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Ratgeberforum "Wohnen, Betreuung und Pflege"

Bild: Ratgeberforum "Wohnen, Betreuung und Pflege" Unter welchen Voraussetzungen können Demenzkranke in den eigenen vier Wänden leben? Wann ist ein Pflegeheim, eine Demenz-WG oder betreutes Wohnen angesagt? Zwei Experten auf diesem Gebiet moderieren das Internetforum "Wohnen, Betreuung und Pflege". Martin Hamborg engagiert sich seit 1998 im Vorstand der Deutschen Expertengruppe Dementenbetreuung und kennt sich mit Pflegeheimen und Einrichtungen des Betreuten Wohnens aus. Klaus-W. Pawletko, Geschäftsführer des Vereins "Freunde alter Menschen", ist auf Demenz-Wohngemeinschaften und die ambulante Versorgung Betroffener spezialisiert.

Autor Pflege als Gesellschaft?
03.04.2020 | 12:20
Karibia27

Guten Tag, ich habe eine Frage wegen meiner Eltern. Mein Vater hat seit einigen Jahren eine rasch fortschreitende Demenz wegen einiger kleiner Schlaganfälle. Er kann sich zwar noch selbst waschen, anziehen und essen, ist aber inzwischen sehr desorientiert, hat massive Sprachschwierigkeiten, Angstzustände, Paranoia, phantasiert Personen, die nicht da sind, erkennt Angehörige nicht etc. pp. Meine Mutter wohnt alleine mit ihm in einem kleinen Dorf. Er hat Pflegegrad 2. Das größte Problem ist im Moment, dass meine Mutter es in absehbarer Zeit nicht mehr allein mit ihm aushalten wird, da sie kein normales Gespräch mit ihm führen kann, nicht mit seinen Phantasien und seinem Misstrauen ihr gegenüber zurechtkommt, ihn nicht alleinlassen kann und ihn bei den einfachsten Tätigkeiten anleiten muss, so dass sie mit Haushalt und Betreuung täglich an ihre Grenzen kommt. Wir Kinder helfen nach Kräften, haben aber nicht unbegrenzt Zeit mit Beruf, eigenen Kindern und Haushalt. Wir haben daher schon eine Tagesklinik in Betracht gezogen; leider sind meine Eltern von der Idee aber wieder abgerückt, da die Fahrstrecke bis in die nächste Großstadt recht weit ist. Meine Mutter befürchtet, dass das meinen Vater (der ohnehin ständig rätselt, wo er eigentlich wohnt) zusätzlich stressen würde und sie dann seine vor allem abends auftretenden Angstzustände nicht mehr abfangen könnte. Er bekommt auch ein Medikament, das die Situation ein wenig entspannt hat, aber nicht vollständig. Ein Heim, und damit Trennung, ist für beide ebenfalls eine schlimme Vorstellung. Daher frage ich mich, ob eine Form häuslicher Pflege bzw. Begleitung in Frage käme. Meine Mutter meint zu Recht, dass eine "klassische" Pflegeperson nicht so recht passt, denn pflegebedürftig im körperlichen Sinne ist mein Vater nicht. Vielmehr bräuchten meine Eltern Unterstützung von einer Person, die entweder bei ihnen wohnt oder täglich für einige Stunden vorbeikommt, um 1. meinen Vater zu unterhalten (ihm ist entsetzlich langweilig, da er zu seinem früheren Alltag nicht mehr fähig ist) und zu begleiten, anzuleiten, und 2. meine Mutter zu entlasten und ihr mit "normalen" Gesprächen ein wenig Gesellschaft zu leisten. Auch wäre es gut, wenn meine Mutter einfach mal einen halben Tag guten Gewissens das Haus verlassen und etwas für sich tun könnte. Die beiden bräuchten also eine Person mit einem gewissen psychologischen/psychiatrischen Vorwissen oder zumindest einer sehr guten psychologischen Intuition, die zudem gut Deutsch kann und ein gewisses Geschick dabei hat, zu erraten, was mein Vater sagen will. Zugleich gäbe es aber an konkreten, handfesten Dingen wenig zu tun. Haben Sie irgendeinen Tipp, wie und wo wir so jemanden finden könnten?? Vielleicht abseits der klassischen Pflegedienste, gibt es da irgendetwas? Vielen Dank für Ihre Hilfe.

