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Ratgeberforum "Prävention, Diagnose und Therapie"

Bild: Ratgeberforum "Prävention, Diagnose und Therapie" Die Diagnose Demenz wirft viele Fragen auf. Hätte die Erkrankung verhindert werden können? Ist sie therapierbar? Und worauf sollte man bei der Behandlung achten? Im Ratgeberforum „Prävention, Diagnose und Therapie“ geben zwei Experten Antworten: Dr. Marc Lässer, Neuropsychologe und assoziierter wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Sektion Gerontopsychiatrie der psychiatrischen Universitätsklinik Heidelberg, moderiert das Forum zusammen mit Dr. Elmar Kaiser. Als Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie leitete er bis Anfang 2012 die Gedächtnisambulanz der Psychiatrischen Universitätsklinik Heidelberg.

Autor Ist es Alzheimer oder Demenz? Was kann ich als Tochter tun?
03.09.2020 | 09:52
Gloria

Hallo,
bin ziemlich hilflos und sehr verletzt.
Seit geraumer Zeit ist mir aufgefallen das meine Mutter Wortfindungsstörungen hat, es fällt ihr partou nicht ein. Ich aber auch zu dem erzählten keinen Zusammenhang finden kann und wo ich dabei ansetzen kann, um ihr da helfen zu können. Es gab Situationen das sie die Termindaten wie Arzt oder Lymphdrainage das Datum verkehrt las. z.B.: 13.08.20 ( den Monat August als Tag und den Tag als Monat gelesen hat). Im letzten Monat mehrmals aufgefallen. Ich war geduldig und habe ihr das erklärt das es anders rum lesen sollte. So jetzt am jetzt letzten Freitag hatte ich Geburtstag. Sie, sonst die Jahre immer schon sehr früh mir telefonisch gratulierte. Diesmal überhaupt nicht. Dann hatte sie es vergessen , ich nahm es ihr überhaupt nicht übel. Gibt schlimmeres dachte ich. Am Samstag haben wir im kleinen Kreis bei Kaffee und Abendessen zusammen gesessen. Meine zwei Erwachsenen Töchter, die eine mit ihrem Mann und 1 1/2 jährigen Kind und der Freund der zweiten Tochter, mein Mann und meine Mutter. Mein Mann hatte sie mit dem Auto abgeholt. Bis einschließlich dem Abendessen war alles in Ordnung. Was meine Mutter schon immer sagte als sie im Laufe der Jahre älter geworden ist: Wann bringst du mich nach Hause (und das immer ohne gelogen 5- 10 x).
Nach dem Abendessen habe ich sie gefragt ob sie jetzt nach Hause möchte, ich würde sie dann fahren. Sie hat sehr merkwürdig reagiert. Was mir denn einfiele ob ich sie loshaben will, und was der Besuch denn jetzt von mir denkt. Das war noch gelinde . Meine Familie hatte sich auch gewundert. (Sie aber mir später sagten das Oma die Hörgeräte wieder nicht anhatte). Im Auto hatte sie mich angeschrien, mir an den Haaren gerissen (das war noch nie da dagewesen). Sie wird nie mehr wieder zu mir kommen. Und dann hatte sie meinen Mann schlecht machen wollen (der, wenn etwas kaputt war immer danach geschaut hat oder es erneuert hat, die Küche beim Umzug eingebaut hat und und. Dann bemerkte ich das sie ihre Hörgeräte auch nicht mehr anhatte.
Diese zieht sie immer sobald die gelegenheit da ist aus. Und wir wundern uns dann warum es so viele Missverständnisse gibt. Aber Tatsache ist das sie auch einfache Sätze nicht mehr versteht. Überhaupt nichts damit anfangen kann. Ich war sehr verletzt im Herzen weil ich für sie immer da war. Mein Bruder hat schon 2007 meiner Mutter gesagt das er nichts mehr mit ihr zu tun haben will. Ich habe das nicht verstehen können und auch seither kunen Kontakt mehr mit ihm. Ich hatte es noch zweimal versucht, aber nichts zu machen. Was soll ich jetzt mit meiner Mutter machen? Sie wohnt alleine, morgens und abends kommt die Sozialstation um ihr die Kompressionsstrümfe an und auszuziehen + Medikamente einmal in der Woche die zu richten.
Soll ich mit ihrer Hausärztin oder mit der Sozialstation kontakt aufnehmen. Ich bin berufstätig, Habe vor einigen Jahren kompletten Berufswechsel gemacht was für mir schon sehr viel Kraft kostete. Möchte aber gerne noch Zeit für meinen Enkel haben. Ich bin wie ausgebrannt gerade. Bitte um Rat.
lieben Dank
Meine Mutter ist 85Jahre, 2007 ist mein Vater an Prostatakrebs verstorben, wohnt alleine, Pflegegrad 1

