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DAS WEBLOG

Meine Lernphase im Bereich Geduld

Hanni Alberts am 25.06.2012, 00:00 | 2 Kommentare

Meine Ungeduld hatte ich im Laufe der Jahre bestens gebändigt. Das dachte ich jedenfalls bis zum Eintritt in die Welt der pflegenden Angehörigen. Ich lernte mich und meine Überzeugung - dass alles immer sofort und schnell gehen muss - besser kennen. So musste ich feststellen, dass meine Einstellung die inneren Konflikte schürte.

Hier einige Beispiele, die meiner Geduld Grenzen aufzeigten:

# Wenn meine demenzkranke Mutter mal wieder nicht trinken wollte, weil sie bereits 1 Liter Mineralwasser getrunken hatte. Ich versuchte ihr dann zu erklären, dass der gestrige Tag vorbei wäre und eine neue Trink-Rechnung begann.

# Wenn sie nach einem schönen Spaziergang auf der Parkbank sitzen blieb und einfach nicht nach Hause wollte.

# Wenn sie ihre Inkontinenz

Störung der Fähigkeit, die körperlichen Ausscheidungen (Urin, Stuhlgang) zu kontrollieren. Menschen, die an einer Urininkontinenz leiden, nässen sich ein.
Inkontinenz
-Einlagen in ihre Socken stopfte und der Überzeugung war, den passenden Anwendungsbereich gefunden zu haben.

# Wenn sie nachts im Garten nach den Blumen Ausschau halten wollte.

Das waren Situationen, die ich zwar meisterte, mich aber viel Kraft kosteten, auch wenn ich wusste, dass es an ihrer Demenz lag.

In diesen Momenten war ich nicht in der Lage, ruhig und gelassen zu reagieren. Stattdessen versuchte ich es zuerst mit Engelszungen, dann mit sachlichen Erklärungen, zuletzt mit Bitten und Betteln. Als ich mit Hilfe von Ratschlägen des ambulanten Dienstes einen goldenen Mittelweg gefunden hatte, hatte ich zwar die Situationen im Griff, aber nicht meine eigene Gefühlslage. Ich fühlte mich „unter Strom“, war innerlich aufgedreht und meine eigene Unruhe nahm stetig zu. Dass es gesundheitlich nicht so weitergehen konnte, war mir klar. So entschied ich mich für Yoga und Meditation. Meine Ungeduld hatte nichts mit anderen Menschen zu tun, sondern nur mit meiner Einstellung den Dingen gegenüber. Ich arbeitete an meiner Erwartungshaltung, von anderen Menschen nicht meine eigenen Werte abzuverlangen, sondern sie in ihrer Einzigartigkeit zu akzeptieren. Viele Meditationen und Yogaübungen später gelang es mir, meine innere Mitte wieder zu spüren. Ich fühlte mich ausgeglichener und schraubte meine „Ungedulds-Schwelle“ nach oben.

Es klappt manchmal, manchmal auch nicht.

Ich bin mir bewusst, dass es eine lebenslange Aufgabe für mich bedeutet. Und das Leben präsentiert mir immer wieder Lernfelder zum Üben.

Beim nächsten Mal werde ich Ihnen von meinem Quantensprung in Sachen Toleranz erzählen.

Bis dahin, Hanni Alberts

Hanni Alberts ist Diplom-Ökonomin und arbeitet als freie Autorin in Hessen. Ihre Erfahrungen mit der Pflege ihrer demenzkranken Mutter und deren Tod hat sie in einem autobiographischen Ratgeber für Angehörige von Menschen mit Demenz niedergeschrieben.
Wenn Sie mehr lesen wollen: http://HanniAlberts.de/

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2 Kommentare

Bernadette Engelhardt am 02.07.2012, 09:10 Liebe Frau Alberts,

ich lese Ihre Beiträge hier sehr gerne, sie scheinen mir und dem von mir erlebten und gefühlten Wegen sehr ähnlich. Lieben DANK hierfür.

Die Geduld- ein schwieriges Thema, welches uns oftmals an die Grenzen und weit darüber hinaus führt. Sie haben es treffend geschildert, auch- wie Sie dann Wege gefunden haben, mit sich selbst besser kalr zu kommen, für sich selbst zu sorgen- ein ganz wesentlicher Teil im Leben.

Ich wünsche Ihnen stets die Geduld, die Sie sich für sich selbst wünschen.....und ich wünsche Ihnen auch ab und an wieder diese Ungeduld, die Ihnen immer wieder bewusst machen kann, jetzt ist es erst einmal an der Zeit- für sich selbst zu sorgen.

Herzliche Grüße aus Bonn,

Bernadette Engelhardt

Marianne Huppenbauer am 17.08.2012, 08:49 Liebe Frau Alberts,
Sie schreiben sehr passend: \"... hatte ich zwar die Situationen im Griff, aber nicht meine eigene Gefühlslage.\" Wer gepflegt wird, hat Gefühle. Wer pflegt, hat ebenso Gefühle. Eine banale Tatsache? Der Umgang mit Gefühlen in der Pflege wird viel zu selten thematisiert. Dabei erleben Pflegende und Gepflegte tagtäglich eine Vielzahl von schwierigen (aber hoffentlich auch schönen) Gefühlen - es geht um Abschied, Verlust und Trauer, um Geduld und Ungeduld, die einen aggressiv machen kann, aber auch um Ekel und Scham in der Nähe des Kontaktes. Sie, Frau Alberts, haben in Meditation und Yoga einen Weg gefunden, mit Ihrer Gefühlswelt ins Reine zu kommen. Es gibt viele Wege, jeder Mensch muss den für ihn passenden finden. Aber dies ist erst möglich, wenn man sich erlaubt, in sich hineinzuhorchen. Unsere Gefühle sind uns ein Wegweiser für die Situation, in der wir uns befinden. Sie verdienen es, beachtet zu werden. Für sich selbst sorgen ist nicht egoistisch, denn es hilft auf Dauer auch dem Menschen, den wir pflegen.
Viele Grüße aus Aachen,
Marianne Huppenbauer

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