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Ratgeberforum "Wohnen, Betreuung und Pflege"

Bild: Ratgeberforum "Wohnen, Betreuung und Pflege" Unter welchen Voraussetzungen können Demenzkranke in den eigenen vier Wänden leben? Wann ist ein Pflegeheim, eine Demenz-WG oder betreutes Wohnen angesagt? Zwei Experten auf diesem Gebiet moderieren das Internetforum "Wohnen, Betreuung und Pflege". Martin Hamborg engagiert sich seit 1998 im Vorstand der Deutschen Expertengruppe Dementenbetreuung und kennt sich mit Pflegeheimen und Einrichtungen des Betreuten Wohnens aus. Klaus-W. Pawletko, Geschäftsführer des Vereins "Freunde alter Menschen", ist auf Demenz-Wohngemeinschaften und die ambulante Versorgung Betroffener spezialisiert.

Autor Mutter allein zu Hause
15.06.2020 | 08:46
blumenkind

Hallo,

Mirabai, ich freue mich für dich! Du sprichst so lieb über deine Mutter, und es scheint dir richtig gut zu tun, etwas für sie tun zu können! Das kann ich so gut nachvollziehen. Bei mir wird es ernst. Ich war letzte Woche auf meinem Kurzurlaub mit drei alten Freundinnen (alle Töchter alter Mütter, DAS Thema ;-(). Am Freitag rief die Pflegekraft an und sagte, sie habe meine Mutter auf dem Boden liegend vorgefunden, orientierungslos, die Wohnung chaotisch. So einen Vorfall hatte es bisher noch nicht gegeben. Das war für mich das berühmte "Ereignis", das wohl eintreten muss, damit bei mir die innere Überzeugung entsteht, dass es nun zu Hause nicht mehr geht. Zum Glück war ich im Saarland, so dass ich innerhalb von 4h anreisen konnte (und nicht 7h wie sonst). Ich habe mit meinem bevorzugten Heim telefoniert: sie haben einen Kurzzeitpflegeplatz bis zum 10.8. frei! In einem Zweibettzimmer... Leider war die Ansprechpartnerin wegen des Brückentags nicht erreichbar, und ich sitze jetzt auf glühenden Kohlen und warte auf einen Rückruf. Ich habe noch keinen Plan, wie ich meine Mutter dahinmotivieren soll, und werde ihr auch noch nichts davon erzählen, bis alles abgeklärt ist. Ich bin jetzt seit ein paar Tagen bei ihr, und sie scheint sich in meiner Gegenwart wohlzufühlen. Sie scheint mir zu vertrauen und bewundert mich für Fähigkeiten wie z.B. dafür, dass ich das Auto nach dem Parken wiederfinde ;-). Sie ist nicht mehr so zänkisch und hat sogar zugestimmt, dass ich eine Fußpflege für sie organisiere! Ich muss jetzt sehen, dass ich die Corona-Regeln erfülle (Test im Schnellverfahren?). Ich habe außerdem die Hilfe meiner Söhne angefordert (was ich sonst selten tue) und sie gebeten, ihre Studien- und vor allem Freizeitaktivitäten zurückzustellen und mir dabei zu helfen, Oma zu transportieren und dafür zu sorgen, dass sie sich einlebt. Die Anwesenheit der Enkel wäre ein Highlight, aber ich weiß noch nicht, was die Corona-Bestimmungen in der Quarantäne da zulassen. Vor allem aber brauche ich Unterstützung für mich selbst. Ich habe in den letzten Tagen ein paar kleinere Ausflüge mit Mama gemacht. Sie ist hier so verwurzelt und lebt so gerne hier, und ich fühle mich scheußlich, sie hier herauszureißen. Ich kann nur hoffen, dass ihr letztendlich die Nähe zu mir und den Enkeln wichtiger ist als ihre vertraute Umgebung. Dein Beispiel, Mirabai, lässt mich hoffen. Auch die Mütter meiner erwähnten Schulfreundinnen haben sich besser als erwartet im Heim eingelebt, aber die sind auch nicht dement. Also bitte Daumen drücken!

