Navigation und Service

Direkt zu:

Hauptmenü

Ratgeberforum "Wohnen, Betreuung und Pflege"

Bild: Ratgeberforum "Wohnen, Betreuung und Pflege" Unter welchen Voraussetzungen können Demenzkranke in den eigenen vier Wänden leben? Wann ist ein Pflegeheim, eine Demenz-WG oder betreutes Wohnen angesagt? Zwei Experten auf diesem Gebiet moderieren das Internetforum "Wohnen, Betreuung und Pflege". Martin Hamborg engagiert sich seit 1998 im Vorstand der Deutschen Expertengruppe Dementenbetreuung und kennt sich mit Pflegeheimen und Einrichtungen des Betreuten Wohnens aus. Klaus-W. Pawletko, Geschäftsführer des Vereins "Freunde alter Menschen", ist auf Demenz-Wohngemeinschaften und die ambulante Versorgung Betroffener spezialisiert.

Autor Wie geht es Euch denn so - Thread II
07.09.2020 | 10:11
Lulu

Hallo Elisabetha,

ich stimme Hanne zu: auch ich mache mir Sorgen um Sie. Am 31.08. haben Sie dieses geschrieben: "Ein schöner Mensch wird nicht geboren.
Ein Mensch wird schön durch die Kraft, sich über seine Tiefschläge zu erheben und daran zu reifen."

Ist das wirklich so, wachsen Sie an der Situation oder beginnen Sie zu zerbrechen?

Papier ist bekanntlich geduldig. Ich kann für mich im Nachhinein auch sagen, dass ich an einigen Schicksalsschlägen innerlich gereift bin. An vielen aber nicht, da hätte ich viel eher die Notbremse ziehen müssen. Aus einigen Situationen habe ich mich einfach rausgezogen, bin einfach geflüchtet. Jahrelang hatte ich zu meiner Herkunftsfamilie nur wenig Kontakt und das war auch gut so.

Als meine Mutter an Demenz erkrankte, habe ich mir die Frage gestellt, was ich persönlich leisten kann und habe dann eine Entscheidung getroffen. Heute, ein Jahr nach dem Tod meiner Mutter, kann ich sagen, dass diese Entscheidung richtig war.

Sind Sie nur rat- und hilflos oder macht Sie das Verhalten Ihrer Mutter auch manchmal aggressiv? Wäre es möglich, mehr Abstand zu wahren und sie z.B. nur noch 1 - 2x in der Woche zu besuchen und alles andere dem Pflegedienst zu überlassen? Geben Sie auf sich acht!

07.09.2020 | 14:48
martinhamborg

Hallo in die Runde, im Urlaub hatte ich kein so stabiles Netz, deshalb melde ich mich erst heute wieder mit meinen Gedanken.

Danke zunächst für die vielen Weisheiten und Lebenserfahrungen, an denen ich wieder teilhaben durfte. Ja, manchmal ist die Demenz ein Monster, die Familien und Leben beherrscht und Teufelskreise entstehen lässt. Je aussichtsloser die Situation, umso wertvoller werden die Erkenntnisse, an denen uns jetzt gerade Elisabetha teilhaben lässt.

Viktor Frankl hat uns folgenden Generationen mit seinen schlimmen Erfahrungen aus dem KZ ganz viel geschenkt. Er hat das perfide System durchschaut und ist daran gewachsen - bestimmt auch mit vielen Zweifeln und Rück- oder Vorfällen. Er hat rückwirkend Sinn gefunden und weitergegeben. Wir wissen nicht, wie oft er innerlich vor dem Zerbrechen in den brutalen Hamsterrädern stand.

In meinem neuen Buch werde ich mich in einem langen Kapitel zum Sinn oder Wesen der Demenz beschäftigen und mit vielen Annäherungen aus meinen Erfahrungen eine radikale These formulieren. Aber das würde jetzt hier zu weit führen. Das Leben mit demenzkranken Menschen bewegt sich zwischen wunderbaren Erfahrungen und furchtbaren Abgründen. Es gibt ganz oft die leichte und erfüllende Variante für alltägliche Herausforderungen, deshalb sind die manchmal idealisierenden Beispiele wie das Chorprojekt so sinnvoll.

