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Ratgeberforum "Wohnen, Betreuung und Pflege"

Bild: Ratgeberforum "Wohnen, Betreuung und Pflege" Unter welchen Voraussetzungen können Demenzkranke in den eigenen vier Wänden leben? Wann ist ein Pflegeheim, eine Demenz-WG oder betreutes Wohnen angesagt? Zwei Experten auf diesem Gebiet moderieren das Internetforum "Wohnen, Betreuung und Pflege". Martin Hamborg engagiert sich seit 1998 im Vorstand der Deutschen Expertengruppe Dementenbetreuung und kennt sich mit Pflegeheimen und Einrichtungen des Betreuten Wohnens aus. Klaus-W. Pawletko, Geschäftsführer des Vereins "Freunde alter Menschen", ist auf Demenz-Wohngemeinschaften und die ambulante Versorgung Betroffener spezialisiert.

Autor Mutter lehnt jede Hilfe ab
11.07.2020 | 20:16
Manutini

Meine Mutter war immer eine starke, fast dominante Persönlichkeit und dabei sehr kontaktfreudig und kommunikativ. Sie lebt allein und ist dement und aufgrund ihres Verhaltens wurde Alzheimer-Demenz diagnostiziert. Sie veränderte sich extrem, nach ihrer zweiten schweren Wirbelsäulen-OP. Von ihrer Persönlichkeit ist eigentlich nur das negative geblieben, Dominanz und Ablehnung, sowie eine Fixierung auf Männer, hier ihr langjähriger Freund, der sie jetzt immer wieder wegschickt, anschreit und sogar beschimpft. Sie vergisst das aber bis zum nächsten Tag. 2018/2019 konnte ich mich als Tochter nicht wirklich um sie kümmern - zum einen da sie sich ja schnell bevormundet fühlt und ihr ihr Freund wichtiger ist,, zum anderen da bei meinem Mann Krebs im Endstadium diagnostiziert wurde und er innerhalb von 10 Monaten verstarb. Quasi seit seinem Tod versuche ich die Lebenssituation meiner Mutter zu verbessern. Die Diagnose wurde gestellt, im Gespräch mit dem Neurologen stand sie auf und ging. Das von ihm verschriebene Medikament will sie nicht nehmen. Die Pflegestufe wurde beantragt und bewilligt, sie lehnt aber jegliche Hilfe ab, keine Putzfrau, kein Pflegedienst zur Medikamentengabe, kein Essen auf Rädern usw. ich sorge täglich dafür das Essen im Kühlschrank ist und ausreichend Getränke - sie mag nur noch alkoholfreies Bier. Ihre Blutdruckmedikamente bereite ich täglich vor. Sie ist schon nachts unterwegs gewesen um am Haus ihrer Kindheit zu klingeln heute haben sich Nachbarn beschwert, da sie verwirrt im Treppenhaus rumgeistert. Ich habe keinerlei Vollmachten (es gab mal eine, die ist verschwunden - und eine neue wollte sie mir im letzten Jahr nicht geben). Bleibt mir wirklich nichts anderes übrig als zu warten bis etwas passiert? Dem Berater vom sozialpsych. Dienst hat sie auch klar und deutlich gesagt, dass sie keine Hilfe will. Sie wird aber auch immer emotionsloser und kann sich über nichts freuen. Mich erträgt sie maximal eine halbe Stunde. Ihr großer Bekanntenkreis ist nicht mehr existent, darunter sogar zwei Theologinnen, meine Tante und mein Onkel halten sich auch raus, sodass nur noch ich übrig bin. Witwe und Vollzeit erwerbstätig. Hat jemand noch eine Idee? Ich sehe im anregen einer Betreuung im Moment keine wirkliche Verbesserung.

13.07.2020 | 09:26
Lulu

Liebe Manutini,

ich bin Angehörige einer an Demenz erkrankten Mutter (im letzten Jahr verstorben) und ebenso betroffenen Schwiegermutter (im Pflegeheim lebend). Das, was Sie beschreiben, findet man häufig bei Demenzerkrankten: fehlende Kranheitseinsicht, Ablehnen jeglicher Hilfe, Verlust von sozialen Kontakten,... Leider kann ich Ihnen wenig Hoffnung machen, dass sich daran etwas ändern wird. Auch an die Einsichtsfähigkeit Ihrer Frau Mutter werden Sie nicht appelieren können.

Zunächst wichtig: Versuchen Sie, die Wohnung Ihrer Mutter "demenzsicher" zu machen, also: Herd abklemmen, Feuerzeuge, Streichhölzer entfernen, Schlüsselkopien besorgen. Sodann besprechen Sie mit den anderen Mietern des Hauses die Situation. Vielleicht kann jemand ein Auge auf Ihre Mutter werfen. Zumindest hilft es aber Außenstehenden, die Situation richtig einzuschätzen. Bei meiner Schwiemu haben wir das auch gemacht, die Nachbarn waren sehr verständnisvoll. Natürlich sollte Ihre Mutter von diesen Vorkehrungen möglichst nichts merken, denn das würde sie unnötig in Verlegenheit bringen. Keiner gibt vor sich und anderen gerne zu, dass er demenzkrank ist!

