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Ratgeberforum "Kommunikation und Konflikte"

Bild: Ratgeberforum "Kommunikation und Konflikte" Im Laufe einer Demenz ändern sich Kommunikationsfähigkeit und Verhaltensweisen. Das ist für alle Beteiligten oft belastend. Der Wegweiser Demenz hat zwei Experten auf diesem Gebiet als Moderatoren für das Internetforum gewonnen: Jochen Gust hat als Altenpfleger Menschen mit Demenz betreut. Heute schult er unter anderem Klinikpersonal im Umgang mit Demenzkranken, berät Angehörige und schreibt Bücher. Dr. Svenja Sachweh bietet Kommunikationstrainings für Pflegepersonen an und ist Autorin diverser Lehr- und Ratgeberbücher zur Verständigung mit Demenzkranken.

Autor Hilfe für eine Patientin, die 'permanent' laut ruft und schreit ?
06.04.2020 | 23:05
IngoFriedrich

Meine Schwester ist 80 Jahre alt. Bis vor einem halben Jahr war Sie eine gepflegte, fast schlanke Frau mit aufrechter Haltung, die gerne lange Spaziergänge machte, freundlich und ruhig im Umgang. Man konnte sich gut mit ihr unterhalten und lachen, sie war allseits beliebt und erst, wenn man sich länger mit ihr unterhielt, fiel auf, daß sie immer wieder dasselbe fragte oder erzählte. Erste Untersuchung 2013 aufgrund Ihrer 'Vergesslichkeit' an der Uniklinik Tübingen: Beginnendes Alzheimer wurde attestiert, dann im Okt. 2018 das deutliche Fortschreiten der Krankheit.
Sie lebte seit ca. 25 Jahren mit ihrem Ehemann, sie waren täglich, auch tagsüber zusammen, reisten viel, achteten auf Bewegung und Gesundheit, hatten viele soziale Kontakte. Im Umfeld wussten die Freunde um ihre gesundheitliche Einschränkung, trotzdem unternahm sie noch vieles mit ihrem noch aktiven Ehemann. Meine Schwester war praktisch nie alleine und wenn, dann nur kurze Zeit.
Mitte 2019 musste der Ehemann ins Krankenhaus, es gelang aber, daß man einen Platz in einem angesehenen Wohnheim in guter Lage fand. Sie bezog dort ein Einzimmer-Appartment mit Balkon. Der Plan war, daß sie sich für die voraussichtlich 4-5 Wochen während des Krankenhausaufenthalts und Reha des Ehemanns in 'ihrem' Heim einleben sollte.
Aber schon als mein Schwager sie in ihr neues Domizil brachte, wollte sie nicht dort bleiben. Nach rund drei Stunden gab sie auf und schlief erschöpft auf ihrem neuen Bett ein. Ab diesem Zeitpunkt gings bergab. Nach einem halben Jahr schlurft meine Schwester krumm und schwach, kaum fähig noch alleine zu laufen.
An keinem Tag akzeptierte sie das Alleinsein und begann, zuerst nachts, dann auch tagsüber laut zu rufen: "Hilfe", "Hallo" und den Namen ihrer Angehörigen. Besuche von Freunden, den Angehörigen und dem Ehemann endeten jedoch oft unangenehm, weil sie mitgehen und nicht im Heim bleiben wollte.
Das Rufen wurde im Laufe der Monate lauter, aggressiver und dauert über Stunden an. Die akustische Belastung für Betreuer und Mitbewohner im Heim ist immens. Die Situation ist für ein "normales " Altenheim, auch mit Demenzabteilung, auf Dauer nicht tragbar.
Das Rufen und Schreien konnte auch nach Verabreichung starker Medikamente nicht abgemildert und auch nicht gestoppt werden.
Ich habe große Sorge, daß meine Schwester, die eigentlich “nur“ an der Alzheimer-Demenz leidet, schon jetzt, auch oder vor allem aufgrund der starken Medikamente, zu einem psychiatrischen Fall geworden ist.
Gibt es den erfahrene Ärzte, die mehr tun können als Rezepte für immer mehr und immer höher dosierte Medikamente auszuschreiben? Gibt es eine Heimstätte, in der zwar darauf geachtet wird, daß die Patienten nicht unbemerkt das Haus oder das Gelände verlassen, aber wo man sich trotzdem nicht im Gefängnis oder in der Irrenanstalt wähnt ... wo nur die Medikamente gegeben werden, die das Leben für den Patienten erleichtern, aber ihn nicht mundtot und bald ganz tot machen!? Warum soll der Patient nicht schreien dürfen? Wo bleiben die Therapien, die das Schreien "verhindern", weil sich der Patient beim Spazierlauf verausgaben kann, bei Schwimmen, beim Singen oder malen und töpfern, beim Beschäftigen mit Tieren, die gestriegelt werden müssen oder die auf ihr Futter warten!?
Ist das Traumtänzerei? Völlig unrealistisch? Unbezahlbar?
Woran liegt es, daß man im Gespräch mit sogenannten Fachleuten über einen geliebten Menschen, der seine Verzweiflung über das Alleine- gelassen-werden hinausschreit, nur über MEDIKAMENTE reden kann?

[Dieser Beitrag wurde 1mal bearbeitet, zuletzt am 06.04.2020 um 23:22.]

