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Ratgeberforum "Wohnen, Betreuung und Pflege"

Bild: Ratgeberforum "Wohnen, Betreuung und Pflege" Unter welchen Voraussetzungen können Demenzkranke in den eigenen vier Wänden leben? Wann ist ein Pflegeheim, eine Demenz-WG oder betreutes Wohnen angesagt? Zwei Experten auf diesem Gebiet moderieren das Internetforum "Wohnen, Betreuung und Pflege". Martin Hamborg engagiert sich seit 1998 im Vorstand der Deutschen Expertengruppe Dementenbetreuung und kennt sich mit Pflegeheimen und Einrichtungen des Betreuten Wohnens aus. Klaus-W. Pawletko, Geschäftsführer des Vereins "Freunde alter Menschen", ist auf Demenz-Wohngemeinschaften und die ambulante Versorgung Betroffener spezialisiert.

Autor Wie geht es Euch denn so - Thread II
14.08.2020 | 12:00
Rose60

Ihr Lieben alle,
@Hanne: ja, je nach "Background" kann es ein lebenslanger Prozess sein, sich von den Eltern, ihren Vorstellungen etc. zu lösen - bin damit immer mal wieder stärker beschäftigt.
Ich erlebe nun auch im Freundeskreis oder weiteren Familie, wie unterschiedlich Menschen mit ihren eigenen Bedürfnissen umgehen bzw. sie Grenzen setzen können - OHNE schlechtes Gewissen, fällt mir immer noch schwer. Also wir lernen ein Leben lang ;) Und ich habe das ganz starke Gefühl, dass die mit eher missglückter Kindheit immer und immer wieder über ihre Grenzen und eigenen Bedürfnisse hinweggehen, um endlich durch immer noch mehr Tun für die (pflegebed.)Eltern gesehen und anerkannt zu werden, was früher gefehlt hat. Wenn dann die Eltern missgelaunt bleiben oder immer wieder mehr fordern, kann man sich daran komplett abarbeiten... (nicht auf Sonnenblümchen bezogen verstehen, da weiß ich ja nichts drüber!!)

@Sonnenblümchen: ich kann mir sehr gut vorstellen, wie du nach und nach in die Pflege eingestiegen bist, woher soll man das auch vorher alles wissen, was auf einen zukommen kann, zumal die Verläufe so unterschiedlich sind. Und wie an anderer Stelle geschrieben, habe ich meinen krebskranken verst. Mann sehr lange gepflegt und habe aus Liebe Dinge getan, die ich mir vorher auch schlecht vorstellen konnte, durchzuhalten.
Wenn du also aus Liebe zu deiner Mutter dies alles tust und nicht die eigene Familie daran zugrunde geht oder eben weil einfach kein Pflegeplatz gerade in Sichtweite ist, verstehe ich das alles gut.
Was du über die Verantwortung gegenüber eigenen Kindern schreibst, war es bei mir auf die Zeit vor etlichen Jahren bezogen, als sie noch nicht erwachsen waren, bei meiner Schwester ist allerdings tatsächlich die Ehe fast zerbrochen und für die jüngeren Kinder war einfach neben der Pflege meiner Eltern keine Nervenkraft mehr da.
Bzgl. "sich einen Pflegeplatz leisten können" ist es ja meines Wissens nach so, dass bei fehlenden ERsparnissen - weniger als 10.000 Euro lt. Pflegeheim meiner Mutter - das Sozialamt die Rente auffüllt, vermutlich die Kinder mit Einkommen zuzahlen müssen? Jedenfalls kenne ich einige alte Menschen, die ins Pflegeheim kamen nach Klinikaufenthalt, die nur sehr geringe Rente hatten. In den letzten Jahren ist es ja wirklich deutlich teurer geworden.
Meine Mutter ist noch relativ orientiert, hatte wegen Mobilitätseinschränkungen schon Pflegegrad 2 und kam nach gebrochenem Arm ins Heim. Da es nicht an ihrem Heimatort ist, macht sie sich nicht selbst auf den Weg, Demenz wird nun offensichtlicher, die Ehe meiner Schwester wieder gerettet und von daher bringe ich meine Mutter nicht zurück, so dass wir alle uns nervlich erholen können.
Das Gedicht von Erich Fried mag ich auch sehr gern ;)
Herzliche Grüße
Rose

