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Der ewige Kampf gegen Alzheimer - Teil I

Vivien Madlen Görzen am 27.03.2014, 15:08 | 0 Kommentare

Jeder, der sich um einen an Demenz erkrankten Angehörigen schon einmal gekümmert hat, weiß was das bedeutet. Vivien Madlen Görzen erzählt davon wie sie – damals als 13 jährige die Demenz bei ihrer Mutter erlebt hat, aber auch was die Krankheit aus ihr gemacht hat.

Der ewige Kampf gegen Alzheimer - Teil I

"Als ich 10 Jahre alt war, zogen wir in dieses Haus - ein paar Kilometer von meinem alten Zuhause entfernt. Und als ich etwa 13 Jahre alt war, wurde bei meiner Mutter Alzheimer diagnostiziert. Zu diesem Zeitpunkt saß ich im Obergeschoss in meinem Zimmer und hörte meine Mutter im Erdgeschoss weinen.
Meine Schwester und ich kamen aus unseren Zimmern und schauten uns gegenseitig fragend an. Wir gingen runter in die Küche und sahen einen völlig zerbröckelten Kuchen, der darauf wartete, endlich vom Backpapier genommen zu werden.
Meine zu der Zeit 19 Jahre alte Schwester versuchte mir zu erklären, was es mit der Krankheit auf sich hatte und sagte:" Sie weint vermutlich, weil sie es wegen ihrer Krankheit nicht schafft, den Kuchen vollständig zu fertigen."
Meine arme Schwester. Eine 19-Jährige, die versucht, einer 13-Jährigen etwas über die Folgen von Alzheimer zu erklären.

Außer diesen paar Sätzen von meiner Schwester, hat mich niemals jemand aufgeklärt. Ich bekam nur die Information, dass die Diagnose Alzheimer lautet - sonst nichts.
Ich habe auch nicht weiter nachgefragt. Aber wieso auch? Ich war doch erst 13.
Gerade in der Pubertät angekommen und noch so viel zu lernen. Aber so etwas hat mich nicht sonderbar interessiert.
Meine Mutter versuchte immer weiter dagegen anzukämpfen, vergeblich.
Mit 15 Jahren war ich dabei, mich um meine Mutter zu kümmern. Das beinhaltete Aus- und Anziehen, Füttern, Zähne putzen und für sie da sein.
Ich glaube das war das schwierigste an der ganzen Situation - für sie da sein.
So oft wollte ich ausbrechen, weglaufen. Mit dem, was ich bei mir hatte ein neues Leben beginnen - irgendwo - weit weg.
Doch ich hatte immer das Gefühl jemanden im Stich zu lassen. Ob ich meinen Dad mit meiner kranken Mum alleine ließ oder meine Mum mit meinem sturen und ungeduldigen Vater, spielte keine Rolle.
Sie war im Gefühlschaos und weinte - viel. Das Schwere daran war, dass ich nicht weinen durfte.
Ich war diejenige, die stark zu sein hatte. Und das war einer der schwierigsten Aufgaben, die ich zu bewältigen hatte.
Ich war zu dem Zeitpunkt diejenige, die sie anlügen musste, indem sie sagte, dass alles wieder gut wird. Meine Mutter wurde depressiv, während sie mitbekam, dass sie nichts mehr mitbekommt. Mir liefen fast die Tränen hinunter, doch ich wusste, dass sie dann noch viel trauriger werden würde, wenn sie mich weinen sieht. Und das wollte ich nicht.
Diese Aufgabe, diese Hürde, diesen Vorgang habe ich ganz alleine bewältigt.
Mein Dad und ich versuchten die ganze Situation in den Griff zu bekommen und es wurde schwerer und schwerer. Doch wir wurden dadurch immer stärker und irgendwie gelang es uns, ohne völlig verrückt zu werden.
Meine Schwester und mein Dad haben sich total zerstritten - vielleicht wegen der sich immer mehr reduzierenden Kommunikation, wer weiß.
Sie ist ausgezogen, ohne ihm etwas zu sagen und seitdem reden sie kein Wort mehr miteinander. Ich half ihr dabei und frage mich heute, warum ich das tat.
Das alles machte es für mich umso schwieriger - die Last stieg.
Ich fühlte mich im Stich gelassen, weil meine Freizeit auch immer weniger wurde und ich wusste nicht, wie ich mit der Situation umgehen sollte.
Doch wenn ich jetzt so daran zurück denke, hat sich niemand jemals dafür interessiert, wie es mir ging. Nicht mein Dad und auch nicht meine Schwestern geschweige denn Onkel oder Tanten haben danach gefragt, wie es mir geht. Die jüngste Tochter wurde zurückgelassen.

