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Ratgeberforum "Wohnen, Betreuung und Pflege"

Bild: Ratgeberforum "Wohnen, Betreuung und Pflege" Unter welchen Voraussetzungen können Demenzkranke in den eigenen vier Wänden leben? Wann ist ein Pflegeheim, eine Demenz-WG oder betreutes Wohnen angesagt? Zwei Experten auf diesem Gebiet moderieren das Internetforum "Wohnen, Betreuung und Pflege". Martin Hamborg engagiert sich seit 1998 im Vorstand der Deutschen Expertengruppe Dementenbetreuung und kennt sich mit Pflegeheimen und Einrichtungen des Betreuten Wohnens aus. Klaus-W. Pawletko, Geschäftsführer des Vereins "Freunde alter Menschen", ist auf Demenz-Wohngemeinschaften und die ambulante Versorgung Betroffener spezialisiert.

Autor Mutter allein zu Hause
05.07.2020 | 09:12
blumenkind

Liebe Lulu und lieber Herr Hamborg,
vielen Dank für die einfühlsamen Antworten. Ich bin froh, auf diesem Weg auf Menschen gestoßen zu sein, die in einer ähnlichen Lage sind und mir Denkanstöße geben können.
Liebe Lulu, es tut mir Leid, dass du eine schwere Zeit gleich mit Mutter und Schwiegermutter durchmachst. Meine Mutter ist wohl irgendwo dazwischen: sie hat die Eingriffe in ihr Leben zum Teil akzeptiert, solange sie in ihrer Wohnung war. Zumindest Pflegedienst zur Medikamentengabe und Essen auf Rädern (im 2. Anlauf, das Essen des ersten Anbieters hat sie verweigert, das war aber auch einfach nicht ihr Geschmack). Für mich ist es wie für deinen Mann eine Erleichterung, meine Mutter in meiner Nähe zu wissen, besonders weil mir dadurch die zeitaufwändigen Anreisen erspart bleiben. Aber gleichzeitig auch eine Belastung, weil die Besuche bei ihr, sie in ihrer Verzweiflung zu sehen, sehr schwer für mich zu ertragen sind. Als sie noch 650 km weit weg war, konnte ich ihre Situation, zumindest streckenweise, besser "verdrängen".
Ja, die "Einzelhaft" ist vorbei und gleichzeitig auch die Corona-bedingten Einschränkungen. Wir als Angehörige dürfen die Bewohner nun besuchen. Die Zahl der Angehörigen, die gleichzeitig auf einer Station sein dürfen, ist beschränkt, aber ansonsten können wir jederzeit auf die Zimmer und unsere Lieben zu Spaziergängen etc. mitnehmen. Auch persönlich mit dem Pflegepersonal sprechen. Ich habe mit meinem Sohn ein paar Möbel und Gegenstände aus der Wohnung meiner Mutter geholt, und damit sieht ihr Teil des Zweibettzimmers erstaunlich gemütlich aus. Meine Mutter allerdings zetert, was uns einfiele, diese Dinge ohne Erlaubnis aus ihrer Wohnung zu holen. Sie will ihre Post und ihre Zeitung nicht lesen (Unverschämtheit, die Nachsendung zu veranlassen!). Sie kennt weiterhin nur einen Gedanken, wie eine Schallplatte mit Sprung. Sie will nach Hause, sie will nach Hause.

Ihre Mitbewohnerin ist entzückend. Sie hat versucht sie zu trösten ("Ach wissen Sie, ich verstehe Sie so gut, mir ist es genauso gegangen, aber wir können nun mal nicht mehr allein zu Hause leben. Die Schwestern hier sind so nett, wir sind hier wirklich gut aufgehoben"). Auch das stößt bei meiner Mutter auf taube Ohren,. Im wahrsten Sinne des Wortes, da sie sich weigert, ihre Hörgeräte zu tragen und ohne die wirklich sehr schlecht hört (was aber natürlich nicht an ihr liegt, sondern daran, dass alle anderen so leise sprechen, und natürlich an den blöden Schutzmasken). Die Mitbewohnerin hat vorher mit einer anderen Dame zusammengewohnt, die "unerträglich" war. Ich fürchte sie kommt jetzt nicht vom Regen in die Traufe. Schon allein die Tatsache, dass meine Mutter in der Nacht alle halbe Stunde aufsteht, um zur Toilette zu gehen, und dann anschließend das Licht im Bad brennen lässt, ist eine Zumutung.

