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Ratgeberforum "Kommunikation und Konflikte"

Bild: Ratgeberforum "Kommunikation und Konflikte" Im Laufe einer Demenz ändern sich Kommunikationsfähigkeit und Verhaltensweisen. Das ist für alle Beteiligten oft belastend. Der Wegweiser Demenz hat zwei Experten auf diesem Gebiet als Moderatoren für das Internetforum gewonnen: Jochen Gust hat als Altenpfleger Menschen mit Demenz betreut. Heute schult er unter anderem Klinikpersonal im Umgang mit Demenzkranken, berät Angehörige und schreibt Bücher. Dr. Svenja Sachweh bietet Kommunikationstrainings für Pflegepersonen an und ist Autorin diverser Lehr- und Ratgeberbücher zur Verständigung mit Demenzkranken.

Autor Ständige Angst
14.09.2020 | 12:40
Martha123

Eine entfernte Verwandte von mir (ich nenne sie Tante) ist mittlerweile 84 Jahre. Meine Mutter und mein Onkel haben beide vor Jahren auf den Wunsch meiner "Tante" hin eine Vorsorgevollmacht vorbereitet, da wir ihre einzigen übrigen Verwandten sind. Mein Onkel besucht sie seit Jahren einmal wöchentlich und meine Mutter mehrmals jährlich. Ich besuche sie seit einigen Monaten gemeinsam mit meinem Onkel wöchentlich.

Nun kommt die Tante seit längerem schon durcheinander mit dem Datum und weiß eigentlich nie welchen Tag wir haben, sodass schon klar wurde dass Demenz ein Thema wird. Sie lebt alleine in ihrer Wohnung und möchte auf keinen Fall von dort weg. Ihren Alltag bekommt sie soweit wir das einschätzen können noch geregelt, nur hat sie im letzten Jahr stark abgenommen und wir wissen nicht wie regelmässig sie tatsächlich isst. Genug zu Essen ist da, und wenn wir sie besuchen ist sie meistens am Mittagessen kochen. Essen auf Rädern hatten wir schonmal versucht, doch das hat sie rigoros abgelehnt.

Das Hauptproblem jedoch hat sich in den letzten vier Wochen zugespitzt. Eines Tages begann sie, meinen Onkel aus heiterem Himmel zu beschuldigen ihr Geld, Sparbuch, Bankkarte etc. geklaut zu haben. Nachdem wir zu ihr gefahren sind, in ihrer Wohnung gesucht und die Sachen finden konnten war die Tante sehr bestürzt über sich selbst und hat viel geweint. Allerdings wiederholt sich dieses Muster nun immer häufiger, auch meine Mutter und ich geraten abwechselnd unter Verdacht. Beim Hausarzt waren wir schon und das Kurzzeitgedächtnis scheint gar nicht mehr vorhanden zu sein.
Nun sind wir drei alle sehr bestürzt unsere liebe Tante ständig so verzweifelt zu sehen, weil sie entweder gerade der Meinung ist von einem von uns bestohlen worden zu sein, oder gerade in ihrer Wohnung die betreffenden Sachen selbst aufgefunden hat und sich selbst starke Vorwürfe macht. Eigentlich ist sie ständig unglücklich. Von uns kann sie keiner zur Pflege aufnehmen, aber das möchte sie auch gar nicht. Sie liebt ihre Wohnung und will nicht weg, will aber auch keine Pflegedienste kommen lassen und sich bei gar nichts helfen lassen.

Nun grübeln wir Angehörige die ganze Zeit, ob es irgendetwas gibt wie wir unserer Tante etwas Ruhe geben können. Wir können nicht die ganze Zeit bei ihr zuhause sein und ihr versichern, dass ihr Geld etc. noch da ist und sie nicht verhungern wird, aber wenn sie allein ist durchläuft sie anscheinend mehrmals täglich den Kreislauf "Sachen nicht finden - Angst bestohlen worden zu sein - stundenlanges Absuchen der Wohnung - Wiederauffinden der Sache - Verzweiflung über sich selbst".

Ich frage mich ob sie in einem Pflegeheim nicht doch glücklicher wäre, wenn sie dort ständig beruhigt werden könnte, aber gleichzeitig hängt sie so sehr an ihrer Wohnung das meine Mutter und Onkel das noch nicht in Betracht ziehen.
Gibt es hier irgendeine Möglichkeit oder Tipps um meine Tante zu unterstützen? Es fühlt sich derzeit so an, als könnten wir ihr kaum helfen.

