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Ratgeberforum "Wohnen, Betreuung und Pflege"

Bild: Ratgeberforum "Wohnen, Betreuung und Pflege" Unter welchen Voraussetzungen können Demenzkranke in den eigenen vier Wänden leben? Wann ist ein Pflegeheim, eine Demenz-WG oder betreutes Wohnen angesagt? Zwei Experten auf diesem Gebiet moderieren das Internetforum "Wohnen, Betreuung und Pflege". Martin Hamborg engagiert sich seit 1998 im Vorstand der Deutschen Expertengruppe Dementenbetreuung und kennt sich mit Pflegeheimen und Einrichtungen des Betreuten Wohnens aus. Klaus-W. Pawletko, Geschäftsführer des Vereins "Freunde alter Menschen", ist auf Demenz-Wohngemeinschaften und die ambulante Versorgung Betroffener spezialisiert.

Autor Unterbringung im Heim - Erwartung nicht erfüllt. Was tun?
14.02.2020 | 08:35
Basti

Hallo,

mein Vater ist 84 Jahre alt, verwitwet und an Alzheimer erkrankt, lebte bis vor ein paar Tagen noch allein in seiner Wohnung und ist jetzt aktuell in einem Pflegeheim an meinem Wohnort untergebracht. Und mit dem habe ich gerade große Bauchschmerzen.

Aber erstmal ein paar Informationen zum Hintergrund: Ich bin sein einziger Sohn und lebe ca. 3h Fahrtzeit mit dem Auto von der Heimatstadt meines Vaters entfernt. Die Demenz macht sich bei meinem Vater am stärksten durch Defizite beim Zeitgefühl und Zahlenverständnis bemerkbar. Ebenfalls ist die Fähigkeit zur Koordination von eigentlich einfachen Tätigkeiten, wie z.B. Wohnung aufräumen, Geschirr spülen verloren gegangen. Ansonsten ist mein Vater noch mobil und auch sehr gesellig.

Die Demenz fiel mir vor ca. 1,5 Jahren auf und seit dieser Zeit versuche ich meinem Vater zu helfen wo ich kann. Ich habe meine Arbeitszeit reduziert und bin wöchentlich zu meinem Vater gefahren und habe dort verlängerte Wochenenden verbracht. Für die Medikamente und die Wohnung hatte ich einen Pflegedienst und eine Putzfrau engagiert und 2x wöchentlich Tagespflege organisiert. Um alles terminliche/Begleitung (von Arzt bis Fusspflege) und organisatorisch/administrative habe ich mich gekümmert. Außerdem bin ich natürlich auch eine nette Gesellschaft ;-)

So gut das Hilfsgerüst auch funktionierte, wenn ich vor Ort war, so schnell entwickelten sich leider auch die Dramen in meiner Abwesenheit. Der Tag- und Nachtrhythmus gerät immer mal wieder aus den Fugen und so ist er dann nachts, spätabends oder frühmorgens in der Stadt unterwegs. Häufig hat er tatsächlich an dem Tag einen Termin oder eine Verabredung, aber die Zahlen auf der Uhr sagen ihm nicht mehr viel. Fällt die Abwesenheit z.B. dem Pflegedienst auf, werde ich zwar informiert, aber ich sitze auch 3h Fahrtzeit entfernt und habe keine Möglichkeiten zu helfen. Da die Zahlen auf dem Telefon für ihn leider genauso komisch aussehen wie die auf der Uhr, ist die Kommunikation mit der Zeit über die Entfernung auch sehr schwierig geworden. Da meine Belastung durch die viele Fahrerei und dem Hin- und Herspringen zwischen zwei Städten sehr hoch ist und die letzten 1,5 Jahre mittlerweile bei mir auch ihren Tribut zollen, habe ich in den letzten drei Monaten darauf hingearbeitet, dass mein Papa in einem Heim bei mir in der Stadt untergebracht werden kann. Vor ein paar Tagen war es dann soweit und er konnte einziehen.

Nun zu meiner Frage/Problem:
Freundlich formuliert, die Heim-Realität weicht deutlich von meiner Erwartung ab und ich habe gerade ein ganz ganz schlechtes Bauchgefühl, ob ich die richtige Einrichtung ausgewählt habe. Das mein Vater auf Hilfe angewiesen ist, steht außer Frage. Aber die Hilfe die er benötigt, ist m.E. nicht die Hilfe, die er aktuell bekommt. Kurz gesagt, er ist - zum Glück - noch viel zu fit für die Demenzstation, aber auf der normalen Station geht er mit seinen Bedürfnissen unter.