Aber hier in unseren Gesprächen geht es um Lebenslagen mit endlosen, zähen und ständig verletzenden Teufelskreisen in denen einfache Tipps schaden und verhöhnen würden. Es ist oft auch Fachleuten nicht klar, welcher täglicher Horror in einem gemeinsamen Leben mit Menschen im Wahn und in den Endlosschleifen liegen kann. Da wäre es verwunderlich, wenn es nicht die Momente der Verzweiflung und Resignation gäbe. Wissen wir, wie lange Lebenskünstler und Philosophen ihre Erkenntnisse in Schleifen und Spiralen prüfen mussten, bis sie uns ihre Essenz authentisch weitergeben konnten?

Dank Ihnen Elisabetha für die starken Worte, die „Trostmacht“ und die Schönheit, die sich aus den Tiefschlägen entwickelt und für Ihre Offenheit, immer wieder auch die tiefen Zweifel zuzulassen und zuzugeben, dass Sie wider besseres Wissen anders reagierten.

Lange habe ich in den Kursen „Theorie der Demenz“ in der Weiterbildung zur integrativen Validation meinen Schwerpunkt auf die Frage gelegt: Wann wirkt die Validation nicht?
Im andauernden Stöhnen und in anderen herausfordernden Verhaltensweisen kann etwas Provozierendes liegen. Es kann die Falle der sado-masochistischen Teufelskreise der Depression sein, die Macht des Wahns, „alte Bekannte“ (Muster) aus der Kindheit oder einfach nicht-akzeptable un-erwachsene Verhaltensweisen … Auf mögliche Ursachen können wir reagieren, aber manchmal hilft leider absolut nichts.

Ihre Achtsamkeitsübung. Elisabetha – die kurzen Auszeiten beim Essen – sind der Weg, das zu ertragen, was Sie – so wie wir alle - nicht ändern können. Das Konzept der Achtsamkeit ist nun salonfähig und hat mittlerweile die Psychotherapie, die Pädagogik und das Management erreicht.

Wir können das als tägliches (quasi-buddhistisches) Übungsprogramm genau so üben, wie Lulus „Kunst der Notbremse“ oder dem Gedanken von Zimt, dass es doch ein riesiger Vertrauens- und Liebesbeweis ist, wenn sich unsere Eltern so abgrundtief und ehrlich uns gegenüber zeigen.

Wir können uns wie Barbara66 schreibt, an diesem kurzen guten Zustand, dem Lächeln über die Blumen freuen, auch wenn die Macht des Wahnes irgendwann stärker ist.

Nach Ihrem Beitrag, Marie51, kam mir ein Gedanke, der vielleicht noch einen Weg öffnen kann: In ein (stabiles) Wahnsystem wird immer das körperliche Erleben einbezogen. In der Supervision suchen wir manchmal nach der Symbolsprache des Wahnes. Wenn uns diese Menschen beschreiben, sie würden mit Messern oder Spritzen gequält, kann ein echter Schmerz einer unerkannten Krankheit dahinter stehen – oder aufgrund des (wahnsinnigen) Leidensdruckes die Notwendigkeit einer Anpassung der antipsychotischen Medikation, wenn die Behandlungsversuche auf mögliche andere reale Erklärungen keine Wirkung haben.

Ich wünsche Ihnen allen viel Kraft, Ausdauer, Kreativität, Humor und andere Formen der Trauerarbeit im schier endlosen K(r)ampf und ich freue mich über die Erfahrungen von denen, die alles schon hinter sich haben und an diesem Dialog teilnehmen. Ihr Martin Hamborg

15.09.2020 | 23:15
Rosina

Hallo ,Sonnenblümchen,wie lange willst du das denn noch aushalten,du musst doch verrückt werden,hol dir endlich Hilfe,du stehst das nicht durch,die Demenz deiner Mutter ist doch sehr sehr schlimm, ich weiß nicht,was ich dir noch raten soll,du solltest eine Entscheidung treffen,Heimeinweisu ng ist die einzige Lösung ,du gehst sonst kaputt.LiebeGrüße Rosina

