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Ratgeberforum "Wohnen, Betreuung und Pflege"

Bild: Ratgeberforum "Wohnen, Betreuung und Pflege" Unter welchen Voraussetzungen können Demenzkranke in den eigenen vier Wänden leben? Wann ist ein Pflegeheim, eine Demenz-WG oder betreutes Wohnen angesagt? Zwei Experten auf diesem Gebiet moderieren das Internetforum "Wohnen, Betreuung und Pflege". Martin Hamborg engagiert sich seit 1998 im Vorstand der Deutschen Expertengruppe Dementenbetreuung und kennt sich mit Pflegeheimen und Einrichtungen des Betreuten Wohnens aus. Klaus-W. Pawletko, Geschäftsführer des Vereins "Freunde alter Menschen", ist auf Demenz-Wohngemeinschaften und die ambulante Versorgung Betroffener spezialisiert.

Autor Essensverweigerung oder falsche Handhabung?
26.07.2020 | 12:03
Cinderella

Hallo,

nun wende ich mich erneut an dieses Forum mit einem neuen Problem.

Während der Corona-Krise konnten wir, wie andere auch, unsere Mutter nicht im Heim besuchen. Eine sehr schwere Zeit. Netterweise hat das Heim "Balkonbesuche" möglich gemacht, sodass man sich wenigstens sehen konnte.
Nun dürfen wir wieder in den Bereich, Mutter spazieren führen usw.

Mir war aufgefallen, dass meine Mutter stark abgenommen hatte und wir haben auf ein Gespräch mit der Pflegeleitung gedrängt. Dabei kam heraus, dass Mutter oft Essen und Trinken verweigert und schnell ermüdet. Mit dem Arzt wäre schon gesprochen worden, der hatte gemeint, dass man da nicht viel machen könne. Man wollte meine Mutter nicht zum Essen zwingen. Meine SChwester und ich machten uns viel Sorgen und fragten nach der Einschätzung der Pflege, ob Mutter nicht mehr wolle. Ja, es sähe fast so aus, sie hätte auch stark abgebaut und die Demenz würde an ihr zehren.

Nach einem Besuch von mir zur Mittagszeit, in der ich sie im Bett füttern sollte, wurde dieser Verdacht bestätigt und meine SChwester und ich machten uns auf das Schlimmste gefasst und dachten, nun wird der letzte Weg beschritten.

Am nächsten Tag ging ich mit Mutter spazieren, sie war munter und entspannt und aß einen ganzen Erdbeerkuchen mit Sahne und noch Kekse. Das macht kein Mensch, der aufgegeben hat!

Ein ähnliches Spiel zeigte sich uns gestern. Wir besuchten Mutter, sie saß im Rollstuhl auf dem Flur mit angezogenen!! Bremsen und wir gingen spazieren. Auch hier ließ sie sich gut füttern und versuchte selbst zu essen. Abends mit der Pflegerin gesprochen, die meinte: es wäre so schwierig gewesen meine Mutter zum Essen zu bewegen, sie hätte alles pürieren müssen und es ihr quasi eingeflöst. Wir daraufhin: bei uns ist das kein Problem. Warum bietet ihr kein Fingerfood an?

Ich befürchte Fingerfood zwischendurch bedeutet zuviel Arbeit und Dreck. Dann versuchen sie vermehrt unsere Mutter im Bett zu füttern. Ansonsten sitzt sie mit einer Pflegerin an einem kleinen Tisch, mit Blick zur Wand, da meine Mutter nicht in der Gemeinschaft sitzen kann. Mutter zeigt anderen Bewohnern gegenüber abwehrendes Verhalten, das weiß ich, und möchte nicht in deren Gesellschaft sein. Das ist uns bekannt und wir möchten das auch so.
Ich weiß nun gar nicht mehr, wie ich die Situation einschätzen soll.

Dann sollen wir immer vorher anrufen, wenn wir Mutter besuchen wollen, damit die Pfleger sie länger im Bett lassen, da sie ja sonst zu müde würde. Diesen Eindruck können wir nicht unbedingt teilen.

Was mich auch geärget hat, dass wir erst nach Drängen auf ein Gespräch von Mutters Essens-Verweigerung erfahren haben. Hätte man uns nicht informieren können, dass es da ein Problem gibt? Das fördert nicht gerade unser Vertrauen in die Einrichtung.
Ich bin total verunsichert und weiß nicht, was ich davon halten soll.