[Dieser Beitrag wurde 2mal bearbeitet, zuletzt am 03.09.2020 um 10:18.]

03.09.2020 | 21:41
hanne63

Liebe Gloria,
da bis jetzt noch niemand geantwortet hat, will ich mal meine Gedanken als erste Tipps geben:
Ich war auch vom Verhalten meiner Eltern zunächst sehr verletzt, als die Demenzerkrankung begann und ich es dann auch bemerkte.....sie haben übrigens auch meinen Geburtstag dann vergessen und später auch Weihnachten etc....teilweise haben sie mich auch mit anderen Verwandten verwechselt etc....
später lernte ich damit umzugehen...aber weh tut es dennoch immer wieder neu...auch wenn ich weiß, dass es die Krankheit ist.

Haben Sie eine Vorsorgevollmacht? Wenn ja, dann könnten Sie mit dem Hausarzt ein Gespräch suchen.

Hilfreich ist es immer sich beraten zu lassen: von der Sozialstation, von den Beratungsstellen für pflegende Angehörige (z.b. Diakonie, Arbeiterwohlfahrt etc)...dort erhält man viele Tipps, gerade in der Anfangszeit....

Mir hat auch sehr geholfen, dass ich den sozialpsychiatrischen Dienst (meist beim Gesundheitsamt oder Landratsamt angesiedelt) eingeschalten und um Hilfe gebeten habe...auch von dort bekam ich Tipps und Hinweise bzgl. weiterem Vorgehen.

Sie sollten sich auch klar darüber werden, ob Sie selbst pflegen möchten/können....und evtl auch die rechtliche Betreuung selbst übernehmen möchten....oder lieber alles in "fremde" Profi-Hände geben möchten...was natürlich Geld kostet.

Am Anfang ist erst einmal wichtig, sich so viel wie möglich zu informieren...evtl auch einen Angehörigenkurs (10 x 2 Stunden, Kosten werden idR von der Pflegekasse der Mutter oder der eigenen übernommen) zu besuchen.....und sich klar zu werden, was man selbst überhaupt leisten kann und will.

Im Moment scheint Ihre Mutter ja noch relativ gut allein zurecht zu kommen. Aber es wird schlimmer werden.....

Liebe Grüße

04.09.2020 | 10:36
Lulu

Hallo Gloria,

auch ich bin die Tochter einer demenzkranken, im letzten Jahr verstorbenen Mutter. Auch meine Schwiegermutter lebt seit 2 Jahren wegen ihrer Demenz in einem Pflegeheim.

Die Frühsymptome der Kranheit, die Du beschreibst, kenne ich aus eigener Erfahrung auch. Wie Hanne schon schreibt, man muss lernen, damit umzugehen und es nicht persönlich nehmen.

Das Wichtigste jetzt ist die ärztliche Diagnose. Gibt es denn schon eine? Am Anfang der Erkrankung bewahren sich viele noch eine Fassade und täuschen damit Arzt und andere Menschen, die sie nicht so gut kennen. Sie selber wissen insgeheim meistens, dass mit ihnen etwas nicht stimmt, wollen es aber so lange wie möglich verheimlichen. Diskussionen, ob nun etwas real ist, wer was gesagt hat, wer was vergessen hat, führen zu nichts. In diesem Stadium der Erkrankung können Angehörige viel Porzellan zerschlagen. Bei meiner Schwiemu gab es endlose Diskussionen um Vollmachten, Notrufknopf, Essen auf Rädern,... Alles wurde abgelehnt und als Angriff gewertet.

Holen Sie sich die Hausärztin ins Boot. Betonen Sie, dass Sie sich Sorgen machen. Es gibt validierte Tests, um die Erkrankung festzustellen: Uhrentest, mini-mental-Statustest,... Wenn es eine Alzheimer-Erkrankung ist, gibt es Medikamente dagegen, die den Fortschritt der Erkrankung verlangsamen können.

