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Ratgeberforum "Wohnen, Betreuung und Pflege"

Bild: Ratgeberforum "Wohnen, Betreuung und Pflege" Unter welchen Voraussetzungen können Demenzkranke in den eigenen vier Wänden leben? Wann ist ein Pflegeheim, eine Demenz-WG oder betreutes Wohnen angesagt? Zwei Experten auf diesem Gebiet moderieren das Internetforum "Wohnen, Betreuung und Pflege". Martin Hamborg engagiert sich seit 1998 im Vorstand der Deutschen Expertengruppe Dementenbetreuung und kennt sich mit Pflegeheimen und Einrichtungen des Betreuten Wohnens aus. Klaus-W. Pawletko, Geschäftsführer des Vereins "Freunde alter Menschen", ist auf Demenz-Wohngemeinschaften und die ambulante Versorgung Betroffener spezialisiert.

Autor Reißleine gezogen
23.06.2020 | 10:19
Elisabetha

Liebe Hanne,

es ist nun an der Zeit, mich bei Dir herzlich für Deine Antwort zu bedanken. Nun bin ich etwas zur Ruhe gekommen und lese, dass Du in der letzten Zeit eine stattliche Anzahl an Herausforderungen zu meistern hattest. Davor zolle ich Dir meinen großen Respekt!

Ich bin sehr erleichtert, dass Du, Deine Gesundheit betreffend eine so gute Nachricht erhalten hast und es nun bergauf gehen wird.

Durch die Demenz eines Angehörigen verliert man anfangs noch ganz schleichend den Blick für die eigene Person. Fürsorge und Mitgefühl kommen dann dem Familienmitglied zu, dass unserer Hilfe am meisten bedarf. Dass diese Wegstrecke sehr lang werden kann, darauf ist man nicht eingestellt. Das macht es eben so schwierig. Solange die eigene Kraft ausreicht, ist das alles zu schaffen. Ein Trugschluss, dem so viele hier ebenfalls erlegen sind.

Die Belastungsgrenze ist umso schneller erreicht, wenn man das Ganze als Alleinstehene/er zu stemmen hat. Vorteil, niemanden grätscht einem rein, Nachteil, man ist eben mit allem allein. Sofern man sich keine Hilfe holt.

Gestern ist bei mir nach einem langen Telefonat mit dem Pflegeheim, in das mein Stiefvater einzogen ist, ein Knoten geplatzt. Es war so beruhigend, zu hören, dass er zwar nach Hause möchte, jedoch Anschluss gefunden hat und alle Abläufe wie Essen, Tabletteneinnahme etc. wunder klappen. Meine Horrorvorstellung, er weine sich in den Schlaf und versuche sich das Leben zu nehmen, erwiesen sich als unbegründed. Hanne, Du schreibst: "Wie gut, dass ich auf mich gehört habe!" Ja, ich kann Dir aus vollem Herzen zustimmen. Es war richtig mich trotz Kontaktsperre im Heim zu melden und mich nach ihm zu erkundigen. Es hat mir eine so große Last von den Schultern genommen, dass die Schwester mir erklärte, dass er doch sehr in der Zeit und in seiner Person desorientiert ist und einen starken Drang zum Weglaufen zeigt. Endlich glaubt mir jemand und hilft ihm. Nur darum ging es mir.

Nach diesem Telefonat setzte bei mir ein ScanDisk ein, mein Gehirn fing an aufzuräumen und tut es immer noch... Diese Klarheit, die dabei zu Tage gefördert wird ist so wertvoll für mich. Plötzlich finden sich die so verzweifelt gesuchten Antworten auf unendlich viele Fragen. Zusammenhänge werden verständlich und ich kann endlich Frieden schließen, mit meinem Stiefvater, aber auch mit mir.

Allen, die mich in den letzten Monaten so hilfreich unterstützt und aufgefangen habe, danke ich von Herzen. Bitte nehmt es mir nicht übel, dass ich Euch nicht immer auf Eure Nachricht geantwortet habe. Ich war total überfordert.