26.07.2020 | 18:04
Teuteburger

Hallo Cinderella,

ich versuche, an dieser Stelle, einmal einen vorsichtigen Erklärungsversuch zu starten.

Ich kenne im Grunde ein ähnliches Verhalten. Meine Schwiegermutter isst zum Beispiel bei guter Stimmung recht gerne. Bei schlechter, depressiver Stimmung will sie dann auch nicht immer. Ihr ganzer Körper ist dann irgendwie anders gepolt. Sie kann dann auch schlechter schlucken als sonst.
Sie isst bei guter Stimmung auch gerne in Gesellschaft, bei schlechter, depressiver Stimmung, lehnt sie auch das ab. Dann will sie nicht mehr leben, hat keine Lust mehr, das Leben ist sinnlos. Essen und Trinken - wofür, sagt sie dann.

Und so haben auch wir einen ständigen Wechsel, den wir auch nur teilweise auffangen können, mit der Tendenz eher zur Verschlechterung.

Wenn Ihre Mutter im Heim eher nicht gerne essen will und wenn das mit Corona aufgetreten ist, weil sie eine zeitlang keinen Besuch mehr empfangen hat, dann denke ich mir, dass sie vielleicht keinen Sinn mehr darin gesehen hat, dies zu tun, ohne Ihre regelmäßigen Besuche. Ich halte auch Demenzkranke hier für recht empfindsam, trotz ihrer Demenz.

Das Ihre Mama in Ihrer Gegenwart, dann doch mal gerne was isst, ist für mich schon recht eindeutig. Und auch, dass sie das gerne mal Draußen in einer recht ansprechenden Umgebung macht.
Man kann aber nicht täglich Draußen essen und es können auch die Kinder nicht immer da sein. Das funktioniert auch nicht in einer häuslichen Umgebung. Deshalb stellt sich mir die Frage, ob Ihre Mama sich mit der Zeit wieder langsam umstellen kann, weil sie wieder öfters Besuch bekommt.
Vielleicht will sie es in Zukunft aber nur noch hin und wieder machen, weil die Stimmung ect. sie Draußen dazu verleitet. Vielleicht werden auch schöne Erinnerungen von früher bei ihr wach.

Ich würde das zwar nicht als das Ende ansehen, aber halt schwankend und ich würde es der Mutter überlassen, ob sie dabei bleiben will oder ob sie es wieder verändern will. Ich würde natürlich alles dafür tun, so wie es meine Zeit und meine Möglichkeiten es erlauben, sie zum Essen/Trinken zu animieren, wenn ich da bin.
Und vielleicht kann man im Heim, sich zum Essen auch ans geöffnete Fenster setzen. Ich finde diese tristen Zimmer ohnehin nicht so dolle. Eine schöne Landschafts-Wandtapete fände ich ansprechender, als einfach nur weiß, ect.

Liebe Grüße an Sie



[Dieser Beitrag wurde 1mal bearbeitet, zuletzt am 26.07.2020 um 18:06.]

27.07.2020 | 11:46
Cinderella

Hallo Teuteburger, danke für Ihre Antwort und Ihre Erklärung.
Ich denke, es ist eine Mischung von verschiedenen Faktoren. Die schlechte Stimmung durch den Corona Lockdown, dann die räumlichen Gegebenheiten des Heims und die Überlastung der Pfleger.

Mir sagt auch das Konzept des Heims, die starren Essenzeiten, nicht so zu. Ich finde es besser, wenn das lockerer gehandhabt würde und es Kleinigkeiten zum Essen für die Bewohner immer frei verfügbar sind. Dieses Konzept haben wir in dem vorherigen Heim erlebt und dort hat auch allgemein eine größere Zufriedenheit der Bewohner geherrscht. Nur, es war leider zu weit weg von uns.

Mal schauen, wie es weitergeht.

