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Ratgeberforum "Wohnen, Betreuung und Pflege"

Bild: Ratgeberforum "Wohnen, Betreuung und Pflege" Unter welchen Voraussetzungen können Demenzkranke in den eigenen vier Wänden leben? Wann ist ein Pflegeheim, eine Demenz-WG oder betreutes Wohnen angesagt? Zwei Experten auf diesem Gebiet moderieren das Internetforum "Wohnen, Betreuung und Pflege". Martin Hamborg engagiert sich seit 1998 im Vorstand der Deutschen Expertengruppe Dementenbetreuung und kennt sich mit Pflegeheimen und Einrichtungen des Betreuten Wohnens aus. Klaus-W. Pawletko, Geschäftsführer des Vereins "Freunde alter Menschen", ist auf Demenz-Wohngemeinschaften und die ambulante Versorgung Betroffener spezialisiert.

Autor Reißleine gezogen
13.06.2020 | 10:00
martinhamborg

Hallo Andydreas, es freut mich sehr, mit welcher Klarheit Sie Ihre Entscheidung mitteilen und natürlich, dass es eine unerwartete gute Wendung gibt.

Wir haben in diesem Forum oft darüber gesprochen, dass nach einem Krankenhausaufenthalt der beste Zeitpunkt für den PlanB ist. Mit der Infusion, der Diagnostik und Behandlung - vermutlich besonders der Schmerzen - kann im Heim ein neuer guter Start beginnen. Dafür können Ihre Erfahrungen sehr hilfreich sein, denn vielleicht war das "Weglaufen" auch ein hilfloser Versuch eine rund-um-geschütze Heim-at zu suchen?

Wenn ich mich richtig erinnere, haben Sie viele wichtige Erkenntnisse gewonnen:
- Ihre Mutter darf sich verabschieden oder im neuen Heim eine Heimat finden, denn Sie haben mehr als alles Mögliche getan, um ihr noch lange eine gemeinsame Zeit zu schenken

- Ihre Mutter muss nichts mehr - vielleicht wehrt sie sich dann auch nicht mehr so sehr. Vielleicht ist es eine Folge aus ihrem langen Kampf, dass sie nun die Ruhe und Geborgenheit "unter der Bettdecke" annehmen kann. Das Heim ist eigentlich zur Mobilisierung verpflichtet, es sei denn Sie vereinbaren eine palliative Versorgung. Im Heim gibt es sicher die Zusammenarbeit mit einem Hausarzt der die entsprechende Zusatzausbildung hat. Vielleicht besprechen Sie dies und dann ist die Information über das Weglaufen auch kein Problem.

- Wenn sich Ihre Mutter gegen alle Erwartung wieder gut erholen sollte, findet sie aus der körperlichen Krise den festen Rahmen, der mit höherer Wahrscheinlichkeit ein gutes Einleben ermöglicht. In diesem Fall ist es wichtig, dass Sie Spaziergänge nur in der Einrichtung oder einem geschützten Garten machen und auf Besuche zuhause verzichten.

Sie haben einen langen Weg des Abschieds hinter sich und ich wünsche Ihnen sehr, dass Sie für den neuen Weg in das Leben an die große innere Reife anknüpfen können, an der ich in den vielen Beiträgen Anteil nehmen konnte. Sollte sich doch irgendwann wieder ein schlechte Gewissen einschleichen, lesen Sie bitte Ihre Chats und ich bin sicher, dass Sie dann schnell das Vertrauen in Ihre Entscheidungen wiederfinden. Sicher werden Sie noch einiges zu berichten haben.
Ihr Martin Hamborg

