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DAS WEBLOG

Angst vor der Vollnarkose

Elisabeth Keller am 22.11.2010, 00:00 | 1 Kommentar

Seit Heinrich 2003 die Diagnose erhielt, wissen wir nicht genau, welche Form der Demenz er hat. Mal war von vaskulärer Demenz die Rede, mal von Alzheimer. Im Therapiezentrum Bad Aibling bestätigten die Spezialisten vor einigen Jahren, dass Heinrichs Symptome nicht alzheimertypisch sind, sondern eher mit Parkinson zusammenhängen. Sie wollten sogar Lewy-Körperchen-Demenz nicht ausschließen. Im jüngsten Krankenhausbefund vom Juni 2010 stehen nun zwei Demenzen: Demenz bei Parkinson und Demenz bei Alzheimer. Es scheint ganz schwierig zu sein, das herauszufinden. Was allerdings schwerer wiegt als die Ungewissheit, ist das Desinteresse, das einem bei manchen Ärzten begegnet.

Wenn ein Mensch demenzkrank ist, muss das bei der Behandlung anderer Krankheiten immer mitbedacht werden. Manche Ärzte ignorieren das aber. So wie bei einer Operation, der sich mein Mann im Januar 2010 wegen eines Leistenbruchs unterziehen musste. Ich wusste aus der Selbsthilfegruppe, dass viele Demenzkranke Vollnarkosen schlecht vertragen. Die kriegen sich hinterher kaum noch ein. Die fangen an herumzugeistern, weil sie sich nicht mehr zurechtfinden. Für manche bedeutet die Narkose sogar, dass sie ins nächste Stadium der Demenz eintreten und völlig wegtreten.

Alle Ärzte, mit denen mein Mann oft zu tun hat, also der Hausarzt, der Kardiologe und der Neurologe, sprachen sich dafür aus, meinen Mann lokal betäubt zu operieren. Genau so wurde das dann auch festgelegt, als ihn das Krankenhaus aufnahm. Der Chirurg und der Narkosearzt einigten sich darauf, eine lokale Betäubung zu verabreichen.

Doch im OP-Saal kam dann alles anders. Der Narkosearzt ließ sich von meinem demenzkranken Mann unterschreiben, dass er mit einer Vollnarkose einverstanden ist. Heinrich hat deshalb das gesamte Programm bekommen, sämtliche Narkosemittel. Die Folge war, dass er nachts nicht wusste, wo er ist, dass er sich die Kanülen aus den Venen gerissen hat und dass er auf dem Krankenhausflur herumgegeistert ist. Drei Tage hat es gedauert, bis Heinrich wieder hergestellt war. Als ich im Krankenhaus einen Arzt darauf ansprach, stritt er zunächst ab, dass mein Mann eine Vollnarkose bekommen hat. Ich ließ mir aber den OP-Bericht zeigen. Da hatte ich es schwarz auf weiß.

Informationen zur Autorin:

Die Blogbeiträge von Elisabeth Keller entstehen aus Interviews, die die Redaktion des Wegweisers Demenz mit ihr führt. Sie lebt mit ihrem Mann Heinrich* im Berliner Stadtteil Hohenschönhausen. Heinrich Keller leidet an Parkinson und Demenz. Früher arbeitete er als Ingenieur für Holztechnik in der Möbelindustrie und verbrachte einige Jahre im Auftrag der Handelspolitischen Abteilung der DDR-Botschaft in Jugoslawien. Elisabeth Keller war wissenschaftliche Mitarbeiterin im Außenhandelsministerium und schulte nach 1990 zur Betriebsprüferin um. Das Paar ist seit 30 Jahren verheiratet und hat keine gemeinsamen Kinder. Beide haben Töchter aus erster Ehe.

* Die Namen hat die Redaktion auf Wunsch des Ehepaars geändert.

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1 Kommentar

Ute am 24.01.2018, 23:53 Hallo, mein an Demenz erkrankter Schwiegervater musste sich am Montag diese Woche einer schweren Krebsoperation unter Vollnarkose unterziehen, diese war eine Notoperation. Diese ist durchgeführt worden,weil er einen Darmverschluss hatte. Bei so einer großen OP gab es leider keine Alternative Narkose Form, außer eine Vollnarkose. Natürlich ist das eingetreten, was die Ärzte uns vorher gesagt haben, er ist im Moment total verwirrt und wie im Delirium, nun haben wir natürlich große Angst, dass dieser jetzige Zustand sich nie wieder wesentlich verbessern wird und er in ein Heim, nach der Entlassung aus dem Krankenhaus muss. Die Ärzte möchten diesbezüglich auch noch keine Prognosen abgeben, weil es dazu noch zu früh ist, meinen die.

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