19.06.2020 | 16:01
blumenkind

So, wir haben es geschafft. Wir haben mit vereinten Kräften meine Mutter von NRW nach Bayern befördert. Da sie im Auto schon nach 10 Minuten jammert, weil sie auf die Toilette muss, haben wir uns zu einer Zugfahrt entschlossen. Am Hbf wollte sie weglaufen, zur Polizei, mit dem Taxi nach Hause... hat ein furchtbares Drama veranstaltet. Mein Sohn hat es irgendwie geschafft, wie zu beruhigen. Ein Zug ist uns davongefahren, aber was solls. Im Zug wurde sie dann immer ruhiger. Ich bin mit dem Auto hinterher, mit Gepäck. Abends saß sie bei mir auf der Couch und sagte, dies sei ein schöner Tag gewesen. Ich fasse es nicht.
Heute morgen haben wir sie dann ins Heim gebracht. Sie will nicht bleiben, klagt über Heimweh, will nicht, dass ihr Koffer ausgepackt wird... ich zweifle ob wir sie (wie versprochen) in dieser Situation wirklich besuchen sollten. Ich fürchte, dass würde sie erneut aufwühlen, und sie würde in ihrem Oberbefehlshaber-Tonfall verlangen, sie sofort da wegzubringen. Außerdem wäre es schrecklich für uns, sie dann wieder in diesem Zustand zurücklassen zu müssen.
Kann man in so einem Fall mit Beruhigungstabletten arbeiten? Ich meine für sie, obwohl auch ich welche nötig hätte ;-(

Viele Grüße

19.06.2020 | 20:48
hanne63

Hallo Blumenkind,
bei meinem Vater haben mir Pflegekräfte dringend davon abgeraten, meinen Vater innerhalb der ersten 3 Wochen, dann wurden 6 Wochen daraus zu besuchen...bis er sich eben eingewöhnt hat.....auch andere Besucher sollten nicht kommen und ich habe auf einen Nachbarn entsprechend eingewirkt, der einfach immer wieder ins Heim ging damals.
Nach dieser Zeit, waren dann Besuche ganz problemlos möglich, bis eben halt dann Corona kam....

Mein Vater bekam in der Anfangszeit---und evtl vielleicht auch jetzt sicherlich Medikamente....die ihn
"beruhigten"...er wurde ja gegen seinen Willen in einem Heim untergebracht...und er hätte sonst randaliert...
Jetzt hat mein Vater sich eingelebt und sagt, das Heim ist sein neues Zuhause...er habe alles was er braucht...das hat mich selbst total überrascht.


Liebe Grüße

[Dieser Beitrag wurde 1mal bearbeitet, zuletzt am 19.06.2020 um 20:49.]

23.06.2020 | 13:11
blumenkind

Ja, Corona ist schon eine besondere Situation. Meine arme Mama sitzt ja wirklich den ganzen Tag allein auf ihrem Zimmer, kann nicht an Gruppenaktivitäten teilnehmen etc. Hat auch keine Bewegung an der frischen Luft. Bei unseren Besuchen darf sie mit uns ein paar Schritte spazieren gehen. Gestern war mein Sohn da. Darüber hat sie sich gefreut, hat aber auch gedacht, dass er sie wieder nach Hause bringt. Dann war sie natürlich wieder sehr enttäuscht.

23.06.2020 | 13:39
Mirabai

Liebes Blumenkind,

ich bin baff! Ist ja der Hammer, die letzte Entwicklung bei Dir!!! Jetzt ist Deine Mutter, fast zeitgleich mit meiner, in einem Heim. Irre.... du hast so unterhaltsam davon berichtet, die Zugfahrt, oh Mann, ich kann mir lebhaft vorstellen, was da los war! Das sind echt Lebenssituationen, die uns extremst!!! herausfordern, aber auch berühren und beglücken. Der Satz Deiner Mutter abends auf dem Sofa, dass es ein schöner Tag war! Genial... unsere Mütter im Oberbefehlsgehabe... meine Mutter hat einen Pfleger auch schon an den Rand der "Verzweiflung" gebracht, so dass der dann mich angerufen hat, weil seine Strategien der Beruhigung in zwei Situationen nicht zum Erfolg führten. Ich konnte ja während der Quarantäne eng mit meiner Mutter sein, sie täglich im Zimmer besuchen. Dafür ist jetzt quasi nix (Besuche sind eng reglementiert), was ich wiederum wegen des Eingewöhnens total richtig finde. Meine Mutter hat auch noch kein Telefon. D.h., sie ist jetzt auch sich selbst gestellt. Das ist wieder mal nicht so leicht auszuhalten, aber mit der Aktivierung der "inneren erwachsenen Frau" und nicht "kleines Kind als Tochter" geht das ziemlich gut, muss ich sagen. Immer, wenn ich an ein schwieriges Gefühl komme (= inneres Kind, Schuld etc.), setze ich einen energetischen Anker, aktiviere einen Seins-Zustand von Liebe und verbinde mich innerlich mit meiner Mutter (ergänzend spreche ich innerlich "Anker-Atem-Sätze" wie "ich bin in vollkommener Liebe verbunden und vertraue"). Ein "Ritual-Altar" hilft auch (bei mir ist der bestückt mit einem tollen Foto von meiner Mutter und mir, täglich eine frische Blume, Kerze, Schutzengel-Figur, Herz als Schmuckstück und ein Buddha). Und: Beruhigungsmittel sind auf jeden Fall eine wichtige Unterstützung auf der konkreten psych.-phys. Ebene. Das habe ich noch bei ihrem bisherigen Hausarzt veranlasst, dass der ihr was verschreibt für die Zeit während der Quarantäne. Und ich habe ihr vor unserer "Überfahrt" (mein Mann und ich habens mit zwei Pkws "vollzogen") :-) einen "guten Schuss verpasst". das war entlastend für sie und für uns. Das sind Tropfen: Promethazin-neuraxpharm.
Alles Liebe und übrigens finde ich es super, dass Du was für Dich machst (Stichwort Freundinnen) und auch Deine Söhne einbindest. Vollkommen richtig und dadurch ermöglicht man anderen, dass sie teilhaben können. So wird Win-Win geboren :-) durch "Hingabe und Öffnung" verlassen wir das Denken, wir seien allein und müssten alles alleine stemmen. Das ist nicht nur in sich falsch, sondern auch noch größenwahnsinnig. Reicht ja, wenn unsere Mütter ein wenig dem Wahn unterliegen :-)
Bis bald, Mirabai