Herr Hamborg, ich bin also dankbar für Tipps, wie ich das mit den Besuchen machen kann. Für heute habe ich mir vorgenommen, das Reden weitgehend einzustellen. Meine Mutter versteht sowieso wenig, und argumentieren hilft nicht. Sie wird mir also wieder die üblichen Stories von ihrer schönen Wohnung erzählen, und ich werde geduldig zuhören. Ich habe mir vorgenommen, den Besuch auf maximal 1h zu begrenzen, und das auch nur, wenn sie sich zu einem Spaziergang überreden lässt.
Es stimmt, dass meine Mutter mehr und mehr ihre Kindheit und ihr Elternhaus mit "zu Hause" verbindet, aber sie weiß, dass ihre Eltern tot sind und das Elternhaus abgerissen. Ihre Sehnsucht richtet sich auf ihre Wohnung. Ich habe mir gestern Fotos aus den letzten Jahren angeschaut, wie sie in ihrer Wohnung sitzt, und sie sieht immer fröhlich und zufrieden aus.
Was könnten "Schlüsselsätze" sein? Sie hat zu mir als Kind manchmal gesagt "jetzt stell dich mal nicht so an", und dieser Spruch geht mir tatsächlich jetzt manchmal durch den Sinn. Sie sagte auch immer "jetzt warte es doch erst mal ab", wenn ich mir Sorgen um zukünftige Ereignisse gemacht habe. Daran könnte ich sie erinnern. Es gibt ein Sprüchealbum meiner Großmutter. Darin steht "wer Gutes empfangen, der soll nicht verlangen, dass sich das Glück ins Unendliche dehnt." Ich habe es mir jetzt noch einmal durchgelesen und ein paar Sprüche herausgesucht, mit denen sie vielleicht was anfangen kann.

06.07.2020 | 22:15
hanne63

Hallo in die Runde,
da ich demnächst wieder meine beiden Eltern im Heim besuche und mir das jetzt schon sehr im Magen liegt...insb. bzgl. meiner Mutter...habe ich auch über Schlüsselsätze nachgedacht:
Ich kann dazu beitragen:

"Das hat noch keinen umgebracht"
"Stell Dich nicht so an"

"Das geht vorbei"
"Ich möchte endlich mal an mich denken"
"Solange Du die Füße unter meinen Tisch stellst"....
"Wer nichts macht, macht keine Fehler"
"Wer lang fragt, geht lang irr" (inzwischen mein eigener Lieblingssatz)
"In der Not hast Du keine Freunde"
"Trauen kannst Du nicht mal Deinem eigenen Arsch".
"Es ist nicht alles Gold, was glänzt".
Die Sätze sind von unterschiedlichen Elternteilen....

Naja...ich weiß nicht so recht...ob ich einen dieser Schlüsselsätze direkt zu meinen Eltern sagen würde...ob das wirklich hilfreich sein könnte...in meinem Familien-Fall wohl eher nicht....obwohl, die ersten beiden Sätze könnte ich zu meiner Mutter durchaus sagen...ich behalte das mal im Hinterkopf.

viele Grüße

10.07.2020 | 16:39
martinhamborg

Hallo in die Runde, schön, dass Sie mögliche Schlüsselsätze austauschen! Ihre Vorsicht kann ich verstehen, dass sie wie platte unpassende Ratschläge ankommen können. Das lässst sich auch nicht immer vermeiden. Aber: Wenn Sie die Sätze wie ein Spiel anwenden: "Was sagte Oma immer, wer gutes empfangen ... " bewirkt auch die Satzergänzung eine Geborgenheit im System und dies Sammlung der Sprüche ist für die Mitarbeiter*innen vor Ort Gold wert, denn sie können damit das anwenden, was sie als Validation gelernt haben. Manchmal ist auch die Fähigkeit zum Lesen besser erhalten als wir denken. So können Karten mit dem Satzbeginn auf der einen Seite und dem Satzende auf der Rückseite für das validierende "Gedächtnistraining" helfen.
Ich freu mich drauf, wenn ich beim nächsten Mal schon einige Erfahrungen lesen kann und kommentieren darf.

