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Ratgeberforum "Wohnen, Betreuung und Pflege"

Bild: Ratgeberforum "Wohnen, Betreuung und Pflege" Unter welchen Voraussetzungen können Demenzkranke in den eigenen vier Wänden leben? Wann ist ein Pflegeheim, eine Demenz-WG oder betreutes Wohnen angesagt? Zwei Experten auf diesem Gebiet moderieren das Internetforum "Wohnen, Betreuung und Pflege". Martin Hamborg engagiert sich seit 1998 im Vorstand der Deutschen Expertengruppe Dementenbetreuung und kennt sich mit Pflegeheimen und Einrichtungen des Betreuten Wohnens aus. Klaus-W. Pawletko, Geschäftsführer des Vereins "Freunde alter Menschen", ist auf Demenz-Wohngemeinschaften und die ambulante Versorgung Betroffener spezialisiert.

Autor Verwahrloster Alkoholiker weigert sich zum Arzt zu gehen
28.07.2020 | 19:59
Rusa

Hallo liebes Forum,

es geht um meinen 65-jährigen Vater. Die Geschichte wird lang und kompliziert und ich erhoffe mir von meinem Beitrag ein paar Tipps darüber an wen ich mich im besten Fall wenden kann.
Mein Vater lebt seit 3 Jahren bei meiner Mutter, obwohl sie seit 16 Jahren getrennt sind. Zur Scheidung kam es nie, weil man sich über den Zugewinn für meine Mutter nicht einigen konnte. Mein Vater war lange Zeit verschuldet.
Sie leben in SEINER immer noch nicht ganz abbezahlten Eigentumswohnung, die meine Mutter seit der Trennung mit mir und meinem jüngeren Bruder bewohnt(e).
Weil er in 2016 zum ersten Mal in seinem Leben, unter schizophrenen Psychosen litt, wurde er nach 2 gescheiterten Wiedereingliederungen in beiderseitigem Einvernehmen von seinem Arbeitgeber entlassen.
Während dieser Krankheit war er in geschlossenen Psychatrien untergebracht und auch für eine Zeit in einer Tagesklinik.
Da er nicht mehr in der Lage war, für sich selbst zu sorgen, haben wir als Familie entschieden, dass er zuerst bei meiner Mutter unterkommen sollte und mit seinem Einverständnis seinen Haushalt aufgelöst.
Seitdem weigert er sich zum Arzt zu gehen, alle Medikamente hat er eigenwillig abgesetzt, nachdem die letzten Packungen leer waren.
Er spricht kaum, trinkt jeden Tag eine halbe bis ganze Flasche harten Alkohol, Sekt und Bier. Er sitzt den ganzen Tag vor dem TV und spielt zeitgleich Solitär auf seinem Handy, ca. alle 30 Minuten geht er an seinen Schreibtisch und treibt sich in teuren Sexchats herum.

Seine Steuererklärung wollte er auch nicht mehr machen, letztlich hat sich das Finanzamt das Geld von seinem Konto per Pfändung geholt. Er wäscht sich nicht und würde Wochen lang in derselben Kleidung verbringen, würde meine Mutter nicht mit Fernsehverbot drohen. Er ist wie ein Kleinkind, frei von jeglicher Scham und ohne Selbstwahrnehmung. Seine Unterwäsche und Hosen sind regelmäßig voller Kot.

Ich bin meiner Mutter sehr dankbar dafür, dass Sie ihr Möglichstes tut und für ihn wäscht, kocht und ihm hinterher räumt/ putzt.
Er hat sie damals dauerhaft betrogen, es ist also keinesfalls zu erwarten, dass sie sich nun liebevoll um ihn kümmert.
Sie ist hart im nehmen, stellt sich aber sicher ihr Leben anders vor und auch ich wünsche mir für beide etwas anderes.
Leider war meine Mutter in Sachen Behördengänge, Papierkram und ähnlichem immer unselbstständig, mein Vater hat sich früher darum gekümmert, oder eben ich.
Sie ist nicht in der Lage sich zu informieren und das Notwendige in die Wege zu leiten.

Ich wohne leider inzwischen 350 km entfernt und fühle mich aber schon lange für meine Eltern verantwortlich.

An wen kann ich mich wenden um mich über Möglichkeiten zu informieren, diese Situation etwas zu erleichtern?
Mein Vater hat keinen Kontakt zu anderen Menschen, keine Freunde, keine Bekannten. Er verlässt nur das Haus um sich Alkohol und Zigaretten zu kaufen.
Ich denke, er leidet schon seit Jahrzehnten an Depressionen, denn er hat schon immer viel getrunken.

Im Moment ist es aus meiner Sicht sein ganzer Lebensinhalt und für das gesamte Umfeld eine belastende Situation.
Hilfe, ich bin verzweifelt :(

29.07.2020 | 11:15
Rose60

Hallo rusa,
Sie beschreiben geradezu unhaltbare Zustände bei Ihren Eltern, ganz besonders für Ihre Mutter finde ich diese Situation eine absolute Zumutung!!!