Nun bin ich glücklich und dankbar, dass ich so langsam wieder zu meinem Leben zurückfinde. Gleich einem Haus, das zusammengestürzt ist, trage ich nun sämtliche Trümmerteile Stück für Stück ab und fühle mich immer leichter dabei.

Herzlichst

Elisabetha


23.06.2020 | 21:34
hanne63

Liebe Elisabetha,
Danke für Deine Antwort.
Du sagst es sehr treffend: man verliert den Blick für die eigene Person...am Ende über etliche Jahre...
Ich bin auch gerade dabei, mich wieder zu finden, und mich um mich selbst zu kümmern, und zu erholen.....es dauert und ich merke zwar eine sehr große Erleichterung, seitdem beide Eltern im Heim sind.....aber ich muß mich wirklich erst wieder richtig "zusammen setzen"....

Ich habe es auch so erlebt und erfahren: endlich glaubt mir jemand.....und endlich wird für den Eltern geholfen...aber vor allen Dingen auch, war für mich erlösend, dass mir endlich jemand glaubt.

Vermutlich geht das vielen so....aber erst hinterher kann man die ganze Tragweite erfassen.

ScanDisk :-)....ich bin ebenfalls dabei...ich bin überrascht , wie jetzt im Nachhinein mir immer wieder andere Dinge auf einmal klar erscheinen...was ich zuvor nicht verstand....diese Klarheit hilft mir auch, Frieden zu finden...auch mit den Eltern...das geht es mir ähnlich wie Dir.

Es freut mich, dass es Dir jetzt besser geht und Du Dich leichter fühlst.

Liebe Grüße

27.06.2020 | 12:30
martinhamborg

Hallo in die Runde, auch ich möchte noch einige Gedanken beitragen, zunächst zur Ihrem Beitrag Elisabetha.

Es ist super, dass Sie diese Erfahrung machen konnten und die Mitarbeiterin mit ihrem Verständnis und ihrer Einschätzung den "Hirnscan" ausgelöst hat - ein wunderbares Bild. Bitte denken Sie immer daran: Ihr Stiefvater ist schwer krank, er braucht den Schutz durch den Abstand, damit nichts Schlimmes passiert. Aber er darf Sehnsucht nach seiner Frau haben und sie darf ihn vermissen! Ich wünsche Ihnen sehr, dass die Erfahrung aus dem wertvollen Telefonat Ihnen immer dann hilft, wenn die alten Gefühle sie überwältigen wollen. Dann wird es zum inneren Stoppschild. Und ich werde Pflegekräften davon berichten, wie wertvoll ein solches persönliches Gespräch sein kann, darf ich dabei Ihr Bild verwenden?

Zu dem anderen großen Thema in Ihren Beiträgen möchte nur kurz etwas hinzufügen - viele Erfahrungen habe ich schon an andereren Stellen im Forum ausführlicher mitgeteilt.

Wenn ich Angehörige ermutige, in der letzten Stunde dabei zu sein, weise ich - so wie Ihre bewegenden Erfahrungen auch zeigen - immer darauf hin, dass es m.E. die letzte willentliche Entscheidung im Leben ist, allein zu sterben oder im Beisein. Zu oft habe ich es erlebt, dass Sterbende in einer kurzen Pause der Sterbebegleitungen friedlich gegangen sind. Im Nachherein passte es immer zu dem Menschen, wie wir ihn vor und in der Demenz erlebt haben. Die vielen Berichte der Nahtoderfahrungen machen mir die Vorstellung leichter, dass eine Lebensrevue, der Weg in ein Licht und die innere Begegnung mit geliebten Personen eine Erfahrung sein kann, die nicht durch das verzweifelte Festhalten der Angehörigen gestört werden sollte. Mit empirischer Wissenschaft wird es wohl nie beweisbar sein, aber es ist hilfreich, also ist es richtig ... gut.
Übrigens: Pflegekräfte, die selbst keine Angst vor dem Sterben haben, berichten mir fast nie von schweren Todeskämpfen...