07.04.2020 | 00:32
jochengust

Hallo IngoFriedrich,

vielen Dank für Ihre eindrückliche Schilderung.
Zunächst einmal steht fest, dass Schreien und Rufen von Menschen mit Demenz Sinn haben. Es ist nicht sinnlos, ebensowenig wie ich Ihnen leider ein "Patentrezept" nennen kann, um es abzumildern oder sogar zu erreichen, dass es ganz aufhört.
Für mich bleibt es stets eine Frage der fachlichen Grundhaltung. Eine sozusagen neugierige Haltung die Verhalten nicht einfach nur "der Demenz" zuschreibt, sondern immer danach fragt: "Warum macht genau dieser Mensch das?".
Ich will damit sagen, dass es durchaus ein Bewusstein dafür gibt, dass das Schreien & Rufen eine "Botschaft" enthält. Medikamente können eine Option sein, aber das "kommt eben drauf an" - und wie Sie beschreiben, war die Intervention hier nicht erfolgreich damit.
Schwierig wird es für die Betroffenen, wenn man im Schreien und Rufen lediglich die "Störung" wahrnimmt. Denn was uns stört, beeinträchtigt, negative Gefühle beschert, wollen wir irgendwie "abstellen".
Es ist schwer via einem Internetforum den richtigen Rat zu geben, was Ihrer Schwester konkret helfen würde. Problematisch ist, dass das offenbar schon länger so geht.

Häufig bleibt in einer solchen Situation nur das Ausprobieren verschiedener Möglichkeiten.
Meine Frage ist also, was (pflegerisch) versucht wurde bislang, abseits der ärztlich verordneten Medikamente?
Gibt es Phasen, in denen nicht geschrien und gerufen wird?

Können Sie dazu etwas sagen?

Das Thema wurde auch hier schon einmal im Forum behandelt - vielleicht gewinnen Sie daraus weitere hilfreiche Tipps, die sich auszuprobieren lohnen.
https://www.wegweiser-demenz.de/weblog-und-forum/rat-im-internetforum.html?tx_mmforum_pi1%5Baction%5D=list_post&tx_mmforum_pi1%5Btid%5D=1009&tx_mmforum_pi1%5Bfid%5D=3

Es grüßt Sie

Jochen Gust









07.04.2020 | 10:46
svenjasachweh

Hallo IngoFriedrich,
der Fall Ihrer Schwester zeigt leider eine Seite der Misere unseres schon vor der Corona-Krise schwachbrüstigen Pflege- und Versorgungssystems auf: meistens geben die vorhandenen Pflegekräfte alles, aber das ist in den Augen der Bewohner nie genug, oder nie das Richtige. Angesichts des Pflegenotstands scheinen Ärzte die Versorgung mit Medikamenten als letzte und einzige Möglichkeit anzusehen, das Leiden aller Beteiligten (denn, wie Sie ja selber schreiben, auch die Angehörigen wie Sie, die Mitbewohner und das Personal leiden unter dem Schreien) zu mildern... denn die wird schnell und fraglos finanziert, im Gegensatz zu einer intensiven, individuellen Betreuung und Diagnostik, für die in der Regel leider Gottes weder Gelder vorgesehen sind, noch das dafür nötige Fachpersonal abrufbar wäre. Die humaneren und kreativeren Konzepte, die Sie benennen, gibt es alle vereinzelt - dass Menschen mit Demenz mehr Bewegung, Aufgaben, künstlerische oder musische Angebote, und Kontakte zu Mensch und Tier ermöglicht werden. Sie sind kein Garant gegen das lautstarke Verkünden der Verzweiflung der Erkrankten, aber sie führen doch oft dazu, dass sie weniger oft, oder weniger laut rufen. Grundsätzlich scheint es sich positiv auszuwirken, wenn man ihnen noch etwas zutraut, sie Verantwortung und kleine Aufgaben übernehmen dürfen oder sogar müssen... wenn die Hände beschäftigt werden und wenn es eine Verpflichtung, eine Beschäftigung gibt, für die es sich morgens aufzustehen lohnt.
Ob der veränderte Gang Ihrer Schwester dem Krankheitsfortschritt, oder aber den gegebenen Psychopharmaka geschuldet ist, kann man so aus der Ferne sicher nicht klären. Da Sie aber schreiben, dass sie sich früher viel und gerne bewegt hat, wären Angebote in dieser Richtung vielleicht einen Versuch wert: Schreit sie auch noch, wenn man mit ihr spazieren geht, oder sie mit dem Rollstuhl dorthin fährt, wo es etwas zu beobachten gibt? Hat sie Freude an Sitztanz oder Seniorengymnastik? Wie würde sie auf den Besuch eines Therapiehundes reagieren, oder auf eine schnurrende Katze auf dem Schoß? Da Schaukeln auf Menschen mit fortgeschrittener Demenz oft so beruhigend wirkt wie auf Säuglinge, könnten Sie auch austesten, wie Ihre Schwester auf einen Therapieschaukelstuhl reagiert (bei dem schwingt nur der Sitz, die Füße stehen fest auf dem Boden, insofern ist es möglich, sich selbstständig und ohne größere Sturzgefahr darauf zu setzen).

Ergänzend zu den Fragen von Herrn Gust wäre noch wichtig zu wissen: Gibt es Menschen, in deren Nähe sie ruhiger ist? Kommen angesichts der unangenehmen, herzzerreißenden Abschiedsszenen überhaupt noch Angehörige zu Besuch? Und wenn ja, ziehen diese argumentativ alle an einem Strang? Hat sie begriffen, dass sie dauerhaft in einem Heim lebt, oder hofft sie immer noch, dass der Krankenhausaufenthalt irgendwann vorbei sein wird?

Freundliche Grüße
S. Sachweh



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