27.07.2020 | 14:43
klauspawletko

Hallo Cinderella,
diese Pflegeeinrichtung scheint nicht gut auf die Bedürfnisse demenzkranker Bewohner eingerichtet zu sein.
Wahrscheinlich haben die Mitarbeiter Sorge, dass beim Servieren von Fingerfood zuviel Aufräumarbeit anfällt. So ein Konzept lässt sich nur mit viel Personalpräsenz realisieren.
Vielleicht können Sie sich mit dem Heim auf folgendes einigen:
- Essen wird nicht mehr im Bett gereicht, sondern nur noch am Tisch. Ihre Mutter gehört wahrscheinlich zu der Generation, für die das Bett kein Ort zum Essen ist.
- Statt Wasser/Tee werden kalorienreiche Getränke gereicht (z.B. Malzbier). Vielleicht müssen Sie dies notfalls selbst kaufen.

Die Müdigkeit Ihrer Mutter hängt nicht zwangsläufig mit zu geringer Nahrungszufuhr zusammen. Wenn Ihre Mutter ausreichend trinkt (siehe kalorienreiche Getränke), ist wenig essen nicht unbedingt bedrohlich - zumindest dann, wenn es kein Dauerzustand ist.

Beste Grüße von
Klaus-W. Pawletko




31.07.2020 | 09:49
martinhamborg

Hallo Cinderella, auch von mir noch eine Anregung: Die Ablehnung von Essen ist ein häufiges Problem in der Pflege und es gibt viele mögliche Ursachen. So wie Sie es beschreiben, würde ich - wie Teuteburger - auch an eine Depression in denken, gegen die Sie durch ihre Besuche besser gegensteuern können, als Pflegerinnen zu denen noch kein Vertrauen aufgebaut werden konnte.

Notwendig ist aber, dass andere Auslöser und Ursachen ausgeschlossen sind:

Appetitlosigkeit, Völlegefühl usw. sind eine der häufigsten Nebenwirkungen von Medikamenten und auch ein Hinweis auf Obstipation oder mögliche körperliche Krankheiten, nicht nur die Depression. Ganz zentral ist - der in der Demenz anderes verarbeitete - Schmerz. Sind diese Aspekte ärztlich abgeklärt?

Gerade durch die Verbindung mit herausforderndem Verhalten ist es notwendig, nach diesen Ursachen zu forschen und diagnostisch gut abzuklären. Hinzu kommt, dass Ihre Mutter möglicherweise von zu vielen Reizen überfordert ist.

Es liegt also nicht immer daran, dass sich Pflegekräfte keine Mühe geben, dass Essen nicht schmackhaft oder geeignet ist. Ein geflügeltes Wort in der Pflege ist: "Torte geht immer", nur ist es im knapp verhandelten "Rohverpflegungssatz" nicht immer finanzierbar.

Je mehr Druck wir aufbauen oder mit allen Tricks arbeiten, um so häufiger können wir Abwehr erwarten.
Im Blog finden Sie einen Text von mir, in dem ich deutlich mache, warum Druck oder Zwang nicht sinnvoll sind.
Ich bin gespannt auf Ihre Rückmeldung, Ihr Martin Hamborg

31.07.2020 | 14:45
Cinderella

Hallo MartinHamborg, Hallo KlausPlawetko, danke für Eure Antworten und Anregungen. Eure Hinweise gehen in die richtige Richtung nach meinem Gefühl.
1. Fingerfood bedeutet zu viel Schmutz und zu viel Arbeit und die weichen nicht von ihrem Konzept ab.
2. Obstipation ist tatsächlich ein Thema bei meiner Mutter, dagegen bekommt sie aber Lactulose.

Heute hatten wir wieder den Fall. Mutter wird nach dem Duschen ins Bett gelegt, da sie davon immer müde wird. Nun bin ich heute vormittag vorbei gegangen, da mussten sie sie rausholen. Sie ist beim Spazieren fahren (Rollstuhl) auch immer sehr wach, da hatten wir letztes Jahr VOR DER ABSETZUNG DER MEDIKAMENTE noch schlimmere Zustände erlebt. Wir reichen ihr Essen und Trinken an, draußen, und es geht ganz gut. Zurück ins Heim, wurde ihr dann das Mittagessen warm gemacht und wir wurden gefragt: OB WIR SIE IM BETT FÜTTERN MÖCHTEN? Wir lehnen das ab, aber die Pflege macht das öfters, da sie es so leichter haben, da Mutter sich nicht durch Vorlehnen entziehen kann.
Wir haben uns im Zimmer mit ihr an den Tisch gesetzt und es hat recht gut funktioniert. Und das bei der Hitze.

