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Ratgeberforum "Wohnen, Betreuung und Pflege"

Bild: Ratgeberforum "Wohnen, Betreuung und Pflege" Unter welchen Voraussetzungen können Demenzkranke in den eigenen vier Wänden leben? Wann ist ein Pflegeheim, eine Demenz-WG oder betreutes Wohnen angesagt? Zwei Experten auf diesem Gebiet moderieren das Internetforum "Wohnen, Betreuung und Pflege". Martin Hamborg engagiert sich seit 1998 im Vorstand der Deutschen Expertengruppe Dementenbetreuung und kennt sich mit Pflegeheimen und Einrichtungen des Betreuten Wohnens aus. Klaus-W. Pawletko, Geschäftsführer des Vereins "Freunde alter Menschen", ist auf Demenz-Wohngemeinschaften und die ambulante Versorgung Betroffener spezialisiert.

Autor Offener Heimplatz - Muss ich ihn unbedingt annehmen?
15.03.2020 | 19:32
RalfUK

Zunächst ein wenig Hintergrund zu meiner Anfrage...

Mein Vater hat schon jahrelang unter Demenz gelitten, wohnte mit meiner Mutter zusammen und bekam vor anderthalb Jahren Pflegegrad 3 zugewiesen. Obwohl mit Schwierigkeiten verbunden, konnte die beiden mit Pflegedienst und Nachbarschaftshilfe das Leben im ländlichen Umfeld bewältigen.

Ende Januar diesen Jahres verschärfte sich die Situation jedoch dramatisch. Mein Vater erlitt eine mehrtägige psychotische Episode mit hohem Potential von Eigengefährdung und musste in die geschlossene Psychiatrie eines Krankenhauses eingewiesen werden. Dort wurde er medikamentös über einen längeren Zeitraum eingestellt.

Meine Mutter kann die Versorgung zu Hause nicht mehr gewährleisten und ich habe meinen Wohnsitz im Ausland, obwohl ich während dieser Phase viel Zeit in Deutschland verbracht habe. Wegen der Vorgeschichte, der schweren Unruhe mit starker Weglauftendenz und teilweise aggressiven Verhaltens meines Vaters auf der Station, wurde an eine beschützende Unterbringung nach dem Krankenhausaufenthalt gedacht. Gutachten und ärztliche Atteste wurden dementsprechend erstellt. Der Gesamtzustand meines hat sich jedoch in dem Sinne 'verschlechtert', dass die Unruhe in einem fast ständigen Delirzustand im Pflegestuhl oder Bett gewechselt hat und laut Aussage der Ärzte die Unterbringung in einem offenen Heim möglich wäre.

Der Druck des Krankenhauses meinen Vater zu entlassen wächst, nachdem ein offener Platz vom Sozialdienst des Krankenhauses gefunden wurde. Ich habe mir den Heimplatz mit meiner Mutter angeschaut, wir fanden die Räumlichkeiten jedoch nicht akzeptabel. Es handelte sich um ein extrem kleines und dunkles Zimmer ohne Bad etc., wo nur Platz für das Bett und einen Stuhl mit Tisch waren. Obwohl mein Vater an Demenz leidet, nimmt er seine Umgebung war, erkennt er Personen und eine Unterbringung in diesem Raum würde für ihn (und uns als Angehörige) eine Belastung sein und seinen Verfall beschleunigen.

Wir suchen aktiv nach einem alternativen, geeigneten Heimplatz und mein Vater steht schon auf mehreren Institutionen auf der Warteliste.

Inwieweit kann man vom Krankenhaus gezwungen werden, einen Heimplatz anzunehmen, nur weil er frei ist!?