16.09.2020 | 09:33
Lulu

Hallo Sonnenblümchen,
das kannte ich von meiner Mutter auch. Bei ihr waren es Kuscheltiere, die ich ihr auch teilweise selbst geschenkt hatte. Die hat sie im Bett immer fest umschlungen und sich teilweise auch mit denen unterhalten. Ich hatte das Gefühl, dass es sie beruhigt. Mit einer Puppe hatten wir es auch versucht, diese machte ihr aber Angst. Später hatte sie zur Beruhigung auch eine so genannte Nesteldecke, an der sie rumfummeln konnte. Lass ihr doch die Puppe, wenn es sie beruhigt und lach am nächsten Morgen gemeinsam mit ihr darüber!
Bitte nimm das Verhalten deiner Mutter nicht persönlich. Für mich war es schwer, als meine Mutter mich nicht mehr erkannte und sogar nach mir schlug. In den letzten 3 Jahren ihrer Demenz sprach sie auch nicht mehr und konnte nicht mehr aus ihrem Bett aufstehen. Sie lag nur da und starrte an die Decke. Körperliche Zuwendung war ihr unangenehm. Das ist dann das Ende des Wahnsinns, es hört also erst am Lebensende auf. Es ist so schwer als Angehörige den notwendigen professionellen Abstand zu wahren bei diesem Tod auf Raten! Ich wünsche Dir von Herzen alles Gute

16.09.2020 | 10:40
hanne63

Liebe Sonnenblümchen,
ich lese aus Deinen Zeilen große Verzweiflung heraus.
Die Puppe ist sicherlich nicht das Problem....und ich würde die Puppe der Mutter lassen..es scheint sie ja zu beruhigen...und auch im Heim...haben einige Bewohner Puppen oder Kuscheltiere im Bett etc.
Es scheint mir eher so, als ob Du die derzeitige Situation einfach so nicht mehr (lange) ertragen kannst....

Gibt es für Dich irgendeienen Ausweg.? Heimunterbringung?

Liebe Grüße

16.09.2020 | 11:16
Sarah1990

Hallo Zusammen,

ich muss jetzt einfach hier mal einiges loswerden, mir brummt der Kopf, ich kann an nichts anderes mehr denken. Ich danke euch jetzt schon dafür, dass ihr meinen langen Text lest und mir vielleicht Tips habt, ich bin ganz neu in dem Thema Demenz. Ich habe mit dem Text auch schon ein eigenes Thema in einem anderen Forum hier veröffentlicht, ich habe das hier erst jetzt gefunden, also entschuldigt den Doppelpost.

Meine Oma ist 89 und hat sich innerhalb von 2 Wochen total verändert. Sie ist vor 2 Wochen zusammengebrochen und kam dann ins Krankenhaus. Dort wurde sie auf den Kopf gestellt und sie ist einfach allgemein sehr krank und man hat auch festgestellt, dass sie dement ist. Wir wohnen alle zusammen (Tante, Onkel, Mutter, Vater, Cousine, Schwester Oma und ich) und wir haben zu Hause schon festgestellt, dass sie ab und zu immer vergesslicher wird oder auch unbeteiligter. Aber man konnte sich immer noch mit ihr verständigen. Im Krankenhaus war sie verwirrter als sonst, hat aber ab und zu auch wieder klar denke könne, das war wie ein Wechsel immer ein bisschen. Sie hat immer wieder einen Gruß an ihre Mutter ausgerichtet, die aber schon lang nicht mehr lebt. Nun ist sie seit bald einer Woche im Pflegeheim in Kurzzeitpflege. Wir mussten sie erst einmal in Kurzzeitpflege geben, da wir sie in diesem Zustand nicht nach Hause holen können, ohne eine Hilfe zu haben. Sie ist zu Hause am Rollator gelaufen, aber ab dem Krankenhaus konnte sie das nicht mehr, sie ist zwar einmel kurz vom Bett zur Tür, aber mehr war noch nicht drin. Wie gesagt ist gerade im Heim und musste da leider erst einmal in Isolation, wenn ihr Corona-Test negativ ist, darf sie auf Station. Wir hoffen das Ergebnis kommt heute. Die Isolation ist natürlich blöd, weil sie an nichts teilnehmen kann und ganz alleine ist. Es kommt sie jeden Tag jemand besuchen, aber es dürfen leider auch immer nur 2 Besucher am Tag kommen. Ich selber war letzten Samstag bei ihr, da war sie auch immer wieder wirr, hat mich aber erkannt und hat auch von selbst geredet. Sie hat auch nach der Beerdigung von ihrem Bruder gefragt, dieser ist leider vor kurzem gestorben. Sie war natürlich nicht mehr die Alte, aber man konnte sich ein wenig mit ihr Unterhalten. Sie hat auch Verständnis dafür gezeigt, dass sie erst einmal ins Heim muss, wir hatten immer Angst sie will unbedingt nach Hause.

