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Ratgeberforum "Wohnen, Betreuung und Pflege"

Bild: Ratgeberforum "Wohnen, Betreuung und Pflege" Unter welchen Voraussetzungen können Demenzkranke in den eigenen vier Wänden leben? Wann ist ein Pflegeheim, eine Demenz-WG oder betreutes Wohnen angesagt? Zwei Experten auf diesem Gebiet moderieren das Internetforum "Wohnen, Betreuung und Pflege". Martin Hamborg engagiert sich seit 1998 im Vorstand der Deutschen Expertengruppe Dementenbetreuung und kennt sich mit Pflegeheimen und Einrichtungen des Betreuten Wohnens aus. Klaus-W. Pawletko, Geschäftsführer des Vereins "Freunde alter Menschen", ist auf Demenz-Wohngemeinschaften und die ambulante Versorgung Betroffener spezialisiert.

Autor Wie geht es Euch denn so - Thread II
01.08.2020 | 12:56
Teuteburger

Hallo in die Runde,

nachdem ich viermal versucht habe, mich anzumelden und ich viermal versucht habe in Sonnenblümchens "Wie geht es Euch denn so"-Thread zu schreiben und ich jedesmal rausgeflogen bin, habe ich mir gedacht, ich eröffne ihn hier neu. Zudem sehe ich auch nur die Seite 11, egal ob dahinter noch die Seite 12 oder 13 folgt.

Bin ich die Einzige, der es so geht?

Zurück zum Thema: *smile*

Bei uns geht es mit der Depression/Demenz weiter. Essen und Trinken wird immer schwieriger. Sie isst und trinkt zwar, aber immer weniger. Sie hat Schluckbeschwerden, Rückenbeschwerden, kann immer schlechter laufen. Die Ärztin kommt zum Hausbesuch und tut was sie kann. Aber es wird auch nicht viel angenommen.
Wir schaffen es manchmal sie zu beschäftigen, aber die Lustlosigkeit am Leben wird stärker. Ich verstehe sie auch. Wenn sie kaum mehr vor die Tür kann, dann ist ihr Leben gefühlt zu Ende. Ich habe das schon öfters erwähnt. (Hamsterrad) Ich glaube, dass jeder Mensch seine eigene Lebensgrenze hat. Was für den einen noch lebenswert erscheint, ist es für den anderen noch lange nicht.

Die Vorstellungen, die meine Schwiegermutter vom Leben gehabt hat, haben in einigen wesentlichen Lebensbereichen noch nie mit der Wirklichkeit übereingestimmt. Und jetzt kommt sie hinten und vorne nicht mehr klar und ihre Gefühle und ihr Verstand kollabieren. Und das macht natürlich depressiv. Ihr Lebenssinn ist weg. Sie fühlt sich bestraft, missachtet, im Stich gelassen. Und ich glaube, dass es vielen Demenzkranken so geht.

Was Sie Herr Hamborg über die Depression schreiben, stimmt. Sie braucht hier klare Ansagen. Aber das hilft auch nicht immer. Und die Demenz ist nach solch geistigen Unfällen meist stärker als vorher. Zufall? Wohl eher nicht.

Mir geht es mit all dem oftmals bescheiden, da auch alles andere nicht einfach ist bei mir. Es ist ein Warten auf den Supergau und auf das, was dann kommt. Und ehrlich gesagt: Ich will das nicht haben, kann es aber mit meinem Wissen darüber einordnen und schauen, wie ich dann einigermaßen überleben kann.

Und wie dreht sich euer Hamsterrad?

Liebe Grüße an alle, die hier mitlesen






[Dieser Beitrag wurde 1mal bearbeitet, zuletzt am 01.08.2020 um 23:39.]

01.08.2020 | 13:27
hanne63

Grüß Dich Teuteburger,
das war ein gute Idee von Dir einen neuen Thread aufzumachen; der erste ist vielleicht für das System inzwischen zu lang geworden; ich sehe auch nur Seite 11....und erst wenn ich weiterklicke kommt Seite 12 etc.

