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DAS WEBLOG

Zuhause im öffentlichen Raum?

Natalie Hamela am 08.09.2016, 14:49 | 0 Kommentare

Die meisten Familien bzw. Lebenspartner stellen ihr Leben komplett um, damit der an Demenz erkrankte Angehörige so lange wie möglich bei der eigenen Familie in der gewohnten Umgebung leben kann. Wenn die Pflege eine zu große Herausforderung wird und nicht mehr allein geleistet werden kann, muss über eine Alternative nachgedacht werden. Es gibt inzwischen zahlreiche Alternativen zur Pflege in der eigenen Wohnung. Natalie Hamela schreibt über ihre Erfahrungen und ihre Bedenken, wenn der Demenzerkrankte ein neues Zuhause bekommt.

Zuhause im öffentlichen Raum?

Ist uns eigentlich bewusst, dass Menschen mit Demenz, die in einer Pflegeeinrichtung leben, dort zuhause sind? Zumindest sollte es sich so anfühlen. Doch oftmals bieten wir ihnen eher den Service eines Hotels, die Atmosphäre eines Krankenhauses und die Sicherheit eines Gefängnisses an. Sollten wir da nicht unsere Haltung überdenken?

Menschen mit einer fortgeschrittenen Demenz verbringen ihre letzten Lebensjahre oftmals in einer Pflegeeinrichtung. Dort haben sie vielleicht ein Einzelzimmer, teilweise ausgestattet mit einigen Erinnerungen aus ihrem Leben, ihrem ehemaligen Zuhause. Diese Zimmer werden am Tag mehrmals vom Personal der Pflegeeinrichtung betreten, manchmal ohne Anklopfen oder direkt nach kurzem Anklopfen.
Das ist also das Zuhause von den Bewohnern einer Demenzstation. Hier leben und hier wohnen sie. Und das ist gleichzeitig ein öffentlicher Raum, wo Menschen arbeiten und nach Belieben ein- und ausgehen.

Menschen mit Demenz (ich betone hier, dass es immer wieder individuell zu unterscheiden gilt) leben häufig räumlich und zeitlich desorientiert. Sie haben deshalb auch verstärkt das Bedürfnis nach Sicherheit und Geborgenheit. Und nicht selten ist zu hören „ich will nach Hause“. Sie fühlen sich aber alleine in ihrem Zimmer oftmals verloren, weit weg von dem Gefühl von Geborgenheit „in den eigenen vier Wänden“. Spätestens seit Arno Geigers’ Buch „Der König in seinem Exil“, in dem der Autor die letzte Lebensreise seines Vaters mit Alzheimer beschreibt, wissen wir, dass diese Aussage „ich will nach Hause“ nicht wirklich  bedeutet, ich will in die eigenen vier Wände zurück. Tatsächlich gemeint ist das Bedürfnis nach Sicherheit und Geborgenheit, was mit dem Zuhause verbunden ist.

Umso wichtiger ist es also, den Menschen mit Demenz in einer Pflegeeinrichtung Momente der Sicherheit und Geborgenheit zu vermitteln, immer wieder. Doch ist das möglich im öffentlichen Raum einer Pflegeeinrichtung?

Wie sieht dieser öffentliche Raum für die Bewohnenden einer Demenzstation manchmal aus, oder wie muss er sich wohl anfühlen? Wenn ich es stark zuspitze, dann bieten wir ihnen oftmals folgende Modelle: das Hotel, das Krankhaus oder das Gefängnis. Dabei sollte sich ein Mensch mit Demenz sicher nicht permanent wie in einem Hotel fühlen, wo er geradezu zur Passivität erzogen wird und er sich nicht gebraucht fühlen kann. Noch sollte sich sein Leben wie bei einem Daueraufenthalt in einem Krankenhaus anfühlen, mit dem Effekt des Hospitalismus, wonach Kranke sich noch kranker fühlen. Und zu allerletzt sollte es sich nach einem Gefängnis anfühlen, wo das Bedürfnis nach Selbstbestimmung und Freiheit in hohem Masse eingeschränkt wird. (Wir wissen mittlerweile, dass Bewohnende, die in eine für sie sinnvolle Tätigkeit eingebunden sind und sich gebraucht fühlen, gar nicht das Bedürfnis nach „Weglaufen“ haben.)

Die Wertehaltung und Atmosphäre einer Einrichtung haben demnach eine große Bedeutung für das Wohlbefinden der Bewohnenden. Wenn wir den Menschen mit Demenz im öffentlichen Raum einer Pflegeeinrichtung ein Zuhause bieten wollen, dann brauchen wir die Haltung, dass wir zu Gast im Zuhause des Bewohnenden sind.
Mit dieser bewussten Haltung lassen sich Tagesabläufe neu denken und neu gestalten.
Vergessen wir nicht, dass wir heute die Bedingungen von morgen und damit die Bedingungen unseres eigenen Alters mitgestalten.

Foto der Weblogautorin Natalie Hamela
Foto: Natalie Hamela

Natalie Hamela ist Deutsch-Französin, lebt in Bern und arbeitet in der Beratung von Angehörigen von Menschen mit Demenz. Sie hält regelmäßig Vorträge, gibt Schulungen und konzipiert aktuell für eine Studie der Berner Fachhochschule eine neue Schulung für Pflegende.

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