Nun hat sich ihr Zustand aber rapide verschlechtert. Ich war gestern mit meiner Mutter bei ihr (sie wird dann immer in den Rollstuhl gesetzt wenn jemand kommt), erkannt hat sie uns, aber mit ihr reden geht gar nicht mehr. Sie bringt keine Sätze oder manchmal auch keine Wörter mehr raus oder redet von bestimmten Dingen, die nicht zusammen passen. Sie hat ständig ihre Hausschuhe an und ausgezogen und wollte die ganze Zeit aufstehen (was sie aber kräftemäßig auch gar nicht gescheit hinbekommt). Sie ist einfach wahnsinnig unruhig. Wir haben ihr immer gut zugerdet und einfach ein paar Sachen erzähl wie z.B, dass meine Cousine sie bald besuchen kommt, meine Schwester auch und, dass jeden Tag jemand kommt. Sie hat immer nur mir "Ja" oder "Ja gut" geantwortet. Aber das war schon schwer für mich mitanzusehen, wie schnell sie abbaut. Was auch noch schlimm war gestern, dass sie sich wohl von den Pflegern nicht anziehen und waschen lassen will, deswegen war sie den ganzen Tag im Nachthemd. Sie sagt zu uns (hat sie neulich als sie noch besser sprechen konnte zu meiner Mutter & Tante gesagt), dass die Pfleger alle dort so grob seien, aber wir konnten das nicht bestätigen, wenn wir zu Besuch waren. Natürlich müssen diese beim Transfer in den Rollstuhl oder zurück ins Bett ein bisschen zupacken, weil sie nicht selber laufen oder stehen kann. Wir wissen natürlich nicht, was passiert, wenn wir weg sind, aber auf uns machen alle einen lieben Eindruck. Aber es ist halt schwer, wenn die Oma sowa sagt und man macht sich ständig Gedanken. Was daran das Schlimme ist, sie jammert immer fürchterlich beim Transfer. Sie ruft immer "Au" und "Nein" "Mama" und ich muss immer aus dem Zimmer, ich halte das nicht aus, weil es mir so Leid tut, es zerreißt mir das Herz. Sie bekommt schon so viele bzw. starke Schmerzmittel, dass sie so Schmerzen hat kann doch eigentlich nicht sein oder doch? Die Pflegeleitung meinte, dass sie wahrscheinlich einfach auch Angst vor dem Transfer hat und sie dann vom Kopf her die Schmerzen eher kommen und sie deswegen auch bisschen aggressiv gegenüber den Pflegern ist.Ich weiß es einfach nicht. Wenn sie zu zweit sind und ein Mann oder auch zwei Männer dabei sind, geht es wohl ein bisschen besser, da jammert sie nicht so sehr, vielleicht ist sie da beruhigter, weil zwei "stark Männer" das machen. Morgen kommt aber wohl der Hausarzt und schaut nochmal nach ihr, aber ich habe die Befürchtung, dass dieser nicht viel macht. Ich zerbreche mir die ganze Zeit den Kopf über die Situation, für uns ist es einfach schlimm. Auch, weil es so schnell ging. Ich mache mir auch immer Gedanken, sind wir zu wenig bei ihr, sollte man sie nach Hause holen. Aber ich glaube das würden wir zu Hause so erst mal gar nicht schaffen. Und es kommt auch jeden Tag jemand oder zwei Personen für ein paar Stunden. Aber ich habe Angst, dass sie sich alleine fühlt und ihr es schlecht geht. Wir haben die Hoffnung, dass es ein bisschen besser wird, wenn sie nach der Isolation unter andere Leute kommt, auch wenn sie vielleicht nicht mehr viel spricht usw. Aber es wäre dennoch vielleicht ganz nett.

Wir wissen auch nicht, ob das die letzte Stufe ist oder wie oder was. Es ist aber einfach schwer sie so zu sehen und ich will und hoffe, dass sie nicht leidet. Das macht mir am meisten Sorgen. Und auch, dass man nicht 24/7 bei ihr sein kann. Aber das kann niemand...wir machen uns auch bisschen Vorwürfe, sie jetzt ins Heim gegeben zu haben. Sie ist einfach ein Mensch der gern zu Hause ist und sein zu Hause liebt. Ich habe auch Angst, dass sie sich deswegen alleine fühlt. Oder, dass sie irgendwann alleine sterben muss, wenn sie im Heim bleiben sollte. Natürlich kann man zu Hause auch nicht immer da sein, aber solche Gedanken macht man sich halt. Ich musste das jetzt mal loswerden und mir von der Seele schreiben, denn es macht mich echt ziemlich fertig.
Habt ihr irgenwelche Tips, wie man ihr alles "erleichtern" könnte? Dass sie sich nicht einsam fühlt (was wir ja nicht sicher wissen) oder was man tun kann. Ich danke euch schon mal!

