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DAS WEBLOG

Zeilen an die Angehörigen einer Seniorin

Bernadette Engelhardt am 01.10.2012, 09:44 | 0 Kommentare

Liebe Familie T.,

ich wollte ein wenig Zeit vergehen lassen, bevor ich Ihnen ein paar persönliche Zeilen schreibe und auch mir etwas Zeit lassen - mich damit abzufinden, dass Ihre Mutter nun nicht mehr über die Gänge läuft, mir entgegen kommt - ein Lächeln beim Erkennen in ihrem Gesicht erscheint…. und dass sie nun auch kein Puzzle mehr mit mir zusammen legt…. und wir nach der Fertigstellung beide lachend das befreiende Gefühl bekommen - nun haben wir aber wirklich etwas Sinnvolles geschafft. Etwas „Sinnvolles“ tun - nicht untätig sein, zu etwas „taugen“ - gebraucht werden…… viele dieser Begriffe haben im täglichen Dasein an diesem Ort, auf der Demenzstation, eine so ganz andere Bedeutung erhalten.

Mit einem Lächeln schaue ich jetzt oft kurz zurück - wann immer ich an der Türe ihres Zimmers vorbei gehe…… erinnere mich an die vielen Tage, Stunden, Momente, Gespräche, Berührungen, an das gemeinsame Lachen und auch an die vielen tröstenden Momente.

Ihre Mutter hat mich - die ich selber mehrfache Mutter bin - einiges gelehrt. Die meisten Menschen glauben, wir in unserem Beruf wären besonders sozial eingestellte Menschen - wunderbare Helfer und dies alles auch noch so uneigennützig. Ich verstehe meine Aufgabe allerdings anders. Wir sind Weggefährten, so sehe, fühle und erlebe zumindest ich mein Zusammensein mit den Menschen - die ich eine Weile begleiten darf.

Ich habe oft das Gefühl, als würde ich erst mit und durch diese Menschen zu einem „ganzen Menschen“. Als würden diese Menschen mir mein zweites (mein ungeschminktes und wahres) Auge, Ohr und meine rechte Herzhälfte, mein kindliches Ich, aber auch mein anderes - halbes ICH zeigen und es zeitweilig gar im Außen stellvertretend mal für mich sein… und im Zusammensein mit ihnen fühle ich mich sehr oft erst wirklich „ganz“!
Es ist nun schwer zu erklären, aber so in etwa empfinde ich es. Jeder Tag mit ihnen ist eine Herausforderung, Spannung und Entspannung, Trost, ja - auch Bürde und doch zugleich auch wie ein langer und erfrischender, entspannter Spaziergang am Meer - bei einer leichten, kühlenden Brise Wind.

Worte, Gesten, Mimik und Berührungen erhalten eine Tiefe, zu der wir ach so „erwachsenen“ Menschen einfach (noch) nicht oder nicht mehr in der Lage sind. Bedürfnisse sind reduziert auf das Wesentliche, auf Gefühle, auf Respekt, Achtung und Nähe, Geborgenheit und Verständnis. Noch nie habe ich erlebt, dass ein Mensch mit dieser Erkrankung - in irgendeiner Weise bei dem was ich sage oder tue - mit Urteilen, Unverständnis oder Rügen reagiert. Es sei denn - ich habe etwas grundlegend falsch gemacht und falsch verstanden: nämlich das richtige - das fühlende Zuhören. Dann zeigen sie mir unmittelbar, aber niemals nachtragend - dass ich wohl gerade etwas „neben der Spur“ laufe und nicht sie!

Wir Menschen hören einander oft nicht richtig zu - unsere Ohren, Augen und Herzen sind so dermaßen programmiert - dass es fast schmerzhaft anmuten müsste - was es aber nicht tut, weil wir es ja gar nicht anders gewohnt sind. Durch die Zeiten mit Ihrer Mutter und ja, auch in der Zeit mit einem Teil der Kinder - die ich erleben durfte - fühlte ich mich als Gast innerhalb der Familie T. immer durch und durch wohl. Selten zuvor habe ich so viel Liebe, Zuneigung, Respekt und Herzenswärme zwischen Mutter und Kind gespürt und erfahren, wie bei Ihnen - der Mutter gegenüber und von der Mutter die Liebe zu ihren Kindern. Und ich habe dadurch gelernt, mein eigenes Mutterdasein und durch den viel zu frühen Tod der Großeltern und meiner eigenen Eltern - auch meine Stellung als Familienoberhaupt als eine liebenswerte und erfüllende Aufgabe ansehen und erneut mit ganzem Herzen einnehmen zu wollen.

Es ist eine wunderbare Aufgabe - Mutter sein zu dürfen. Ihre Mutter hat mir unbewusst Mut gemacht - mein Mutterdasein niemals durch Zweifel oder Hinterfragen in den Schatten zu stellen - sondern ins Licht, in die Sonne! Sie hat mich gelehrt, wie ich mir das Bild einer durch und durch wunderbaren Mutter bewahren kann.

Sie hat Spuren in meinem Leben hinterlassen, die mich als Mensch - der im Leben hin und wieder mal strauchelt und unsicher wird - ein ganzes Stück weit mehr zu stärken für meine eigenen Sichtweisen, Aufgaben und Gefühle als Mutter.

Liebe Familie T., ich bedanke mich von Herzen für Ihre netten und aufrichtigen Zeilen - die Sie an den Wohnbereich geschickt haben. Dies ist eine äußerst liebenswerte Geste der Dankbarkeit, die mir persönlich sehr viel mehr bedeutet - als der eigentliche „Lohn“ in Form von monatlichem Verdienst.

Doch möchte ich diesen Dank aus vollem Herzen an Sie zurück senden, im Gedenken an Ihre Mutter, der ich eine veränderte (und wieder gerade gerückte) Sichtweise verdanke.

Es war mir eine Ehre, Ihre Mutter fast zwei Jahre lang begleiten zu dürfen auf ihrem Weg und ich werde gerne immer mal wieder auf diese Zeiten zurück schauen und ja, ich werde sie wirklich vermissen!


Mit herzlichen Grüßen,

Bernadette Engelhardt

Informationen zur Autorin:

Bernadette Engelhardt (Kulturgeragogin (FH)) ist unter anderem als zertifizierte Betreuungsassistentin in verschiedenen Einrichtungen der Altenpflege tätig. Freiberuflich arbeitet sie zusätzlich als Beraterin und Betreuerin für Menschen mit Demenz und deren Angehörige, sowie als Autorin und Projektleiterin. Seit August 2012 ist sie zusätzlich tätig als "Botschafterin" für die bundesweite Kampagne Konfetti im Kopf. Nach mehreren Ausbildungen absolvierte sie weitere Fortbildungen und Ehrenämter im sozialpädagogischen und psychologischen Bereich. Bernadette Engelhart lebt in Bonn.

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