03.04.2020 | 14:14
Barbara66

Hallo Karibia 27,
tatsächlich haben wir bei uns fast genau die gleiche Situation.
Meine Eltern leben beide noch zu Hause.
Meine Mutter leidet an der Lewykoerperchendemenz mit massiven Wahnvorstellungen, Paranoia, Ängsten und Parkinsonsymptomen, die dazu führen, daß sie sehr wackelig auf den Beinen ist.
Mein Vater ,der im Januar 80 geworden ist ,begreift die Demenz meiner Mutter nicht und baut geistig auch sehr ab.
Auch ich hätte meine Mutter gerne in die Tagespflege gegeben, aber sie lehnt das alles ab,weil sie sich zu schwach fühlt und überfordert, wenn zu viele Menschen in einer Gruppe sind.
Wir haben es letztes Jahr auch mit einer Kochhilfe vom Pflegedienst versucht -Katastrophe.
Sie konnte überhaupt nicht damit umgehen, daß dort eine fremde Person bei ihr am Herd stand.
Wiederum äußert sie aber dann den Wunsch,daß immer jemand bei ihr sein soll.
Vor 5 Wochen kam ein Eifersuchtswahn gegen meinen Vater hinzu,wobei sie sogar nach ihm schlagen wollte.
Man kann ja über die Verhinderungspflege Betreuung wie Spazierengehen, Spiele spielen, mal in ein Café fahren uvm.über den Pflegedienst machen lassen.
Nutzt ihr denn auch die 125 Euro um Euch z.B. beim putzen helfen zu lassen?
Es gibt sicherlich auch ehrenamtliche Helfer der Caritas oder Diakonie, die gerne bereit sind,sich evtl.2-3 mal in der Woche mit Deinem Vater zu beschäftigen.
Wir leben hier auch auf dem Land und im Grunde bekomme ich auch wenig Hilfe für mich!!!
Keine Selbsthilfegruppen, in denen man sich mit Betroffenen austauschen koennte.
Was macht ihr denn gegen den Wahn Deines Vaters?
Welche Medikamente bekommt er?
Wie versucht ihr,ihm die Angst zu nehmen?? (Alles sehr schwer, wenn derjenige nichts mehr begreift ).
Alles Gute
Barbara

05.04.2020 | 09:34
klauspawletko

Hallo Karibia27,
der Bedarf, den Sie beschreiben, ist tatsächlich schwer zu befriedigen.
Osteuropäische Haushaltshilfen erfüllen wahrscheinlich nicht den Anspruch an Sprachkenntisse und sind in Corona-zeiten nicht verfügbar.
Angebote zur Unterstützung im Alltag nach § 45 b Pflegeversicherung wurden ja bereits angesprochen. Wenn es bei Ihnen Anbieter hierfür gibt, lassen sich eventuell dort auch mehr Zeiten buchen, als die dafūr bereit stehenden 125 € her geben.
Vielleicht gibt es bei Ihnen ja auch eine Pflegekraft im Ruhestand, die sich etwas zur Rente dazu verdienen möchte.
Sie werden wahrscheinlich kreativ sein müssen, denn ein massgeschneidertes Angebot für Ihren Bedarf gibt es leider nicht.
Viel Erfolg wünscht Ihnen Klaus-W Pawletko

05.04.2020 | 11:03
Karibia27

Danke für die Information. Meinen Sie, es wäre eine gute Idee, jemanden per Anzeige zu suchen? Oder raten Sie generell wegen Betrugsgefahr davon ab und empfehlen eher den Weg über eine Organisation?

[Dieser Beitrag wurde 1mal bearbeitet, zuletzt am 05.04.2020 um 11:03.]