Ich habe auch öfters mal Probleme, mich anzumelden und weiß nicht, woran es liegt......dann geht es wieder. (Das ist übrigens auch bei einem anderen Forum (Deutsche-Alzheimer.de) der Fall...dort habe ich es inzwischen aufgegeben...mal funktionierts mal nicht...ich zweifelte schon an meinem Verstand...das brauch ich nicht noch zusätzlich ;-)

Mein Hamsterrad dreht sich derzeit etwas langsamer....aber ich kann mir ja ausmalen, was mir und meinen Eltern noch bevorsteht....ich erhole mich derzeit und sammele Kräfte für die Zukunft.

liebe Grüße

01.08.2020 | 17:43
sonnenblümchen

Liebe Teuteburger, liebe Hanne,
ich habe jetzt nicht probiert, ob es unter der ersten Fragestellung noch funktioniert. Dann schreibe ich halt hier. ,, Rausfliegen" passiert bei mir ebenfalls. Bei mir gibt es nichts neues. Täglich grüßt das Murmeltier. Der Toilettenpapierverbrauch ist groß...ich räume auf und meine Mama vergißt meinen Wunsch doch das Horten sein zu lassen. Ich kann alles erklären ,fehlen ...motzen sein lassen. Nichts kommt mehr an. Ich kaufe den Lieblingskuchen ein, den ich dann den Tag darauf wegwerfen kann,weil er nicht gegessen wurde. Aber die Storries kennt Ihr ja schon.
Warten auf den Tod, der nicht kommt.

01.08.2020 | 22:56
Elisabetha

Hallo in unsere Runde,

mein Stiefvater ist nun nach seinem erfolgreichem Fluchtversuch aus dem Pflegeheim bereits "4 Wochen!!!" wieder zu Hause.

Es fällt mir sehr schwer, dies alles mit Haltung zu tragen. Heute Nachmittag dachte ich nicht mehr atmen zu können, so wütend und verzweifelt macht mich diese Situation. Einzig der Gedanke an Euch, die Ihr ebenfalls jeden Tag erneut versucht den Alltag mit all seinen neuen Herausforderungen zu meistern und zu überstehen, ließ mich wieder etwas zur Ruhe kommen. Meine destruktiven Gefühle ständig unterdrücken zu müssen, kostet mich am meisten Kraft. Immer wieder nehme ich mir vor, geduldiger und verständnisvoller zu sein, aber es will mir nicht mehr gelingen. Dieser Mann hat es in nur einem Monat geschafft, den kompletten Tagesrythmus auf den Kopf zu stellen. Hätte ich nicht die Aussicht, dass am Montag der Betreuer aus dem Urlaub kommt, wäre ich schon explodiert.

Nun bin ich an dem Punkt angelangt, an dem ich mich um mein Leben betrogen fühle. Da bin ich ganz bei Teuteburger: "Ich warte auf den Supergau und warte, was danach kommt" und bei Sonnenblümchen: "Aber die Storries kennt Ihr ja schon.
Warten auf den Tod, der nicht kommt."

Meine bisher gut bewährte Strategie, aufzuräumen, etwas Sinnvolles für mich zu tun etc. greift nicht mehr. Ich fühle mich wie gelähmt, starre in meinen Pausen Löcher in die Luft oder falle in einen kurzen komaähnlichen Schlaf. Werde ich dann wieder wach, springt mich dieses allesverzehrende "Kümmermonster" sofort an. "Schau auf die Uhr, sie müssen ihre Tabletten nehmen und vorher etwas essen. Du musst im Ryhtmus bleiben, der Hund muss raus, Du musst, Du musst ..."

Es gibt einen sehr alten Film, "Der Tiger von Eschnapur". In einer Szene findet ein deutscher Architekt in einem indischen Palast unerwartet ein dunkles Verlies, in dem Lebrakranke eingekerkert wurden. Dieses Geräusch, als die Kerkerinsassen sich ungläubig, noch an das Licht der Fackeln gewöhnend, langsam erheben und nur ein Raunen von sich geben, lässt mich jedes Mal erschauern. Plötzlich wird ihnen klar, dass ihnen soeben die Chance einer Rettung zuteil wird und somit steigert sich dieses Raunen in eine unruhige und verzweifelte Aufbruchsstimmung. Gruselig!