Daher freue ich mich über jeden Ratschlag, da ich momentan nicht weiß was ich tun soll.


So, und hier die lange Version meiner Erwartungen und wie diese auf die Realität getroffen sind. In meinem Freundeskreis sind meine Punkte alles nur Kleinigkeiten. Für meinen Vater sind das aber sehr große Kleinigkeiten. Kann das hier im Forum evtl. jemand verstehen/nachvollziehen?

Zu meiner Erwartung. Ich kannte bislang nur die Tagespflege und ich war davon sehr positiv beeindruckt. Die Menschen wurden dort sehr liebevoll betreut. Sie wurden umarmt, es wurde auf sie eingegangen, man hat sich gekümmert, sich Zeit genommen und den Menschen auch Zeit gegeben wenn sie etwas sagen oder fragen wollten und das im ersten Anlauf vielleicht noch nicht richtig geklappt hat. An Tagen wo mein Papa in der Tagespflege war, sprudelte es abends nur so aus ihm heraus von den Erlebnissen und Eindrücken die an dem Tag passiert sind. Ich könnte gerade nur heulen, wenn ich daran zurück denke.

Meine - anscheinend naive - Vorstellung war, dass ich im Heim eine Art Tagespflege XXL vorfinde. Wo jeder Tag ein schöner Tag ist, mein Vater nette Gesellschaft hat, sich nicht um Wohnung und Essen kümmern muss und noch dazu in meiner Nähe ist.

Die Realität sieht leider anders aus. Er ist momentan auf einer gemischten Station untergebracht. Ansonsten gibt es nur noch einen geschlossenen Bereich für die Menschen mit fortgeschrittener Demenz. Das Personal geht überhaupt nicht auf ihn und seine Krankheit ein. Ich habe den Eindruck, als würde er dort per se als "bescheuert" angesehen und nicht für voll genommen. Das äußert sich schon in so Kleinigkeiten wie, dass mir Fragen gestellt werden und nicht meinem Vater. Z.B. beim Abendessen sitze ich neben meinem Vater und mir wird die Frage gestellt, ob mein Vater noch etwas essen möchte oder ob sie den Teller von ihm abräumen dürfen. Ich habe dann geantwortet, sie sollten doch bitte meinen Vater direkt fragen. Mein Vater muss zwar manchmal nach den Wörtern suchen, weil sie ihm nicht direkt einfallen, aber man kann sich trotzdem normal mit ihm unterhalten. Manchmal halt nur etwas langsamer. Ich weiß nicht mal, ob keine Lust oder keine Zeit das Motiv ist. Aber ich habe das schon ein paar mal beobachten können, dass meinem Vater gar nicht zugehört wurde oder er aussprechen konnte.

Ein anderes Beispiel. Neben dem Seniorenheim befindet sich ein Supermarkt mit einem Kiosk. Mein Vater wollte sich dort am zweiten Tag eine Zeitung kaufen. Er hatte sich aber nicht von der Station abgemeldet (eine Regel, die wir zu dem Zeitpunkt auch noch nicht kannten. Fairerweise wäre das aber wahrscheinlich auch schief gelaufen wenn man uns diese Regel vorher mitgeteilt hätte). Auf jeden Fall hat jemand bemerkt, wie er die Station verlassen hat, den "Panik"-Knopf gedrückt (oder was auch immer der Ablauf ist), jemanden hinterhergeschickt, ihn am Kiosk aufgelesen und ihn wieder nach Hause bugsiert. Die Zeitung durfte er dann aber nicht mehr kaufen. Am nächsten Tag wollte er wieder ein Zeitung. Er hatte jetzt auf die harte Tour gelernt, dass er sich abmelden muss, macht das diesmal und wird gar nicht erst rausgelassen, weil es ja kalt draussen ist und auf dem Zimmer viel schöner. Ich verstehe, dass sie Angst haben er könnte sich verlaufen. Ist bestimmt schon oft genug vorgekommen und auch bei meinem Papa kann das natürlich passieren. Aber konsequent weiter gedacht heißt das, dass er ohne mich nie mehr das Haus verlassen darf. Ich finde diese Vorstellung ganz schlimm und kontraproduktiv. Den ganzen Tag passiv im Sessel vor dem Fernseher sitzen ist doch auch nicht förderlich.