Wie sehen Sie das mit dem im Bett füttern oder ins Bett legen und dann liegen lassen?
Wenn sie müde ist, finde ich es gut, dass sie ins Bett gelegt wird, besser als das sie da im Rollstuhl hängt. Aber mir kann keiner erzählen, dass sie ständig gucken ob sie schläft oder ob sie wach ist.
Unsere Anregungen, sie doch in einen speziellen Sessel zu setzen zwischendurch werden nicht angenommen, da sie da rausfallen könnte.
Wir haben Angst, dass sie durch das ständige ins Bett legen schneller bettlägrig.

Ich verliere das Vertrauen in das Pflegeheim und weiß nicht mehr, wie ich die Situation einschätzen soll.

08.08.2020 | 08:20
martinhamborg

Hallo Cinderalla, in einem Aspekt möchte ich das Heim noch mal in Schutz nehmen: Auch ich empfehle Angehörigen manchmal, dass Sie bei ihren Besuchen in dieser Situation die Essenshilfe übernehmen. Wir haben mal ein Projekt gemacht "Liebe geht durch den Magen", denn bei schwerer Demenz ist das Essen eine der wenigen Möglichkeiten für einen liebevollen Zugang. Noch wichtiger ist dies, wenn noch nicht klar ist, aus welchen Gründen Essen abgelehnt wird. Da gilt es alles auszuprobieren und Angehörige haben oft einen intensiveren Kontakt.

Oft kommt dann das Argument: Wir zahlen hier über 5000€, da sollte eine (stundenlange) Essenhilfe "drin" sein. Manchmal lassen sich Grundinformationen nicht vermeiden. Wir hätten kein Problem, wenn der Anteil der Pflege am Bruttosozialprodukt so hoch läge wie in Skandinavien (er ist doppelt so hoch!) oder wenn eine klare Erwartung bestehen würde, dass sich Angehörigen an der Pflege beteiligen, so wie in vielen anderen Ländern...
Manchmal erinnere ich an das alte Pflegestufensystem, in dem die Zeitwerte für die Essenshilfe angesetzt waren oder an ein Personalbemessungsverfahren, wo zumindest in unserer Einrichtung die reale Zeit für die Essenshilfe 3x so hoch lag und wir den Anspruch auf nahezu das doppelte Personal gehabt hätten... Trotzdem müssen wir genau hinsehen, denn durch die Pflegeversicherung hat der Anteil der Einrichtungen zugenommen, die von Hedgefonds betrieben werden und den Gesetzen der Börse gehorchen müsssen.

Entschuldigen Sie bitte diesen kleinen Vortrag, denn es ist ein wirklich heikles Thema mit der Wertschätzung der Pflege und dem daraus resultierenden Fachkräftemangel in Zeiten des demografischen Wandels.

Wichtig ist, dass Sie weiter an den Ursachen der Ablehnung forschen und da möchte ich noch eine Information geben: Das Essen im Bett oder im Rollstuhl (mit Fußstützen) ist fachlich das Allerletzte, d.h. nur dann erlaubt, wenn es wirklich keine Alternativen gibt. Allein der Schluckvorgang wird erheblich beeinträchtigt, wenn die Füße nicht fest auf dem Boden stehen.

Haben Sie den Text auf der Informationsseite "Aktutsituation" zum Thema gelesen? Dort haben wir die wichtigsten Fragestellungen zusammengetragen. Gern können wir dann im Detail weiterdenken, was für Ihre Mutter zutrifft und wo es noch weitere Möglichkeiten gibt.
Ich hoffe, Sie nehmen mir meinen "Vortrag" nicht übel und wir können hier konkret gemeinsam weiterdenken, Ihr Martin Hamborg

08.08.2020 | 13:02
Cinderella

Hallo Martinhamborg, ich glaube Sie haben mich mißverstanden. Ich habe nichts dagegen meiner Mutter das Essen anzureichen, ganz im Gegenteil!
Nur ich finde das Füttern IM BETT nicht in Ordnung. Das lehnen wir ab.

Wir hatten letztens ein Gespräch, da wurde uns durch die Blume gesagt, dass sie sich von uns bevormundet fühlen würden. Gleichzeitig wurde zurück gerudert, dass das mit dem weniger essen doch nicht so schlimm gewesen wäre. Und wir würden unsere Mütter müde machen mit unsren langen Spaziergängen. Das Gespräch war nicht sehr angenehm gewesen und wir überlegen uns schon Alternativen.



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