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Ratgeberforum "Wohnen, Betreuung und Pflege"

Bild: Ratgeberforum "Wohnen, Betreuung und Pflege" Unter welchen Voraussetzungen können Demenzkranke in den eigenen vier Wänden leben? Wann ist ein Pflegeheim, eine Demenz-WG oder betreutes Wohnen angesagt? Zwei Experten auf diesem Gebiet moderieren das Internetforum "Wohnen, Betreuung und Pflege". Martin Hamborg engagiert sich seit 1998 im Vorstand der Deutschen Expertengruppe Dementenbetreuung und kennt sich mit Pflegeheimen und Einrichtungen des Betreuten Wohnens aus. Klaus-W. Pawletko, Geschäftsführer des Vereins "Freunde alter Menschen", ist auf Demenz-Wohngemeinschaften und die ambulante Versorgung Betroffener spezialisiert.

Autor Mutter allein zu Hause
30.05.2020 | 22:56
blumenkind

Hallo,

ich mache mir akute Sorgen um meine Mutter und bin völlig ratlos.
Sie (89) hat seit Ende letzten Jahres die Diagnose Demenz Alzheimer Typ, was keine große Überraschung war. Seit Anfang April hat sie den Pflegegrad 3. Sie lebt seit Jahrzehnten allein in ihrer Wohnung in NRW, ich wohne in Bayern. Ca 7h mit dem Auto oder mit dem Zug. Ich habe keine Geschwister. Vor Corona habe ich sie einmal im Monat besucht, dann seit Corona erst einmal vor 2 Wochen. Sie war bisher körperlich gesund und ist der Meinung, dass sie wunderbar allein klarkommt. Äußert Unverständnis, dass ich mir Sorgen mache. Ihr Neurologe hat sie als sehr stur und dominant bezeichnet mit einem starken Bedürfnis, die Fassade aufrecht zu erhalten.

Der Pflegedienst kommt 2mal täglich für eine kurze Medikamentengabe. Sie bekommt Essen auf Rädern. Einmal die Woche kommt eine Putzfrau. Eine Dame, die ich über betreut.de angeheuert habe, kommt 1-2mal die Woche, leistet ihr Gesellschaft und kauft auch für sie ein. Soweit so gut.

Wir hatten früher immer eine gute Beziehung, aber unser Verhältnis hat sich stark verschlechtert. Wie ich lese, ist das bei Alzheimer-Patienten normal. Sie wittert in allem eine Bevormundung und übergriffige Einmischung (womit sie aus ihrer Sicht auch Recht hat).

Ich habe mich in meiner Umgebung nach Pflegeheimen umgehört. In meinem Wohnort steht sie auf einer Warteliste (sie weiß nichts davon), müsste aber wohl noch 1 Jahr warten. Ich wollte noch mehr Eisen im Feuer, habe daher noch andere Pflegeheime kontaktiert. Sie steht jetzt in 6 Heimen auf der Warteliste, aber leider konnte ich wegen Corona bisher keines dieser Heime besichtigen. Es wäre eine Wohnung frei in einer betreuten Wohnanlage, die angeblich gerüstet ist für Demenzkranke. Ich habe da meine Zweifel. Ich kann nicht einschätzen, ob sie weglaufgefährdet wäre, wenn man sie aus ihrer gewohnten Umgebung verpflanzt. Ich habe über eine Demenz-WG nachgedacht, habe aber auch da Bedenken, da sie immer sehr eigenständig war und überhaupt nicht gewohnt ist, mit anderen zusammenzuleben. Ich weiß dass sie ihre Wohnung über alles liebt und bisher mit den beschriebenen Hilfen auch noch einigermaßen zurecht kam. Sie wehrt sich mit Händen und Füßen gegen einen Umzug in ein Heim. Ich könnte sie bei mir unterbringen (habe ein Reihenhaus, könnte ein Zimmer freiräumen), aber das wäre kein Zustand auf Dauer. Ich lebe allein, derzeit wegen Corona mit meinen beiden erwachsenen Söhnen, und bin beruflich ziemlich eingespannt. Ich weiß nicht ob man wegen Corona zur Zeit eine Pflegerin aus Osteuropa finden würde, und ich hätte dafür auch nur ein winziges Dachkämmerchen.