Zum Einleben ist eine so nette Zimmernachbarin sehr viel wert, sie freut sich bestimmt über jedes freundliche Wort von Ihnen und kann Ihnen vielleicht berichten, ob es denn schon besser geworden ist. Ansonsten sind Sie - so wie es sich liest - genau auf dem richtigen Weg, mit Ihren Ideen und wenn Sie nicht zu sehr auf die Unzufriedenheit und den "Sprung in der Platte" eingehen. Im Zweifel nutzen Sie die bewährte Strategie Ihrer Mutter: einfach nicht hinhören.

In solchen Situationen achte ich darauf, ob etwas für eine Depression spricht. Da helfen Medikamente und ganz besonders Bewegung und Lichttherapie und der Zimmernachbarin tut das "Wohlfühllicht" sicher auch gut. Das Schöne daran ist, die blendfreien Lampen gibt es auch günstig (4000 - 10000 Lux) und sie haben keine Nebenwirkungen - und wirken auch bei schlechtem Gewissen...
Ihr Martin Hamborg

12.07.2020 | 08:49
Mirabai

Hallo zusammen, hallo blumenkind,

hier ist ja einiges passiert. Bei mir auch. Die letzten 2-3 Wochen waren für mich sehr schwer. Nachem die Quarantäne spitze lief (mein Mann und ich waren jeden Tag bei meiner Mutter), ging der Terror danach los. Der Umgang mit anderen Menschen ist das Hauptproblem, meine Mutter sieht überall "Verbrecher" bzw. lästert über jeden. Sie ist mit sozialen Alltagssituationen wie "guten Tag sagen" überfordert. Das ist für mich am schwierigsten auszuhalten. Diese Abwertung anderen gegenüber. Hat auch nix mit Demenz zu tun. Ist Teil ihrer Persönlichkeit. Dann musste sie noch mal in Qurantäne. Verdacht auf Corona. Sie hatte Geschmacksstörungen. Hat in ihrer Negativität über das Essen abgelästert "schmeckt alles gleich hier" (tja, hat es sich also irgendwie selbst eingebrockt...). War Gott sei Dank nix, aber... das hat sie echt reingerissen, geht dann ins Depressive. Hat nicht gegessen, war total durcheinander, dünne Stimme.... die PflegerInnen riefen mich mehrmals an, weil sie sie nicht beruhigen konnten. Ich finde es "krass interessant", dass sich die Insolation so massiv auswirkt. D.h., sie hat ein Bedürfnis nach anderen Menschen! Ich hatte einen kreativen Spontaneinfall: Als sie zum wiederholten Male über andere Menschen (z.B. auch Pfleger!, die sie 5 Minuten vorher noch toll fand) ablästerte (insbesondere geht sie auf dicke Menschen los, super abwertend...), sagte ich: Was ist das Neuerdings? So kenne ich dich gar nicht! Du warst doch immer ein netter Mensch". Das war genial. War für mich gut und für sie. Neue Verhaltensformen möglich. Sie erwiderte: "Ich ärger mich nur, weil die draußen rumlaufen dürfen und ich nicht." Ist das nicht genial??? Und ich setze (weiterhin) Grenzen. Ich kann es nicht ertragen, wenn meine Mutter so abwertend ist. Und ich sage ihr auch, dass ich das nicht hören will. Funktioniert ganz gut. Und da fällt mir wieder mal ein, dass auch meine Mutter ihrer Grenzen setzte, als diese ins Pflegeheim kam. (Familien-) Geschichte wiederholt sich?! Meine Oma war eine Despotin, alle mussten nach ihrer Pfeife tanzen. Als sie ins Heim kam, dachte ich als Enkelin: Entweder sie stirbt in Kürze (weil sie sich nicht einlassen kan), oder sie dreht sich um 180 Grad. Letzteres ist geschehen. Warum? Weil es zum ersten Mal Menschen gab, die unbeeindruckt waren von