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DAS WEBLOG

Perspektivenwechsel: „Herausforderndes Verhalten“ mal anders betrachtet

Natalie Hamela am 03.08.2018, 15:04 | 1 Kommentar

Menschen mit Demenz in ihrem Alltag zu begleiten, ist für das Umfeld eine besondere Herausforderung, da sich sehr Vieles verändert. Eine besonders einschneidende Veränderung und Schwierigkeit stellt die veränderte Kommunikation dar. Wenn der oder die Betroffene sich nicht mehr richtig artikulieren kann, dann muss man andere Wege finden, den Betroffenen mit Demenz zu verstehen, zum Beispiel Mimik und Gestik richtig zu lesen. Was soll dem Angehörigen oder dem Pflegenden mitgeteilt werden? Natalie Hamela betrachtet das herausfordernde Verhalten einmal von der anderen Seite.

Perspektivenwechsel: „Herausforderndes Verhalten“ mal anders betrachtet

Als sogenanntes „Herausforderndes Verhalten“ wird Verhalten von Menschen mit Demenz bezeichnet, welches die Menschen im Umfeld herausfordert. Dieses kann zum Beispiel sein, endlos dieselbe Frage zu stellen, aggressiv sein, handgreiflich werden, unruhig hin und her laufen, wiederholende Handlungen, apathisches Verhalten, etc... Wenn wir dieses Verhalten als herausfordernd bezeichnen, dann zeigt das auch unsere Haltung: die Person mit Demenz zeigt ein Verhalten, das ein Problem ist. Also muss ich eine Lösung finden, wie ich damit umgehen kann.

Stopp! Setzen wir doch mal den Fokus anders und schauen über unseren Horizont hinaus.
Wie bezeichnet man dieses Verhalten denn in anderen Ländern?

In Kanada zum Beispiel hat die Alzheimer‘s Association Menschen im frühen Stadium einer Demenz befragt, wie man ihrer Meinung nach oben genanntes Verhalten benennen sollte. Ihr Vorschlag war „responsive behaviour“, also „antwortendes Verhalten“. Die Haltung hinter diesen Worten ist also eine ganz andere. Das Verhalten von Personen mit Demenz wird als eine Antwort auf einen Zustand, eine Situation gesehen, welche/r für sie nicht stimmt.
Wer so denkt, versucht nicht nach einer Lösung des Problems zu suchen und macht damit quasi Symptombekämpfung, sondern er geht auf die Suche nach der Ursache. Worauf antwortet die Person mit Demenz? Auf Schmerzen? Auf eine Situation, die ihr in ihrer Wahrnehmung Angst macht? Auf eine Person, die in ihrer Wahrnehmung böse Absichten hat?

Das Verhalten von Menschen mit Demenz ist also eine Form von Kommunikation. Wenn wir versuchen, achtsam und ganz präsent bei der Person mit Demenz zu sein, versuchen, uns in ihre Welt hineinzuversetzen, ihre veränderte Wahrnehmung zu verstehen, dann haben wir auch eine Chance, diese Form von Kommunikation zu entschlüsseln.

Foto der Weblogautorin Natalie Hamela
Foto: Natalie Hamela

Natalie Hamela ist Deutsch-Französin, lebt in Bern und arbeitet in der Beratung von Angehörigen von Menschen mit Demenz. Sie hält regelmäßig Vorträge, gibt Schulungen und konzipiert aktuell für eine Studie der Berner Fachhochschule eine neue Schulung für Pflegende.

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1 Kommentar

H.S. am 15.08.2018, 16:43 Stellt sich hierbei die Frage, ob dieses sogenannte „Herausfordernde Verhalten“ nicht für BEIDE (!) Seiten Gültigkeit hat.

Ist es nicht auch für den Alzheimer-Betroffenen, für den unsere Welt immer unverständlicher wird, der - ungewollt, aber unaufhaltsam - immer mehr in seine eigene, uns fremde, entschwindet, ebenfalls eine immer grössere Herausforderung UNS zu verstehen? Mittlerweile, aufgrund seiner reduzierten und viel langsameren Auffassungsgabe alles für ihn sehr verwirrend ist; sei es unsere Sprache, unsere Gestik, unsere Ungeduld, unser für ihn in jeder Hinsicht zu schnelles Tempo und unser Nichteintreten-Können/Wollen auf seine Bedürfnisse!

Versuchen wir uns doch mal in die Lage des Betroffenen zu versetzen. Auch wenn es schwierig sein mag, versuchen wir es trotzdem: Wie würden wir uns auszudrücken versuchen? Würden wir nicht ebenfalls mit Verzweiflung, Hilflosigkeit, Angst, Frust, Suche nach Sicherheit und Geborgenheit, u.U. sogar mit Aggression reagieren, eben mit dem sogenannten „Herausforderndem Verhalten“, das wir ablehnen und kritisieren, weil nicht verstehen?

Ich denke ebenfalls wie Sie, statt den Betroffenen mit „Herausforderndem Verhalten“ zu stigmatisieren - aber nicht zu unterstützen - sollten wir uns Gedanken machen, warum er so reagiert, die Gründe und Ursachen dafür zu suchen und (falls möglich) mit ihm zusammen eine Lösung des Problems erarbeiten.

In diesem Zusammenhang möchte ich gerne auf das Buch von Cameron J. Camp »Tatort Demenz Menschen mit Demenz verstehen«, Hogrefe Verlag, hinweisen, in welchem dieses wichtige Thema sehr kompetent und mit vielen Praxisbeispielen recht anschaulich behandelt wird.

Ihnen, Frau Hamela, recht herzlichen Dank für Ihren Beitrag.

H.S.

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