Jetzt hat sich ihr Zustand in den letzten Tagen so verschlimmert, dass sie nicht mehr ans Telefon geht, die Türklingel nicht mehr hört, weil sie anscheinend den Tag tief schlafend im Bett verbringt. Der Pflegedienst hat zum Glück einen Schlüssel. Ich kann kaum mit ihr reden, selbst wenn ich sie ans Telefon bekomme, da sich ihre Schwerhörigkeit ebenfalls ziemlich plötzlich rapide verschlechtert hat und sie mit ihren Hörgeräten nicht mehr klarkommt. Ich habe den Verdacht, dass das mit einem Medikament zusammenhängen könnte (Galantamin), das sie seit 4 Wochen nimmt.

Ich bin hin- und hergerissen. Kann ich es verantworten, sie allein in der Wohnung zu lassen? Kann ich sie zwingen, mit zu mir nach Hause zu kommen? Und was dann? Selbst wenn ich einen Heimplatz finden würde, kann ich sie zwingen dazubleiben (eine Vollmacht habe ich, aber das ist ja nur die rechtliche Seite)? Oder sollte ich erst mal eine Panikreaktion vermeiden, irgendwie versuchen, einen Arzttermin zu organisieren, um zu sehen, ob was Akutes vorliegt (was auch auf die Entfernung sehr schwer ist, die Dame von betreut.de ist berufstätig und kann das nicht leisten)? Meine Mutter war vor Corona im Krankenhaus und danach sehr schwach. Ich hatte versucht, vor Ort bei ihr eine Kurzzeitpflege zu finden, aber keine Chance. Ist es gerade wegen Corona nicht erst recht besser, sie in ihrer Wohnung zu lassen, und ihr nicht zuzumuten, erst mal 14 Tage in Quarantäne zu müssen? 1000 Fragen keine Antwort... wenn jemand eine Idee hat, bin ich dafür sehr dankbar.


[Dieser Beitrag wurde 1mal bearbeitet, zuletzt am 30.05.2020 um 22:58.]