15.08.2020 | 13:24
martinhamborg

Hallo in die Runde, nun habe ich wieder alle neuen Beiträge gelesen und bin berührt, musste schmunzeln, habe mich an Bildern und Erkenntnissen mitgefreut und mitgelitten. Folgende Gedanken möchte ich beisteuern:

Zunächst, Sonnenblümchen, Sie brauchen keine Angst zu haben, dass ein Arzt kommt, weil Sie mit inneren Anteilen arbeiten - im Gegenteil, ein guter Arzt und Therapeut wird voll einsteigen. Bei Ihnen habe ich keine Sorge, dass Sie sich in einem Bild verlieren und den Kontakt zur Vielseitigkeit des inneren Erlebens verlieren. Je schwieriger die Herausforderungen durch das Schicksal, um so hilfreicher ist es, wenn das ganze innere Team dabei ist. Durch Ihre differenzierte Betrachtung kann das schlechte Gewissen auch gern in einer unbestimmten Wolke bleiben. Haben Sie ihren inneren Dialog zu diesem Thema schon mal aufgeschrieben?

Auch den klaren Appell an die Selbstfürsorge in etlichen Beiträgen möchte ich unterstützen. Es klingt banal, aber ist trotzdem m.E. richtig: Wir können nur so gut pflegen, wie wir uns gut selbst pflegen. Wenn der Preis dafür hoch ist - wie bei der verstopften Toilette - bleibt die Entscheidung für freie Tage doch richtig oder?

Den Satz "Die Phase der Vorwürfe ist zum Glück irgendwann vorbei" ist sehr wertvoll. Aber ich möchte ergänzen: Diese Phase kann durch Depressionen (auf beiden Seiten) verstärkt werden und durch einen fast "sado-masochistischen Teufelskreis". Manche Menschen können Hilfe nur ertragen, wenn sie die Helfer abwerten. Je stärker sich dieser Teufelskreis dreht, desto mehr darf oder muss ich mich vor der Verletzung schützen. Auch hier gilt Selbstschutz vor Fremdschutz! Je größer die Ambivalenz durch widersprechende Gefühlslagen und je schlechter die eigene Kindheit, desto wichtiger wird der Selbstschutz und die Selbstfürsorge. Hier liegt m.E. der größte Unterschied zwischen dem demenztypischen Murmeltiertag und einem Teufelskreis: Wenn mir die Begegnung schadet, mich verletzt und ich mich deshalb "falsch" verhalten, hilft oft nur die Notbremse.

Das ist besonders schwer bei Wahn! Es wäre kein Wahn Barbara66 oder Miracula, wenn mein Gegenüber einsichtig wäre - Wahn durch die Unbeeinflussbarkeit definiert. Also ist "Rechthaben wollen" immer "falsch" und der Dialog mit einem Wahnkranken immer ein echtes Kunsstück. Deshalb dank Ihnen, Barbara66 für Ihr Beispiel. Unter den Informationen "Aktusituationen" habe ich meinen "Durchlauferhitzer" vorgestellt - können Sie den mal für diesen Dialog ausprobieren. Es ist nicht einfach, sich in die Wahrnehmung, das Denken oder die Bewertung und in die Gefühle eines Menschen im Wahn ohne hineinzuversetzen. Halluzinationen machen es noch schwerer, denn die Person sieht wirklich, was sie sagt - sonst wäre es keine Halluzination. Dieser Perspektivwechsel ist oft die einzige Möglichkeit, denn Ihre Mutter lehnt den Schutz der Medikamente ab.

Früher habe ich ja schon den Wert von Post-Karten-Sprüchen zur Erinnerung an gefundene Erkenntnisse beschrieben. Heute fallen mir folgende Sätze ein - vielleicht passt ja was.
- Wenn Du auf dem Vulkan tanzen gehst, solltest Du zumindest feuerfeste Schuhe tragen.
- In der letzten Phase der Demenz begegnet mir vielleicht die "Seele" des Menschen in ihrer unmittelbaren Form. Das macht ein Lächeln so wertvoll. Es ist dann unerheblich, ob der "Verstand" mich noch als Sohn oder Tochter erkennt.
- Die Demenz macht notwendig, wichtige Dinge immer wieder zu sagen. Da können auch Warumfragen helfen, z.B. "Warum bist Du so gemein zu mir - ich meine es gut mit Dir ... ich muss Dir und mir nicht ständig beweisen, wie sehr ich Dich liebe ... Habe ich in meiner Trotzphase Dich auch so in Deiner Liebe herausgefordert?
- Es gibt wirklich kein Gesetz, dass man sich kaputt machen muss. Im Gegenteil das Pflegeversicherungsgesetz wurde geschrieben, dass pflegende Angehörige nicht an der Pflege zerbrechen!