Ihre Gefühlswelt, sich trotzdem noch verantwortlich zu fühlen, kommt mit aus eigener Erfahrung sehr bekannt vor und ich kann Ihnen zunächst mal dringend raten, dass Sie für sich selbst sorgen sollten und sich professionell coachen lassen sollten mittels psychologischer Beratung oder Therapie, um nicht total weiter in diesen Sumpf gezogen zu werden.
Im Hinblick auf Ihre Eltern wäre der sozualpsychiatrische Dienst am Wohnort zunächst zuständig für Anfragen zum weiteren Vorgehen.

Warum verlangen Sie von Ihrer Mutter dies alles auszuhalten?
Warum sehen Sie Ihren Vater vor allem als Opfer? Gab es für ihn keine Möglichkeit konstruktiv etwas für seine und damit Ihrer aller Situation zu tun?
Viele Fragen...

Bitte verzeihen Sie mir meine klaren Worte dazu, ich habe sie selbst vor einigen Jahren gebraucht.. wir haben alle nur dieses eine Leben und das sollte man sich schön machen und nicht zeitlebens in Verstrickungen verharren. Versuchen Sie loszulassen und sich ein eigenes glückliches Leben zuzugestehen!
Ihre Eltern sind beide erwachsen und selbst verantwortlich.

Könnte ich nochmal entscheiden, hätte ich den Kontakt zu meinen Eltern schon vor Jahren abgebrochen. So hat es mich phasenweise immer wieder den Großteil meiner Lebenskraft gekostet.
Es ist ein längerer Weg, sich aus solchen Verhältnissen zu befreien, doch es ist möglich und steht Ihnen zu!

Ich wünsche Ihnen von Herzen die notwendigen Möglichkeiten und Energie
Rose60

29.07.2020 | 14:30
klauspawletko

Hallo Rusa,
der Entschluss Ihrer Mutter, wieder bei Ihrem Vater zu wohnen, ist lobenswert - aber kontraproduktiv.
Das ist die "klassische" Konstellation eines Co-Alkoholikers, die nach allen Erfahrungen beiden Seiten nicht hilft.
Das Opfer (in mehrfacher Hinsicht) scheint doch eindeutig Ihre Mutter zu sein.
Ich würde Ihnen dringend raten, darauf hin zu wirken, dass sie aus der Wohnung des Vaters auszieht, wenn nicht gravierende Gründe - z.B. finanzieller Natur - dagegen sprechen.
Ihr Vater wird sein Verhalten erst ändern, wenn seine Lage sich gravierend verschlechtert. Das mag brutal klingen; ist aber bei Alkoholikern leider die einzige Möglichkeit.
Das Zusammenleben mit Ihrem Vater wird für Ihre Mutter absehbar die Hölle auf Erden bleiben. Wenn Sie sich weiterhin bewusst dafür entscheidet, kann man auch nichts machen. Aber Sie sollten sie dabei unterstützen, dieser Hölle zu entrinnen.
Viel Erfolg dabei wünscht Ihnen

Klaus-W. Pawletko

29.07.2020 | 18:57
Rusa

Hallo Rose60,
Hallo Herr Pawletko,

vielen Dank für Ihre schnellen Antworten.
Leider besteht diese angesprochene finanzielle Abhängigkeit. Das ist im Grunde schon seit langem das Problem dieser „Beziehung“ gewesen.
Die einzige rationale Lösung, wäre die Wohnung zu verkaufen, den Gewinn zu teilen und getrennte Wege zu gehen. Aber dieser Lösung wird mein Vater nie freiwillig zustimmen. Er ist auch gegen eine Scheidung, da er keine Rentenpunkte abgeben will.

Ja, das Opfer ist meine Mutter. Schon immer gewesen. Früher war noch Liebe im Spiel, heute ist es Mitleid.

Ich habe bereits einen Termin beim sozialpsychiatrischen Dienst vereinbart. Sie haben Recht, die Situation ist eine Zumutung und es ist Zeit, sie zu ändern.

31.07.2020 | 10:45
martinhamborg

Hallo Rusa, vielleicht ist es möglich mit dem sozialpsychiatrischen Dienst auch Folgendes zu besprechen:
Sie schreiben von der schweren Psychose und von Depressionen. Oft werden diese mit Alkohol "behandelt" und es kommen bekannte Folgeprobleme hinzu. Am besten ist dann oft ein erneuter Klinikaufenthalt und Sie können alles vorbereiten, dass es in einem Notfall ganz schnell geht und vielleicht den richtigen Moment für eine freiwillige Einweisung auch in der Entfernung "abpassen". Zudem könnte abgeklärt werden, ob sich möglicherweis eine frontotemporale Demenz zusätzlich zu den anderen schweren psychischen Erkrankungen entwickelt hat.
Sie werden sicher auch besprechen, wie Sie Ihrer Mutter helfen können, anstelle eines (diffusen) Mitleids klare Regeln einzuführen. Aber so wie Herr Pawletko würde ich auch denken, dass der Einzug bei der Mutter ein Fehler war. Sie sind möglicherweise die Einzige im System, die die neue Richtung vorgeben kann. Berichten Sie gern von Ihrer Strategie.
Viel Kraft, Ihr Martin Hamborg



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