01.06.2020 | 08:29
Mirabai

Hallo Blumenkind,

Dein Text spricht mir aus der Seele, der Titel allein hat mich sofort veranlasst, mir Deinen Beitrag durchzulesen. Auf diesen bin ich gestern gestoßen, nachdem ich im Internet auf der Suche nach Unterstüzung für meine Situation war. Und siehe da: Ich wurde direkt fündig. Ich finde es (wieder einmal) extrem erstaunlich und freue mich einfach nur, wie entlastend es ist, wenn man das Gefühl hat, da ergeht es einem anderen ähnlich wie einem selbst!
Beim Beschreiben der Situation Deiner Mutter und ihrer Persönlichkeit sowie wie es Dir geht mit all den Fragen habe ich echt gedacht, habe ich das geschrieben - oder mein Bruder -? Ja, da unterscheidet sich meine Situation: Ich habe noch einen Bruder, aber der würde nicht so viel persönlich von sich berichten, der macht alles mit sich alleine aus; was möglicherweise eine Kehrseite in einer Geschwisterkonstellation ist. Er lebt in Bayern wie Du, ich in Südhessen und unsere Mutter auch in NRW. Sie ist 78, hat ihr Leben lang höchst selbstbestimmt und faktisch allein gelebt. Sie meint ebenfalls, dass sie keine Hilfe braucht. Ihr Alltag ist nicht so "safe" mit Hilfen geregelt wie bei Dir. Mein Bruder hat 2x die Woche Haushaltshilfe über die Caritas beauftragt, meine Mutter lässt die aber mehr oder weniger nicht oder nur spärlich zu. Für mich ist wichtig zu wissen, dass die einen Schlüssel haben (was meine Mutter allerdings schon in erhebliche Aufruhr gesetzt hat, weil dann jemand einfach so im Hausflur stand...) und sie somit ein Stückweit unter Beobaachtung ist. Außerdem ist jemand mit drin in der Verantwortung. Meine Mutter vergisst zum Teil zu essen, ist untergewichtig. Gleichzeitig erlebe ich eine Stabilisierung in den letzten drei Wochen, da sich unsere Beziehung gefestigt hat. Für mich war und ist am schwierigsten, aus der Ferne die Situation zu beurteilen. So hatte ich sie vor einiger Zeit Samstagsmorgens am Telefon, und sie klang so "neben sich", dass ich aus dem direkten Gefühl sofort bei der Frage war, muss ich mich umgehend ins Auto setzen? Ist die Situation verantwortbar? Ich habe "mich dann mit der Frage auseinandergenommen", wo die Instanz der Entscheidung ist. Wo finde ich die? Wenn ich die Nachbarn fragen würde, ob die Sitaution noch zu verantworten ist, was würden die sagen, was würde die Caritas sagen (die hätten "natürlich" eine ausschließlich medizinisch/pflegerische Sicht/Begründung) usw. Diese "zufällig gefundene" Herangehensweise war für mich eine absolute Offenbarung!!! Ich muss dazu sagen, dass ich mit meinem Mann gemeinsam in dieser inneren Auseinandersetzung/Wegfindung gelandet bin. Gleichzeitig gehe ich für mich jetzt in vielen Situationen so vor: Ich nehme mich mit meinen Gedanken und Gefühlen aus-einander. Bringe alles hervor und nach außen, so wie Du es auch getan hast. Dadurch findet Klärung statt, ich finde tief in mir meine "wahren Antworten". Da hilft mir sicher auch meine jahrelange Meditationspraxis. Antworten im Außen, solche, die wirklich Antworten sind, gibt es m.E. nicht. Sie sind nur im Inneren zu finden und ich spüre es in einer großen Klarheit und Eindeutigkeit, wenn ich wieder mal "das Wahre" gefunden habe. So fand ich in der oben beschriebenen Situation Folgendes: Ich würde jetzt nur deswegen hochfahren, weil ich es nicht mehr aushalte. Um die Situation ein stückweit objektiv beurteilen zu können, ziehe ich andere Menschen hinzu. Ich habe mich auch therapeutisch unterstützen lassen. Das war wegweisend! Hier einige daraus resultierende Sätze/Ergebnisse: Meine Mutter hat ihr Leben lang selbstbestimmt gelebt. Sie wird auch selbstbestimmt sterben. Ich ermögliche ihr weiterhin, selbstbestimmt zu leben, indem ich sie nicht "in ein Heim stecke" (weil ich es nicht mehr aushalte). Durch die Therapie, in der ich übrigens die Beziehung zu meiner Mutter geklärt/geheilt habe, weiß ich, dass ich mit Gewissheit sagen kann: Die Grundlage all meiner Entscheidungen ist Liebe. Ich agiere nicht aus Angst, Feigheit oder Bequemlichkeit. So habe ich z.B. auch die Fragestellung durch, ob meine Mutter für andere eine Gefahr darstellt (sie ist immer noch Auto gefahren, reagiert teilweise - aus Angst - sehr aggressiv; aber eben nur verbal...). Ich weiche keinem Gefühl aus, halte Gefühle aber eben auch nicht für die Wirklichkeit. Eher ist es so: Sie führen mich zur Wirklichkeit. Dazu muss ich sie durchleben. Und das ist eine wahnsinnig anspruchsvolle, anstregende Arbeit! Alle Energie geht zum Teil in diese Arbeit. Aber das Ergebnis ist diese Anstrengung alles mal wert: Klarheit entsteht. Ein Gefühl von wirklich Erwachsen-Sein und innerer Stärke.
Liebes Blumenkind, zum Schluss vielleicht noch Folgendes: Vor Jahren hörte ich den Satz eines Arztes, der vom Sohn eines fast 90-jährigen Mannes verzweifelt aufgesucht wurde, weil der Vater nicht mehr aß. Der Arzt sagte: Hat ein 90-jähriger nicht das Recht, das Essen zu verweigern? Ich finde: Ja! Ich wünsche Dir Mut und die Kraft der Liebe, Deiner Mutter ihren Weg zu lassen und gleichzeitig Mut und Liebe für Dich zu schauen, was Du jetzt, heute, grundsätzlich brauchst! Es sind oft Minisachen, die die (eigene) Welt verändern. Ich umarme Dich (unbekannterweise). In Verbundenheit, Mirabai
PS. Durch Corona erlebe ich gerade öfter Verbundenheit mit fremden Menschen. Apropos Corona: Qurantäne geht gar nicht, finde ich (könnte ich bei meiner Mutter niemals zulassen; geht nur für Menschen, die diese Ebene nicht mehr wirklich realisieren, glaube ich).