ihrem Widerstand. Und meiner Mutter ist Folgendes gelungen: Als sie wie jeden Tag ihre Mutter besuchte (und die wieder mal negativ drauf war), blieb meine Mutter im Zimmer stehen und sagte: "Oh, ich sehe, du bist schlecht gelaunt. Ich komme wieder, wenn das anders ist." Und dann ist meine Mutter wirklich gegangen. Was für ein Mut! Mit knapp über 50 musste sie dafür tatsächlich Mut aufbringen. Seit diesem Tag war meine Oma wie ausgewechselt: freundlich, liebevoll, dankbar, gütig. Hat ihren Frieden gemacht. Als meine Mutter und die Pfleger mich diese Woche zum wiederholten Male anriefen, war ich gerade nervlich durch. Konnte, wollte dies auch nicht wirklich verbergen. Meine Mutter entschuldigte sich quasi und sagte so was wie: "Mirabai", ich weiß dass ich an mir arbeiten muss." Oh Mann, jetzt ist der 4 Tag in Folge ohne Anrufe. Ich fahr auch lieber jeden Tag hin als dieser Telefonterror. Das halte ich nicht aus. Damit komme ich zu meiner Ergänzung, blumenkind: Ja, es gibt ein Recht auf Verwahrlosung. Und gleichzeitig lebt keiner auf einer Insel. Alle Bedürfnisse gelten und sind gleichwürdig. Mein Mann, meine Mutter oder wer auch immer dürfen entscheiden, nicht zu essen, sich in riskante Situationen bringen usw. Und ich darf entscheiden, dass ich da nicht bei zugucken kann und werde! Und das könnte konkret bedeuten, die Mutter in einem Heim unterzubringen. Kann sein, dass sich deine Mutter nicht eingewöhnen wird. Es ist aber die Entscheidung deiner Mutter. Es ist ihr Leben. Es ist ihre Chance! Es geht darum, sich selbst diese Entscheidung zu verzeihen. Du hast aus Liebe gehandelt. Gleichzeitig hat jede Entscheidung Konsequenzen, die wir vorher nicht kennen können. Aus Angst, Feigheit und Bequemlichkeit treffen viele Leute keine Entscheidung. Du warst mutig. Verzeih dir. Such einen Weg, wie dir das gelingen kann (mit therapeutischer Unterstützung?). Meine Sätze jetzt für uns Töchter:
Ich kann nur aus der Fülle heraus geben (bedeutet, immer wieder, jeden Tag auf neue, nach dem eigenen Akku zu schauen und den Tank befüllen).
Wenn ich es gerade nicht aushalte (Akku leer und keine Idee, Kraft zum Befüllen), diese Grenze akzeptieren!!! Ich hatte letzte Woche kleinen Nervenzusammenbruch (die normalen Maßnahmen wie Sprechen, Meditieren, Tarot und in die Natur gehen haben nicht funktioniert bzw. ich hatte null Kraft dafür, das ist schon krass, gibt es bislang so gut wie keine vergleichbare Situation!). Da nix ging, bin ich ins Bett. Habe geheult wie ein Schloßhund und bin vor Erschöpfung eingeschlafen, allerdings mit der mentalen Erkenntnis, dass wenn nix geht, eines immer geht: Hingabe! Sich dem Schmerz, der Erschöpfung hingeben. So kann es gehen. Hingabe löst den Kampf, den Widerstand auf. Ist ein wahrer Transformator!!! So war es dieses Mal und ich habe noch 2 Lebenssituationen, wo es so war. In dieser Situation übrigens geschah Folgendes: Mein Bruder hatte sich exakt zu dem Zeitpunkt gemeldet!!! Wahnsinn. Ja, damit betreten wir weitere Sphären: Spirutuelle. Energetische Verbundenheit. Liebe.
3. Satz: Das Leben ist manchmal ein Arschloch.
Buchtipp hinsichtlich Verbundenheit/Bewusstsein/Handlung: Otto C. Scharmer. Theorie U. In diesem Sinn, alles alles Liebe und bis bald, Mirabai

