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Ratgeberforum "Wohnen, Betreuung und Pflege"

Bild: Ratgeberforum "Wohnen, Betreuung und Pflege" Unter welchen Voraussetzungen können Demenzkranke in den eigenen vier Wänden leben? Wann ist ein Pflegeheim, eine Demenz-WG oder betreutes Wohnen angesagt? Zwei Experten auf diesem Gebiet moderieren das Internetforum "Wohnen, Betreuung und Pflege". Martin Hamborg engagiert sich seit 1998 im Vorstand der Deutschen Expertengruppe Dementenbetreuung und kennt sich mit Pflegeheimen und Einrichtungen des Betreuten Wohnens aus. Klaus-W. Pawletko, Geschäftsführer des Vereins "Freunde alter Menschen", ist auf Demenz-Wohngemeinschaften und die ambulante Versorgung Betroffener spezialisiert.

Autor Komplett Verwahrlost, Altersdemenz Kurzzeit, Abwehr von Hilfe
05.06.2020 | 17:13
Gigi

Liebe Forenbetreuer und Mitbetroffene, ich bin in einer Situation aus Zeitdruck, räumlicher Distanz und Suche nach dem richtigen Weg - die richtige Reihenfolge an Schritten, die ich unternehmen muss um meiner Mutter zu helfen.
Mutter lebt in 2,5 Zi. WHG mit Lift in größerem Mehrfamilienhaus - seit ca. 35 Jahren. Seit 28 Jahren alleine da zu der Zeit meine jüngere Schwester die Wohnung verlassen hat. Zunehmendes Messieverhalten (Zeitschriften/Bekleidung) und zunehmend keine wirkliche Reinigung der Wohnung, obwohl sie bis dahin sehr ordentlich und pedantisch war. Kein Lüften - es kommen Abgase von Autos, kein Öffnen der Rollläden inzwischen komplett, da durch die Schlitze Ungeziefer von außen kommt. Von jeher Ablehnung von Hilfe meinerseits/unsererseits - wurde als Einmischung gesehen, manche gröbere Dinge ab und an aber nur unter Aufsicht. Oder Geld da der Sozialhilfebetrag nicht besonders viel Spielraum lässt. Nach Möglichkeit Zimmertüren per Schlüssel abgeschlossen und diese versteckt. Niemand hat Wohnungschlüssel - bis heute nicht. 2012 nach KKH-Aufenthalt vorstellig durch Anregung des Klinikpersonal (Ärzte/Psychologe/Pflegepersonal) beim Vormundschaftsrichter. Mit mir dort gewesen, durfte nach Hause mit Auflage dass ein PD kommt und Medikamente anreicht, Kompressionsstrümpfe anzieht, 2 x wöchentlich versucht in Minischritten Angesammeltes zu entsorgen. Nach sehr kurzer Zeit komplette Ablehnung (nach maximal 2 Monaten), in der Zeit dass der PD da war durften die lediglich in den Flur - alle Türen verschlossen.
3 Jahre später durften wir zum ersten mal wieder in die Wohnung da diverse Dinge kaputt waren und sie sonst niemanden einlässt und auch nicht die Mittel für einen Handwerker hätte. 8 große schwarze Müllsäcke, z.T. mit vielen verdorbenen Lebensmitteln (1 x wöchentlich wird sie zur Tafel gefahren aber verhindert beständig dass die LM bis vor die Türe gebracht werden) aber auch anderem Müll die wir unter Protest rausgebracht haben. Die zugängigsten Stellen – das Dunkel-Bad und die Küche gereinigt, Staubschichten mit mehreren mm stärke abgesaugt (mitgebrachtes „Werkzeug“) stark verunreinigter Kühlschrank/Restküche mit LM die jahrelang abgelaufen waren. Danach wurden wir beschimpft weil wohl aus Versehen ein Tütchen mit einem Halstuch verschwunden war. Dies war der Punkt an dem wir aufgegeben haben. Meine Schwester wurde auch körperlich „angegriffen“ mittels Krallengriff in den Arm mit Fingernägeln – wie in früheren Zeiten. Wir alle wurden beschimpft. Sie lebt in ihrer eigenen Welt, schon sehr lange. Immer mit der Aussage dass Gott ihr schon hilft.
Dann letztes Jahr im Herbst und dieses Jahr Ende April rief mich der soziale Dienst der sie zur Tafel bringt an, dass Hausbewohner angerufen haben wegen starkem Geruch und die Vermutung im Raum stand dass sie tot in der Wohnung liegt. Im Herbst war es so, dass der Dienst sie zur Tafel holen wollte und sie den ganzen Tag nicht geöffnet hat und auf Klopfen, Telefon oder Klingeln nicht reagiert hat. Jedes Mal im letzten Moment Türe aufgemacht. Ab April habe ich dann angefangen, Hilfe zu suchen um die Situation für alle zu verbessern.
