren Geschwistern gegenüber, dass später noch etwas zum Erben da ist. Ihre Mutter lebt ja schließlich noch. Schön, dass Sie sie so nah bei sich haben und sie so oft besuchen können.

Und zu den 24 Std Pflegekräfte: Ich habe meine Mutter zu Hause mit Hilfe von 24 Stunden Pflegekräften gepflegt. Zeitweise war Tag und Nacht Hilfe nötig. Sie sehen es genau richtig, dass schafft einer nicht alleine. Schon gar nicht bei Pflegegrad V, denn auch 24Std Hilfen haben ihr wohlverdientes Anrecht auf Freizeit und freie Tage. Diese Zeiten müssen überbrückt werden. Wenn da nicht Angehörige mithelfen, muss noch zusätzlich Hilfe organsiert und bezahlt werden. Je höher der Pflegebedarf, desto höher waren bei uns auch die Kosten der 24 Std Hilfe. Was nicht gleichzeitig bedeutete, dass eine ausgebildete Pflegekraft den Job übernimmt. Die meistens von unseren Hilfen waren Haushaltshilfen, die nur eine kurze Einweisung in die Pflegetätigkeit erhalten hatten. Für Körperwäsche, An- und Ausziehen, Haushaltsführung und spazieren gehen war das okay, aber als meine Mutter bettlägerig wurde, reichten die Kenntnisse nicht mehr aus. Zu alle dem muss die Chemie noch stimmen. Wir mussten uns von einigen Kräften vorzeitig trennen, weil sie sich nicht richtig um meine Mutter gekümmert haben bzw. wirklich frech zur ihr waren.

Ein Heimplatz wäre da unter Umständen günstiger gewesen, aber es war der Wille meiner Mutter zu Hause gepflegt zu werden und zu Hause zu sterben. Ich hatte ihr versprochen, solange es mir möglich ist, bleibt sie auch zu Hause. Und so schwer es auch war, konnte ich ihre beiden Wünsche erfüllen.

Ich wünsche Ihnen und Ihrer Mutter alles Gute und viel Kraft

28.01.2020 | 06:43
sonnenblümchen

Guten Morgen Hühnchen,
ich fand Ihren Beitrag super !

28.01.2020 | 16:14
Tabaluga

Hallo und vielen Dank,
für ihre ausführliche Antwort.
So ganz möchte ich die großen Unterschiede immer noch nicht verstehen.
Allerdings sind die Angaben auf den Vergleichsportalen auch nicht immer aktuell und oft viel zu pauschal.
Wenn man sich genauer informiert bekommt man dann oft auf wesentlich höhere Kosten.
Eigentlich richtet sich der Pflegesatz der Pflegeversicherung ja nach dem Pflegegrad des Bewohners. 770€/PG2 ... 2005€/PG5.
Da muss es doch weitere Ursachen geben.. Ich vermute die meisten Heime haben einen ähnlichen Personalschlüssel. Regionale Unterschiede kann ich mir vorstellen. Also dass das Heim in München mehr kostet als in Brandenburg.
Aber das innerhalb eines Ortes ca. 1500€ Unterschied liegt ist schwer zu verstehen.
Sie werden doch alle irgendwo ähnlich kalkulieren und müssen sich ihre Preise genehmigen lassen.

Aber wie gesagt die Recherche im Internet ist nicht exakt genug.

viele Grüße aus dem Schwarzwald

31.01.2020 | 20:04
martinhamborg

Hallo Tabaluga, zunächst zu den sachlichen Fragen: Einen wichtigen Aspekt hat Hühnchen schon sehr gut beschrieben. Natürlich macht es bei den Hotelkosten einen Unterschied, ob ein Haus alt und abgeschrieben oder neu und modern ist. Große Unterschiede gibt es zwischen Stadt und Land, aber das kennen wir ja auch von die Mieten.

Diese Kosten werden regelmäßig in Pflegesatzverhandlungen des Trägers mit den Pflegekassen und der Stadt berechnet und begründet.
Einen wichtigen Unterschied machen auch die realen Personalkosten aus, zahlt die Einrichtung nach Tarifen, sind die Kosten meist deutlich höher. Hinzu kommen auch Unterschiede in den Qualifikationen. Wenn Sie die aktuelle politische Diskussion verfolgen, wird es bald einen einheitlichen Tarifvertrag geben, an den sich auch private Konzene halten müssen. Damit wird die Schere wieder zusammengehen, denn der Fachkräftemangel führt auch dazu, dass die Gehälter steigen. Damit bekommt die Pflege endlich ein bisschen mehr gesellschaftliche Anerkennung.

Die bisherigen Zensuren des MDK erlau ben tatsächlich keine Aussagen über die wirkliche Qualität der Pflege am Menschen. Einige sagen sogar: Der Preis sagt bisher genau so wenig über die Qualität, wie die Pflegenote.

Denn im Vordergrund stand bisher die Prüfung der Dokumente und nur wenige echte Pflegefehler waren zu finden. Heute spricht kaum jemand von mengenhaften Druckgeschwüren oder Fixierungen - da hat sich etwas geändert.
All dies sind Gründe, dass von diesem Jahr an ein neues Prüfsystem eingeführt wird, in dem nicht mehr die Zensuren im Vordergrund stehen, sondern ob und wie sehr z.B. Qualitätsmerkmale wie die Zahl der Stürze mit Folgen unter bzw. über dem Durchschnitt liegen. Während bisher die Berichte des MDK für Laien kaum verständlich waren, werden viele ganz konkrete Ergebnisse vom nächsten Jahr an gegenübergestellt.

Die Preise werden sich also in naher Zukunft erheblich ändern und die Qualitätsbewertungen werden transparenter. Entscheidend ist jetzt der persönlichen Eindruck und der gute Ruf einer Einrichtung!

Aber für den Streit in der Familie hilft das vermutlich wenig, diese Auseinandersetzungen sind oft sehr beschämend. In schlimmsten Fällen empfehle ich, dass sich die pflegenden Kinder die gesetzliche Betreuung geben lassen und schwerwiegende Entscheidungen vom Gericht oder einem unterstützenden Verfahrenspfleger getragen werden.
Vielleicht gibt es eine von allen Seiten respektierte Person, zur Vermittlung, aber oft hilft leider nur das tiefe Wissen wer moralisch im Recht ist.
Behalten Sie bitte Ihre Kraft! Ihr Martin Hamborg




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