Natürlich gibt es einen Grund, weshalb ich Euch von dieser Filmszene berichte. Sobald ich die Wohnung meiner Lieben betrete und sie mich erblicken, werde ich sofort "verhaftet". "Eben habe ich etwas gehört, eben kommt sie. Elisabethaaaa, bist Du es?" Meine Mutter, mein Stiefvater und unser Hund scheinen nur auf mich gewartet zu haben. Als könnte es nur noch mir gelingen, die Welt in die Wohnung zu bringen. Irgendwie erinnert die Atmosphäre auch an eine Gruft, leblos und trostlos. Die Klinke zur Wohnungstür noch in der Hand, möchte ich am liebsten auf dem Absatz kehrt machen und augenblicklich flüchten. Das ist dann wieder mein "Tiger von Eschnapur-Deja-vu".

Ich bin ein extrem freiheitsliebender Mensch, der mit der ausgeprägten Anhänglichkeit und auch körperlichen Nähe eines Demenzkranken nur sehr schwer umgehen kann. Daher kann ich meine Besuche nur noch auf immer kürzere Phasen beschränken, um gleich darauf wieder ins normale Leben zurückkehren zu können. Wie ein Taucher, dem nur ein bestimmter Vorrat an Sauerstoff zur Verfügung steht und dann wieder auftauchen muss. Genauso fühle ich mich, wenn ich meine "Schicht" einmal wieder bewältigt habe und japsend nach Luft auf dem Flur stehe.

Wird es für mich je wieder ein lebenswertes Leben geben? Werde ich dann noch in guter körperlicher und geistiger Verfassung sein? Gebe Gott, dass ich es rechtzeitige merke, wenn dem nicht so sein sollte, damit ich meinem Sohn dieses Pflegeelend ersparen kann.

Ach, Ihr Lieben, es ist so tröstlich zu wissen, nicht alleine zu sein.

Euch allen viel Kraft und glückliche Veränderungen.

Herzlich

Eure Elisabetha

02.08.2020 | 16:51
sonnenblümchen

Liebe Elisabetha,
ich bin bei Deiner ehrlichen Schilderung so bei Dir !!! Ich kann Dich so gut verstehen !!!
Oft sitze ich in der Bahn und denke ich fahre bis zur Endstation und steige nicht aus... ich fahre nur weiter und dann wieder zu mir. Heute bin ich bei meiner Mama reingekommen und der Schlüssel war weg. Ich habe gedacht:,, Oh nein , nicht schon wieder suchen ! Ich will das nicht ! Ich gehe rückwärts wieder raus !" Im Badezimmer war wieder kein Toilettenpapier und täglich grüßt das Murmeltier. Dann bei der Körperpflege war die Haarbürste verschwunden. Meine Mama hat lange Haare und mit dem Kamm geht es schlecht ! An dem Punkt hätte ich schon weinen können ! Ja, die fehlende Haarbürste reichte. Durchgehalten und später gesucht ! Wo sie war ? Der aufmerksame Leser kennt die Antwort schon ! In einer Tasche war eine zweite Tasche ,dann ein Handtuch,in dem ein Waschlappen und darin dann ---hört, hört ---Toilettenpapier ---und dann die Haarbürste! Meine Mama war wieder überracht und wußte von nichts ! Toastbrotblick !
Ich empfinde dies alles so sinnlos. Wenn ich nach Hause fahre ,liebe Elisabetha ,denke ich oft: ,, Für heute habe ich es geschafft!" Abends denke ich: ,, Morgen mußt Du wieder hin!"
Wo war der Schlüssel? Nein ,nicht im Toilettenpapier ...sondern unter dem Teppich. Den habe ich dann beim Staubsaugen gefunden.
Wenn ich nicht jeden Tag nach meiner Mama schauen würde, wäre dies gar nicht mehr tragbar.

Punkto Fernsehen: Mich ärgert es,wie Menschen mit Demenz dargestellt werden. Ja immer die netten,leicht führbaren, die nur wenig dement sind ! Aber wann wird mal die Realität gezeigt oder auch nur besprochen ?
LG

02.08.2020 | 20:06
Elisabetha

Hallo Sonnenblümchen,

ich freue mich so über Deine Antwort, wirklich, eigentlich habe ich gar nicht damit gerechnet, eine Reaktion zu erhalten. Meine gestrigen Zeilen waren nicht sonderlich erbaulich, sondern spiegeln mein Seelenleben nach einem ganz "normalen" (Wahnsinns-) Tag.

