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DAS WEBLOG

Quergedanken: Demenz und Fotografie

Michael Hagedorn am 27.09.2010, 13:00 | 0 Kommentare

Mehr als 150 Jahre lang symbolisierte die Fotografie das dauerhafte Festhalten von Erlebtem, jenen magischen Prozess, die Zeit einzufrieren und beim Betrachten wie in einem Zeittunnel Erinnerungen wachzurufen. Die allgegenwärtige Verfügbarkeit von Digitalkameras hat jedoch zu einer sintflutartigen Verbreitung des Mediums geführt. Der Zauber der Fotografie geht immer mehr verloren, weil Millionen von Fotos täglich unzureichend beschriftet im Internet versickern. Was dies mit Demenz zu tun hat? Mediziner befürchten, dass die Flut bedeutungsloser Informationen im digitalen Zeitalter die Gedächtnisleistung junger Menschen verdirbt. Sie sprechen vom "digitalen Alzheimer".

Gedanken wie diese beschäftigen mich in meinem Langzeitfotoprojekt, an dem ich seit Ende 2005 arbeite und das heute den Hauptteil meiner Zeit einnimmt: Ich fotografiere Menschen mit Demenz. Man fragt immer wieder, was meine Motivation ist, wieso ich mir das antue. Ich habe nie etwas Schöneres und Wichtigeres getan, antworte ich. Nirgends sonst lerne ich mehr über die Geheimnisse des Denkens, über die Macht der Erinnerungen, das Wesen des Menschen und damit auch über mich selbst. Ich sehe deutliche Parallelen zwischen unserer gesellschaftlichen Beschleunigung und der Zunahme von Demenz. Die Parallelen zur Fotografie als dem Medium der Erinnerung sind verblüffend.

Demenz – ein ungeklärtes Phänomen

Ungewöhnliche Gedanken zu denken muss möglich sein in Zusammenhang mit diesem verstandesmäßig bisher nicht zu greifenden Phänomen. Die gängigen Denkkonzepte haben hier bisher aus meiner Sicht versagt. Trotz intensiver Suche ist es den Forschern noch nicht gelungen, schlüssige Erklärungen für die Ursachen von Alzheimer und anderen Demenzen zu finden. Sie suchen nach passenden Schubladen und Etiketten, doch die Realität verweigert sich diesem verkopften Ansatz. Demenz ist keine Grippeinfektion mit vorhersagbarem Verlauf – jeder Betroffene durchlebt diese Veränderungen auf seine persönliche Art und Weise, viele von ihnen ohne das reflexartig unterstellte Leiden. Sieht man genau hin, erkennt man, dass es so viele Formen von Demenz gibt wie Betroffene. Und jede ihrer Sichtweisen ist die Wahrheit.

Ich bezweifle, dass der menschliche Geist in der Lage ist, seine eigenen großen Rätsel zu entschlüsseln. Das Herz allein bietet die Antworten: den anderen anzunehmen, wie er ist, auch wenn er nicht mehr der zu sein scheint, den man kannte und bewunderte; ihn bedingungslos mit dem Herzen anzunehmen, also zu lieben; ihn trotz allen Schmerzes und des langsamen Abschieds des Vertrauten neu zu entdecken.

Menschen mit Demenz als Lehrmeister

Der wahre Kern der Persönlichkeit kann auch im Fortschreiten der Demenz niemals verlorengehen. Eine Verbindung zweier Herzen ist unzerstörbar. Das Phänomen Demenz hält unserer Gesellschaft den Spiegel vor und legt ihre Defizite offen. Wir müssen nur die Augen öffnen und erkennen. Die einfachen Grundregeln für einen verantwortungs- und respektvollen Umgang mit Menschen mit Demenz wie etwa Nähe, Toleranz, Geduld und bedingungsloses Annehmen der Persönlichkeit – sollten diese nicht für jeden von uns gelten? Wäre unser Leben dann nicht sehr viel bunter und erfüllter? Die Menschen mit Demenz gehen uns voran, sie sind unsere Lehrmeister.

Michael Hagedorn arbeitet seit dem Abitur als freier Fotojournalist. Er bereiste für internationale Magazine alle sechs Kontinente – nur um festzustellen, "dass die spannendsten Themen direkt vor der Tür liegen". Seit 2005 arbeitet er am weltweit größten Foto- und Multimediaprojekt zum Thema Demenz. Michael Hagedorn lebt am Stadtrand von Hamburg, ist verheiratet und hat zwei Töchter.

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