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DAS WEBLOG

Mach die richtige Musik an

Musik hat in meiner Familie nie so eine große Rolle gespielt. Meine Mama hat als Kind ein wenig Klavier gelernt, sich dann aber für den Sport entschieden. Ich habe ein bisschen Flöte gespielt, das war’s. Meine Kindheit und Jugend fand auf dem Sportplatz statt. Musik lief immer eher so im Hintergrund, meist Radio oder immer wieder die gleiche CD. Oft war es aber einfach auch ruhig. Seit meine Mama kaum noch spricht, ist es manchmal sehr ruhig. Gespräche sind schwierig, ich werde nervös und unsicher – und Mama auch.
Ich habe ihr eine CD von der Kelly Family geschenkt und die ganz bewusst angemacht – und es war toll. Ich bekam gute Laune und sie auch. ‚Musik tut echt gut‘, dachte ich. Über Musiktherapie bei Babys habe ich schon Artikel geschrieben und ich weiß, dass auch im Bereich Alzheimer und Musik geforscht wird. Neurowissenschaftler wie Prof. Stefan Kölsch halten Musik fast genauso wichtig wie Medikamente – und vielleicht sogar noch wichtiger. Musik regt das Gedächtnis und die Sprache an, kann Bewegung fördern (durch Tanzen oder Klatschen) und löst Emotionen aus. In einem Interview forderte Stefan Kölsch: „Wir brauchen Musik auf Rezept.“
Ja, brauchen wir. Aber wir können die Musik auch selber machen. Nun bin ich nicht die große Sängerin und ein Instrument spielen kann ich nicht. Aber ich kann Musik anmachen und das ist eine einfache und gleichzeitig wirkungsvolle Unterstützung, für meine Mama, für mich und für meinen Papa auch.
Damit Musik besonders effektiv wird, rät der Neurowissenschaftler übrigens dazu die Musikbiographie des Betroffenen zu nutzen. Das klingt logisch. Jemand, der immer ein großer Schlagerfan war, wird sich auch im Alter und bei Krankheit eher an Schlagermusik erfreuen als klassischer Opernmusik. Stefan Kölsch rät Pflegenden dazu, immer auch die Musikbiogafie des Erkrankten zu erfragen. Falls das nicht mehr geht, könne man mit populärer Musik aus dessen Jugendzeit anfangen und dann beobachten, wie er reagiert. Man könne das dann ausdehnen auf andere Stücke und etwas experimentieren. So könne man eine kleine Playlist erstellen.
Ich habe intuitiv also alles richtig gemacht, als ich die CD von den Kellys einlegte. Denn wir haben früher – als die Band noch ganz am Anfang der Karriere stand und Straßenkonzerte gab – die Lieder rauf und runter gehört. Einmal waren wir in Leipzig zum Einkaufen und sind zufälligerweise in eines dieser Konzerte geraten. Es war toll – und meine Eltern waren beide so begeistert, dass sie zwei Schallplatten und eine Kassette gekauft haben. Kein Wunder also, dass es meiner Mama auch heute gut geht und sie sich erfreut, wenn sie bekannte schöne Musik hört. Wenn die Stimmung etwas mies, grau, genervt ist, kann ihr – und mir beziehungsweise den anderen Musik wirklich helfen.
Und manchmal passieren auch ganz tolle Dinge. Ganz besonders, wenn man sich einlässt auf die Musik. Meine Schwägerin und ich waren am Abend mit meiner Mama alleine und wussten nicht genau, was meiner Mama guttun würde. Im Fernseher lief ein großes Schlagerkonzert von Roland Kaiser. Ehrlich, ich würde es nie anschauen. Aber schon nach ein paar Sekunden war mir klar, dass das die allerbeste Entscheidung für diesen Abend sein würde. Meine Mama war so entspannt. Ja, sie ging wie sonst immer auch eine Runde um den Tisch, noch eine Runde, wieder eine Runde und ging im Flur auf und ab. Aber sie kam immer wieder zu uns, setzte sich neben uns, wippte hin und her und schunkelte. Sie klatschte richtig mit und lachte und war so wunderbar fröhlich, dass es auch uns glücklich gemacht hat und wir voll und ganz bei der Musik waren und durch sie einen einmalig schönen Abend verbrachten.
Thank you for the music!

Informationen zur Autorin

Foto der Weblogautorin Peggy Elfmann
Foto: Peggy Elfmann

Peggy Elfmann ist Journalistin und Mutter von drei kleinen Töchtern. Ihre Mutter ist jung an Alzheimer erkrankt. Trotz der räumlichen Entfernung will sie für ihre Mutter da sein. Das ist häufig eine Gratwanderung, denn die Kinder brauchen sie auch. Auf ihrem Blog „Alzheimer und wir“ berichtet sie über ihre Erfahrungen.

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Liebe Mama, weißt du, wer ich bin? Erkennst du mich?

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