Als ich heute Morgen meinen eigenen Beitrag nochmals las, bin ich erschrocken. Mein Gott, jeder Satz ist die aufrichtige Wahrheit. Aber will ich den Rest meines Lebens so weitermachen und total verkümmern? Das ist dann die für mich typische Reaktion auf eine Talfahrt. So nicht und jetzt erst recht! Aber wo anfangen und wie? Alles was den formellen Teil der Rückkehr meines Stiefvaters in ein Pflegeheim betrifft, ist Sache des Betreuers. Die Selbstfürsorge ist meine Aufgabe.

Also muss ich dringend etwas für mein Seelenleben unternehmen und auch meine grauen Zellen herausfordern, bevor ich im grauen Sumpf der ansteckenden Lethargie und Gleichgültigkeit versinke. Da ich dazu neige, in diesen euphorischen Momenten gleich die Alpen versetzen zu wollen, greife ich gerne auf meine neue Bucherwerbung zum Thema Kaizen zurück. Großes in kleinen Schritten erreichen. Gut, damit kann ich leben. Also Step by Step!

So habe ich ganz spontan im Internet das Wort "Selbstmotivation" eingeben und prompt blitzte vor meinen Augen ein You-Tube-Video von Christian Bischoff, einem Persönlichkeits- und Mentaltrainer auf. Schaden kann es nicht, sagte ich mir und klickte erwartungsfroh das Kurz-Video zum Thema "Respekt" an und dann das nächste u.s.w. Eine schier unerschöpfliche Kraftquelle tat sich da vor mir auf. Ich liebe es, wenn meine Entschlossenheit mit solch einer Fundgrube belohnt wird.

Ich habe einige Jahre im Außendienst gearbeitet und wurde mit zahlreichen Seminaren u. A. auch zur Persönlichkeitsbildung erschlagen. Daher bin ich ziemlich skeptisch geworden, wenn es um Mentaltrainer oder Coaches geht. ("In zwei Jahren kann auch Dein Porsche vor Deiner Eigentumswohnung stehen! Alles eine Frage der richtigen Motivation!" Aha. ) Doch von Christian Bischoff´s Beiträgen fühle ich mich angesprochen und motiviert.

Für mich zählt jetzt einfach eine neue Ausrichtung für mein Leben. "Auch der weiteste Weg beginnt mit einem ersten Schritt " (Konfuzis). Damit ergeben sich immer wieder neue Begegnungen und Chancen. Um meiner aufkeimenden Freude auch einen positiven Ausdruck zu verleihen, habe ich mich trotz erdrückender Temperaturen auf den Weg zum Eiscafé gemacht und mir etwas Schönes gegönnt. Nur für mich!

Als ich im Anschluss meine beiden zum Abendessen rief und sie dann schlurfend in die Küche kamen (man meint, sie hätten mir eine Ehre erwiesen, ihre heiß geliebte Couch zu verlassen) wurde ich mit eindeutigen Körpergeräuschen konfrontiert, die mich bei meinem Sohn im Säuglingsalter noch in Verzückungen hatten geraten lassen. Da war sie wieder, diese vertraute Erkennnis, die ich so hasse und die mich jedes Mal schmerzt. Dieses hässliche Nichtvorhandensein von Wertschätzung. Die Argumente Alter und Krankeit zählen für mich nicht, denn bei anderen können sie sich ja auch benehmen. Ihr wißt, was ich meine.

Nun möchte ich meinen Beitrag für heute mit eine wunderschönen Methaper beenden:

Eines Abends saß ein alter Indianer mit seinem Sohn am Lagerfeuer.
Es war dunkel geworden.
Die Bäume um sie herum warfen schaurige Schatten und das Feuer knackte und knisterte, während die Flammen in den Himmel züngelten.

Der Indianer schaute nachdenklich in die Flammen.

„Das Flammenlicht und die Dunkelheit, sind wie die zwei Wölfe,
die in unseren Herzen wohnen.“

Fragend schaute ihn sein Sohn an.
Nach einer Zeit des Schweigens begann der Indianer seinem Sohn
eine Geschichte zu erzählen.