Mein Dad ist ein sehr stolzer Mann, wobei man hier von vermutlich falschem Stolz spricht, wenn er so gut wie niemals Fehler einsehen oder nachvollziehen kann - erst recht nicht die eigenen.
Und da meine Schwester ungefähr genau so war, ohne es sich einzugestehen, war das um einiges schwerer.
Sie haben sich noch nie verstanden. Ich fühlte mich immer, als würde ich mit beiden Händen versuchen, zwischen diesen zwei Fronten das Feuer zu beenden. Doch ich verbrannte mich selbst dabei und gab auf. Wieso hab ich aufgegeben?
Ich verstehe natürlich, dass das alles für meinen Dad noch um eine ganze Ecke härter ist, denn er verlor die Frau, die er liebt und das tut mir sehr, sehr leid.
Mein Dad und meine Mum hatten nicht so eine tolle Beziehung und ich bin sicher, aus diesem Grund möchte er nun irgendetwas wieder gut machen.
Aber trotzdem ändert das alles nichts daran, dass ich die Jüngste bin, die ihre Mutter verloren hat und trotzdem noch für sie da sein musste.
Ich kann mich nicht mehr an den Tag erinnern, an dem meine Mutter vergessen hat, wer ich bin. Doch dieser Tag war da. Und ich bekam ihn vermutlich gar nicht mit, denn ich war zu sehr damit beschäftig stark zu sein, einfach über alles hinweg zu sehen und alle Gefühle, die versuchten, zu mir zu kommen, zu unterdrücken. Ich versuchte herzlos zu werden, damit ich mich stark genug fühlte, um weiterhin auf irgendeine Weise da zu sein.
Und ich fühlte mich stark, weil ich nun meine Gefühle wegstecken konnte - bzw., nur dann zum Vorschein brachte, wenn ich allein war.
Trotzdem war ich allein und jeden Tag stieg diese Last in mir.
Während ich das alles so aufschreibe, frage ich mich, wieso meine Schwestern nie nachgefragt haben. Sie hätten mir doch sicher helfen können.
Doch ich redete eigentlich nicht viel darüber. Wenn ich abends zuhause sein musste, um auf meine Mutter aufzupassen - sie ins Bett zu bringen, log ich die Leute an, mit denen ich mich eigentlich hätte verabreden wollen, weil sie mich "nicht genug kannten, um das mit meiner Mum , zu erfahren."
Bewusst habe ich Ihnen die kalte Schulter gezeigt. Ich war ein Teenager und wollte einfach nur Freizeit. Aber ich zeigte den Menschen, dass ich mein Schicksal akzeptierte und dass es zu keinen Verabredungen kam.

Informationen zur Autorin

Mein vollständiger Name ist Vivien Madlen Görzen. Ich werde im April diesen Jahres 20 Jahre alt. Und im selben Jahr habe ich vor, mein Abitur in den Schwerpunkten Gesundheit und Soziales zu absolvieren. Passend, wenn man bedenkt, was ich mit meiner Mum zu erleben hatte.
Zu meinen Hobbys gehört unter anderem auch Schreiben. Ich schreibe einfach drauf los und das ist meine Geschichte.

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