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Ratgeberforum "Gesetzliche Leistungen"

Bild: Ratgeberforum "Gesetzliche Leistungen" Menschen mit Demenz haben Anspruch auf Leistungen der Kranken- und Pflegeversicherung, um ihre medizinische Versorgung, Betreuung und Pflege zu finanzieren. Manchen steht auch ergänzende Sozialhilfe zu. Die Sozialarbeiterinnen Renate Gascho und Birgit Spengemann verfügen gemeinsam über mehr als 45 Jahre Berufserfahrung in der Betreuung und Beratung älterer und demenzkranker Menschen. Sie wissen, was Betroffenen zusteht und beraten im Internetforum kompetent zu leistungsrechtlichen Fragen. Bitte beachten Sie dabei, dass die Auskünfte allgemein gehalten sind. Auskünfte zu landesspezifischen Sonderleistungen wie z. B. Pflegewohngelder sowie das Errechnen von Leistungen im Einzelfall können bei der Beantwortung der Anfragen nicht berücksichtigt werden. Bitte wenden Sie sich hierzu an Ihre zuständige Behörde.

Autor Das neue Familienpflegezeitgesetz
07.01.2012 | 18:03
birgitspengemann

Liebe Leserinnen und Leser,

Das seit Mai 2008 geltende Pflegezeitgesetz (PflegeZG) wurde Ihnen bereits in diesem Forum vorgestellt (siehe Beiträge vom 16.5/./18.5.11 und 5. 6. 11 ). Nun wurde mit dem neuen Familienpflegezeitgesetz (FamPflegeZG), das am 1. Januar 2012 in Kraft getreten ist, ein zusätzliches Instrument geschaffen, um die Vereinbarkeit von Berufstätigkeit und der Betreuung Pflegebedürftiger für die pflegenden Familienangehörigen zu verbessern, allerdings ohne Rechtsanspruch (!).

Das Modell sieht vor, dass Berufstätige ihre wöchentliche Arbeitszeit für die Dauer von maximal 2 Jahren um die Hälfte, höchstens auf 15 Stunden in der Woche, reduzieren können, um in dieser Zeit einen Angehörigen zu pflegen. Wenn der Arbeitgeber damit einverstanden ist, wird eine schriftliche Vereinbarung darüber geschlossen.

Die Vergütung wird für die Dauer der Familienpflegezeit vom Arbeitgeber aufgestockt, zum Beispiel bei 50 prozentiger Arbeitsleistung wird ein Gehalt in Höhe von 75% des bisherigen Gehaltes ausgezahlt.

Dafür gibt es zwei Modelle:
- Weiß der Beschäftigte im Vorfeld, dass er einmal eine Pflegezeit leisten wird, kann er bereits vor Beginn der Pflegezeit ein Arbeitszeitguthaben aufbauen. Dieses Guthaben kann dann zur Aufstockung des Gehaltes während der Familienpflegezeit eingesetzt werden. Nach Ende der Pflegezeit erhält er für die volle Erwerbstätigkeit gleich wieder 100% Gehalt.
- In vielen Fällen tritt die Pflegebedürftigkeit des Angehörigen unerwartet und kurzfristig ein, so dass kein Arbeitszeitguthaben vorhanden ist. Nach der „Pflegephase" arbeitet der Arbeitnehmer dann wieder Vollzeit (100%), erhält er aber nur 75 Prozent seines Bruttogehalts und zwar so lange, bis sein Zeitkonto ausgeglichen ist.

Der Arbeitgeber hat die Möglichkeit, die Aufstockung des Arbeitseinkommens durch ein zinsloses Darlehen des „Bundesamtes für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben“ finanziert zu bekommen. Nach der Pflegephase wird das Darlehen anhand des einbehaltenen Gehaltes wieder zurückgezahlt.

Während der Familienpflegezeit bleibt die Versicherungspflicht in allen Sozialversicherungsbereichen erhalten. Die Beiträge werden aus dem Einkommen in Höhe des reduzierten Gehaltes (50%) zuzüglich der Aufstockungssumme (25%) berechnet. Da die Pflegezeit bei der gesetzlichen Rentenversicherung mit berücksichtigt wird, kommt es in vielen Fällen nicht zu Einbußen bei der Rentenanwartschaft.

Man kann nur hoffen, dass möglichst viele Arbeitgeber dieses Modell unterstützen. Erzählen Sie uns von Ihren Erfahrungen.