„Der eine, – der Schwarze Wolf ist böse.
Er arbeitet mit Angst, Ärger, Sorgen, Schuld, Lügen, Unterdrückung, Vorurteile, Eifersucht, Neid, Gier, Überheblichkeit, Arroganz, Feindschaft und Hass.
Er ist rachsüchtig, aggressiv und grausam.

Der andere, – der Weiße Wolf ist gut.
Er nutzt Zuneigung, Vertrauen, Aufrichtigkeit, Offenheit, Liebe, Wohlwollen, Güte, Verständnis, Mitgefühl, Freundschaft, Frieden, Rücksicht, Gelassenheit, Hoffnung, Großzügigkeit, Dankbarkeit, Wahrheit und Freude.
Dieser Wolf ist liebevoll, sanft und mitfühlend.

In jedem von uns lebt ein Weißer und ein Schwarzer Wolf.
Zwischen beiden Wölfen findet ein immer währender Kampf statt.“

Der Enkel schaute nachdenklich in die Flammen des lodernden Feuers.
Er dachte über die Worte seines Vaters nach.
Nach einer Weile frage er:
„Sag Vater, welcher der Wölfe gewinnt den Kampf?“

Der Indianer sah ihn eindringlich an und antwortete:
„Es gewinnt der Wolf, den du am häufigsten fütterst!“


Wenn hier ganz offen und auch oftmals verzweifelt geschildert wird, was in Euch vorgeht, so sind es die Beiträge von Eurer Verzweiflung, Wut und Angst, die mir wieder bewußt machen, dass ich nicht alleine bin und wie stark wir doch alle sind. Wir haben gelernt, in die Abgründe des Lebens zu blicken und auch die Konfrontation mit unseren dunkelsten Schattenseiten ertragen. Wir lernen, wie man Trauern auf Raten aushält, versuchen, das Trauma unserer Kindheit zu verarbeiten, den Eltern die Ehre zu geben, sich jedoch gleichzeit endgültig von Ihnen abzunabeln - und das alles im Endspurt der Zielgeraden, stets im Bewusstsein unserer eigenen Endlichkeit. Das hat aufrichtigen Respekt verdient, meint Ihr nicht.

Es grüßt Euch herzlich

Elisabetha

02.08.2020 | 21:56
Barbara66

Liebes Sonnenbluemchen, liebe Elisabetha!
Auch ich verstehe Euch sooo gut.
Ich habe letzte Woche den Bericht im Fernsehen gesehen,in dem Annette Frier sich mit Demenzkranken unterhält und mit diesen zusammen Musik (singen)machen möchte.
Was für "Vorzeige -Demente"-ja die hätte ich auch gerne an meiner Seite und wuerde sie gerne betreuen.
DAS IST DOCH NICHT DIE REALITÄT
Der Wahn meiner Mutter wird immer schlimmer.
Mein Bruder war für 2 Tage hier und sie war in "Topform"(total wahnhaft).
Sie hat am Mi Abend nach dem Abendbrot wohl geschrien:Oh mein Gott,jetzt haben die mir eine Spritze in den Kopf gesetzt?????
Sie ist zusammengesackt und hätte nicht mehr alleine die Treppe hoch ins Bett geschafft.
Mein Bruder hat sie hochbegleitet.
Paranoia überall! !!!
Und mein Vater begreift die Krankheit immer noch nicht und glaubt ihr alle erfundenen Geschichten, die sie erzählt.
Heute schickt sie ihn mit einem Zettel und 30 Euro zu mir.
Er solle 20 Resedorm Tabletten bei mir kaufen (ein Schlafmittel,welches schon 20 Jahre nicht mehr im Handel ist-Demenzkranke leben in der Vergangenheit! !!).
Ich habe meinen Vater angeschrien, ob er die Krankheit immer noch nicht begreift!?
Sagt er :Nein
Klarer Fall von Demenz auch bei meinem Vater.
Wenn ich heute eine Knarre gehabt hätte, ich hätte beide erschossen.
ICH WILL MEIN ALTES LEBEN ZURÜCK! !!!
Ich ertrage diesen Wahnsinn nicht mehr.
Ich habe mir immer wieder vorgenommen,ruhig zu bleiben.
Es gelingt mir nicht!!!!
Alles Gute
Barbara