Bei meinen Angehörigen war es dann leider so, dass erst Katastrophen passieren mussten. Meine Schwiemu wurde 3x hilflos aufgefunden und ins Krankenhaus verbracht. Das letzte Mal mit Polizei und Notöffnung, da wir nicht erreichbar waren und die Nachbarn die Schlüssel wieder zurückgegeben hatten, da sie von ihr des Diebstahls bezichtigt wurden. Beim dritten KH-Aufenrhalt ging die Sache dann endlich ihren Gang: Beschluss vom Amtsgericht, Pflegeheim.

Obwohl das Heim sehr schön ist, gefällt es ihr dort nicht, sie will immer nach Hause (das ist aber mittlerweile der elterliche Bauernhof, den es lange nicht mehr gibt). Wir finden es so schade, dass sie gar nicht die Ruhe finden kann, die sie nach einem schweren Leben eigentlich verdient hätte.

Ihnen wird am Ende nichts anderes übrig bleiben, als eine Betreuung anzuregen. Hier sollten Sie überlegen, ob sie das übernehmen wollen oder von einem Berufsbetreuer machen lassen. Es gibt Für und Wider, jede Situation ist anders. Bei meiner Mutter hatte ich 10 Jahre lang die Betreuung und es klappte gut.

Holen Sie sich andere Leute ins Boot! Verwandte, ehemalige Freunde Ihrer Mutter, den Freund selbst (?), den Hausarzt, Nachbarn. Vielleicht kann sie zunächst in eine Tagesbetreuung? Würde sie das zulassen?

Ich wünsche Ihnen viel Durchhaltevermögen

13.07.2020 | 11:54
klauspawletko

Hallo Manutini,
ich kann Lulu nur beipflichten. Sie werden um eine Betreuung nicht herum kommen. Ich möchte Ihnen ein Gespräch mit einem Betreuungsverein empfehlen; in der Regel gibt es dort sehr engagierte und kompetente Berufsbetreuer. Sie können dann auch diskutieren, welche Betreuungsbereiche übernommen werden sollen und wie weit Sie selbst eingebunden werden möchten.
Als nächstes würde ich versuchen, einen Pflegedienst zu finden, der in der Lage ist, ausschließlich männliche Pflegekräfte zu Ihrer Mutter zu schicken.
Gibt es denn einen Hausarzt, zu dem Ihre Mutter einen "guten Draht" hat. Manchmal helfen Autoritäten, die Kooperation zu verbessern.
Ist der Freund Ihrer Mutter bereit und in der Lage, die Situation Ihrer Mutter zu realisieren? Ihn einzubinden, würde die Situation wahrscheinlich verbessern. Das setzt natürlich voraus, dass er noch Verantwortung übernehmen will.
Ansonsten sind die Hinweise von Lulu allesamt sehr hilfreich.
Ich wünsche Ihnen viel Kraft und alles Gute!
Freundliche Grüße von
Klaus-W. Pawletko

13.07.2020 | 19:39
Manutini

Das mit anderen ins Boot holen ist ja das Problem denn
- der Freund will sie loswerden
- Ärzten vertraut sie nicht mehr. Sie ist 20 Jahr chronisch krank und kein Arzt konnte die Erkrankungen heilen, den Neurologen kannte sie auch schon 20 Jahre oder länger
- Eine Nachbarin wird 100, eine andere Nachbarin ruft zwar an, z.B. damit ich verhindere, dass sie im Treppenhaus hoch und runter geht - da die Nachbarin dadurch beunruhigt ist. Ich solle meiner Mutter Tabletten dagegen geben.
- Andere Nachbarn sind nur sporadisch im Haus
- Tagespflege - nur geknebelt und gefesselt
- Ich darf ihre Wohnung nur in ihrer Anwesenheit betreten, habe aber heimlich einen Zweitschlüssel
- Fremde kommen ihr nicht in die Wohnung
- Meine Tante und mein Onkel sind 80+ und haben scheinbar Angst vor meiner Mutter, und telefonieren manchmal mit ihr
- Ihre jüngeren Freunde sind informiert, außerdem hab ich sie gebeten sich einzubringen, damit meine Mutter nicht sozial vereinsamt , manchmal rufen sie meine Mutter tatsächlich an.
Der sozialpsych. Dienst würde die Betreuung anregen, damit ich aus der Schusslinie bin. Tendenz ist deshalb auch einen Berufsbetreuer zu wählen. Scheinbar bin ich als einzige übrig, die bereit ist etwas für sie zu tun. Würde sie mich als Verursacherin für die Betreuung (noch mehr) ablehnen, wäre da niemand mehr. Wir haben aber aufgrund der Corona-Pandemie erstmal darauf verzichtet. Aber auch ein Betreuer kann doch nicht einfach so gegen ihren Willen entscheiden, das sie nicht mehr allein leben kann, oder? Den Pflegedienst muss sie auch nicht reinlassen, oder sie ist zufällig nicht da. Essen auf Räder muss sie ja auch nicht zwingend essen. Ich bin wirklich ratlos...