12.07.2020 | 09:54
Mirabai

Ergänzung 4. Satz:

Vor dem Besuchstermin nach der 2. Quarantäne (ich hatte "Schiss", ihr geht es schlecht, wir sind - wieder - in dem Musterverhalten Schuld usw.) habe ich eine enge Freundin angerufen und um einen "Tipp" gebeten. Ich fragte sie: "Was ist meine Aufgabe morgen?" Ihre Antwort: "Immer wieder Trennung herstellen. Deine Mutter ist umgezogen, nicht du. Es ist ihr Leid, nicht dein's."
War total hilfreich. Habe es sofort an meinem warmen Bauchgefühl gemerkt. Die Richtigkeit dieser Sätze. Der Kopf mit seiner einseitigen "rationalen" Herangehensweise mag etwas anderes dazu denken.
Also, das ist mein 4. Satz: Immer wieder Trennung herstellen. "Paradoxerweise" gelangen wir nur darüber in ein Bewusst-Sein der Liebe. Davon bin ich überzeugt. Nur über Trennung = immer wieder Rückkher in das eigene Sein - ist wahre Verbundenheit möglich...

17.07.2020 | 00:54
Markus

Hallo zusammen,

ich lese nun schon seit ein paar Tagen mit, ohne mich bis jetzt zu beteiligen. Die Situation in der meine Geschwister und ich gerade sind, ist genau die, die ihr erlebt oder erlebt habt. Daher möchte ich zunächst nur einmal danke sagen, für eure Offenheit und die Bereitschaft eure Gefühle und Ängste mitzuteilen. Auch die, die wir ich nur lesen, profitieren davon.

Ich jedenfalls finde mich wieder mit allen Ängsten, Schuldgefühlen und offenen Fragen. Morgen haben wir einen Beratungstermin, vielleicht finden sich dann schon ein paar Eckpunkte zur Orientierung. Aber die Beiträge hier sind auch Orientierung. Infos aus erster Hand. Das hilft.

Unser Vater hat sich bis vor kurzem um unsere demente Mutter gekümmert und fast alles allein getragen. Pfingsten kam er nach einem Sturz ins Krankenhaus und ist vor 2 Wochen verstorben. Mutter nun allein zu Haus. Sie ist im fortgeschrittenen Stadium, schafft ihren Tag nur noch mit deutlichen Einschränkungen, lehnt aber auch jede Hilfe ab: Putz- und Haushaltshilfe, Pflegedienst (hat Pflegegrad 3, heute haben wir mit der Autorität der Hausärztin einen neuen Versuch gestartet), wehrt sich gegen die Medis, hat Angst vor Bevormundung, will Autofahren um einzukaufen, was wir natürlich nicht zulassen, hat sehr unregelmäßig Hunger, viel abgenommen, kann natürlich für Sauberkeit und Kochen im Haus nicht mehr sorgen. Lehnt aber auch alles an Hilfe (außer wir machen es nebenbei, sodass sie es nicht bemerkt) ab.

Sie ist trotzdem noch relativ selbständig und pflegt ihre Kontakte, geht in die Kirche zu Fuß (12 Min), schafft ihre Körperpflege einigermaßen und füttert die Katze. Sie räumt die Spülmaschine ein und aus, ab und zu saugt sie Staub und beschneidet die Rosen. Sie sagt zwar 10 mal am Tag, dass sie das Telefon nicht bedienen kann, ruft mich aber dennoch selbständig an. Das Körpergedächtnis funktioniert also, trotzdem hat sie große Angst nicht telefonieren zu können und lässt sich seit Wochen täglich mehrmals das Telefon erklären, dass sie seit 20 Jahren nutzt. Wir kaufen ein, essen mit ihr, fahren sie zu allen Terminen, kümmern uns um alles Nötige, seit dem Krankenhausaufenthalt unseres Vaters und der Beerdigung sehr intensiv.