02.06.2020 | 07:52
Mirabai

Ich habe noch folgende Ergänzungen/Fragen zur eigenen Reflexion:

- Wie hilft man Menschen, die sich nicht helfen lassen wollen?

- Wie will ich als Erwachsene Kind meiner Mutter sein?

- Wie selbstbewusst kann/will ich meiner Mutter gegenüber auftreten?

Meine Einstellung hinsichtlich Quarantäne hat sich durch einen Austausch und weitere Reflexion dahingehend verändert, dass ich nun frage: Wie können die 14 Tage gestaltet werden? Es geht "nur" um 14 Tage. In Heimen arbeiten Profis und gemeinsam sollte es möglich sein, diese schwierige Situation "zu stemmen". Schlußendlich kann man einfach nicht wissen, wie eine andere Person, auch wenn es die eigene Mutter ist, damit zurechtkommt. Neue Situation, neue Menschen, neue Chancen.

02.06.2020 | 08:37
martinhamborg

Hallo Mirabai und Blumenkind, dank Ihnen für die bewegenden Wort , die Kraftquellen und Erkenntnisse. Da habe ich nichts hinzuzufügen, Sie haben alles gemacht, was (von Außen gesehen) möglich ist.

Ihre Not teilen sehr viele Kinder, oft haben wir das in diesem Forum besprochen. Deshalb möchte ich einen Gedanken hinzufügen:
Gegen den Willen ist es nahezu unmöglich eine Entscheidung für den Umzug in ein Heim zu treffen - auch rechtlich. Deshalb müssen wir leider oft eine extreme Unsicherheit aushalten - mit ungewissem Ausgang.
Aber manchmal löst sich das Problem ganz plötzlich und dann ist es gut, wenn Sie Vorsorge getroffen haben und die Eltern auf den Wartelisten stehen. Meist ist erst eine akute somatische oder psychiatrische Entgleisung, ein Unfall oder eine Verletzung nötig, damit Klinik, Kurzzeitpflege oder Heim angenommen werden. Dann gilt es schnell zu entscheiden, dann können Sie über den sozialpsychiatrischen Dienst vielleicht sogar eine Zwangseinweisung veranlassen.

Sie haben vor Ort sichergestellt, dass Ihre Mutter pflegerisch beobachtet ist - da reichen die Medikamentengaben oft schon aus. Und Sie können mit dem ambulanten Dienst vorab abklären, was im Fall einer akuten Krise zu tun ist. Sie können sich auch bei dem sozialpsychiatrischen Dienst beraten lassen. Wenn Ihre Mutter dort aktenkundig ist, geht es im Notfall vielleicht schneller.
Das schwierigste ist das Aushalten einer unerträglichen Handlungsunmöglichkeit und da sind Ihre Erkenntnisse, Mirabai so wertvoll. Ihnen Beiden viel Kraft, Ihr Martin Hamborg

02.06.2020 | 19:09
Mirabai

Lieber Herr Hamborg,

haben Sie recht herzlichen Dank für Ihre Bezugnahme und Ihr Feedback - damit habe ich gar nicht gerechnet!

Ihre Worte haben mir sehr gut getan und stärken mich auf meinem Weg, mit meiner Haltung!

Ihre Mirabai

02.06.2020 | 23:14
hanne63

Guten Abend in die Runde,
da ich ja selbst bei beiden Eltern, bevor sie dann in einem Heim untergebracht werden konnte, lange in der Situation war....
möchte den Gedanken noch hinzufügen:
es war für mich ganz wichtig...dass ich mir selbst ganz ganz sicher bin, dass es im Fall des Falles , durchgezogen werden muß mit der Heimunterbringung....also wenn eine akute Situation mit Krankenhausaufenthalt, Unfall, etc. eintritt....
Das habe ich mir wie ein Mantra ständig vorgesagt..um mich selbst zu bestärken...dass das der richtige Weg ist....