Als zweiten Schritt könnte man eine Tagesbetreuung anregen. Wichtig ist auch, die Wohnung demenzsicher zu machen: Herd, Feuerzeuge, Wasserstop-Vorrichtungen im Badezimmer,...

Ich wünsche Ihnen viel Kraft. Sie finden in diesem Forum wirklich gute Tipps und Erfahrungsberichte.

05.09.2020 | 10:13
elmarkaiser

Sehr geehrte Fragenstellerin,

die wertvollen Anregungen und Empfehlungen von "hanne63" und "Lulu" kann ich uneingeschränkt unterstützen. Für viele betroffene Angehörige von Demenzkranken kommt irgendwann (leider) der Punkt, an dem das bisherige Modell von Unterstützung, Pflege und Versorgung so nicht mehr funktioniert. Naturgemäß gibt es in dieser Phase häufig viele Zweifel und offene Fragen, nicht nur in Bezug auf das, was zukünftig der beste Weg für den Erkrankten sein könnte, sondern auch in Bezug auf das persönliche Verhältnis zwischen Demenzkrankem und Pflegenden.

Demenzerkrankungen sind leider immer auch heimtückisch und vielschichtig, da sie nicht nur mit geistigen Einschränkungen, sondern auch mit einer Vielzahl von Verhaltensauffälligkeiten einhergehen, die nur sehr schwer auszuhalten und noch schwerer verständlich sind.

Hilfestellungen von "außen" und eine realistische Beurteilung des Erkrankungsstadiums der Demenzerkrankung sind sehr sinnvoll. Die Hausärztin bzw. der Hausarzt spielen dabei zunächst eine zentrale Rolle. Eine weiterführende Abklärung kann bei Bedarf veranlasst werden, z.B. vorübergehend in einer gerontopsychiatrischen Station, falls dies für medizinisch erforderlich erachtet wird. Fragen zur Vorsorgevollmacht bzw. generell rechtliche Befugnisse der Interessenvertretung sind in diesem Zusammenhang zu klären, damit für später sicher auftretende Schwierigkeiten eine klare Verantwortlichkeit benannt ist. Häufig behalten sich nahestehende Verwandte dieses Recht vor und geben es nicht an Dritte ab, wobei die eigentliche Versorgung und pflegerische Unterstützung zusehends an professionelle Pflegende "ausgelagert" wird.

Entscheidend ist auch, dass Sie persönlich Ihre individuellen Belastbarkeitsgrenzen kennen und akzeptieren. Die Pflege von Demenzerkrankten wird zunehmend schwieriger - Sie haben offensichtlich bereits schon sehr viel Gutes für Ihre Mutter getan! Auch eine Selbsthilfegruppe kann im Umgang mit neuen Symptomen der Demenzerkrankung und den Erfahrungsaustausch in der Gruppe ein sehr wertvoller Rückhalt in schwierigen und belastenden Zeiten sein.

Meine Empfehlung: Nutzen Sie alle Ressourcen, bleiben Sie nicht allein mit dieser Situation und handeln Sie zeitnah!

Ich wünsche Ihnen ebenfalls viel Kraft in dieser schwierigen Situation!

Mit freundlichen Grüßen,

Dr. E. Kaiser

05.09.2020 | 11:45
Miracula

Ich denke, dass Gloria erstmal wissen möchte, ob die Verhaltensweisen ihrer Mutter ein Zeichen für Demenz sein können. Eine Diagnose gíbt es wohl noch nicht, oder?

Die von Gloria beschriebenen Sachen, die sie mit ihrer Mutter erlebt, kenne ich auch gut von meiner Mutter. Auch wir haben keine Diagnose bisher. Meine Mutter hält sich für gesund und würde sich beim Arzt nicht auf Demenz untersuchen lassen deshalb. Wir als einzige Vertraute werden beschuldigt, sie ausspionieren zu wollen... sie hat gesagt, dass sie einen Kontaktabbruch will... und alle Vollmachten (Bank etc.) für mich widerrufen.
Ebenso schließt sie alle möglichen teuren Verträge auf einmal selber ab, die vorher von uns für sie liefen, damit sie keine Kosten und keinen Aufwand hatte.
Will sie alles nicht mehr. Denn es ist ja alles nur, um sie auszuspionieren. Darauf ansprechen darf man sie nicht, denn sie ist selbstverständlich klug/selbständig/unabhängig und WIR sind wohl behandlungsbedürftig und sollen uns untersuchen lassen.