Allen ALLES GUTE, Ihr Martin Hamborg

17.08.2020 | 04:49
SabineH

Hallo an alle,

Ich bin heute auf dieses Forum gestoßen und bin gerührt und froh darüber, dies alles zu lesen.
Ich komme mir schon lächerlich vor meinen Freunden, Bekannten Kollegen etc. Von meiner Mama zu berichten. Bei jedem Gespräch Lande ich bei meiner Mutter. Ich habe überhaupt kein anderes Thema mehr.
Seit vier Jahren dreht sich mein Leben nur noch um meine Mutti. Sie ist seit vier Jahren von der Krankheit Befällen, merkt es allerdings nicht. Sie wohnt nicht mehr alleine, sondern abwechselnd bei meiner Schwester und mir. Wir sind beide alleinstehend. Nun ist meine Schwester beruflich aus unserer Stadt weg gezogen sodass ich alleine mit meiner Mutti bin. Ich arbeite seit März im Homeoffice und die Tagespflege meiner Mutti macht einfach nicht auf. Ich weiß mir einfach keinen Rat mehr und bin mit meinen Kräften am Ende. Morgen geht sie für eine Woche in eine kurzzeitpflege. Allerdings ist es keine speziell für demenzkranke eingerichtete kurzzeitpflege. Meine größte Sorge ist, dass sie irgendwie auf die Straße gelangt und irgendwo auf einer Landstraße landet. Wir eins seit 2 Wochen aus Berlin weg gezogen und raus aufs Land. Hier wohne ich mit ihr in einer drei Zimmer Wohnung, sie ist überglücklich, wenn sie mich sieht und es ist für sie das wichtigste, dass ich in ihrer Nähe bin, aber zurecht findet sie sich nicht in der Wohnung. Braucht sie auch gar nicht aber die Toilette muss gefunden werden. Und das klappt leider gar nicht. Was kann man da bloß machen. Ich lasse schon immer das Licht im Bad an. Das findet sie dann instinktiv. Aber neuerdings klappt das auch nicht. Wenn ich all die Berichte lese, dann bin ich auf einer Art dankbar, dass es noch andere gibt, denen es so geht und dass man dies hier teilen kann. Das hilft mir ein bisschen. Aber eigentlich weiß ich nicht mehr weiter. Ich suche jetzt ein Heim für meine Mama oder eine WG.
Aber das finde ich so schwierig. Nachdem wir sie letztes Jahr in einem Heim hatten und nach sechs Wochen wieder raus geholt hatten, fällt es mir sehr schwer ein richtiges Heim für sie zu finden.
Ich kann mir auch n ihr vorstellen, dass ich sie tatsächlich weggebe. Andererseits habe ich kein Leben mehr. Von früh bis nachts bin ich mit ihr beschäftigt. Abgesehen, dass ich eine richtige putzkraft geworden bin, möchte ich Sie ja auch unterhalten und ihr etwas bieten. Sie erlebt doch nichts. Ihre tagespflege ist geschlossen. Jetzt war sie einen Tag in einer anderen Einrichtung, hier auf dem Lande, da hat sie wohl mit einem anderen Patienten den ganzen Tag rumdiskutiert, sodass sie meine Mutter nicht so gern da haben wollen. Lediglich einen tag. Aber das nützt mir gar nichts. Was ist das bloß für ein Leben. Warum schafft man das blosss nicht einen einzigen Menschen, und das auch noch die eigene geliebte Mama, bei sich zu Hause zu haben. Damit komme ich nicht klar. Ist doch eigentlich egoistisch. Aber ich kann einfach nicht mehr.
Seid herzlich/ gegrüßt
Sabine

[Dieser Beitrag wurde 1mal bearbeitet, zuletzt am 17.08.2020 um 04:50.]

17.08.2020 | 13:17
Teuteburger

Hallo Sabine,

herzlich willkommen hier im Forum. Jetzt weiß ich nicht ob ich hier Du oder Sie sagen soll.

Ich wähle in diesem sehr persönlichen Thread zusammen mit den anderen das Du. Ist dir das recht?