Viele Grüße!

17.09.2020 | 17:00
Elisabetha

Liebe Grüße in unsere Runde und herzlichen Dank an alle, die mir geantwortet und mir zur Seite gestanden haben!

Es liegt eine ereignisreiche und sehr belastende Zeit hinter mir, daher mein verspäteter Beitrag.

Aktuell liegt meine Mutter nach Einweisung des Hausarztes in einer Klinik nahe am Wohnort, deren Ärzte sich in einer bemerkenswerten Weise um meine Mutter bemühen. Obwohl Sie aggressiv auf ihr Umfeld reagiert und auch die Ärztin geschlagen hat, ist der Wille, ihr alle wichtigen Untersuchungen angedeihen zu lassen, ungebrochen. Eine sehr wichtige Herzkatheruntersuchungen wurde aufgrund ihres Verhaltens verschoben, jedoch alternativ der heutige Besuch einer Neurologin veranlasst.

Jeglich Versuche, sie zu duschen und ihr die Haare zu waschen, schlugen bisher fehl. Gegen Abend erhält sie nach Bedarf einen Beruhigungssaft, dennoch ist sie für das Pflegepersonal sehr anstrengend. Da die Station wegen Corona geschlossen ist, kann ich sie nicht besuchen und bin dankbar dafür. Nicht auszudenken, wenn sie vor mir stünde. Eine hochgezogene Augenbraue und ein spöttischer Zug um den Mund würden mich jetzt zusammenbrechen lassen.

In unserem gestrigen Telefonat erinnerte mich meine Mutter voller Aggression und Vorwurf an ein Versprechen, dass ich meinem verstorbenen Vater und ihr gegeben haben soll und sie keine weiteren drei Tage überleben wird, wenn ich sie nicht unverzüglich abholen werden.

Das ist im Groben die Quintessenz der vergangenen Tage. Gerade komme ich von meinem Hausarzt, den ich gebeten habe, für mich eine Reha zu beantragen. Wenn ich jetzt nicht etwas nur für mich auf den Weg bringe, dann ist es um meine Motivation und mein Durchhalten schlecht bestellt.

Dieses kurze Telefonat ist mir derart an die Nieren gegangen, dass ich sie heute noch nicht anrufen konnte. Dieser berühmte Ausspruch "Nehmen Sie es keinesfalls persönlich" ist in solch einer Ausnahmesituation für mich nicht umsetzbar.

Nun hoffe ich, dass der Besuch der Neurologin erhellende Informationen bzw. weiterführende Untersuchungen zur Folge haben wird. Das war nicht meine Mutter, mit der ich gestern telefoniert habe, sondern eine wild gewordene Furie.
Seitdem sie in der Klinik ist, hat sich die Atmosphäre bei uns zu Hause sehr stark entspannt. Mein Stiefvater läuft nicht mehr permanent durch die Wohnung und der Hund lässt ihn auch in Ruhe. Viele meiner körperlichen Beschwerden haben sich merklich reduziert bis auf mein geplagtes Nervenkostüm, das sich dank Magnesium und Rosenwurzdragees nur langsam entspannen will.