Ein anderes Beispiel: Ich habe Papa abends ein frisches Hemd herausgelegt. Es ist sein Lieblingshemd, dass ich ihm vor einiger Zeit geschenkt habe. Am nächsten Tag besteht der Pfleger darauf, dass mein Vater ein frisches Hemd anzieht (wahrscheinlich weil er davon ausgeht, dass das von mir bereitgelegte Hemd vom Vortag ist). Mein Vater kann sich argumentativ nicht wehren, muss ein anderes Hemd anziehen und ist tief traurig. Auch hier verstehe ich den Pfleger. Er sorgt dafür, dass mein Vater immer frische Kleidung trägt. Aber ich erinnere mich auch an einen Vortrag zum Thema Demenz, den ich besucht habe. Und da hieß es sinngemäß, dass wir Gesunden einfach auch mal "fünfe gerade sein" lassen sollen in Bezug auf Normen. Als Beispiel wurde genannt, wenn jemand sich mit voller Strassenkluft ins Bett zum Schlafen legt. Wenn er sich dabei wohl fühlt und weder sich noch andere dabei schädigt, dann lass es ihn doch machen. Oder meine Situation bezogen, wenn das doch sein Lieblingshemd ist und es noch sauber ist, dann kann man das auch mal zwei Tage tragen, oder? (und es war ja sogar ganz frisch das Hemd)

Ein anderer Punkt, der mir persönlich nicht in den Kopf will ist das Essen. Jede Station hat einen eigenen Essensraum und es gibt die Möglichkeit in diesem Raum oder auf dem eigenen Zimmer zu essen. Im Essensraum hat jeder Bewohner einen festen Platz. Die paar Male, die ich bis jetzt beobachten konnte, war der Raum zur Essenszeit nur sehr spärlich gefüllt. Nur eine Handvoll Bewohner, die aufgrund der festen Sitzplätze meistens alleine an 4er und 6er Tischen saßen. Für Papa auch sehr traurig, da er sehr kontaktfreudig ist und sich über Tischgesellschaft sehr freuen würde. Eine Freundin von mir meinte, dass diese geringe Anzahl an Personen im Speisesaal eine Indikation sein könnte, dass auf der Station sehr viele hochgradig pflegebedürftige Personen befinden, weil es die nicht mehr raus aus dem Zimmer zum Essen schaffen.

Wo hingegen ich mir wirklich Hilfe wünschen würde ist bei den Aktivitäten, die das Haus anbietet. Es gibt jeden Tag ein paar Angebote im Haus. Aber da sind wir wieder beim Thema Uhrzeit und noch dazu eine fremde Umgebung. Um da irgendwo mitmachen zu können, müsste ihm jemand helfen/drauf aufmerksam machen/hinbringen. Das ist bis jetzt aber noch nicht passiert.

Welche Einrichtung hätte ich auswählen müssen, damit meinen Vater mit seinen Einschränkungen adäquat geholfen werden kann? Und was kann ich jetzt noch tun, damit es in der aktuellen Einrichtung für ihn besser wird?

14.02.2020 | 09:52
hanne63

Hallo Basti,
ich kann Ihre Gedanken und Sorgen sehr gut nachvollziehen....auch ich war schockiert über den Alltag im Heim.....

inzwischen habe ich aber begriffen, dass das vermutlich mehr oder weniger überall so ist.....sauber und satt...mehr kann man nicht erwarten ...auf jeden Fall keine rund-um-Betreuung und "Bespaßung"......und für indivuelles Eingehen fehlt den Pflegekräften meist die Zeit, selbst wenn sie wollten.....

evtl wäre eine Alternative einer 24 Stunde-Pflegekraft zu Hause?....aber auch die arbeiten nur 8 Stunden am Tag......

Die Zeitung könnten Sie Ihrem Vater auch abonnieren, so dass er sie direkt im Heim erhält; das wird bei meinem Vater so gehandhabt.

viele Grüße

14.02.2020 | 10:22
martinhamborg

Hallo Basti, auf Ihre lebendige Erzählung möchte ich gern eingehen. Sie haben sehr viel für Ihren Vater gemacht und ich wünsche Ihnen sehr, dass er sich gut einlebt und Sie eine gemeinsame sehr schöne Zeit ohne den ständigen Druck finden.
Viele Ihrer Beobachtungen sprechen dafür, dass einzelnen Mitarbeiter*innen oder das Heim noch fachlichen Nachholbedarf haben und es ist in jedem Fall sinnvoll, wenn Sie sich nach Alternativen in der Gegend umschauen, das kann auch eine WG sein, in der die Wohnform auf Kontakt und Begegnung angelegt ist und wo engagierte Angehörige immer willkommen sind oder sein sollten.