17.06.2020 | 09:34
Andydreas

Hallo liebe Freunde im Forum,
morgen ist es nun soweit. Sie wird am Nachmittag vom Krankenhaus in das neue Heim gebracht werden.
Ich habe gestern die Formalitäten mit einer Mitabeiterin der Einrichtung alles weitere besprochen. Leider bestand wegen Corona nicht die Möglichkeit die Einrichtung und das Zimmer zu besichtigen.
Mir wurde auch gesagt, dass sie 2 Wochen in Quarantäne muss und ich sie nicht besuchen darf. Danach einmal wöchentlich.
Ich habe vorsichtig versucht herauszufragen, ob die Gefahr besteht, dass sie da wieder rausfliegen kann, wenn größere Probleme auftreten. Ich habe nicht ihre Weglauftendenz angesprochen.
Ich darf mich wohl regelmäßig telefonisch erkundigen wie es ihr so geht.
Es gibt noch viel zu erledigen. Die Frage des, bzw. der Ärzte ist noch zu klären.Koffer packen. Mit der Pflegekasse sprechen etc.
Jetzt heißt es Daumen drücken, dass sie sich einlebt. Da sie seit einigen Wochen bettlägerig ist und das Bett voraussichtlich nicht mehr verlassen wird bin ich optimistisch.
Trotzdem ist mir die Entscheidung unendlich schwer gefallen. Ich habe aber kein schlechtes Gewissen mehr, da ich mir zugestehe viel mehr für meine Mutter getan zu haben als die meisten anderen.
Hat ev. noch jemand Tipps wie ich ihr und mir den Übergang erleichtere ?

17.06.2020 | 12:43
Teuteburger

Ich habe den Text verständlicher geschrieben. Ich wollte den noch fertig machen, bevor ich das Haus verlasse. Das ist nicht so gut geglückt. Sorry.


Hallo Andydreas,

es freut mich für dich, dass für deine Mama ein Platz gefunden worden ist.

Wie du ihr und dir den Übergang erleichtern kannst, dass hängt von mehreren Faktoren ab, denke ich.

Ich würde die Zeit zum Beispiel für eine Selbstreflektion nutzen und mich erst einmal selbst neu ausrichten.

Dabei würde ich versuchen, für die Mama da zu sein, bis zu der Grenze, die du für dich jetzt klar definieren kannst. Und an dieser Grenze, die deinem zukünftigen Leben entspricht, würde ich nicht mehr einzuknicken versuchen. Ich weiß selbst wie schwer das ist.

Falls die Frage auftaucht, warum sie jetzt im Heim ist, würde ich ehrlich sagen, dass du gerne für sie da bist, wenn sie dich braucht, aber es in Vollzeit, wegen der Arbeit, nicht mehr selbst schaffen kannst.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es hilft, wenn man sagt, wo man selbst noch im Leben eingebunden ist, auch wenn das Verständnis nicht immer vorhanden ist. Wichtig ist, dass die demenzkranken Personen wissen, dass man sie nicht wissentlich im Stich lassen will, sondern das äußere Umstände einem hier die Hände binden. Das verkraften sie dann wesentlich besser.

Liebe Grüße an Dich und an alle anderen, die hier mitlesen




[Dieser Beitrag wurde 2mal bearbeitet, zuletzt am 17.06.2020 um 23:35.]

19.06.2020 | 11:08
Andydreas

Moin,
ich habe gerade mit einer Pflegekraft aus dem Heim gesprochen in dem meine Mutter seit gestern untergebracht ist.
Man ist dort ratlos, weil sie jedes Essen und Trinken weiterhin verweigert. Jetzt will man umgehend den neuen Hausarzt kontaktieren und ihn bitten heute noch vorbeizuschauen.
Lt. Homepage gehört Palliativmedizin zu seinen Leistungen. Das sieht alles nicht gut aus.
Ich kann nur hoffen, dass ich da nicht die eine wichtige Entscheidung treffen muss.
Irgendwie habe ich aber immer gewusst, dass dieser Tag kommen wird.