Du schreibst, dass du nicht damit zurecht kommst, dass du noch nicht einmal mit einer geliebten Person, wie deiner Mama zusammenwohnen kannst und dass du ihr gefühlt, nicht gerecht werden kannst, ohne dein eigenes Leben zu verlieren. Und dann schreibst du, dass du egoistisch bist, weil du das nicht schaffst Tag- und Nacht für jemand anderen da zu sein.

Ich glaube, dass wir hier vor ähnlichen Denkstrukturen gestanden haben. Ich bin dann in ein Demenzzentrum gegangen und habe mich beraten lassen. Sogar dreimal, weil sich die Umstände immer weiter verschlechtert haben. Das Wort Egoismus, wird gerne als Schimpfwort oder abfällig benutzt. Das halte ich für falsch. Denn man hat nunmal ein eigenes Ich und ein eigenes Leben und man muss dem auch gerecht werden können, sowohl in einer Partnerschaft als auch als pflegender Angehöriger. Und das wird einem im Demenzzentrum auch so gesagt. Ich habe festgestellt, umso besser ich mich selbst verstehe und auf mich achte, desto besser komme ich auch mit der Demenz zurecht. Und ich kenne meine Grenze hier ganz genau inzwischen. Und diese will ich auch nicht verschieben, denn ich habe neben dem Demenzkranken auch noch einen Partner, eine eigene Mama, die nicht ganz gesund ist usw.
Aber auch wenn man all das nicht hat, so hat man neben dem Beruf, auch Lebensinteressen, die wichtig sind, damit man nicht stumpfsinnig und depressiv wird. Man kann nur das frei geben, wo man selbst auch genügend Ressourcen besitzt. Und kann man die eigenen Lebensressourcen nicht immer wieder auffüllen, dann ist man irgendwann lehr und ausgebrannt. Das ist nicht nur eine Modekrankheit, sondern eine Tatsache.

Im Demenzzentrum wurde mir gesagt, dass es wichtig ist Hilfe, so früh wie möglich anzunehmen. Ich habe, um es kurz zu machen, auch eine Annonce in der Zeitung aufgegeben und eine Seniorenbetreuerin gesucht. Ich habe jetzt zwei, die zur Unterhaltung meiner Schwiegermutter kommen, an den Tagen an denen ich nicht kann und an dem Tag, an dem ich dann für sie putze. Auch dann braucht sie Unterhaltung. Ich bin hier hartnäckig geblieben. Drei Frauen hat sie nicht akzeptiert. Mit den jetzigen kommt sie gut zu recht und sie freut sich sogar auf diese, auch wenn sie ein andermal sagt, diese würden stören und was die schon wieder bei ihr wollen. Aber meist klappt es inzwischen gut.

Hat deine Mama einen Pflegegrad? Habt ihr ein Demenzzentrum oder ein Seniorenzentrum in der Nähe? Ich würde hier nachfragen, ob Seniorenbetreuerin dir helfen kann. Da deine Mama noch laufen kann, wären gemeinsame Ausflüge für dich doch eine Entlastung.

Leider kann ich bei der Toilettensache nicht weiterhelfen. Das können vielleicht andere.

Liebe Grüße an Dich

17.08.2020 | 23:10
Teuteburger

Huhu, Sonnenblümchen,

also Land unter. Das kann man bei all der sonstigen Arbeit nicht gebrauchen und doch . . .

Sei gedrückt

@Herr Hamborg,

danke nochmal für Ihren Text, aus dem ich für mich wieder einiges mitnehmen kann.
Gerade den Satz, dass manche nur dann Hilfe annehmen können, wenn sie den Helfer abwerten und was sie dazu geschrieben haben, hilft auch mir weiter

Liebe Grüße an Sie



20.08.2020 | 17:25
Elisabetha

Hallo in unsere mir so lieb gewonnene Runde,

nun ist es auch bei mir soweit; ich habe den Betreuer meines Stiefvaters gebeten, die Betreuung meiner Mutter zu übernehmen.

Heute Morgen hatte ich noch nicht die leiseste Ahnung, dass ich wenige Stunden später in so eine tiefe Verzweiflung geraten würde, dass ich nun diesen finalen Schritt bereit bin zu gehen. Es ist genug!

Allen, die sich in einer ähnlichen Situation befinden, ahnen, wie belastend die Vorkommnisse gewesen sein müssen, dass ich diesen Schritt getan habe, vor dem ich die größte Angst hatte.