27.06.2020 | 12:44
martinhamborg

Hallo Blumenkind und Mirabai, es ist bewegend, Ihre Beiträge zu lesen und eigentlich muss ich da nichts hinzufügen. Nur ein kleiner Gedanke drängt sich mir auf: Ich habe oft dramatische Abschiede erlebt und nach kurzer Zeit war alles wieder bester Ordnung. Wie in anderen Beiträgen heute möchte ich es mal auf folgende Formel bringen:

Trösten ist besser als trauern und trauern ist besser als ein schlechtes Gewissen...

Freu mich, weiter von Ihnen zu lesen, Ihr Martin Hamborg

27.06.2020 | 17:47
blumenkind

Hallo, Mirabai, ich habe jetzt auch einen "Altar" mit Blumen aus dem Garten, ein Foto vom letzten Ausflug, den ich mit meiner Mutter gemacht habe und wo sie an einem blühenden Rhododendron schnuppert, und einer vergoldeten Rose, die sie mir mal geschenkt hat (da war sie schon krank, sonst hätte sie gewusst, dass das so gar nicht mein Geschmack ist ;-(). Heute habe ich sie (wider besseres Wissen) besucht bzw. sie an der Pforte des Heims zu einem "Spaziergang" abgeholt. Wir hatten vorher telefoniert, und ich hatte sie gefragt, ob sie sich denn freuen würde, wenn ich komme. Sie hat ja gesagt und dass sie sich so furchtbar langweilt. Sie saß dann zum ersten Mal im Rollstuhl, weil sie nur noch 10 min laufen kann, und hat die ganze Zeit gejammert und geweint, sie könne in dem Rollstuhl nicht sitzen, und außerdem wolle sie nach Hause. Es war herzzerreißend. Ich war dann ehrlich gesagt ganz froh, als sie nach 10 min wirklich auf die Toilette musste und ich sie wieder abgeben konnte. Ich hatte ihr Bilder von ihren Geschwistern mitgebracht, aber die wollte sie nicht.

Ich mache mir Gedanken über moralische Fragestellungen und bin interessiert, eure Meinung dazu zu hören. Mein Hirn sagt, es war die richtige Entscheidung, meine Mutter ins Heim zu bringen. Sie kann nicht mehr alleine leben, konnte das in letzter Zeit nur mit Hilfe eines komplizierten Netzwerkes, das ich um sie herum errichtet hatte. Sie lebt in einer Phantasiewelt, in der sie Freunde hat, in Konzerte fährt, sich Essen kocht... das alles war schon lange nicht mehr der Fall. Ihr Zustand hat sich im Laufe der letzten 6 Monate rapide verschlechtert. Aber sie war zufrieden und glücklich. Jetzt ist sie verzweifelt und unglücklich. Sie hat sich selbst gefährdet (nicht gegessen und getrunken, ist hingefallen und konnte nicht mehr aufstehen), aber niemals andere. Welches Recht hat sie, dieses Leben weiterzuführen, bzw. welches (moralische) Recht habe ich, es zu beenden?