Inzwischen hat der neue Vermieter Kontakt mit mir da bei einer Begehung vor 2 Wochen das drastische Ausmaß bekannt wurde. Ich habe 3 Kurze Videos bekommen die sehr dramatisch sind und nichts verschweigen. Die Hausverwaltung hätte wenige Tage später die Wohnung geöffnet da beißender Geruch ausgeströmt ist (schon länger) und sie nicht geöffnet hatte. Mitbewohner im Haus haben mehrfach gedrängt dass gehandelt werden muss – zu recht. Die Toilette war randvoll – verstopft – wohl schon mindestens Wochen wenn nicht Monate. Feststoffe hat sie in Tüten gepackt in die Badewanne, anderes abgeschöpft in Wanne oder Waschbecken. Ein Berg benutztes Toilettenpapier, ein nicht mehr zumutbares Waschbecken, Insektenbefall, gleiches begegnete den Vermietern in der Küche. Verdorbene Lebensmittel, der Boden fast vollständig voller Plastikmüll. Der Hausmeister konnte nichts mehr machen am WC und am nächsten Tag kam der Rohrreinigungsdienst, Toilette ist derzeit gängig aber muss innerhalb 2 Wochen eine neue Standtoilette eingebaut werden da diese stark verkalkt ist und das Problem so wiederkehrt. Dazu habe ich den PD der sie zur Tafel fährt gebeten dass dort die LM aus der Küche geräumt werden müssen. Dies ging nur unter größtem Protest ihrerseits obwohl sie von mit unterrichtet war und nach einigem Hin und her zugestimmt hat. Wobei sie an dem Tag selbst anrufen wollte dort dass niemand kommt weil alles in Ordnung wäre. die Dame hat nicht akribisch sortiert (was in dem Umfang und der Luftqualität auch nicht möglich ist). Diese wird sie nicht mehr einlassen –und das glaub ich sofort. Wieder Abwehr. Sie besitzt keinen Geruchssinn mehr, behauptet, dass jeder der sagt es stinkt würde lügen, alle lügen, alle wollen nur reinkommen und schnüffeln, und morgen wird es wohl in der Zeitung stehen . Sie glaubt dies Tatsächlich. Seit 6 Monaten bekam das Amt für Grundsicherung keine Unterlagen trotz mehrfacher schriftlicher und telefonischer Aufforderung, um die Zusage für ein Jahr erneut zu gewähren. Ich konnte dies inzwischen klären für dieses mal. Der Arzt hat kein Rezept mehr ausgestellt da sie seit 6 Monaten keine Krankenkarte beigebracht hat. Auch dies konnte ich aus der Distanz inzwischen klären. Das große Problem ist dass sie weiterhin nicht zulässt dass ihr geholfen wird, weder vor Ort – geschweige dass sie z.B. in ein Seniorenheim käme. Mit Engelszungen nicht und ihr alles schön ausgemalt, eher mit etwas Druck dass ich ihr sage dass es nur meinen Weg gibt – mit Hilfe von PD und Hauswirtschaftshilfe, oder dass andere darüber bestimmen dass sie da nicht bleiben kann. Am nächsten Tag ist die Einsicht weg. Dass man mit 86 vieles nicht mehr kann ist verständlich – aber sie ist körperlich sehr verwahrlost (Ernährung Schokolade, Brot und Dinge aus dem Kühlschrank von der Tafel, wer keinen Geruchssinn hat, isst auch verdorbenes und die Ungeziefer in beiden Räumen nimmt sie nicht wahr, so auch keinen Schimmel etc. Trinken ist mit Sicherheit auch unzureichend da sie das schon ihr Leben lang vernachlässigt hat. Bei Nachfrage nach ihren Medikamenten sagt sie ja – in der Früh ein paar und am Abend ein paar. Näher kann sie mir das nicht nennen. Die Vermieter hat sie eingelassen ohne zu wissen wer es ist. Dass diese sich tel. angemeldet hatten wusste sie nicht mehr obwohl das nur 1 Tag vorher und am selben Tag war. Dass es dieselben wie 1 Jahr vorher waren konnte sich nicht bestätigen. War schwierig, herauszufinden wer da durch die Wohnung ging „wie ein Verrückter“ wie sie mehrfach erklärte.