02.08.2020 | 22:26
hanne63

Guten Abend in die Runde,
besonders an Sonnenblümchen, Elisabetha und Barbara,

ich verstehe Euch so gut...und bin heilfroh, derzeit den Wahnsinn nicht mehr selbst aushalten zu müssen, weil meine Eltern inzwischen in einem Heim leben (was mir aber wiederum ein schlechtes Gewissen macht, wenn ich die Gesamtumstände sehe...)

zum Thema der Darstellung Demenz in Filmen und Fernsehen...da werde ich derzeit nur noch wütend...weil es mich zu anfangs auf eine falsche Fährte geführt hat....diese softe Demenz....die da immer gezeigt wird..offenbar läßt sich mit den schlimmen Fällen oder einfach gesagt mit der fortgeschrittenen Demenz weniger Geld dann in den Massenmedien verdienen...

auch in den Selbsthilfegruppen habe ich die Erfahrung gemacht...dass da eher Demenzkranke im Anfangsstadium oder ich nenn es jetzt mal "Demenz light" vorhanden war....

und wenn das Stadium über das Light-Stadium hinausgeht....da steht man dann allein da... habe ich jedenfalls so erfahren...

auch jetzt..wo meine Eltern im Heim sind....und ein "ewig sich kümmernder und sich einmischender" "wohlwollender" Nachbar...sie nun dort besucht hat....sagt mir auf einmal....dass er das schwer aushält, und gar nicht weiß, ob er noch einmal dort hin möchte....ach ja....aber hallo...vorher hatte ich mit diesem Herrn mehrfach das Vergnügen bzgl. schlechtes Gewissen machen...und Heimeinweisung hinauszuzögern, da er quer-getrieben hat, wo es nur ging......und sich eingemischt....jedenfalls von meiner Seite her ungefragt....

in den letzten Stadien...(wie viele mag es wohl geben...es ist einfach fürchterlich)....verabschieden sich immer mehr Besucher, Nachbarn etc...
das ist es auch, was mich gewundert hat...: das ich nie (!!!) bei meinen Besuchen im Heim (Demenzstationen, auch beschützte Station..also 2 verschiedene Stationen)...andere Besucher gesehen habe..ich bin zwar sehr selten dort...aber ich habe nie jemanden anders als Besucher gesehen....
jetzt wo meine Mutter auf einer sog. gemischten Station ist...da habe ich immer sehr viele andere Besucher gesehen (also alles vor Corona noch)....und daraus schloss ich dann...dass eben auf der Demenzstation, bes. auf der geschützten...nur noch sehr selten Besuche stattfinden (auch ohne Corona)...und ich mache auch niemanden einen Vorwurf..weil es einfach nur sehr schwer auszuhalten ist.......
anfangs versuchte ich einen Besuchsdienst zwecks Spaziergänge zu organisieren für meine Mutter....da bekam ich dann zu hören, dass es eine Pflegekraft (die ansonsten außerhalb des Heimes arbeitet)...es nicht aushält, weil die Station einfach zu bedrückend ist...und sie es nicht mehr machen möchte...na super...wenn sogar die Profis..das nicht aushalten...das nur mal so als Info für Euch...die Ihr noch ZuHause Euch müht.....
Es beschäftigt mich immer noch alles sehr...und das obwohl ich selbst ja nicht direkt pflege....es geht nicht spurlos an mir vorüber...das merke ich...
und wenn ich Euch so lese...leide ich mit.

das alles wird nicht in der Öffentlichkeit gezeigt...und niemand ist darauf vorbereitet.

Vielleicht kann ich insoweit einen neuen Rat geben...den ich aus den letzten Wochen geschöpft habe:
Vertraut nur noch auf Euch selbst....was man selbst fühlt und für richtig hält...dahin geht der Weg....

liebe Grüße

P.S.: die meiste Kraft derzeit schöpfe ich übrigens aus dem Austausch in diesem Forum....