14.07.2020 | 11:36
Lulu

Hallo Manutini,

nein, gegen ihren Willen kann auch der Betreuer sie nicht einfach in ein Pflegeheim verfrachten. Der Mensch hat das Recht auf Verwahrlosung und das ist auch gut so. Wenn ein Demenzkranker freiwillig ins Pflegeheim zieht, das aber dann vergisst und nun wieder raus will, darf man ihn nicht daran hindern. Wenn er, wie meine Schwiemu, im Heim nachts rumgeistert und sich verletzen kann, darf weder ein Bettgitter noch sonst etwas verwendet werden (sie hatte sich vor einiger Zeit dann auch den Arm gebrochen). Das alles läuft unter dem Label "freiheitsentziehende Maßnahmen". Da ist unser Gesetz recht streng.

Eine Einweisung in ein Pflegeheim, eventuell mit einer geschützten Station, bedarf eines richterlichen Beschlusses. Das passiert erst dann, wenn der Betreffende sich selbst oder andere gefährdet. Ihre Mutter gefährdet ja die anderen Mieter im Haus nicht, wenn sie das Treppenhaus rauf und runter läuft.

Ihre Mutter hat auch das Recht, die Nahrung zu verweigern. Das hat meine Mutter im Endstadium ihrer Demenz übrigens auch getan. Ich habe dann entschieden, dass sie keine PEG (Magensonde) bekommt, denn das hätte sie niemals gewollt. Daran ist sie schließlich gestorben. Wir haben immer Nahrung und Flüssigkeit angeboten, sie hat aber den Kopf weg gedreht. Sprechen konnte sie schon lange nicht mehr und mich erkannte sie die letzten 3 Jahre auch nicht mehr. Sie ist friedlich gestorben, aber für mich war es trotzdem schlimm, das zu sehen.

Sprechen Sie doch noch einmal mit dem Betreuungsverein, wie Herr Pawletko geraten hat. Und suchen Sie sich selbst Hilfe, das hat mir damals sehr geholfen. Es ist einfach eine fürchterliche Krankheit, aber sie müssen jetzt stark bleiben!

14.07.2020 | 11:42
klauspawletko

Hallo Manutini,
so wie Sie die Lage schildern, scheint sie nicht lebensbedrohlich für Ihre Mutter zu sein. Wenn Sie nicht zu "Zwangsbeglückung" greifen wollen (was ich gut verstehe), bleibt tatsächlich nichts anderes übrig als darauf zu warten, das etwas passiert, was Ihre Mutter zwingt, Hilfe von Außen anzunehmen. Das klingt furchtbar zynisch, aber so lange Ihre Mutter die lebensnotwendigen Hilfeleistungen von Ihnen annimmt, kann der jetzige Zustand aufrecht erhalten werden. Kritisch wird es, wenn Sie einmal krank werden sollten - wer ist dann für Ihre Mutter da? Absehbar ist ja auch, dass Sie selbst einmal eine Auszeit brauchen, um sich zu erholen.
Ich verstehe Ihren Wunsch, die Autonomie Ihrer Mutter zu bewahren, aber früher oder später wird es nötig sein, sie vor sich selbst zu schützen.
Ferndiagnosen sind immer problematisch, aber mir scheint neben der Demenz auch eine psychische Erkrankung vorzuliegen, die unter Umständen behandelbar ist.
Dies wir aber unter den gegebenen Umständen nicht funktionieren, ohne den vermeintlichen Willen der Mutter zu ignorieren.
Sie können es drehen und wenden wie Sie wollen: Auf Dauer werden Sie (oder ein Bevollmächtigter) Dinge für Ihre Mutter regeln müssen, die nicht auf Gegenliebe stossen.
Ich würde Ihnen gerne mehr Mut machen, aber Sie werden die Situation auf Dauer nicht alleine durchstehen ohne selbst krank zu werden.
Alles Gute wünscht Ihnen
Klaus-W. Pawletko

14.07.2020 | 17:57
Manutini

Vielen Dank für die Antworten, manchmal hilft ja schon ein Austausch, auch wenn er nur die eigenen Einschätzungen und Befürchtungen bestätigt. Es ist verblüffend, dass Menschen, die die Situation nicht selbst erfahren nicht glauben, dass demente Menschen so einen starken Willen haben um sich stetig jedem Hilfsangebot zu verweigern - und dabei nicht unbedingt nett sind. Einmal habe ich den Rat erhalten doch den Film Honig im Kopf anzusehen, um richtig mit meiner Mutter umgehen zu können. Aber jetzt wieder zur Realität: Der sozialpsychiatrische Dienst wird sie morgen erneut besuchen um ihr wieder Unterstützungsangebote vorzustellen. Wahrscheinlich wird er und später auch ich aus der Wohnung geworfen - ein Versuch ist es aber wert. Auch ihren Hausarzt informiere ich über die aktuelle Situation, damit er beim nächsten Termin die Medikamente überprüft. Die Pflegeberatung nach §37 steht auch noch aus. Was mich angeht, eine geplante Reha bei mir musste ich zwar absagen - im Moment geht es aber.



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