Trotz Einnahme homöopathischer Beruhigsmitteln bis an die Haarwurzeln dachte ich heute Mittag einen Herzinfarkt oder Atemstillstand zu bekommen. Es war so entsetzlich! Sturzbäche von Tränen, begleitet von merkwürdigen Lauten (einem Tier ähnlich), die ich von mir gab, vergingen die Stunden des heutigen Nachmittages. Ich konnte meine Tränen nicht mehr zurückhalten. In all meiner Mut- und Hoffnungslosigkeit rief ich noch verschiedene Arztpraxen an, um für meine Mutter Hilfe zu bekommen. Ich schluchzte in den Hörer, versuchte mich, mich tränenerstickter Stimmer zu erklären... dann plötzlich wurde ich ganz ruhig. Da war der Moment, den ich solange versuchte zu umgehen. Mit einer erschreckenden Klarheit wusste ich, dass all meine weiteren Versuche helfen zu wollen, sinnlos sind.

Ich rief eine liebe Freundin der Familie an, die mir in den schwierigsten Augenblicken meines Lebens zur Seite stand und holte mir die allerletzte Bestätigung die ich noch brauchte, um den Betreuer zu informieren.

Es lag mir am Herzen, meine Entscheidung mit Euch teilen, schließlich begleitet Ihr mich schon über eine lange und sehr schwierige Zeit.

Euch allen von Herzen alles Liebe

Elisabetha

20.08.2020 | 17:42
Rose60

Hallo Elisabetha,
Es tut mir sehr leid, dass du wohl einen so heftigen Leidensdruck hast. Du hast ja nicht leichtfertig gehandelt und irgendwann geht es einfach nicht anders als die Verantwortung abzugeben. Das löst unweigerlich einen tiefen Schmerz aus, wenn man in der pflegesituation eine nochmal engere Bindung entwickelt hat.
Du hast deine Mutter ja nicht in den Knast gebracht, sondern verantwortlich gehandelt.
Ich wünsche dir baldige Beruhigung der Situation und dass du mit dir selbst in Frieden kommst. Es klingt wirklich als seist du völlig am Ende gewesen, ich weiß, das fühlt sich schrecklich an....
❤ Liche Grüße
Rose60

20.08.2020 | 19:37
Barbara66

Hallo Elisabetha,
wir alle haben Angehörige mit Demenz und kommen oft selber in Situationen, in denen wir keinen Ausweg mehr sehen.
Ich habe ja schon einmal geschrieben:Demenz zerstört Familien
Letzte Woche Dienstag bin ich beim Baden meiner Mutter aufgrund ihres Wahns so mit ihr aneinandergeraten, daß ich beschlossen habe,das Baden an den Pflegedienst abzugeben.
Es findet jetzt Mi um 16 Uhr statt.
Gestern um 14 Uhr habe ich ihr nochmal die Haare gemacht und sie war traurig, daß ich nicht mit ihr baden wollte.
Das bricht mir für einen kurzen Moment schon das Herz,aber ich weiß, daß gestern wohl ein guter Tag war ,es aber nicht so bleiben wird.
Um solchen Konflikten aus dem Weg zu gehen,bin ich diesen Schritt gegangen, nicht weil ich keine Lust dazu habe.
Und von solchen Schritten werden ,mit Fortschreiten der Erkrankung ,bestimmt weitere folgen.
Du wirst Deine Gründe für diesen Schritt gehabt haben und musst Dir keine Vorwürfe machen.
Alles Gute
Barbara66

20.08.2020 | 20:04
Elisabetha

Liebe Rose60, liebe Barbara66,

danke für Eure zeitnahe Rückmeldung.

Gerade hatte ich diesen Beitrag abgeschickt, klingelte mein Stiefvater an der Tür. Meine Mutter war wieder gestürzt, zum x-mal in dieser Woche. Nach Rücksprache mit dem Hausarzt wurde wie vor zwei Tagen wieder Notruf abgesetzt, es erfolgte gründliche Untersuchung von zwei unglaublich verständnisvollen und hilfsbereiten Sanitätern. Mitnahme in die Klinik mache wenig Sinn, da keine Verletzungen vorlag. Die Wahrscheinlichkeit, dass meine Mutter heute Nacht wieder nach Hause käme, wäre sehr hoch.