Für die Sterbebegleitung werden in Einrichtungen Ausnahmen der strengen Besuchsregelungen gemacht, insofern können Sie, Andydreas auf Ihre innere Stimme hören und ab und zu Ihre Mutter besuchen, wenn Sie dann loslassen will, ist das wohl ihre tiefe innere Entscheidung. Wenn Sie den Weg allein geht auch - als "Eigenbrödlerin" würde ich das sogar erwarten.
Ich sage häufiger: Es ist eine besondere Ehre, eine tiefe Erfahrung und ein hohes Vertrauen, wenn wir im Zeitpunkt des Todes dabei sein dürfen. Es ist keine Pflicht.
Ihr Martin Hamborg

29.06.2020 | 05:46
Andydreas

Kurze Frage.
Das Heim und ich rätseln, warum meine Mutter seit ein paar Wochen Essen und Trinken weitestgehend ablehnt.
Ich habe hier im Forum mal gelesen, dass in der Endphase der Demenz erhebliche Schluckproleme auftreten. Kann das der Grund sein? Gibt es ein Mittel dagegen?















e

29.06.2020 | 11:13
Rose60

Hallo Andydreas,
ich habe folgenden m.E. informativen Link zu der Problematik "Schluckstörung bei Demenz" gefunden.

https://www.deutsche-alzheimer.de/unser-service/archiv-alzheimer-info/umgang-mit-schluckstoerungen-bei-demenz.html

Also bei jüngeren Menschen mit entspr. Lebenswillen könnte man logopädisch behandeln.

Möglicherweise hat deine Mutter aufgrund von Schwäche einfach keinen Appetit und weniger Durstgefühl mehr... Ehrlich gesagt, wenn ich die schwer dementen Menschen im Altenheim so sehe, würde ich persönlich nichts mehr zum Aufpäppeln tun. Wenn jemand noch wirklich Lebenswillen hat, kann man sogen. Astronautennahrung geben, die aber ja wiederum auch geschluckt werden muss.
Hast du ein Gefühl dazu, wie es bei deiner Mutter damit aussieht?

Liebe Grüße
Rose

29.06.2020 | 11:53
hanne63

Hallo Andydreas,
meine Mutter hatte schon ca 2 Jahre bevor sie im Heim untergebracht wurde immer wieder Schluckstörungen und verschluckte sich oft.
Bei meinem Vater haben Medikamente einen sehr starken Speichelfluß ausgelöst, was auch ein Anzeichen von Schluckstörung ist.....die Medikamente wurden dann umgestellt und es wurde viel besser....
am besten finde ich,die Schluckstörungen auch mit den Pflegekräften zu besprechen, die sind ja auch interessiert daran, das für beide Seiten zu erleichtern.....und kennen sich damit auch aus.

ansonsten...behalte ich immer auch die Frage im Hinterkopf: aufpäppeln für was?.....also wenn der Betreffende nicht mehr essen oder trinken mag.....würde ich es am Ende respektieren.

liebe Grüße

29.06.2020 | 12:24
Lulu

Hallo Andydreas,
ich habe ja auch schon öfter zu dem Thema geschrieben. Bei meiner Mutter war es eigentlich ziemlich klar: sie konnte zwar nicht mehr sprechen, aber sie hat den Mund zugekniffen oder den Kopf beiseite gedreht, wenn man ihr etwas anreichen wollte. Sie WOLLTE wirklich nichts mehr essen und zum Schluss auch nichts mehr trinken. Das haben wir akzeptiert. Eine PEG hat sie nicht bekommen, da sie das nie gewollt hätte, und wie Hanne schon schrieb: wozu eigentlich aufpäppeln?
Anders sieht die Lage aus, wenn Ihre Frau Mutter essen will, aber nicht kann. Gründe können sein: Schluckstörung, Schmerzen (Entzündungen im Mund, Magenschmerzen, Schmerzen allgemein), schlechtsitzende Prothese. Da muss man genau beobachten und versuchen, das auszuschließen. Bei meiner Mutter hat der Arzt auch ein Schmerzmittel "auf Probe" gegeben, um zu sehen, ob es besser wird. Wurde es bei ihr nicht.
Als es zu Ende ging, haben wir die Schleimhäute im Mund mit einer speziellen Lösung und mit einer Zuckerlösung (weil sie gerne Süßes mochte) immer wieder befeuchtet. Außerdem haben wir die Lippen eingecremt. Wie gesagt, sie ist ganz friedlich gestorben.