20.03.2020 | 16:16
klauspawletko

Hallo RalfUK,
Das Krankenhaus kann Sie nicht zwingen, diesen Platz zu nehmen. Die Umstände könnten dies allerdings nötig machen, wenn Sie keine alternative Betreuungsmöglichkeit finden.
Um Zeit zu gewinnen, könnten Sie - mit dem Sozialdienst des Krankenhauses - eine geriatrische Rehabilitation anhängen um Zeit zu gewinnen.
ICH nehme an, dass Sie der rechtliche Vertreter Ihres Vaters sind. Vielleicht könnte es hilfreich sein, zumindest vorübergehend - einen rechtlichen Betreuer einzusetzen, der sich all das kümmern kann. Den können Sie selbst aussuchen; am besten bei einem Betreuungsverein.
Für den Fall, dass Sie am Ende doch gezwungen sein werden, den ungeliebten Platz zu nehmen: Sie können einen Heimvertrag jederzeit kündigen und Ihren Vater in einem Haus Ihrer Wahl unterbringen.
ICH drücke die Daumen, dass Sie bald eine befriedigende Lösung für sich und Ihre Eltern finden.
Beste Grüße von Klaus Pawletko

21.03.2020 | 10:12
martinhamborg

Hallo RalphUK, nun auch von meiner Seite noch einige Gedanken: Zunächst hört es sich gut an, die Behandlung hatte Erfolg und Ihr Vater muss nicht mehr geschlossen untergebracht werden, dies bietet viele neue Möglichkeiten der Lebensqualität - wenn denn die Rahmenbedingungen stimmen. Im schlimmsten Fall würde Ihr Vater noch einmal in ein schöneres Zimmer in einer angenehmeren Atmosphäre umziehen.

Wenn ich Sie richtig verstanden habe, ist Ihr Vater derzeit noch im Krankenhaus und wir alle wissen, wie hoch der Entlassungsdruck ist. Sie könnten direkt mit der Pflegekasse Kontakt aufnehmen, dort ist ein Fallmanager für Ihren Vater zuständig und könnte von dieser Seite den Druck auf das Krankenhaus reduzieren, denn Kranken- und Pflegekasse sind unter einem Dach.
Ganz aktuell haben wir jedoch ein anderes Problem: Infolge der Pandemiepläne gibt es in vielen Regionen Aufnahmestopps in den Einrichtungen, Tagespflegen werden geschlossen und die ambulante Pflege ist durch den Fachkräftemangel und bürokratische Anforderungen nicht in der Lage, die Menschen zu versorgen.

Jetzt greift das Infektionsschutzgesetz, dass die Freiheits- und Entscheidungsrechte gravierend einschränken kann - wir erleben das derzeit täglich. Die Krankenhäuser sind gehalten, Bettenkapazitäten zu schaffen und kann es sein, dass das Gesundheitsamt den Zwang ausübt, den das Krankenhaus nicht ausüben darf. Aber auch dort sitzen Menschen, mit denen man reden kann und die können auch entscheiden, dass Ihr Vater in eine andere Einrichtung kommt!

So wie ich die Lage derzeit einschätze, wäre eine häusliche Versorgung aus Sicht des Infektionsschutzes am besten, aber das haben Sie sicher schon bedacht - ein höherer Pflegegrad kann immer noch beantragt werden und wird nach Aktenlage entschieden - da helfen die vielen ärztlichen Gutachten.
Allerdings sollten Sie die Einschätzungen der Krankenhausärzte auch telefonisch mit dem Hausarzt besprechen, er kann am besten bestätigen, ob der aktuell beruhigende oder sedierende Effekt der Behandlung eine gute Prognose hat.
Für all das brauchen Sie formal die nötigen Vollmachten, mit denen Sie gerade in der aktuellen Zeit von überall in der Welt mitreden können...
Viel Erfolg, Ihr Martin Hamborg

23.03.2020 | 18:34
RalfUK

Vielen Dank für Ihre Kommentare! Inzwischen haben wir meinen Vater in dem Heim untergebracht.

Wir sehen dies zunächst einmal als eine vorübergehende Unterbringung an und wie schon Ihnen beschrieben, kann der Vertrag wenn nötig auch kurzfristig gekündigt werden und mein Vater müsste nochmals umziehen.

Ihre Antworten haben mir wertvolle weitere Tips für die Zukunft gegeben!



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