19.06.2020 | 12:17
Teuteburger

Hallo Andydreas,

das klingt wirklich nicht so gut, einerseits.
Aber deine Mama hat einen starken Willen und den setzt sie jetzt erst einmal durch. Das habe ich in meinem Bekanntenkreis auch vor kurzem gehört. Sie darf das auch für sich so entscheiden. Ich würde mir auch vor Augen halten, dass sie das auch in eurer gemeinsamen Wohnung zum Schluss genauso gemacht hat.

Was verstehst du unter Entscheidung treffen? Lebensverlängernde Maßnahmen mit Magensonde, evt. Beatmung ect.

Hier sich zu äußern, das ist immer ein Gewissenskonflikt. Hat deine Mama sich vor der Demenzerkrankung hier einmal klar geäußert oder vielleicht sogar währenddessen?

Wenn man hier Anhaltspunkte hat, dann fällt es einem etwas leichter.

Für mich ist zum Beispiel auch die Verweigerung eine klare Aussage. Vielleicht hilft dir das ein bisschen weiter.

Ich wünsche Dir viel Kraft.

Liebe Grüße an Dich



[Dieser Beitrag wurde 2mal bearbeitet, zuletzt am 19.06.2020 um 12:22.]

19.06.2020 | 12:26
Lulu

Hallo Andydreas,
ich hatte ja schon geschrieben, dass meine 2019 verstorbene Mutter auch irgendwann nicht mehr essen und trinken wollte. Ich hatte mich nach langem Gespräch mit ihrem sehr verständnisvollen Hausarzt (da haben wir wirklich Glück gehabt!) entschieden, keine PEG legen zu lassen. Wie gesagt, ich habe ihr Sterben nicht als schlimm empfunden, sie ist ganz ruhig eingeschlafen.
Wegen ihrer Demenz war sie 10 Jahre in dem Pflegeheim. In den ersten Jahren war noch eine Kommunikation möglich und da hat sie sich immer erschrocken über eine Mitbewohnerin geäußert, die über eine PEG ernährt wurde, aber sonst keine Lebenszeichen mehr zeigte. Das fand sie ganz fürchterlich und ich auch! Wenn sie an dem Zimmer vorbeiging und die Tür offen stand, sagte sie immer nur "Oh Gott Oh Gott". Das ging wohl über 5 Jahre so, dann ist die Dame endlich gestorben.
Ich berichte das alles, weil diese Entscheidung auch auf Sie zukommen wird. Ich nehme an, Ihre Frau Mutter hat, wie meine, keine Patientenverfügung. Sie kennen sie aber am besten: was hätte sie gewollt? Vielleicht ist dieses in der Endphase der Demenz noch die einzige selbstbestimmte Entscheidung, die ein Mensch treffen kann.
Trotzdem ist es natürlich wichtig, immer Nahrung und Flüssigkeit anzubieten. Ebenso ist es wichtig, zu untersuchen, ob der Betreffende etwa Schmerzen hat oder Entzündungen im Mund (Prothese) und deshalb nicht essen mag.
Ich denke, Sie werden die richtige Entscheidung für Ihre Mutter treffen. Ich drücke Ihnen ganz doll die Daumen, dass Sie endlich einen verständigen Arzt finden.

19.06.2020 | 16:51
Andydreas

Ich durfte sie ausnahmsweise kurz besuchen. Man hatte wohl gehofft, dass ich auf sie einwirken könne. War aber nicht der Fall. Der neue Arzt hatte heute leider keine Zeit mehr wird aber am kommenden Montag vorsprechen.
Doch sie hat eine Patientenverfügung und eine künstliche Ernährung ist darin ausgeschlossen. Würde ich ihr aber auch antun wollen. Ich bin der Meinung dass jeder über sein Schicksal selber entscheiden müsste.
Ich werde am WE auch nicht hinfahren, da sie mich ohnehin nicht erkennt und auch nicht auf mich hört.
Vielleicht erfahre ich ja am Montag mehr.