14.09.2020 | 21:09
jochengust

Hallo Martha123,

wir alle müssen uns selbst ständig "die Welt", alles was drin geschieht, erklären. Im Rahmen einer Demenz verändert sich das sehr stark, aber noch immer werden Erklärungen gesucht (und gefunden).
Ihre Tante kann sich, wie Sie wissen, oft nicht mehr an Ablageorte für ihre Sachen erinnern. Wenn sie sich dann entsprechend sicher ist, ihre Bankkarte in die Küchenschublade gelegt zu haben (weil sie das immer so gemacht hat und sich genau daran eben noch erinnern kann) - und "plötzlich" ist diese weg, kann es eben nur die Erklärung geben, dass jemand anders sie genommen haben muss.
Daran, dass sie selbst die Bankkarte woanders hingelegt hat, hat sie keine Erinnerung.
Wenn sie das dann doch versteht, wie in Ihrem Beispiel, ist dies natürlich schmerzhaft denn es führt das eigene Defizit, den eigenen Fehler vor Augen.

Wenn möglich können Sie einmal ausprobieren, ob es besser ist, das nächste Mal Ihre Tante die Dinge "selbst" finden zu lassen. Also das Verschwundene so legen, dass sie selbst darauf stößt. Das kann vielleicht auch zusätzlichem Misstrauen etwas vorbeugen.

Ob sie in einem Pflegeheim glücklicher wäre, ist schwer zu sagen. Solange sie sich nicht selbst oder Dritte gefährdet, wird sie auch gegen ihren Willen nicht zu einem Umzug gebracht werden können.

Ggfs. würde es helfen, wenn Sie weiter versuchen Dritte zu involvieren (auch zu Ihrer Entlastung) - z.B. durch einen Besuchs- / oder Betreuungsdienst. Auch Tagespflege könnte dazu beitragen, dass sie länger in ihrer Wohnung verbleiben kann. Aber erzwingen können Sie zum jetzigen Zeitpunkt m.E. nach nichts.

Ist der Hausarzt involviert? Dies sollten Sie ggfs. gemeinsam mit Ihrer Tante angehen.

Zur Wohnungsgestaltung finden Sie hier einige Tipps:
https://www.pflegestuetzpunkteberlin.de/thema/checkliste-wohnumfeld-fuer-menschen-mit-demenz/ .
Auch möchte ich Ihnen diese Seite im Wegweiser ans Herz legen: https://www.wegweiser-demenz.de/informationen/alltag-mit-demenzerkrankung/tipps-fuer-angehoerige.html .

Sowie diese Threads aus dem Forum:
https://www.wegweiser-demenz.de/weblog-und-forum/rat-im-internetforum.html?tx_mmforum_pi1%5Baction%5D=list_post&tx_mmforum_pi1%5Btid%5D=2224&tx_mmforum_pi1%5Bfid%5D=3
und: https://www.wegweiser-demenz.de/weblog-und-forum/rat-im-internetforum.html?tx_mmforum_pi1%5Baction%5D=list_post&tx_mmforum_pi1%5Btid%5D=2356&tx_mmforum_pi1%5Bfid%5D=3 .

Es grüßt Sie

Jochen Gust

15.09.2020 | 12:39
Rose60

Hallo Martha,
Es gibt noch die Alternative einer vorübergehenden Unterbringung Ihrer Tante im Seniorenheim als Kurzzeitpflege , zum Ausprobieren. Oft sind die alten Menschen dort erstmal entlastet, weil sie komplett versorgt werden.
Meine Mutter hat seinerzeit erzählt, sie sei in Reha und fühle sich wie im Hotel.

Sie ist nun seit 1 Jahr im Heim und manchmal hat sie nun auch dort das Gefühl bestohlen zu werden, wenn sie etwas nicht findet. Doch nun muss sie ja nur noch ihr Zimmer absuchen und nicht die ganze Wohnung.
Liebe Grüße
Rose60

17.09.2020 | 12:47
svenjasachweh

Hallo Martha 123,
in Ergänzung zu allen bisherigen Beiträgen: Vielleicht wäre es eine Hilfe, wenn Sie und Ihr Onkel gemeinsam mit der Tante (wenn die einen guten, einsichtigen Moment hat) wesentliche Schubladen und Schranktüren "etikettieren" würden, um ihr die zeitraubende und entnervende Sucherei zu ersparen?

Freundliche Grüße
S. Sachweh



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