Wir sind alle drei berufstätig, haben aber aktuell etwas mehr Zeit. Der eine hat Urlaub, ich habe Kurzarbeit, meine Schwester kann wie eine Selbständige ihre Zeit einteilen. Das wird sich aber nicht längere Zeit durchhalten lassen. Nun denken wir an ein Netzwerk aus Pflegedienst, Hilfen im Alltag (Sauberkeit, Essen), Nachbarn, die sich liebevoll kümmern, Enkelkindern (die auch berufstätig sind) - die uns dabei unterstützen können, damit unsere Mutter solange zu Hause bleiben kann, wie es "geht". Dabei stellen sich natürlich viele Fragen: Wann setzt die Selbst-Gefährdung und auch die Fahrlässigkeit gegenüber anderen ein. Wenn z.B. mal (wieder) ein Topf auf dem Herd verbrennt. Es gibt zwar überall Rauchmelder, aber wer hört die schon in einem Reihenhaus? Tagespflege mit Fahrdienst wäre eine weitere Möglichkeit, vorausgesetzt sie lässt sich darauf ein.

Und dennoch stellt sich die Frage, wie es weitergeht. Bei Alzheimer gibt es keinen Weg zurück. Wir fragen uns also, wann ist der richtige Zeitpunkt, sie in einem Heim betreuen zu lassen? Eher so früh wie möglich, damit sie sich noch bewusst einleben kann (mit krassem Widerstand ist zu rechnen) oder so spät wie möglich (damit sie davon nicht mehr viel mitbekommt)? Wir versuchen das Emotionale vom Sachlichen zu trennen und darauf zu schauen, was für unsere Mutter das beste ist. Und das ist schwer genug.

Soviel für den Moment. Und nochmal Danke.

17.07.2020 | 09:31
hanne63

Hallo Markus,
bei mir sind beide Eltern betroffen und leben mittlerweile in einem Pflegeheim.
Wenn ich alle Gesichtspunkte ansehe, auch rückwirkend und die Situation in den Heimen, sage ich ganz klar:
so lange es geht : daheim!!! wenn es denn zu leisten ist......
In einem Pflegeheim leben ja meistens schon wirklich sehr pflegebedürftige Menschen....das ist die Frage des "Einlebens"...etc....nicht so wichtig....
Auf individuelle Gewohnheiten und Vorlieben kann wenig eingegangen werden...da hat jeder zu Hause die größeren Freiheiten.....
wenn Ihre Mama sich noch um die Katze kümmern kann und Rosen schneiden.....dann ist das doch super.....im Pflegeheim käme sie evtl nur wenige Minuten am Tag überhaupt raus an die Luft.....wenn sie Pech hat.....
andererseits hätte sie vielleicht mehr gefühlte Geborgenheit im Kreis der anderen Bewohner.....?
ich würde sie auf Wartelisten setzen lassen....das kann schon mal nicht schaden....
liebe Grüße

[Dieser Beitrag wurde 1mal bearbeitet, zuletzt am 17.07.2020 um 09:32.]