Es grüßt sehr herzlich

Elisabetha

17.09.2020 | 20:28
Barbara66

Die Macht des Wahns wird unerträglich!
Tagtäglich der altbekannte Vergiftungswahn und die "aktive Sterbehilfe "in ihrer Welt.
Ich habe mir vorgenommen, nicht mehr ans Telefon zu gehen,wenn ihre Nr.erscheint..
Ich kann das nicht mehr-fühle mich total hilflos.
Gestern Mittag habe ich ihr die von mir gewaschene Bettwäsche gebracht.
Ich habe die Tür aufgeschlossen und fand meine Mutter,nicht wie sonst,im Wohnzimmer vor.
Ich vermutete sie oben im Schlafzimmer -dort lag sie komplett angezogen und strahlte mich total entspannt an.
Mein Herz machte Luftspruenge, da ich glaubte,sie freue sich so sehr,mich zu sehen.
Dem war nicht so!
Sie fragte mich,ob ich die Tablette mitgebracht hätte die sie gleich für den "EXIT "brauchen würde.
Es tobte in mir und ich schrie sie an:Solange bis Du im Sarg liegst,bin ich für Deine Medikamente NICHT mehr zuständig -ich habe keine Tablette.
Sie:Aber ich werde doch gleich mit dem Krankenwagen abgeholt und brauche die Tablette für den "EXIT ".
Ich bin die Treppe runtergerannt und habe umgehend das Haus verlassen.
Ich ertrage das nicht mehr.
Das Verhältnis zu meinem Bruder wird immer schlechter.
Mein 300 km entfernt wohnender Bruder ist der Meinung,daß es für ein Heim doch noch viel zu früh ist und daß er ja schon gerne auch noch was erben möchte! !???
DEMENZ ZERSTÖRT FAMILIEN! !!
Wir haben ja beide die Vorsorgevollmacht -kann ich trotzdem alleine die Entscheidung für eine Heimeinweisung treffen?
LG an alle MITLESER
Barbara66

17.09.2020 | 23:16
hanne63

Liebe Sonnenblümchen,
Ja Du kannst,darfst sie auch in eine sog. Beschützte Station, wie das heißt, bringen. Ich hab zur Zeit keinen PC und kann nur kurz schreiben. Aber ich möchte an Deinen Selbsterhaltungstrieb appellieren.
Liebe Grüsse

18.09.2020 | 06:33
Andydreas

Hallo Sonnenblümchen und alle anderen,
danke fürs Erkundigen. Ich habe die "Sache" ja jetzt seit ein paar Wochen hinter mir. Aber eigentlich nicht wirklich.
Ich habe die Beerdigung organisiert und meiner Mutter einen würdigen Abschied bereitet. Sie hätte am 1.10. Geburtstag gehabt und ich werde ihr natürlich ein paar Blümchen ans Grab bringen. Sie liegt jetzt in unserer gemeinsamen Grabstelle bei meinem Vater.
Es ist erstaunlich, dass ich die langen Jahre der Demenz inzwischen eigentlich schon fast vergessen habe und mehr an die Zeiten denke, als sie noch "normal" war. Das klappt bei mir ganz gut. Jetzt hat mich das Nachlassgericht kontaktiert und Unterlagen angefordert, da das Testament eröffnet werden soll. Da es keine weiteren Verwandten außer mir mehr gibt und ich im Testament als Alleinerbe eingesetzt bin wird es da ja wohl keine Probleme geben.
Ich schaue regelmäßig in dieses Forum und habe doch inzwischen einen gewissen Abstand.
Trotzdem habe ich mir vorgenommen mich zum Seniorenbegleiter ausbilden zu lassen, denn ich gehe in knapp 3 Jahren in Rente und da kann ich meine Erfahrungen ja vielleicht an betroffene Familien weitergeben. Ich hatte ja während unserer Leidenszeit nur telefonische Hilfen und denke ein persönlicher Kontakt kann hilfreich sein.
Sehr betroffen macht mich das Schicksal das uns Sahra 1990 schildert, da ich in einer sehr ähnlichen Situation steckte. Gibt es denn eine Patientenverfügung ? Wird ja meistens im Rahmen der Vorsorgevollmacht mit gemacht, bzw. ist Bestandteil dieser.
Ich konnte die letzte Zeit mit meiner Mutter bereits ein wenig als Trauerarbeit nutzen, so dass der Tod meiner Mutter dann nicht mehr so überraschend war. Anfangs wollte ich die neue "Freiheit" nutzen um mich zu verändern. Neue Wohnung, Vollzeit arbeiten, Entrümpeln usw.
Der Schwung reichte ca 3 Wochen, dann habe ich mich entschlossen es ganz langsam angehen zu lassen. Bisher habe ich lediglich den vollgestopften Keller zur Entrümpelung vorbereitet. In der Wohnung ist fast alles wie vorher.
Also als Hoffnungsschimmer für Sonnenblümchen. Es wird irgendwann vorbei sein und ich wünsche Dir von Herzen, dass Du die vergangenen, schlimmen Jahre auch ein wenig verdrängen kannst und Deine Mutter in besserer Erinnerung behalten kannst.
Grüße an Alle.



Grafik FacebookGrafik TwitterRSS-Feed:Grafik RSS-SymbolAbonnieren: Grafik Facebook Grafik Twitter Grafik YoutubeDrucken:Grafik Drucker