03.08.2020 | 02:08
Teuteburger

Hallo in die Club-Runde,

ihr habt ja viel geschrieben. Und es freut mich von Euch allen etwas zu hören. Leider komme ich erst jetzt zum Schreiben.
Mein Wochenende war anstrengend, auch wenn mein Mann heute bei meiner Schwiegermutter gewesen ist.

@Hanne,

ich finde es gut, dass du versuchst Kraft zu schöpfen, aus den Dingen, die dir helfen, wie dem Schwimmen ect. Ein langsam drehendes Hamsterrad und eine ungewisse Zukunft, wie bei uns allen, das braucht auch Kraft.

Du hast auch einmal etwas geschrieben, dass du vom Optimisten zum Pessimisten geworden bist in der Zeit, in der die Demenz deiner Eltern begonnen hat.

Für mich existieren beide Seiten gleichzeitig. Zu mir hat einmal jemand gesagt: Positives Denken bringt da nichts mehr, ab einem gewissen Punkt. Zumindest nicht in dem Sinne, dass alles ein gutes Ende nimmt, sondern dass hin und wieder, trotz allem, ein kleiner Lichtblick zu sehen ist, mit dem Rattenschwanz von dem im Gepäck, dass die andere Seite auch bald wieder auftauchen wird.

@Sonnenblümchen,

ja der tägliche Kraftakt, das Murmeltier und die immer sich ähnelnden Vorfälle, ohne Aussicht auf Besserung, kein Verständnis und Toastbrot. Es ist eine Verantwortung, die man im Grunde so nicht will und doch macht es kein anderer.

Das ist ein emotionaler Spagat, den ich gut nachvollziehen kann.

@Elisabetha,

die Geschichte aus dem Tiger von Eschnapur hat mir gut gefallen. Sie trifft den Nagel auf den Kopf, was die Erwartungshaltung an einen selbst, von Seiten der Demenzkranken angeht. Sie spiegelt auch gut die eigene Hilflosigkeit im Angesicht dessen, was man da sieht, wieder.
Mich hat dein Text, so wie auch die ehrlichen Zeilen von Hanne, Sonnenblümchen und Barbara, sehr berührt. Und der letzte Abschnitt von deinem zweiten Post ganz besonders.

Die Indianergeschichte ist in meinen Augen von demjenigen, der sie geschrieben hat, gut gemeint gewesen, dass ganz sicher. Aber sie ist für mich nicht so stimmig, wie deine eigenen Worte. Der gute Indianer geht davon aus, dass man Emotionen einfach mal so füttern kann oder sie sein lassen kann. Es gibt noch so eine Indianer-Geschichte, die heißt: Im Schlechten das Gute sehen. Für mich sind beide ähnlich weich gespült, wie die Filme, die Hanne und Sonnenblümchen erwähnt haben. Denn wenn das Leben tatsächlich immer schön und gut wäre, dann gäbe es diese Emotionen kaum. Stattdessen werden Geschichten erzählt, damit man mit den Lebensumständen oder dem, was einen quält, gelassener umgehen soll. Das kann sogar gelingen, vielleicht sogar bis hin zur Abstumpfung.

Ich fände es zum Beispiel toll, wenn in Heimen eine echte familiäre Atmosphäre herrschen würde, wenn das Essen hier gut wäre, wenn es Demenzdörfer geben würde, wenn alle Menschen ein bedingungsloses Grundeinkommen hätten, so dass man nicht alles arbeiten muss, sondern dass man zum Beispiel aus freien Stücken in Altenheimen ect. aushelfen kann und man auch wieder mit gutem Gewissen gehen kann, weil ein anderer dann vorbeischaut und hilft. Ich fände es gut, wenn Sonnenblürmchen Hilfe von einem ganzen Arbeitstrupp bekäme, wo man sich täglich abwechseln kann, damit es keinem zuviel wird. Und ähnliches wünschte ich mir für alle anderen usw.
Was wäre dann mit den negativen Emotionen`? Ich glaube, sie wären bei vielen Menschen dann weniger oder weg. Negative Emotionen haben für mich immer einen realen Hintergrund. Und jedes Gefühl, braucht, so meine Meinung, auch die passenden Ressourcen oder zumindest eine gute Perspektive und Verständnis für die Lebensumstände im Hier und Jetzt und nicht nur ein Füttern von der einen oder der anderen emotionalen Seite. Das ist mir noch nie gelungen und wenn, dann nur bei seichten Umständen.*smile* Mich stört daran zum Beispiel, dass man negative Lebensumstände als normal ansehen soll und das tue ich nicht. Ich habe da andere Herangehensweisen, die mir besser helfen, wenn auch nicht immer.