Baden ist seit Monaten – ehr seit Jahren nicht mehr möglich da sie alleine nicht in die Wanne bzw. wieder heraus kommt. Haare waschen dürfte auch sein mindestens 6 Monaten nicht mehr erfolgte sein.

Ich bin 260 km entfernt und habe seit 27 Jahren Asthma, was mich im Alltag weniger beeinträchtigt, allerdings brauche ich Luft. Und mit Maske derzeit ist es in meinem Alltag zu ertragen da ich sie nicht lange brauche. Bei ihr zu sein wird so für mich eine Herausforderung und ich hab ihr gesagt dass wir am kommenden Montag da sind und ich mit dem sozialpsychiatrischen Dienst zu ihr komme. Der kennt sie bereits und auch die Wohnverhältnisse vor 3 oder 4 Jahren. Ich hatte erst noch (ich bin seit 30. April dran) die Hoffnung dass ich ihr einen Umzug ersparen kann und sie mit Hilfe die Jahre die noch bleiben so leben darf wie sie es möchte. Inzwischen muss ich sehen dass dies nicht möglich ist.
Wie kann ich weiter Handeln, damit die kommenden Schritte an den richtigen Stellen und in der richtigen Reihenfolge möglichst zeitnah gegangen werden. Ich kann immer wieder mal hinfahren um Dinge zu regeln, ich kann künftig die Dinge die es zu regeln gibt (Ämter/Bank/Krankenkasse) von Zuhause aus regeln, bin mit allen gängigen Medien ausgestattet und auch vertraut damit.
Würde gern die gesetzliche Betreuung bekommen da ich dann handeln kann, was ich derzeit nur anregen kann. Ich seh die Situation sehr realistisch, besonders durch die Erfahrungen der letzten Wochen wieder aber auch mein ganzes Leben lang mit ihr, und die Einblicke derer, die inzwischen in der Wohnung waren. Bei einem Telefonat mit der Betreuungsbehörde habe ich das bereits angemerkt.
Ich hatte mit allen Ämtern schon Kontakt, hatte am Anfang umgehend einen PG beantragt, wobei die Befragung – auch mit meiner Mutter – wegen Corona nur am Telefon stattgefunden hat, und sie es – wenn drauf vorbereitet mit Fassadenerhalt kurzzeitig schafft. Sie konnte glaubhaft machen dass sie regelmäßig Essen zubereitet (auch kocht) oder ihre Kompressionsstrümpfe selbständig an und ausziehen kann. Einen ausführlichen Einspruch dagegen habe ich am Mittwoch weggeschickt. In einem Gespräch mit mir sagte sie dass diese runterrutschen da sie so abgenommen hat und löchrig sind, dass sie jedoch diese Tag und Nacht trägt da sie es alleine kaum schafft sie an und auszuziehen. Ihre Wäsche wäscht sie offensichtlich mittels Handwäsche in kleinen Schüsseln.

Tut mir leid für so viel Text, aber anders kann ich es nicht verdeutlichen. Der med. Dienst hat eine kürzere Zusammenfassung meinerseits nicht deuten können.

Wie gehe ich weiter vor? Psychologe um sie untersuchen/begutachten zu lassen. Termine bei Fachärzten bekommt man idR nicht unter 6 Wochen bis 3 Monaten. So lange kann man nicht warten.
Und wie dann weiter. Oder regt das erst der Betreuer an – also ggf auch ich? Gibt’s eine Möglichkeit der Beschleunigung?

Vielen Dank vorab für die Aufmerksamkeit und Ratschläge.

LG, Gigi

05.06.2020 | 18:43
Gigi

Was ich noch vergessen habe ... ich habe eine einfache Vorsorgevollmacht 2012 von meiner Mutter bekommen jedoch ohne Bestimmungsmöglichkeit über einen (nötigen) Aufenthaltsstatus und auch keine Patientenverfügung.