Eine Freundin hat mir von ihrer Mutter erzählt, die gesagt hat, bevor sie in ein Heim geht, bringe sie sich um. Falls sie dazu nicht mehr in der Lage sein sollte, solle meine Freundin sie umbringen. Ich habe gelernt, dass es ein Recht auf Verwahrlosung gibt. Gibt es ein Recht auf Selbstgefährdung, ein Recht darauf, glücklich vor die Hunde zu gehen? Ich bin mir nicht sicher, was für mich als Tochter leichter zu ertragen wäre: meine Mutter zufrieden zu Hause dahinsiechen zu sehen oder verzweifelt, aber "umsorgt" in ihrem Heim. Der einzige große Vorteil ist, dass ich sie in meiner Nähe weiß und das Gefühl habe, schnell da sein zu können, wenn irgendwas ist, und nicht diese langen Reise mehr antreten zu müssen. Letztendlich bin ich aber nicht "da" für sie, kann bzw. will ihr ihren einzigen Wunsch nicht erfüllen. Ich kann sie nicht trösten. Ich kann um sie und mit ihr trauern. Ja, stimmt, das ist besser als ein schlechtes Gewissen.

Sie ist jetzt noch 1 Woche in "Einzelhaft", danach zieht sie in ein Zweibettzimmer. Ich bin gespannt, ob sich da irgendwas ändert. So wie sie im Moment drauf ist, ist sie eine echte Zumutung für eine Zimmernachbarin. Wie wird das Heim wohl damit umgehen?

[Dieser Beitrag wurde 1mal bearbeitet, zuletzt am 28.06.2020 um 08:03.]

28.06.2020 | 08:01
blumenkind

Ich möchte noch etwas hinzufügen. Ich versuche, auch positive Aspekte zu finden, und die gibt es. Da mich das Thema so beschäftigt, erzähle ich vielen Leuten davon. Und sie fragen interessiert nach und zeigen ihr Mitgefühl. Oder erzählen ihre eigenen Geschichten, die oft zeigen, dass am Schluss doch alles irgendwie gut geht. Das tut gut. Einige bieten aktive Hilfe an, wie z.B. die ehemalige Nachbarin meiner Mutter, die jetzt die Blumen gießt und mir schon ein Päckchen mit ein paar Fotos aus der Wohnung geschickt hat (die meine Mutter nicht haben wollte, weil sie ja denkt, sie geht bald wieder nach Hause). Viele Menschen sind betroffen, weil sie meine Mutter mögen und schätzen, z.B. ihr ehem. Bankberater, oder eine Dame, bei der sie immer Konzertkarten gekauft hat. Ihre ehemalige Pflegekraft, die Nachbarin... sie hatten Tränen in den Augen, als sie sich von meiner Mutter verabschiedet haben. Das zeigt mir, dass meine Mutter Wert auf diese Beziehungen gelegt und sie intensiv gepflegt hat, ein echtes Vorbild! Und nicht zuletzt meine beiden Söhne! Ich glaube sie waren streckenweise genervt, weil ich halt so viel von der Oma geredet habe. Nachdem sie das Drama jetzt direkt vor Augen hatten, übernehmen sie auch Mitverantwortung. Ohne sich allerdings von der Situation herunterziehen zu lassen (wie ich). Sie leben weiterhin ihr Leben, treffen sich mit Freunden, gestalten ihre Freizeit. Gerade weil ich selbst immer noch im Corona-Homeoffice bin, tut es gut, sie um mich zu haben und zu sehen, dass das Leben weitergeht und immer noch schön ist. Soweit das Wort zum Sonntag. Ich gehe jetzt zum Walken mit einer Freundin und werde meine Mutter heute NICHT besuchen.