05.04.2020 | 11:05
Karibia27

@Barbara Danke für die Antwort! Ja, es ist echt nicht leicht... Vor allem auf dem Land! In der Stadt wäre es viel leichter, zum Beispiel ein Zimmer an eine Studentin zu vermieten bzw. im Gegenzug zu etwas Hilfe zu überlassen. Das macht hier in München meine Nachbarin und es läuft recht gut. Aber da in der Pampa...ich weiß auch nicht.
Mein Vater bekommt Quetiapin. Die Angst nehmen...gute Frage. Nach meiner Erfahrung wirkt es am besten, wenn ich ihm immer wieder ganz ruhig sage, dass alles in Ordnung ist. Ich glaube, der Tonfall und die eigene innere Ruhe sind dabei das entscheidende, denn die Argumente kommen eh nicht mehr wirklich an. Leider ist meine Mutter selbst zu betroffen von der Situation, als dass sie Entspannung vortäuschen könnte. Normalerweise ruft sie dann mich an oder ich komme, um Ruhe reinzubringen. Aber sind halt auch 30 km Autofahrt, die ich nicht immer machen kann...daher wird es früher oder später Hilfe brauchen.
Selbsthilfegruppen gibts auch keine für meine Mutter. Vielleicht versuchen wirs mal mit Ehrenamtlichen, ja... euch auch alles Gute!! LG Karin

[Dieser Beitrag wurde 2mal bearbeitet, zuletzt am 05.04.2020 um 11:09.]

06.04.2020 | 11:46
martinhamborg

Hallo Karibia27, gern würde ich noch auf zwei Aspekte eingehen:
1. Entlastende Telefonate sind sehr wertvoll, besonders wenn Sie von sich aus anrufen und nicht darauf warten, dass es zwischen Ihren Eltern schon eskaliert ist.

2. Eine Anzeige für Hilfe beinhaltet sicher immer ein Risiko, Betrügern aufzusitzen. Sie können es ein wenig reduzieren, wenn Sie selbst die Kontakte organisieren.

Auf der anderen Seite erleben wir gerade jetzt eine Welle von Hilfsbereitschaft und zu wenig Menschen, die die Hilfe annehmen. Vielleicht gibt es über der Kirchengemeinde oder über Vereine Aufrufe. Ich kann mir gut vorstellen, dass die Verantwortlichen an diesen Stellen eine geeignete Person finden. Durch die Pandemie-Einschränkungen wird es für Ihre Eltern noch schwieriger eine längerfristige Hilfe zu finden. Deshalb möchte ich Ihnen Mut machen, diese kurzfristigen Angebote anzufragen.
Viel Erfolg, Ihr Martin Hamborg

06.04.2020 | 13:59
Grunella

Wir haben am Anfang über die Alzheimer Gesellschaft in der Stadt meiner Mutter eine Alltagshelferin gehabt, die zum Teil von der Krankenkasse, zum Teil aus dem Vermögen meiner Mutter finanziert wurde. Die hat das sehr gut gemacht. Als meine Mutter dann nach Hamburg zur, habe ich ersst über betreut.de jemanden gefunden, aber da stimmte die Chemie nicht. Dann habe ich durch Zufall über Facebook eine Renterin gefunden, die sich gerne etwas dazuverdient hat. Über die kam dann auch noch eine zweite Alltagsbegleiterin dazu. Diese besuchen meine Mutter jetzt in ihrer geschlossenen Station und das funktioniert gut. Man braucht niemanden mit psychologischem Hintergrundwissen (wie soll man so jemanden auch bezahlen?), sondern jemanden, der gerne plaudert, etwas unternimmt und kein Problem damit hat, alles 700 mal zu wiederholen buw. zu hören. Optimalerweise hat diese Person auch Erfahrung mit Demenzkranken oder ist gut in der Lage, sich schnell in das Thema einzuarbeiten. Dann braucht man noch eine gute Geschichte, warum die Person da ist (bei der ersten Alltagshelferin war das noch "das bezahlt die Krankenkasse, dann hast Du eine Haushaltshilfe, ist das nicht toll? Da hast Du jahrelang eingezahlt, jetzt kriegst Du mal was zurück!", das fand meine Mutter gut, umsonst was von der Krankenkasse zu bekommen). Vielleicht wird man ein paarmal rumprobieren müssen, bis die richtige Person da ist, aber bei uns funktioniert das gut.

07.04.2020 | 11:37
Karibia27

Vielen Dank an alle für die Tips! Wir werden uns mal an die Alzheimer Gesellschaft, die Kirche und Vereine wenden.
Wegen der Telefonate: ich rufe natürlich auch von selbst an, es ist nur halt nicht vorherzusehen, wann es eskaliert, daher muss dann meine Mutter anrufen.
Viele Grüße, Karin



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