17.07.2020 | 11:19
Mirabai

Hallo Markus,

herzlich Willkommen hier. Was du geschrieben hast berührt und bestärkt mich gleichermaßen. Bestärken auch dahingehend, dass andere davon profitieren, wenn sie hier (nur) mitlesen. Toll, dass Du nun auch von Dir berichtet hast, was bei mir folgende Resonanz ausgelöst hat:
Umzug in ein Heim: so spät wie möglich. Ich erlebe ja gerade die Eingewöhnungszeit bei meiner Mutter (übrigens auch PG 3, nachdem ich die Einstufung vorher online im Test gemacht und dann weitergeleitet habe), und die Eingewöhnung ist eine harte Zeit. Da sollte man sich als Tochter/Sohn Zeit und Raum nehmen, um einerseits vor Ort sein zu können und andererseits alles zu verdauen/verarbeiten. Wie aber auch schon jemand schrieb, ist der wesentlichste Gradmesser für den Zeitpunkt die Belastbarkeitsgrenze der sich Kümmernden, also Du und Deine Geschwister. Ich habe ja z.B. sehr kurzfristig nach einem der letzten Besuche bei meiner Mutter in ihrem alten Zuhause entschieden, dass JETZT was passieren muss. Ist eine Gefühlssache. Ich habe gemerkt, dass sie jetzt anfängt zu leiden UND dass ich es jetzt nicht mehr aushalte, sie "allein zu Hause" zu wissen. Dann Thema Heimplatz: Ich hatte innerhalb von nicht einmal 48 Stunden einen Heimplatz. Ohne Warteliste. Ein Freund und "Branchenkenner" sagte mir, einen Heimplatz zu finden ist Fleißarbeit. Ab ans Telefon. So war's auch. Gleichzeitig kann es natürlich nicht schaden, die Mutter schon mal auf Wartelisten setzen zu lassen. Allerdings stelle ich mir die rein rationale Entscheidung, welches Heim denn jetzt präventiv auswählen, sehr schwierig vor. Mein Weg war da ein anderer. Abschließend (für heute): Was pro Heim spricht: Unsere Mütter kommen wieder unter Leute. Die Auswirkungen von Isolation sind gewaltig. Aber auch das hört sich, nachdem was Du von Deiner Mutter berichtet hast, ja noch alles ziemlich gut an. Alles Gute für Dich/Euch und bis denne, Mirabai (auch noch mein Mitgefühl zum Tod Deines Vaters...)

17.07.2020 | 11:37
Mirabai

Ergänzung:
1. "Heim so spät wie möglich" mit der Einschränkung, dass dies nur im Kontext von Widerstand des Betreffenden gilt...
2. Dann möchte ich eine "Lanze brechen" für "die Heime": Heim ist oft nicht (mehr) das, was wir im Kopf haben. Nach meinem Empfinden ist meine Mutter in dem besten Heim, das es geben kann (ist keine "Residenz" oder so, sondern "ganz normal" von der Caritas, allerdings Neubau, letztes Jahr eröffnet und kleines Haus, insgesamt nur 45 Bewohner); alles in Wohngruppenform, total schön = wohnlich eingerichtet, nur (recht große!) Einzelzimmer!!!, Garten, Konzept zur aktiven Beteiligung der Menschen, Projekte mit Kindergärten und Schulen, fast jeden Tag Aktivitäten durch Alltagsbegleiter als Angebot (nicht Zwang)!, keiner wird dort um 6.00 "aus dem Bett geschmissen", es wird geschaut, wer zu wem passt (und auch nicht), man kann ganz viel individuell absprechen usw. Das ist vielleicht alles ein Glücksfall. Fakt ist, dass die Leitung dort top ist. Danach würde ich schauen. Ist wie in allen Unternehmen: Der Fisch stinkt vom Kopf zuerst (oder eben auch nicht!). Und: die Kosten sind relativ hoch, aber das genau finde ich auch stimmig bei der hochwertigen Leistung (Spitzen-Essen kommt da z.B. auch noch hinzu...). Heißt: Geld sollte gedanklich keinerlei Rolle bei der Auswahl eines Heimes spielen (hat es bei mir auch null; ich würde dieses Heim jeder "privat geführten Residenz" vorziehen!!!).

17.07.2020 | 12:07
Teuteburger

Danke, Mirabai,

für diesen informativen und positiven Bericht.

Darf man eingrenzend fragen, wo dieses Heim ist. Vielleicht in Rheinland-Pfalz? "smile".

So etwas stelle ich mir auch für meine Schwiegermutter und eventuell Mutter vor, die heute noch sagt, sie will auch irgendwann in ein Heim. Ob es dann nachher stimmt, das wird sich zeigen.

Ich sage auch immer, solange wie möglich kann man es Zuhause versuchen und wenn der ältere Mensch bereit ist mitzuarbeiten, was bei einer Demenz meist nicht mehr der Fall ist, dann kann das sogar bis zum Schluss funktionieren.

Liebe Grüße an Dich und an alle anderen, die hier mitlesen



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