19.06.2020 | 20:44
hanne63

Hallo Andydreas,
da hat das Heim wohl im eigenen Interesse doch noch einen Besuch zugelassen...aber das finde ich gut für Dich (? ok, dass ich jetzt zum Du überwechsele?)....dann konntest Du Dir ein eigenes Bild machen....

Ich selbst habe oft auch deshalb auf einen Besuch bei meiner Mutter verzichtet, weil sie mich sowieso nicht erkennt und außerdem auch sofort gleich wieder vergißt, dass ich da war....auf mich hört sie auch nciht...ich muß mich daher gar nicht so unter Druck setzen und Besuche ständig machen......denke ich mir....und handele auch so.

Gott sei Dank haben beide Eltern von mir eine Patientenverfügung...aber ich habe mir selbst auch geschworen, im Falle des Falles hart zu bleiben und bei meiner Entscheidung dann ja nicht etwa umzufallen......manche Ärzte können da krasse Fragen stellen, die einem ein schlechtes Gewissen machen...dann bloß nicht umfallen...

Liebe Grüße
hanne63

20.06.2020 | 09:13
Andydreas

Hallo Hanne,
wir sollten uns hier alle duzen. Sitzen doch in einem Boot.
Theoretisch dürfte ich sie sogar heute und morgen besuchen. Man glaubt wohl, daß das was bringen würde. Sie nimmt ich aber überhaupt nicht mehr wahr sondern liegt die ganze Zeit mit geschlossenen Augen im Bett. Eigentlich hätte sie ja 2 Wochen keinen Besuch empfangen dürfen. Aus meiner Sicht ist jeder Besuch für mich eine große Belastung und für sie sinnlos. Natürlich werde ich sie weiterhin regelmäßig besuchen. Ich werde versuchen am kommenden Montag da zu sein wenn der neue Arzt kommt.
Ich wüßte nicht zu was der Arzt mich überreden wollwn würde. Ich handle strikt nach der Patientenverfügung. Alles sehr kompliziert zur Zeit.

20.06.2020 | 10:56
martinhamborg

Hallo Andydreas, es ist ein gutes Zeichen, dass das Heim Sie so einbezieht. Wenn ich mich richtig erinnere, haben Sie sich schon lange entschieden, Ihrer Mutter einen würdigen Abschied zu ermöglichen. Bitte, wenn Sie da sind, keine Tricks, kein Druck, kein Zwang - kennen Sie meinen Blogbeitrag dazu hier auf dem Wegweiser?

Ihre Mutter hat so sehr um diese Ruhe gekämpft, deshalb hat jetzt vermutlich die palliative Behandlung, Pflege und Zuwendung höchste Priorität. Fragen Sie den Arzt, was er zur Erleicherung beitragen kann und wie Sie Ihrer Mutter am Ende Ihres langen Kampfes beistehen können. Ich habe es ja schon oft geschrieben, es kann sein, dass sie im Frieden einschläft und es kann sein, dass sie sich ganz tief innen entscheidet, sich in das Heim einzuleben und dann plötzlich wieder isst und trinkt. Deshalb bieten Sie ihr oft etwas an und ertragen Sie es bitte, wenn sie den Kopf abwendet.

Ihnen wünsche ich sehr, dass Sie jetzt den inneren Raum für neue Kraftquellen finden können, - die ganz persönlichen. Wertvolle Beispiele finden Sie in diesen Chats und wenn ich die Zeilen aus diesen Beiträgen richtig verstehe, können Sie zu einzelnen Weisheiten und Erkenntnissen bestimmt nachfragen! Und hören Sie bitte auf Ihre innere Stimme, wenn Sie nicht ins Heim gehen wollen - Ihre Mutter kann es Ihnen nicht mehr sagen, wenn Sie gerade mehr Abstand braucht oder vielleicht auch ganz allein den letzten Weg gehen möchte.
Ihr Martin Hamborg



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