Auf der anderen Seite möchte ich um Geduld im neuen Heim werben. Dafür einige Tipps:

1. Ein Heim kann zur Tagespflege XXL werden, wenn alle Bedingungen optimal sind und es gelingt, eine Einrichtungskultur zu gestalten, in der die Atmosphäre im Haus die dünnere Personalausstattung im Vergleich zur Tagespflege ausgleicht. Aber es ist fast die Quadratur des Kreises, dass dies in den derzeitigen Rahmenbedingungen gelingt. Dazu braucht es ein charismatisches Management und Pflegende, die begeistert in ihrer Professionalität wachsen und in den Herausforderungen unterstützt werden. Dass dies möglich ist, habe ich in vielen Einrichtungen gesehen, die ein Qualitätsmanagementsystem eingeführt haben, dass wir in einer Expertengruppe seinerzeit im Auftrag des Seniorenministeriumes entwickelt und erprobt haben.

Kaum waren wir fertig, kam die Rolle rückwärts und die Politik setzte mit dem Pflegezensuren auf das Misstrauensprinzip und Kontrolle und nicht auf Vertrauen in die Selbstgestaltung und Entwicklung.
Da die absolute Priorität für eine wasserdichte Pflegedokumentation nicht unbedingt die Begeisterung für die Beziehungsgestaltung fördert, haben nicht viele dieses IQM Demenz eingeführt. Aber mit dem neuen Pflegebegriff könnte dieses Werkzeug wieder interessant werden. So bin ich gerade an den letzten Zeilen an einem Fachbuch zu diesen Erfahrungen, in dem auch Tipps zu den drängensten Fragen der Pflegeeinrichtungen herausgearbeitet werden: Wie kann dem Personalmangel durch eine attraktive Einrichtungskultur und optimaler Gesundheitsförderung begegnet werden.
Die Erfahrungen mit den Einrichtungen, die das Instrument einführten, haben mich motiviert, viel Zeit für ein Buchprojekt einzusetzen.
Mit diesem kleinen Ausflug möchte ich deutlich machen, dass es möglich aber in keiner Weise selbstverständlich ist, in den derzeitigen Rahmenbedingungen eine tolle Pflege zu leisten.

2. Nun aber konkret: Bitte sprechen Sie die Einrichtungsleitung auf das Einarbeitungskonzept für Ihren Vater an. Dies ist eine (auch vom MDK geprüfte) Anforderung, in der Ihre Erfahrungen, Wünsche und Vorstellungen einbezogen werden (sollten). In diesem Zusammenhang werden die gegenseitigen Erwartungen abgestimmt, die Fragen nach der Wäsche, die Erwartungen an Sauberkeitsnormen und natürlich auch der sinnvolle Bewegungsradius.

Die Selbständigkeit und damit auch der Kauf der Zeitung sollten gefördert werden. Dazu gibt es nach dem neuen Pflegebegriff (eigentlich) keine zwei Meinungen. Dabei muss aber der Risiko einer Schädigung abgewogen werden.
Bestehen erhebliche Zweifel, dass sich Ihr Vater verläuft, können Sie eine Reihe von Sicherungsmaßnahmen veranlassen:

- Kann er sagen, wo er wohnt, hat er eine Adresse/Teleonummer immer dabei?
- Können Sie mit ihm Oientierungsübungen in der näheren Umgebung machen - abgestimmt mit der Einrichtung?
- Können Sie Kontakte zu anderen Angehörigen und "passenden" Mitbewohnern fördern?
- Haben Sie den Heimbeirat oder Heimfürsprecher kennengelernt?
- Ist es der Leitung recht, wenn Sie Mitarbeitende auf Fehler oder "nogos" ansprechen, wie das beobachtete Ignorieren oder "Sprechen über den Kopf Ihres Vater hinweg"?
- Können Sie sich im Heim ehrenamtlich engagieren mit einem Angebot, von dem Ihr Vater auch durch den Kontakt zu anderen profitiert?
- Können Sie den behandelnden Nervenarzt um eine Einschätzung bitten, ob die weitere Erklärungen und Behandlungsmöglichkeiten für die ausgeprägten Teilleistungsstörungen Ihres Vaters gibt?

Dabei spreche ich Sie und nicht das Heim an, denn je mehr Menschen sich von Außen engagieren, desto besser wird die Atmosphäre und Kultur der Einrichtung. All diese Fragen stehen auch für Qualitätsindikatoren, d.h. gibt es keine angemessene Antwort, möchte ich Sie ermuntern, nach Alternativen zu suchen.

Auf der anderen Seite ist Ihre Zeit eine echte Investition in die Zukunft Ihres Vaters. und wir werden gute Einrichtungen nur bekommen, wenn sie zu einem Magnet auch für engagierte Menschen im Stadtteil werden.
Viel Erfolg, Ihr Martin Hamborg



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