29.06.2020 | 13:49
Lulu

Hallo Blumenkind,
ja, als Tochter einer dementen Mutter sitzt man zwischen Baum und Borke! Bei meiner Mutter, die im letzten Jahr gestorben ist, war der Übergang von ihrem zuhause ins Pflegeheim noch relativ einfach. Sie hatte sich damit abfinden können, da eine Betreuung an ihrem Wohnort nicht mehr möglich war und ich sie in meinen Wohnort in ein Heim geholt habe. Sie konnte es noch begreifen, war zwar manchmal traurig, aber hat es akzeptiert. Auf der Plus-Seite stand, dass wir uns nun öfter sehen konnten.
Bei meiner Schwiegermutter war und ist es leider nicht so einfach. Sie musste in ein Pflegeheim umziehen, nachdem sie zum 3.Mal in ihrem Zuhause hilflos aufgefunden wurde. Das letzte Mal ziemlich dramatisch mit Feuerwehr, Polizei, Notöffnung, Krankenwagen, Klinik. Sie war unterkühlt und hatte sich beim Sturz verletzt. Da mussten wir die Reißleine ziehen.
Was hat es nun gebracht? Sie ist jetzt seit 2 Jahren in dem (wirklich schönem) Heim, will aber immer noch nach Hause. Anfangs versuchte sie auch zu türmen, wurde aber glüchlicherweise rechtzeitig gefunden. Ihr "Zuhause" ist mittlerweile gar nicht mehr ihr Haus, sondern der elterliche Bauernhof, den es schon lange gar nicht mehr gibt. Ich denke, dass "Zuhause" ein Begriff für Geborgenheit ist, die sie in ihrem Pflegeheim wohl nicht finden kann. Das ist traurig für sie und für uns auch.
Insbesondere für meinen Mann hat es aber viel gebracht: Er hatte keine ruhige Minute mehr und dauernd Angst um seine Mutter. Wenn sie sich telefonisch nicht gemeldet hat, ist er noch ins Auto gestiegen und die 2 Stunden bis zu ihr gefahren. Dazu kam, dass sie alle Hilfe strikt abgelehnt hat: fahrbarer Mittagstisch, Pflegedienst, Rollator, Nachbarschaftshilfe. Die Nerven lagen bei uns blank! Da wir beide voll berufstätig sind, litt auch das darunter. Nun ist es für uns viel ruhiger geworden, wir wissen sie gut versorgt.
Wenn wir sie zu Hause gelassen hätten, wäre sie wohl irgendwann gestorben. Ganz davon abgesehen, hat auch der Sozialdienst des Krankenhauses Alarm geschlagen, nachdem sie zum 3. Mal dort wegen Hilflosigkeit und Sturz aufgenommen wurde.
Blumenkind, bitte kein schlechtes Gewissen haben, wir tun doch alles Menschenmögliche für unsere Angehörigen! Es ist einfach eine Sch...erkrankung. Wir sind machtlos und müssen manchmal hilflos zusehen. Sie haben alles getan, was in Ihrer Macht steht. Gesund wird ihre Frau Mutter leider nicht mehr, so sehr Sie sich auch um sie sorgen.

04.07.2020 | 07:40
martinhamborg

Hallo Blumenkind, nun geht die Isolation oder "Einzelhaft" Ihrer Mutter zuende und ich wünsche Ihnen sehr, dass sich Ihre Mutter auf die neuen Kontakte einlassen kann. Vor Corona hätte ich Ihnen jetzt ein paar Tipps gegeben, wie Sie und Ihre Söhne das Einleben durch gut geplante Besuche erleichtern können. Aber die Kontaktbegrenzungen machen es enorm schwer.
So hängt sehr viel an den Pflege- und Betreuungskräften. Bekommen Sie telefonische Auskunft, wie das Einleben gelingt, zu wem ihre Mutter Kontakt aufbaut und sich trösten lässt? Oft sind es die Worte, die Sie selbst aus der Kindheit kennen, wie "Du musst jetzt tapfer sein". Haben Sie solche Sätze gesammelt und können Sie diese für die Eingewöhnungszeit weitergeben?
Zudem können kleine Rituale helfen, wie der Gruß vom Enkel, denn Ihre Söhne sind ja nicht so dicht dran und lösen damit weniger den Nachhause-Impuls aus und wenn sie offenen Kontakt zu den Pflegekräften aufbauen, kann das auch einen positiven Effekt haben.

Wie schon gesagt, der Wunsch "nachhause" zu wollen, ist ja absolut nachvollziehbar und wie Lulu schreibt, wird es immer mehr das Zuhause der Kindheit. Pflegekräfte nutzen oft den Schlüsselsatz "Zuhause ist es immer am schönsten", um dann kurz über schöne Kindheitserfahrungen zu plaudern.

Wenn Sie Anektoden aus der Kindheit Ihrer Mutter aufschreiben und Ihnen Schlüsselworte einfallen, die - im Bild gesprochen - die Tür in eine schöne Erinnerung aufmachen, dann hilft dies sehr. Und diese sollten auch von den Mitarbeiter*innen genutzt werden - nicht zuletzt, weil die Eingewöhnungszeit vom MDK jährlich überprüft wird und es ein Konezpt gibt, wie der Erfolg evaluiert wird.

Diese Schlüsselsätze können Sie gern auch hier mitteilen, denn oft stehen sie für eine ganze Generation und der Austausch hier wäre bestimmt wertvoll für alle, die in ähnlicher Lage sind.
Ihr Martin Hamborg



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