Navigation und Service

Direkt zu:

Hauptmenü

DAS WEBLOG

Meine Lernphase im Bereich Toleranz

Hanni Alberts am 24.10.2012, 16:03 | 0 Kommentare

Manchmal sind Eltern nicht nur Heranwachsenden peinlich. Beschämend empfindet manch einer auch das Verhalten seines dementiell erkrankten Elternteils. Hanni Alberts erzählt, wie sie sich für ihre Mutter geschämt, aber auch wie sie gelernt hat, ihre Mutter zu akzeptieren.

Meine Lernphase im Bereich Toleranz

Ich hatte mich immer für einen toleranten Menschen gehalten, jedenfalls bis zur Demenzerkrankung meiner Mutter. All die Regeln, die ich im Laufe der Jahre verinnerlicht hatte, was man darf und nicht darf in unserer Gesellschaft, waren im Umgang mit meiner Mutter irgendwie außer Kontrolle geraten.

Der Umgang mit dem „Anderssein“ des geliebten Menschen, mit den neuen Handlungsweisen und Gewohnheiten, die alles bis dato Bekannte auf den Kopf stellten, eröffnete mir eine neue Dimension in Sachen „Gleichberechtigung“.

Zuerst wehrte ich mich dagegen, erklärte ihr alles peinlich genau, was bei ihr überhaupt nicht ankam. Oft schämte ich mich für ihr Verhalten, wenn andere Menschen zugegen waren und sie vor sich hin schmatzte oder kleckerte oder ihren Kaffee mit Yoghurt verfeinerte.

Als sich mein erstes Schockiertsein und Beschämtsein über ihre demenzielle Entwicklung etwas gelegt hatte, war ich bereit, auf sie zuzugehen. So half ich ihr beispielsweise eines Abends beim Tippen ihrer Geschäftsbriefe. Sie saß mal wieder am Küchentisch und hämmerte konzentriert imaginäre Briefe auf dem alten Tastentelefon. Ich bot ihr an, die Post für sie zu erledigen, was sie freudig annahm.

Ich spielte mit und sie schien daran Gefallen zu finden, dass ich sie in ihrer Welt besuchte.

Sie fühlte sich von mir ernst genommen und wir saßen später noch eine Weile harmonisch zusammen. Ich verbannte ein „Das ist ein Telefon und keine Schreibmaschine!“, „Du hast doch noch nie Briefe getippt!“, „Was soll denn das Ganze?“, aus meinem Kopf und öffnete mein Herz für ihre neuen Gewohnheiten.

Dieses surreale Verhalten, die vielen Phantasiegeschichten, der jenseits aller Regeln gelebte Alltag meiner Mutter verlangte mir eine Riesenportion Einfühlungsvermögen und Eingehen auf sie ab.

Durch diese irreparable Geistesverwirrtheit meiner Mutter öffnete ich mich für die „Andersartigkeit“ anderer Menschen. Ich urteile jetzt nicht mehr so schnell und hart, sondern versuche, die Situation mit den Augen der anderen zu sehen.

Mein „Kopf schütteln“ über andere Menschen hat sich ein wenig reduziert und meine Ansprüche habe ich auch heruntergeschraubt. Nicht nur bei Demenzkranken, sondern bei allen Menschen. Es lebt ja sowieso jeder in seiner Realität, oder?

Ihre Hanni Alberts

Hanni Alberts ist Diplom-Ökonomin und arbeitet als freie Autorin in Hessen. Ihre Erfahrungen mit der Pflege ihrer demenzkranken Mutter und deren Tod hat sie in einem autobiographischen Ratgeber für Angehörige von Menschen mit Demenz niedergeschrieben.
Wenn Sie mehr lesen wollen: http://www.HanniAlberts.de/

Grafik FacebookGrafik TwitterRSS-Feed:Grafik RSS-SymbolAbonnieren: Grafik Facebook Grafik Twitter Grafik YoutubeDrucken:Grafik Drucker

Diesen Artikel kommentieren

Pflichtfelder sind mit * gekennzeichnet und müssen ausgefüllt werden.