Genau diese Situation hatten wir vorgestern. Nach einem Sturz kam RTW und brachte sie in die Notfallambulanz. Während ich meine Mutter nach Auskunft der Klinik noch in der Notaufnahme wähnte, saß diese bereits wieder bei uns in der Küche. Die Ärzte hatten sie im dünnen Hauskleid (ohne Unterwäsche) mit ihren Unterlagen ins Taxi gesetzt und nach Hause geschickt. Da sie ihre Adresse nicht mehr kannte, irrte der verzweifelte Taxifahrer in zwei Städten umher, bisher er glücklicherweise in ihren Papieren die Adresse entdeckte.

Vor vier Stunden hätte ich selbst seelischen und ärztlichen Beistand benötigt und wäre unendlich dankbar dafür gewesen. Nicht genug, sich in diesen Situationen so verlassen zu fühlen und nicht mehr weiter zu wissen, es wird immer noch eins oben drauf gesattelt. Ich könnte auf der Intensivstation im Sterben liegen, da würden meine beiden ihr Unwesen mit mir treiben.

Das alles grenzt nur noch an Wahnsinn! Ich sitze hier und wünsche mir es möge etwas passieren, damit dieser Horror endlich vorbei ist?

Kaum hatten die Sanitäter die Wohnung heute Abend verlassen, hörte das überdrehte Tirilieren meiner Mutter schlagartig auf und sie ließ sich vor Schmerzen stöhnend aufs Bett sinken. Diese Schauspielerei bei Ärzten und Sanitätern ist für mich unerträglich geworden. Ich baue ihr Brücken ohne Ende und sie tritt alles mit Füßen. Meine Betrebungen sind aussichtslos, das habe ich heute begriffen. Jede noch so hoffnungsvolle Option zerstört sie bereits im Ansatz. Auch wenn ich es gut meine, vielleicht habe ich gar nicht das Recht dazu. Vielleicht ist für die beiden ein ganz anderer Weg vorgegeben, den ich mit meinen verzweifelten Hilfsangeboten nur störe.

Heute Abend werde ich darauf keine Antwort mehr finden, dennoch bin ich erleichtert, dass ich den Mut aufgebracht habe, den Betreuer anzusprechen. Man muss wissen, wann die Grenze erreicht ist, meine habe ich schon viel zu lange und zu oft überschritten. Wenn ich jetzt nicht die richtige Entscheidung treffe, dann wird es für mich keine lebenswerte Zukunft mehr geben.

P.S. Meine Mutter erwähnte bereits mehrmals, dass ihr Mann zugringlich wird, sobald ich die Wohnung verlasse und sie deshalb nachts im Wohnzimmer schlafe. Wie soll ich damit umgehen? Unser Hausarzt war entsetzt darüber. Wenn nun der Betreuer sich auch meine Mutter annehmen würde, wäre es wohl keine glückliche Entscheidung beide in der gleichen Einrichtung unterzubringen. Ich weiß nicht mehr, was ich denken soll.

Zu viele Fragen, nicht endend wollende Katastrophen, es ist ein Elend.

Es grüßt Euch herzlich

Elisabetha







20.08.2020 | 21:45
Barbara66

Lieber Herr Hamborg,
ich finde es großartig, daß Sie sich für alle hier immer so viel Zeit nehmen und Verständnis aufbringen.
Ihr Satz:Es wäre kein Wahn,wenn derjenige einsichtig wäre, hat mich nochmal zum nachdenken gebracht und seitdem bin ich auch trotz ihrer "Geschichten "bis jetzt ruhiger geblieben.
Mein Bruder war vorgestern hier und wir haben uns nochmal ausgetauscht.
Wir versuchen diese Wahnsituationen einfach mit ihr gemeinsam auszuhalten und ihr in den Momenten viel Koerperkontakt zu geben.
Ich berühre sanft Ihre Hände ,streiche ihr über das Gesicht oder nehme sie in den Arm und sage gar nicht viel.
Oft merke ich,daß Sie dann langsam ruhiger wird.
Schauen wir,wie lange dieses so funktioniert.
Ich habe nach dem Vorfall letzten Dienstag beim Baden ,diese Aufgabe an den Pflegedienst übergeben.
Gestern war der erste Einsatz und es hat problemlos funktioniert.
Ich hätte gerne beim Baden die Nähe zu meiner Mutter gehabt,aber da es immer wieder aufgrund ihres Wahns zu Konfrontationen gekommen ist,fühle ich mich nun erleichtert,diesen Schritt gemacht zu haben.
Gruß
Barbara66



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