Das Aushalten der unterträglichen Handlungsunmöglichkeit wie Herr Hamborg so schön sagt...das ist das wirklich schwierige.....aber es bleibt kein anderer Weg.

viele Grüße und viel Kraft
hanne63

03.06.2020 | 13:23
Mirabai

Danke Hanne!
Das mache ich auch gerade. Gibt total Kraft und Ausrichtung!!! Ich bin entschieden. Und es tut total gut, mit den Beteiligten wie Ärzte, KV etc. "von Mensch zu Mensch" zusprechen. Die meisten wollen einen ja unterstützen, wenn man entsprechend auftritt. Und ich mache mir bewusst, dass ich niemanden von etwas "überzeugen" muss; meinen Bruder nicht, meine Mutter nicht. Ich gehe meinen Weg, der mir nur sehr klar und deswegen "einfach" vorkommt und mache Angebote. Nicht mehr und nicht weniger. Und der Weg heißt: Heimunterbringung

07.06.2020 | 18:05
blumenkind

So, jetzt will ich endlich mal antworten. Vielen Dank für die mitfühlenden Wort und Ratschläge! Das was du schreibst, Mirabai, deutet mir wirklich auf eine Art Seelenverwandschaft hin. Auch ich übe mich in Meditation und versuche damit, mehr Sicherheit für meine eigenen Entscheidungen zu erlangen. Zudem war ich am Pfingstsonntag endlich mal wieder in einem Freiluftgottesdienst, bei dem mir die folgenden Worte haften geblieben sind: Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit. Ich war tatsächlich voller Furcht, etwas falsch zu machen. Statt dessen brauche ich Kraft, das was ich immer wieder nach reiflicher Überlegung für richtig halte, ohne schlechtes Gewissen durchzuziehen. Ich brauche die Liebe zu meiner Mutter, der ich sehr viel verdanke, um meinen Ärger und Zorn, der ihr Verhalten oft bei mir hervorruft, zu überwinden. Und ich brauche Besonnenheit, nicht panisch ins Auto zu springen, sondern zu überlegen, was das Richtige ist. Ich habe zwar keine Geschwister, aber eine Kusine, die meine Mutter für 3h besucht hat und erst mal "Entwarnung" gegeben hat. Meine Mutter ist wieder besser drauf, geht wieder ans Telefon, selbst ihre Hörprobleme sind besser geworden. Am Telefon erzählt sie mir, dass es ihr gut geht und dass sie alles im Griff hat. Schon irgendwie bewundernswert, dieser Wille :-). Wie schön es in ihrer Wohnung ist. Sie ist zwar viel allein, aber klagt nicht darüber und scheint sich nicht zu langweilen. Obwohl sie eigentlich nichts zu tun hat und selbst den Fernseher nur noch sporadisch bedienen kann. Schwer nachvollziehbar für mich, aber das ist nun mal ihre Welt.

Mein Traum-Altersheim hat sich gemeldet, sie haben einen Platz in einem 2-Bett-Zimmer. Ich könnte sie auch während der Quarantäne sehen, draußen, zum Spazierengehen. Das ist enorm beruhigend. Allerdings habe ich jetzt doch erst mal abgelehnt, da ich tatsächlich glaube, dass wie von Herrn Hamborg erwähnt, erst etwas Schlimmes passieren muss, bevor meine Mutter bereit ist für einen Umzug. Ich spiele mit dem Gedanken, sie unter Vorspiegelung falscher Tatsachen zu "entführen", ihr irgendwelche Stories zu erzählen, um sie dazu zu bewegen, sich mit mir ins Auto zu setzen. Das ist die Strategie für den Notfall. Das mit dem sozialpsychologischen Dienst ist eine neue Info für mich. Vielleicht eine gute Idee, mit denen schon frühzeitig für den Fall der Fälle Kontakt aufzunehmen. Welcher ist denn da zuständig, NRW (bei meiner Mutter) oder Bayern (bei mir)?