Vorher war sie auch unkompliziert, nett und freute sich über all die großen und kleinen Dinge, die wir für sie taten.

Allerdings erinnert sie sich an Termine /Geburtstage etc. und reagiert darauf bzw. hält alles ein. Deshalb weiß auch ich nicht, wie ich reagieren soll und was es nun tatsächlich sein kann.

Mit ihrem Arzt habe ich gesprochen, dem hat sie erzählt, dass alles gut und normal sei. Also nichts von ihren massiven Beschuldigungen und Beschimpfungen und dem von ihr gewünschten Kontaktanbbruch.

[Dieser Beitrag wurde 2mal bearbeitet, zuletzt am 05.09.2020 um 11:49.]

05.09.2020 | 21:05
hanne63

Liebe Miracula,
das mit dem Widerufen von Vollmachten kenne ich auch sehr gut...und auch ich hatte lange Zeit leider keine Diagnose bzgl. gleich beider Eltern....
Der Hausarzt sah alles nicht so dramatisch....wären normale Alterserscheinungen....
Tatsächlich war es viele Jahre lang so, dass auch die Ärzte meiner Eltern sich täuschen ließen...wer nur 5 Minuten mit ihnen sprach...nahm an, dass alles noch ok ist...erst wenn man längere Zeit mit Ihnen sprach...dann fiel es vielleicht auf....
Nach außen hin erzählten meine Eltern immer, alles ist ok und ich als Tochter würde mich sowieso um alles kümmern...tatäschlich durfte ich aber nichts regeln für sie....

Es ist sehr sehr schwierig.....Gott sei Dank sind sie jetzt im einem Heim sicher untergebracht.

liebe Grüße

[Dieser Beitrag wurde 1mal bearbeitet, zuletzt am 05.09.2020 um 21:06.]

07.09.2020 | 06:22
Gloria

Hallo,
Danke für die sehr hilfreichen Antworten. Meine Mutter hat soviel ich weiß, noch einen Termin bei ihrer Hausärztin.
Werde nochmals mit ihr telefonieren. Letztens habe ich mit der Arzthelferin telefoniert, die sagte noch sei die Ärztin gerade im Urlaub, habe angemerkt das meine Mutter sich z.T. sich anders verhält auch aggressiv gegenüber mir war. Sie meinte das sie dann Tests mit ihr machen würden, die sie als solche nicht wahrnehmen könnte.
Was ich jetzt auch machen werde, ist einen Pflegeplatz für sie suchen, für den Falle aller Fälle. Wie ich jetzt auch von ihnen und anderen mitbekommen habe das die Plätze mit langen Wartezeiten verbunden sind. Danke
Was ich ein paarmal bemerkt hatte das sie als mal einen blauen Fleck unterhalb eines Auges hatte. War sie gestolpert? Sie sagte nur als das kommt als mal raus.
Meine Mutter hat auch Osteoporose ziemlich vorangeschritten. Das erste Jahr bekam sie hochdosiertes Vitamin D und weitere Medikamente.
Kann es sein das dies auch etwas damit zutun hat? Wenn mal so hoher Mangel war.
Grüße Goria

12.09.2020 | 09:57
elmarkaiser

Sehr geehrte Fragestellerin,

Osteoporose ist meist eine über einen längeren Zeitraum sich anbahnende Erkrankung, die nicht direkt mit der Entstehung einer Alzheimer-Demenz zusammenhängt. Vitamin D ist wichtig für den "Einbau" von Kalzium in die Knochensubstanz, was zur Stabilität der Knochen beiträgt. Vitamin D hat natürlich auch in anderer Hinsicht günstige Wirkungen, auch in Bezug auf psychische Verfasstheit und Stimmung eines Menschen. Die Alzheimer-Erkrankung wird aber nach gegenwärtigem Stand des medizinischen Wissens nicht direkt oder indirekt durch einen Mangel an Vitamin D ausgelöst.

Mit freundlichen Grüßen,

Dr. E. Kaiser



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