Ich denke bei meinen Überlegungen auch an @Barbara, die das ehrlich ausgedrückt hat. Wenn man solche paranoiden Zustände hautnah miterleben muss, dann braucht es glaube ich mehr an Verständnis/Wissen/inneren Abstand, als man jetzt tatsächlich aufbringen kann.

Was die Filme angeht, da stimme ich Euch beiden zu, Hanne und Sonnenblümchen. Ich habe auch einmal ein Buch vor vielen, vielen Jahren von Nicholas Sparks gelesen. Da ging es auch um Demenz. Ach herrje, wenn ich daran denke. *lach* Als ob Liebes"geschichten" das ganze Leben in Ordnung bringen könnten.

Liebe Grüße in die Runde und seit alle herzlich gedrückt



[Dieser Beitrag wurde 6mal bearbeitet, zuletzt am 03.08.2020 um 03:02.]

03.08.2020 | 07:26
sonnenblümchen

Guten Morgen Ihr Lieben,
liebe Teuteburger...wann schreibst Du? 2 Uhr nachts? Kannst Du nicht schlafen?

Ich kann Euch alle so verstehen!
Ich habe mir auch die 4 ! Folgen des Chores von Menschen mit Demenz angeschaut....wobei ich wirklich nicht weiß,warum ich durchgehalten habe. ,,Und immer immmer wieder geht die Sonne auf -und über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein...alle Ängste allle Sorgen blieben darunter verborgen.....blah,blah ,blah! ...es klingt wie Hohn,aber Ihr habt Recht Liebesstories schauen sich die Leute auch im Fernsehen an und jeder weiß...oft gibt es solche Liebe nicht !
Ich habe heute beschlossen,dass ich mit dem Fahrrad zu meiner Mama fahre. Mal sehen,ob ich nach Monaten des Unsportlichseins überhaupt ankomme. Die Busfahrkarte wird dabei sein. Vielleicht ertrage ich den Wahnsinn besser,wenn ich schon körperlich fertig dort ankomme. Ich habe mal gelesen,das Optimismus eine bewußte ,, Entscheidung" ist ! O.K. so starte ich in den heutigen Tag ! Mal sehen, wo ich mal wieder lande?

Liebe Barbara,
wenn ich Deine Schilderungen lese, denke ich:,, Sonnenblümchen ,halte den Ball flach! Dir geht es mit dem Einpackwahn doch gut!" Bei dem ,,Umbringwahn" deiner Mama wäre ich auch schon längst verzweifelt.

Gestern habe ich zu meinem Göttergatten gesagt: ,, Wenn ich 3 Tage mal nicht fahren würde, würde ich das Haus meiner Mama nicht wieder erkennen! Ich würde nichts mehr finden!"
Er antwortete:,, Mach das doch mal! Dann ist das Problem gelöst!"...so nach dem Motto ...drei Tage überlebt Deine Mama ohne Dich nicht !
Und was hat dieser Kommentar bei mir bewirkt ? Ich hatte mir überlegt,mal wirklich einen Tag ,,Pflegepause" einzulegen! ...doch mit dem Spruch...hat das ,,Engelchen" auf meiner Schulter gesagt:,, Dann mußt Du halt doch fahren!"
Der ,,innere Schweinehund", den ich manchmal auch sehr mag, schrie: ,, Ach nö! Sie stirbt nicht,wenn Du einen Tag nicht nachschaust! Sofa, Lieblingskatze , ein gutes Buch ....machen was du willst!" Habe meinen inneren Schweinehund gekrault und gesagt:,, Schlaf ein Ründchen!" Fahrrad fahren ist angesagt.

Was ich Euch fragen wollte? Wie verhalten sich Eure Partner eigentlich? Haben sie sich während der Pflegezeit auch verändert ?

2020 ist ein komisches Jahr !
LG



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