Ich frage mich: Was hätte meine Mutter gewollt, als sie noch im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte war? Sie hätte NICHT in ein Heim gewollt. Sonst hätte sie sich beizeiten eines ausgesucht. Hätte sie gewollt, dass ich mir so viele Sorgen mache? Nein. Mittlerweile erspürt und versteht sie meine Sorgen nicht mehr, das war früher anders. Vielleicht wäre sie sogar in ein Heim gegangen, nur damit ich mir keine Sorgen mehr mache. Will ich das? NEIN! Sie soll so leben, wie sie sich das für sich selber wünscht. Lieber arbeite ich daran, dass meine Sorgen weniger werden. So habe ich mir einen richtig schönen Pfingstsonntag gegönnt, mit einer Radltour bei herrlichem Wetter. Das hat mir Kraft gegeben, die ich für den nächsten Besuch bei meiner Mutter brauche.

07.06.2020 | 22:57
hanne63

Hallo Blumenkind,
der sozialpsychiatrische Dienst (meist beim Gesundheitsamt/Landratsamt angesiedelt) , der für den Wohnort Ihrer Mutter zuständig ist.....
ich hatte ebenfalls relativ bald mit diesem Dienst Kontakt aufgenommen und immer auf dem Laufenden gehalten oder auch dort um Rat gefragt, wenn es neue Zuspitzungen gab...ich wohne selbst ja ca 100 km entfernt von den Eltern...
dieser Dienst macht auch gegebenfalls Besuche vor Ort bei den Erkrankten, um sich selbst ein Bild zu machen oder kann auch den Amtsarzt einschalten....

Gegen den Willen kann man nur mit richterlicher Genehmigung in einem Heim untergebracht werden. Auch wenn eine Vorsorgevollmacht besteht oder ein rechtlicher Betreuer vorhanden ist..muß bei Gericht diese Genehmigung beantragt werden...

unter Vorspiegelung....falscher Tatsachen funktioniert das nur, wenn der Erkrankte "mitspielt"....oder schon ein richterlicher Beschluss vorliegt...
bei meinem Vater z.B. lag ein richterlicher Beschluss zur Heimunterbringung vor....und mit List und Tücke hat ihn dann der rechtlicher Betreuer und ein Nachbar ins Heim gebracht.....sonst hätte es am Ende einen Polizeieinsatz dazu geben müssen...dort wollte er dann natürlich erst mal nicht bleiben....nach ein paar Wochen und mit Hilfe von Medikamenten....hat er sich jetzt eingelebt.

Sich ein Heim auszusuchen schon sehr lange vorher...hilft nur bedingt bei Demenz...weil in einem normalen Pflegeheim dann oft keine sog. beschützte Station für Demenzkranke vorhanden ist...und man dann sowieso wieder in ein anderes Heim müßte...bzw. neuen Heimplatz suchen musss...diese beschützten Plätze (sprich: geschlossen)...sind sehr rar.

viele Grüße
hanne63

14.06.2020 | 08:16
Mirabai

Hallo Blumenkind,

ich habe gerade einen langen Text aus Versehen gelöscht...
dann schreibe ich jetzt nur die Essenz: ich fühle die Richtigkeit Deiner Vorgehensweise!!!
Und: Meine Mutter ist seit 5 Tagen in einem Heim in meiner Nähe! Hammer, wie das gelaufen ist. Ich bin nur happy, dankbar und kann es noch gar nicht glauben. Es tut nur gut. Meine Mutter blüht auf. Sie wird rundherum versorgt. Gestern durfte ich sie duschen. Ich sie. Die immer alles alleine machen wollte, musste. Von niemandem Hilfe annehmen konnte. Gleich fahre ich wieder zu ihr. Freue mich jetzt schon wie Bolle, ihr mein Mitbringsel zu überreichen: Neue Shirts. Ich war gestern für sie shoppen. Mann war das schön. So wie sie es früher für mich gemacht hat. Ich wünsche Dir weiterhin gutes Durchhalten. Sei stolz auf Dich, dass Du Deine Mutter (so) sein lassen kannst. Es ist der richtige Weg!
Alles Liebe, Mirabai



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