Mit freundlichen Grüßen

Birgit Spengemann


09.01.2012 | 19:28
Nina

hallo Frau Spengemann, sicher ein Schritt in die richtige Richtung, aber was nützt ein Gesetz ohne Rechtsanspruch? Ich bin also abhängig von der Entscheidung des Arbeitgebers und darf auf seine Zustimmung hoffen, auch wenn ich mich in einer Versorgungsnotlage befinde?
Das ist keine wirkliche Entscheidungsfreiheit für häusliche Pflege- es muß zur Selbstverständlichkeit werden, wie Z.B. Erziehungsurlaub bei Kindern- da kann auch jeder selber entscheiden was er will und was nicht.
In diesem Sinne-herzliche Grüße Nina

20.01.2012 | 16:40
birgitspengemann

Sehr geehrte Frau Nina,
da stimme ich Ihnen zu, ein Familienpflegezeitgesetz, dass keinen Rechtsanspruch begründet, bringt keine wirklichen Verbesserungen für pflegende Angehörige.
Die gemeinnützige Hertie-Stiftung, die sich für familienbewusste Personalpolitik einsetzt, hat bereits Ende 2011 eine repräsentative Umfrage in deutschen Unternehmen zur Umsetzung des Familienpflegezeitgesetzes in Auftrag gegeben. Laut dieser Umfrage aus Dezember 2011 haben sich 62% der befragten Unternehmen zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht mit der Umsetzung des Gesetzes beschäftigt, 72% konnten keine mögliche betriebliche Maßnahme dazu benennen.
Andererseits gibt es Unternehmen, die schon frühzeitig Konzepte und Arbeitszeitmodelle entwickelt haben, die den Arbeitgebern Möglichkeiten bieten, Pflegezeit und Berufstätigkeit auf eine verträgliche Weise verbinden.
Unter diesem Link finden Sie weitere Informationen und Arbeitshilfen für Arbeitgeber zur Umsetzung des Familienpflegezeitgesetzes sowie Beispiele aus der Praxis:
http://www.beruf-und-familie.de
Ich würde mich freuen, wenn aus den Reihen der Forum-Nutzer Erfahrungsberichte mit der Umsetzung des Familienpflegezeitgesetzes kämen.

Mit freundlichen Grüßen
Birgit Spengemann

01.02.2012 | 20:19
Titanic

Hallo!

Das ist vom Gesetzgeber nett gemeint.

Nur: Nicht jeder Mensch ist in der Lage, seine eigenen Eltern zu pflegen und dafür einige Monate beruflich zu pausieren.

Als allein erziehende Mutter, die jetzt gerade mal wieder angefangen hat, in Vollzeit zu arbeiten (damit Schulden aus der Teilzeit-Arbeitszeit getilgt werden können) ist es kein Weg, für die kranke Mutter nun wieder kürzer zu treten.

Warum werden Pflegedienstleistungen außerhalb der Familie nicht vernünftig unterstützt?

Und warum habe ich ein schlechtes Gewissen, wenn ich derartige Fragen stelle. Ich habe einfach das Gefühl, mein Kind, meine Mutter, meine Arbeit, meine Freunde, meinen Partner und alle wichtigen Dinge im Leben zu vernachlässigen. Ach ja, und mich selbst vernachlässige ich auch.

LG von der Titanic

13.02.2012 | 20:44
birgitspengemann

Hallo Frau "Titanic",

entschuldigen Sie die späte Antwort, aber auch wir Moderatoren sind nicht vor Krankheit gefeit.

In Ihrem Beitrag schildern Sie eine Situation, mit der Sie ganz bestimmt nicht allein sind. Ich möchte Ihnen raten, sich in einem persönlichen Beratungsgespräch über die Hilfe- und Unterstützungsmöglichkeiten zu informieren und sich bei deren Organisation und Koordination helfen zu lassen. Es gibt ja inzwischen eine ganze Palette von Angeboten, um Angehörige bei der Pflege Ihrer Eltern/Kinder/Partner zu entlasten beziehungsweise zu unterstützen. Auch solche, die dem Pflegenden helfen können, mit der sehr belastenden Situation besser zurecht zu kommen.

Das Problem für viele Angehörige liegt meines Erachtens darin, dass sie im Alltagsstress nicht die Zeit finden, sich über alle Möglichkeiten einen Überblick zu verschaffen und dann auch noch die optimale, individuelle Kombination von Hilfen zusammenzustellen. Das geht am Besten in einem einem persönlichen Gespräch mit kompetenten Pflegeberater/innen oder Sozialarbeiter/innen. In den meisten Bundesländern wurden dafür die Pflegestützpunkte eingerichtet.

Wenn Sie Hilfe brauchen bei der Suche nach einer geeigneten Beratungsstelle in Ihrer Nähe, melden Sie sich bitte. Ich werde versuchen, das Richtige für Sie zu findenn.

Mit freundlichen Grüßen
Ihre Birgit Spengemann







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