08.06.2020 | 08:08
klauspawletko

Hallo Gigi,
aus Ihren Worten spricht viel Verzweiflung, die auch absolut nachvollziehbar ist.
Sie haben alle erforderlichen Stellen längst einbezogen, mir ist nicht nachvollziehbar, warum weder SPD noch Betreuungsbehörde gehandelt haben.
Die paranoiden Zustände der Mutter sprechen für eine psychische Erkrankung, die evtl. mit einer Demenz einher geht.
Da Sie ja offensichtlich Verantwortung übernehmen und auch in Zukunft übernehmen wollen, würde ich zuvorderst einen Umzug der Mutter in Ihre Nähe empfehlen. Ob der neue Wohnort dann ein Heim sein wird oder eine andere Wohnform sollte von einer ausführlichen Diagnostik abhängig gemacht werden.
Das geht wahrscheinlich am besten in einem gerontopsychiatrischen Akut-krankenhaus.
Hierbei ist allerdings die Unterstützung durch den SPD gefragt.
In Corona-Zeiten alles nicht so leicht, aber auch für die Übernahme der rechtlichen Betreuung durch Sie wåre eine entsprechende Stellungnahme des SPD hilfreich.
Sie haben im Grunde all dies bereits in die Wege geleitet. Bleiben Sie hartnäckig!
Alles Gute dabei wünscht Ihnen Klaus-W Pawletko





08.06.2020 | 12:46
sonnenblümchen

Hallo Gigi,
ich antworte Ihnen esrt jetzt,weil bei Ihrer Schilderung wieder Erinnerungen bei mir hoch kamen. Es kam /kommt mir im Verhalten Ihrer Mama so vieles bekannt vor. Herr Pawletko hat eigentlich alles gesagt. Ich denke auch wenn Sie die Wohnung aufräumen und renovieren würden,wäre sie nach kurzer Zeit wieder vermüllt. Zu Bedenken ist wirklich, ob Sie selber als ,,Betreuer" sich einsetzen lassen oder nicht diese Aufgabe ablehnen....womit Sie besser ...für Sie gesünder... fahren.

24.06.2020 | 16:10
Gigi

Vielen Dank für die Antworten an Klaus-W Pawletko und sonnenblümchen (ja - ich habe mich und die Situation bei und mit meiner Mutter hier auch teils fast 1:1 gefunden) und Entschuldigung dass ich jetzt erst antworte. Aber ich war mit der Situation sehr beschäftigt und fast täglich gibt es diverse Telefonate oder Dinge zu erledigen oder schriftliches zu verfassen. Inzwischen war ich bei meiner Mutter mit dem Sozialpsychiatrischen Dienst, sie blockiert alles, lässt sich dann halbherzig darauf ein und nimmt es danach Stück für Stück zurück. Führte zu weit, das zu erklären. Jedoch habe ich inzwischen eine Anregung auf Betreuung eingereicht und befinde mich nun im Betreuungsverfahren. Habe das auch immer wieder mit meiner Mutter besprochen bzw tu es bei jedem Kontakt, sage ihr auch dass ich als Betreuerin Dinge tun werde die ich tun muss auch wissend dass ihr diese nicht gefallen werden ... und erkläre immer auch warum. Und sie weiß auch dass sie jederzeit meine Betreuung ablehnen kann, dass sie nicht zustimmen muss, dass ich das im Falle sein werde. Das Problem bleibt, dass sie die kleinese Umgebungsveränderung blockiert, auch die schlimmsten Dinge. Ich versuche, weiterhin den Weg zu gehen mit dem Ziel, das Leben und die machbare Sicherheit meiner Mutter umfassend zu verbessern. Würde sie es zulassen, dann auch mittels Räumung und Reinigung und anschließender Versorgung durch Pflegedienst und Hauswirtschaftsleistungen. Ich komme bestimmt immer wieder, um das ein oder andere zu fragen oder zu "erzählen" = loszuwerden ... denn auch das ist manchmal dringend nötig und hier sicher besser aufgehoben als sonstwo. Und meine künftigen Erfahrungen vielleicht anderen als Hilfe anzubieten. Allen die hier kämpfen für ihre Schützlinge viel Kraft und einen sonnigen Tag.
LG, Gigi

27.06.2020 | 11:38
martinhamborg

Hallo Gigi, in dem Kampf für Ihre Mutter als "Schützling" habe viel Klarheit und dem inneren Abstand aus Ihren Zeilen herausgelesen. Aber bitte bedenken Sie, Sie müssen es Ihrer Mutter nicht immer wieder erklären, Sie brauchen sich nicht zu rechtfertigen!

Ihre Mutter darf alle schlimmen Gefühle der Welt haben, wenn Sie eine schwere Entscheidung treffen. Das ist ein großer professioneller Spagat, wenn es Ihnen gelingt Ihre Mutter zu verstehen und sie zu trösten, auch wenn Sie unangenehme Entscheidungen treffen - immerhin sind sie durch die Betreuung höchstrichterlich gestärkt...
Ihr Martin Hamborg



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