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DAS WEBLOG

Mitten ins Herz

Natalie Hamela am 18.09.2014, 18:04 | 2 Kommentare

Die Demenzerkrankung verändert insbesondere das Verhalten eines Menschen häufig sehr stark. Oft erkennt man den geliebten Menschen nicht wieder. Die Angehörigen sind mit der Situation überfordert und verletzen den Demenzerkrankten, ohne es zu wollen.

Mitten ins Herz

Erfahrungen als Pflegehelferin in einem Demenzzentrum in der Schweiz


Mitten ins Herz

Einmal in der Woche schaut die Tochter von Frau G., die im Wohnbereich des Schweizer Demenzzentrums lebt, bei ihrer Mutter vorbei. Dort mache ich meine Ausbildung zur Pflegehelferin.
Sie bringt etwas zum Naschen mit, schaut ob die Mutter noch all ihre Lieblings-Waschartikel hat und geht mit ihr ins Café im Erdgeschoss.
An einem Nachmittag blieben die beiden oben im Wohnbereich und tranken dort ihren Kaffee. Dabei musste ich mit anhören und erleben wie hilflos die Tochter der Situation ausgeliefert war zu begreifen, dass die eigene Mutter sie nicht mehr erkennt. Gleichzeitig erlebte ich mit, wie weh der Mutter die Begegnung tat.

Tochter: „Mutter, weißt du denn nicht mehr, wer ich bin? Du musst doch noch wissen, wer ich bin. Ich besuche dich doch jede Woche.“ (mehrfach wiederholt)
Frau G. (irritierter Blick, fragende Mimik) „Wissen Sie, dass kann ich euch jetzt so nicht sagen.“
Tochter: „Und Mutter, weißt du noch, wie alt du bist? Du bist 1922 geboren, und jetzt ist das Jahr 2014. Was meinst, wie alt du bist?“
Frau G. (irritierter, müder Blick): „Nein, ich bin müde im Kopf, das weiß ich jetzt nicht.“

Dann lässt die Tochter mehrere Fotos von sich und der Mutter machen, die sich sichtlich unwohl dabei fühlt. Tochter und die fotografierende Pflegerin schauen sich die Fotos auf der Digitalkamera an und lachen. Frau G. fragt „Was gibt‘s denn zu lachen?“, bekommt aber keine Antwort. Stattdessen lachen die beiden weiter und reden über die Mimik von Frau G. auf den Fotos, so als wäre sie nicht anwesend. Sie lachen ÜBER sie, statt MIT ihr.

Nach dem Besuch der Tochter sitzt Frau G. alleine am großen Tisch im Aufenthaltsraum und weint laut. Ich gehe zu ihr, nehme sie in den Arm und sage „ihr seid traurig, gell“. Sie sagt „ja“ und weint weiter. Dann sitze ich mit ihr solange da, bis es ihr besser geht.
Ich habe sie als Mensch mit ihren Gefühlen ernst genommen. Selbst wenn bei Demenz das Erinnerungsvermögen mehr und mehr abbaut, das Herz eines Menschen mit Demenz wird nicht dement! D. h. ein an Demenz erkranter Menschen hat Gefühle wie jeder andere Mensch auch.

Ich wünsche mir, dass wir – wenn wir einen demenzerkrankten Angehörigen haben - lernen, loszulassen von dem Bild des Menschen, der er vor der Erkrankung war und zu akzeptieren, dass dessen Erinnerungsvermögen von der Gegenwart an rückwärts abnimmt.
Vielleicht erkennt eine demente Mutter die ihr gegenübersitzende 65jährige Frau nicht als ihre Tochter. Sie spürt jedoch eine Verbindung zu ihr. Würde man ihr ein Foto vorlegen, auf dem die Tochter im Alter von zum Beispiel 15 Jahren zu sehen ist, würde die alte Dame ihre Tochter darauf erkennen, weil sie sich nur noch an diese Zeit erinnern kann.
Fotos aus vergangenen Tagen können deshalb wahre Türöffner in die Gedankenwelt des Menschen mit Demenz sein. Und der Schmerz über die Tatsache, dass die 65jährige Tochter nicht mehr als Tochter erkannt wird ist dann vielleicht erträglicher.

Foto der Weblogautorin Natalie Hamela
Foto: Natalie Hamela

Natalie Hamela ist Deutsch-Französin, lebt in Bern und arbeitet in der Beratung von Angehörigen von Menschen mit Demenz. Sie hält regelmäßig Vorträge, gibt Schulungen und konzipiert aktuell für eine Studie der Berner Fachhochschule eine neue Schulung für Pflegende.

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2 Kommentare

Bea steinhauer am 21.10.2014, 19:43 Naomi sagt es, sich in den anderen hineindenken,
in den Schuh des Anderen schlüpfen,
den anderen wertschätzen,
seine Gefühle, die für ihn real sind
als solche wahrzunehmen.
Und das geht nur mit Liebe und viel Einfühlungsvermögen.
Das sollte für unsere neuen Auszubildenden ein ganz großes Fach
sein. Das fällt mir als Betreuungskraft immer wieder auf.
Menschen werden beim Vornamen angesprochen und nicht wertgeschätzt.

Katrin HoSch am 22.07.2015, 14:39 Für mich ein sehr guter Beitrag. Ich kann die Gefühle der Bewohnerin und der Autorin vollkommen nachempfinden. Auch ich habe als Betreuungskraft viele ähnliche Situationen erlebt.
Oft konnte ich aber mit den Angehörigen (meist nach solchen Erlebnissen) darüber reden und sie versuchten daraufhin dann, ihre Mama/Papa ein wenig \"freier\" zu sehen...

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