29.06.2020 | 23:25
Elisabetha

Guten Abend, sehr geehrter Herr Hamborg,

gerade lese ich die aktuellen Beiträge und entdecke Ihr Feedback. Es würde mich aufrichtig freuen, wenn Sie den Pflegekräften berichten würden, welche Bedeutung ein Telefonat für einen Angehörigen gewinnen kann.

Ich bin dieser Schwester so dankbar, dass sie sich die Zeit für mich genommen und aufrichtiges Interesse an "unserer Geschichte" gezeigt hat. Während dieses Telefonats fühlte ich mich angenommen, entspannt und wohl. Keine Vorwürfe oder Belehrungen. Alles war gut. Diese junge Frau vermochte es, mich in eine Balance zu versetzen, ich hatte nicht mehr das Gefühl, mich rechtfertigen oder entschuldigen zu müssen. Wunderbar. Wenn ich mich als emotional gestresste und überforderte Angehörige mit Schuldgefühlen bereits nach wenigen Minuten so verstanden gefühlt habe, so ist die Vorstellung, dass es meinem Stiefvater ebenso ergeht, in seiner Erkrankung so verständnisvoll angenommen zu werden , sehr beruhigend. Viel mehr noch, ich freue mich von ganzen Herzen für ihn.

Nun wird es für mich immer verständlicher, weshalb mich die Ärzte sehr vorsichtig darauf aufmerksam gemacht haben, dass mir als Angehörige im Umgang eines an Demenz erkrankten Patienten die entspreche Ausbildung und Erfahrung fehlt. Wie recht sie doch hatten. Niemand wollte mir zu nahe treten oder mich verletzen. Wie dankbar bin ich all jenen, die dennoch die Courage aufbrachten, mir die Wahrheit zu sagen. So konnte nun schlussendlich alles auf einen guten Weg gebracht werden.

Die Erinnerung an dieses Telefonat macht mir dessen Tragweite erst in diesem Moment bewusst. Dies war nur durch Ihre Aufmerksamkeit und Antwort möglich. Ich danke Ihnen!

Herzliche Grüße

Elisabetha


30.06.2020 | 14:21
hanne63

Hallo Herr Hamborg und hallo Elisabetha,
ich finde es auch enorm wichtig, wie die Pflegekräfte mit den Angehörigen umgehen und mit ihnen sprechen.
Leider haben die Pflegekräfte immer viel zu wenig Zeit für Gespräche mit den Angehörigen, jedenfalls erlebe ich das so und ich überstrapaziere wirklich niemanden dort.
Ich empfinde es ähnlich wie Elisabetha: wenn ich mich ernstgenommen und respektiert fühle und mitfühlend auf meine Sorge eingegangen wird, dann habe ich das beruhigende Gefühl, dass auch meine Eltern gut dort aufgehoben sind....

Diese postiven Gefühle meinerseits sind allerdings "leicht" störbar, wenn ich "abgekanzelt" werde, ohne Grund (allerdings nicht von Pflegekräften, eher von anderen Angestellten).....

Mir ist natürlich klar, dass Pflegekräfte in erster Linie für die Bewohner da sind und nicht für das Leid der Angehörigen ;-)....aber es greift doch irgendwie ein Rad ins andere und ich halte den Punkt für sehr wichtig.

liebe Grüße

[Dieser Beitrag wurde 1mal bearbeitet, zuletzt am 30.06.2020 um 14:22.]

30.06.2020 | 16:53
sonnenblümchen

Hallo Andydreas,
haben Dir die Antworten von Rose60, Hanne und Lulu betr. der Verweigerung der Flüssigkeits-und Nahrungsaufnahme Deiner Mama geholfen ?
War jetzt der Arzt des Altersheimes da und was sagt er zu der Lage ? Medikamentenveränderung ? Schreib´doch mal,wie es dir geht!



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